lügendetektor

5. Juni 2012

Bauer Joghurt: Erster sein ist relativ

Kaum ein Produkt kommt so harmlos daher wie Fruchtjoghurt. Doch gerade das scheint halbseidene Werber besonders zu inspirieren. Seit Jahren geraten Joghurts und andere Milchprodukte immer wieder ins Visier von Verbraucherschützern – und des Greenpeace Magazins.

Schon im Jahr 2004 haben wir eine Werbung der Molkerei Bauer in einer Fake-Anzeige aufgespießt: Acht Erdbeeren standen dort um einen „Großen Bauer“ Spalier, der nur eine Frucht enthielt – dafür aber Aroma aus dem Labor. Auch die Konkurrenten der Privatmolkerei aus dem bayerischen Wasserburg fördern den Joghurtabsatz mit allerlei Tricks. Danone zum Beispiel preist seine süßen, teuren Actimel-Joghurts als abwehrkräftesteigernd und Activia-Becher aus Mais-Plastik als „umweltfreundlicher“ an – obwohl beides nicht belegt ist.

Nun versucht es wieder einmal Bauer: „Der erste gentechnikfreie Fruchtjoghurt Deutschlands“ prangte kürzlich in großen Lettern auf Werbeanzeigen in „Focus“, „Bunte“ und „Freundin“. Plötzlich ist der Bauer-Schriftzug grün und alles sieht total öko aus. Ist es aber nicht: Die Milch liefern nach wie vor konventionell gehaltene Kühe. Und vor allem: Was da steht, stimmt gar nicht – Bauer ist nicht „erster“. Schließlich geben Ökobauern ihren Tieren schon immer gentechnikfreies Futter. Die Biobranche reagierte verständlicherweise verschnupft, und die Verbraucherzentralen kritisierten die Werbung als „missverständlich“.

Inzwischen hat Bauer reagiert – mit einem Winkelzug. Die sonst unveränderte Anzeige erscheint nun mit dem Slogan: „Der erste Fruchtjoghurt ohne Gentechnik Deutschlands“. Für Juristen mag der Unterschied zwischen gentechnikfrei und ohne Gentechnik bedeutsam sein, denn das Bauer-Produkt wurde als erstes konventionell erzeugtes Fruchtjoghurt mit dem offiziellen Siegel „Ohne Gentechnik“ ausgezeichnet und durchläuft ein entsprechendes Kontrollverfahren. Für Verbraucher ist der Unterschied zwischen beiden Aussagen nicht nachvollziehbar, die Werbung bleibt irreführend.

Dass Bauer dem Druck von Umweltschützern nachgibt und die Fütterung der Kühe umstellt, ist schön – die Reklame aber einfach dreist.

Schlagworte: Bauer, Joghurt, Fruchtjoghurt, Gentechnik, gentechnikfrei
20. Februar 2012

Fraport: Ja zu Fluglärm!

Schon wieder ein echt engagierter Großkonzern: Die Fraport AG hat als Reaktion auf die anhaltenden Proteste gegen den anschwellenden Fluglärm rund um den Frankfurter Flughafen zusammen mit Lufthansa und Condor die Initiative „Ja zu FRA!“ gegründet. Erst ließ der Flughafenbetreiber rund eine Million Flugblätter an die Haushalte in der Region verteilen, auf denen Vorstandschef Stefan Schulte erklärt, dass man die „Sorgen und Klagen der Menschen ernst nehmen“ müsse – ohne allerdings das Wort Nachtflugverbot auch nur zu erwähnen. Am 1. März soll es dann auch noch eine Kundgebung am Frankfurter Römerberg geben: Weil die Debatte um den Ausbau momentan „sehr einseitig und emotional“ geführt werde, wolle man „ein Signal für die Zukunft des Frankfurter Flughafens“ setzen, heißt es auf der eigens geschaffenen Internetseite. Auch hier ist vom Thema Fluglärm und seiner krankmachenden Wirkung nichts zu lesen.

Bemerkenswert finden wir vor allem das Logo, mit dem sich die Luftfahrtindustrie für sich selbst engagiert: Der Schriftzug „Ja zu FRA!“ wird von fluffigen Kondensstreifen auf himmelblauem Untergrund gebildet – im Kinderzimmer-Schäfchenwolkendesign. Kondensstreifen stehen jedoch in den Augen von Umweltschützern für eine andere Nebenwirkung des Luftverkehrs: Sie sind eine der Hauptursachen dafür, dass Flugzeuge so extrem klimaschädlich sind. Auch deshalb sollten diese – zum Wohle der gesamten Menschheit – so selten wie möglich abheben.

Kondensstreifen für Werbezwecke zu nutzen ist dreist und genial zugleich, und wir freuen uns schon auf Nachahmer aus anderen Branchen. BP zum Beispiel könnte mit bunt schillernder Ölschlieren-Schrift eine Initiative „Ja zu Tiefseebohrungen“ illustrieren. Aufmerksamkeit würde bestimmt auch eine Imagekampagne „Ja zum Kleinwaffenexport“ für den berüchtigten G3-Hersteller Heckler & Koch erregen – mit einem Schriftzug aus Einschusslöchern. Und wie wär’s mit einer Pro-Endlager-Demo der Atomindustrie mit Bannern zum Runterladen: „Ja zur Asse“ – geformt aus rostigen Atommüllfässern?

Schlagworte: Fraport, Ja zu FRA!, Lufthansa, Fluglärm, Kondensstreifen, Klimawandel
13. Februar 2012

Fritz Vahrenholt: Der eiskalte Leugner

In seinem gerade erschienenen Buch „Die kalte Sonne“ erklärt der scheidende RWE-Manager und ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD), „warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“. Das Buch kommt seriös daher, ist überzeugend und provokant geschrieben, und wie erwartet stürzen sich die Medien auf das Thema: Die Bild-Zeitung widmete Vahrenholts Thesen unter dem Titel Die CO2-Lüge eine ganze Serie, im Spiegel-Interview erklärt der Buchautor, dass wir alle „hinters Licht geführt“ werden, sogar die Zeit fragt auf der Titelseite „Wird die Erde doch nicht wärmer?“ – um sein Werk dann zu zerpflücken. Es ist der meistbeachtete Vorstoß eines „Klimaskeptikers“ in Deutschland seit Jahren.

Vahrenholts Thesen lauten, kurz gefasst: Die Erderwärmung habe vor mehr als zehn Jahren ausgesetzt. Der Einfluss von Kohlendioxid werde von der Mainstream-Klimaforschung überschätzt und natürliche Faktoren wie Sonnenaktivität, kosmische Strahlung und ozeanische Schwankungen unterschätzt. In den nächsten Jahrzehnten werde sich die Erde deshalb viel geringer erwärmen als vorhergesagt und bis 2020 erst mal sogar wieder abkühlen. Dennoch weigere sich der Weltklimarat IPCC, diese unterdrückten Wahrheiten anzuerkennen, weil er von Greenpeace- und WWF-Leuten unterwandert sei.

Was ist dran? Ausgangspunkt der Vahrenholt-Argumentation ist die Beobachtung, dass sich die Atmosphäre in den letzten Jahren nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr so stark erwärmt hat wie in den Jahrzehnten zuvor: „(...) um das Jahr 2000 war der Spuk dann vorbei und der Temperaturanstieg beendet“, heißt es in dem Buch. Klimawissenschaftler haben jedoch stets betont, dass solche Phasen geringerer oder fehlender Erwärmung mit ihren Rechenmodellen zusammenpassen – schließlich verhält sich das Klima auch ohne menschliches Zutun nicht linear, sondern es gibt Schwankungen, die den langfristigen Trend überlagern können. Der US-Wissenschaftler Gavin Schmidt hat gerade mit den Daten für 2011 seinen jährlichen Vergleich der wichtigsten Temperatur-Messreihen mit den IPCC-Prognosen aktualisiert: Die Entwicklung widerspricht ihnen nicht und liegt im Bereich der 95-Prozent-Wahrscheinlichkeit. Sicher ist, dass das vergangene Jahrzehnt das mit Abstand wärmste seit Beginn der Messungen war und 2005 und 2010 die beiden heißesten je gemessenen Jahre.

Vahrenholt unterstellt dem IPCC, er unterschlage bewusst neuere Erkenntnisse über natürliche Klimafaktoren – was nachweislich Unsinn ist. Der Einfluss der Sonne, Meeresströmungen und andere natürliche Faktoren sind wichtige, viel diskutierte Forschungsgebiete, die im IPCC-Bericht ausführlich behandelt werden. Nur: Es ist längst erwiesen, dass die Sonne zwar in der Vergangenheit einer der wichtigsten Antreiber von Klimaänderungen war, jedoch ihre Aktivität und die Temperatur auf der Erde in den letzten Jahrzehnten unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Klimaforscher sind sich deshalb sicher: Hauptursache der Erwärmung in den vergangenen Jahrzehnten ist das Kohlendioxid.

Die zahlreichen von Vahrenholt und seinem Co-Autor Sebastian Lüning gesammelten Arbeiten und Thesen sind entweder umstritten, bereits widerlegt oder unbestätigte Thesen Einzelner. Dessen ungeachtet stellen die beiden auf dieser Basis eine gewagte Rechnung auf: Sie sagen eine Abkühlung bereits für die nächsten Jahre voraus. Die meisten seriösen Wissenschaftler erwarten dagegen, dass die Erwärmung in den nächsten Jahren umso schneller voranschreitet. Das ist die gute Nachricht: Wer recht hat, wird sich schon bald herausstellen.

Vahrenholt bestreitet übrigens die Klimawirkung von Kohlendioxid gar nicht. „Ich kann jetzt nicht genau sagen, ob der Anteil des CO2 an der Klimaerwärmung 40, 50 oder gar 60 Prozent ausmacht“, erklärt er in einem Interview mit der „Welt“. Da schon heute alljährlich Millionen Menschen durch die zunehmenden Wetterextreme sterben oder ihre Heimat verlieren, erscheint seine Absage der „Klimakatastrophe“ schlicht menschenverachtend.

PS: Ach ja, in dem Welt-Interview erklärt Vahrenholt, der noch vor kurzem ein „Verfechter der CO2-Theorie“ war, seinen plötzlichen Sinneswandel mit einem „Schlüsselerlebnis“: Er habe mitbekommen, dass bei einem IPCC-Report zu erneuerbaren Energien ein Greenpeace-Vertreter „die Endfassung redigieren“ durfte. Auch das ist Quatsch. Der Ökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der wegen der Mitarbeit des Greenpeace-Experten in seiner IPCC-Arbeitsgruppe in die Kritik geraten war, erklärt im Tagesspiegel, wie es wirklich war.

Schlagworte: Vahrenholt, Lüning, Klimaskeptiker, Sonnenaktivität, CO2
25. Januar 2012

Nestlé Pure Life: Verpackung mit sieben Siegeln

In deutschen Supermärkten, zum Beispiel in einem Rewe in Hamburg-Eimsbüttel, ist derzeit ein schönes Beispiel für Grünfärberei zu bewundern. Wort- und trickreich versucht der Nestlé-Konzern, sein umstrittenes Produkt „Pure Life“ ins rechte Licht zu rücken. Kehren wir mal nur die Adjektive auf der Verpackung zusammen: Großartig – belebend – reichhaltig – pur – natürlich – nachhaltig – ENGAGIERT. Hui, das ist wirklich beeindruckend!

Was da angepriesen wird, ist schlicht Mineralwasser, erhältlich mit Kohlensäure oder „still“ – letzteres schmeckt wie Leitungswasser. Nestlé ist weltweit Marktführer bei abgefülltem Wasser, seine 70 Marken – darunter S. Pellegrino, Perrier und Vittel – bescheren dem Lebensmittelriesen aus der Schweiz siebeneinhalb Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Wegen seiner Geschäftspraktiken steht der Konzern jedoch in der Kritik. Am Sonntag lief in Solothurn der Dokumentarfilm Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser an, der die Folgen der Wasserabfüllung und den Protest dagegen am Beispiel mehrerer Länder schildert. So werden im pakistanischen Lahore für „Pure Life“ Grundwasservorräte ausgebeutet. Mehrere Brunnen in der Nähe sind bereits ausgetrocknet, die arme Lokalbevölkerung kann sich das teure Flaschenwasser nicht leisten. Widerstand gegen Nestlé und Flaschenwasser anderer Firmen gibt es auch in den USA.

Kritiker beobachten fassungslos, wie das zweifelhafte Nestlé-Konzept dennoch aufgeht. Eine Tankwagen-Füllung Quellwasser kostet im US-Bundesstaat Maine zehn Dollar, verkauft wird das Ganze für 50.000 Dollar. Dabei ist die Qualität des mit einem künstlichen Mineralienmix angereicherten Wassers nicht unbedingt besser als die von Leitungswasser. In deutschem „Pure Life“-Wasser fand Öko-Test jüngst Abbauprodukte von Pestiziden, aus PET-Flaschen können zudem hormonartige Substanzen in Wasser übergehen.

Außerdem ist der Verkauf von Mineralwasser in Einweg-Plastikflaschen eine klassische Umweltsauerei. Wer, wie von Nestlé nahegelegt, eine 1,5-Liter-Flasche „Pure Life“ am Tag trinkt, produziert bis zum Jahresende einen 117 Meter hohen Flaschenturm. Würden alle Deutschen der Empfehlung nachkommen, entstünden pro Jahr rund eine Million Tonnen Plastikmüll – man könnte die Menge mit 14 Kreuzfahrtschiffen aufwiegen.

Das alles ist unschön, hat mit „purem Leben“ wenig zu tun und bringt schlechte Presse – weshalb Nestlé mit seiner geballten Werbe-Macht dagegenhält.

In Großbuchstaben prangt das Wort ENGAGIERT auf der Folien-Umverpackung der „Pure Life“-Sixpacks. Nestlé engagiere sich „nachhaltig für ein gesundes Trinkverhalten von KINDERN UND FAMILIEN“, steht dort. Hinzu kommt zweimal ein tropfenförmiges Schwarz-Rot-Gold-Logo „AUS DEUTSCHER QUELLE“, zweimal der kryptische Aufdruck „Was(s)erforschen“ und dreimal ein grünes, rundes Element – das macht sich natürlich immer gut. Sieben Siegel. Was verbirgt sich denn nun hinter Nestlés nachhaltigem „Pure Life“-Engagement?

Unter der angegebenen Internet-Adresse erfährt man, dass Wassertrinken gesund ist. In sieben Grundschulen in Rheinland-Pfalz lernen das mit Nestlé-Unterstützung schon die Kleinen. Man kann einen dicken Bericht herunterladen, in dem Sätze wie dieser stehen: „Da Qualität die Grundlage all unseres Handelns ist, sorgen unsere Flaschen kontinuierlich für sichere und gesunde Alternativen zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs von Verbrauchern, unabhängig davon, wo sie sich befinden.“ Okay, Nestlé kann laut dem Bericht ein paar Erfolge vorweisen: Das Gewicht der Plastikflaschen und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen konnten in den letzten Jahren etwas verringert werden. Bravo.

Aber: Man kann auch einfach Leitungswasser trinken. Das ist im Schnitt 183-mal billiger als „Pure Life“, hat eine vielfach bessere Ökobilanz – und erhielt im aktuellen Bericht des Gesundheitsministeriums die Testnote „sehr gut“. „Trinkwasser in Deutschland kann man ohne Bedenken zu sich nehmen“, sagt Umweltbundesamt-Präsident Jochen Flasbarth.

Wer trotzdem lieber Flaschenwasser mag, dem empfiehlt die Deutsche Umwelthilfe regionale Produkte. Ein Mineralwasser-Kasten mit zwölf Glas-Mehrwegflaschen ersetzt 480 PET-Einwegflaschen, die Transportwege sind deutlich kürzer.

Nestlé zapft sein „Pure Life“-Wasser in Deutschland übrigens aus zwei Quellen: der Eschenquelle im Hochtaunus bei Frankfurt und der Zedernquelle im Sachsenwald vor den Toren Hamburgs. Die Flaschen im Hamburger Supermarkt stammten aus der 400 Kilometer entfernten Eschenquelle.

Schlagworte: Nestlé, Mineralwasser, PET, Einwegflasche, Greenwashing
1. Dezember 2011

Pkw-CO2-Label: Vorsätzliche Volksverwirrung

Zum Start der Klimakonferenz im südafrikanischen Durban präsentiert sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) als visionärer Klimaschützer: „Der Lebensstil der letzten Jahrzehnte bestand in einem gefährlichen Gegenwartsegoismus, den wir jetzt überwinden müssen“, erklärt er diese Woche im Spiegel – und plädiert für ein „Pro-Kopf-Budget für die Emission von Treibhausgasen, das für jeden Menschen auf der Welt gilt.“ Wow. 

Doch während in Südafrika um die Zukunft des Planeten gerungen wird, tut seine schwarz-gelbe Bundesregierung zuhause alles dafür, dass die Deutschen ihren Lebensstil nicht ändern: Sie sollen auch in Zukunft ungehindert ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, für die sie weltbekannt sind nämlich in dicken, hochmotorisierten Autos wie die Irren durch die Gegend heizen, anders gesagt, einen gefährlichen Gegenwartsegoismus ausleben.

Röttgens Kabinettskollege Peter Ramsauer (CSU) zum Beispiel hat gerade mal wieder die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen ausgeschlossen und macht 600 Millionen Euro für den Ausbau des Fernstraßennetzes locker, den Forscher großenteils für überflüssig halten.

Außerdem gilt seit 1. Dezember die neue „Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung“, kurz Pkw-EnVKV. Hinter diesem beeindruckend sachlich klingenden Wort verbirgt sich ein raffiniertes Instrument der Volksverar..., pardon, -verwirrung.

Ab jetzt müssen Neuwagen nämlich wie Kühlschränke und Waschmaschinen mit einem farbigen Energielabel gekennzeichnet werden, das die Kaufentscheidung erleichtern soll: A+ (grün) steht für eine besonders hohe CO2-Effizienz, G (rot) für eine besonders niedrige. Das klingt einfach und plausibel, doch Vertretern der Autoindustrie ist es gelungen, mit dem Bundeswirtschaftsministerium eine komplizierte Formel zur Berechnung der Effizienzklassen auszuhecken, die neben dem CO2-Ausstoß auch das Gewicht des Fahrzeugs berücksichtigt. Schwere Autos werden bevorzugt und können im Ergebnis selbst bei hohem Spritverbrauch „grün“ erscheinen.

Der alternative Verkehrsclub VCD zeigt, welche Konsequenzen das hat: Während zum Beispiel der kleine Toyota Aygo (930 Kilo, 105 Gramm CO2/Kilometer) in Kategorie C landet, erstrahlt ein Audi Q7 3.0 TDI (2345 Kilo, 189 Gramm CO2/Kilometer) in der grasgrünen Klasse B. Anderes Beispiel: Das Golf-Modell TSI schneidet aufgrund seines höheren Gewichts besser ab als ein niedrigerer motorisierter Golf mit geringerem CO2-Ausstoß. 

Das Handelsblatt hat mal nachgerechnet: Der Kampfpanzer Leopard 2 (1500 Gramm CO2 pro Kilometer) würde, wenn er eine Straßenzulassung hätte, auf Basis der Pkw-EnVKV ebenso umweltfreundlich bewertet wie ein Golf 1.4 – schließlich wiegt er ja auch 62 Tonnen.

Umwelt- und Verbraucherschützer sind über die irreführende Regelung entsetzt. „Das populäre rot-gelb-grüne Label wird missbraucht“, urteilt Greenpeace-Autoexperte Wolfgang Lohbeck. „Durch die positive Einstufung von schweren Autos werden die von der Bundesregierung gesetzten Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen wohl kaum erreicht werden“, warnt der VCD. Doch obwohl die neue Regelung für den Klimaschutz kontraproduktiv ist, hat das Bundeskabinett, dem auch Norbert Röttgen angehört, sie durchgewinkt. Wie war das nochmal mit dem Lebensstil, der überwunden werden muss? 

Röttgens Vorschlag eines persönlichen CO2-Budgets ist übrigens nicht neu. Experten schätzen, dass das jährliche CO2-Konto für jeden Erdenbürger höchstens zwei Tonnen betragen dürfte, damit die Erde sich nicht um mehr als zwei Grad Celsius erwärmt. Ein laut dem neuen CO2-Label „grüner“ Riesengeländewagen Audi Q7 emittiert aber bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 14.000 Kilometern pro Jahr bereits 2,6 Tonnen CO2Damit sein Besitzer sein CO2-Budget nicht sprengt, dürfte er weder fernsehen noch heizen noch essen.

Schlagworte: Durban, Röttgen, Ramsauer, CO2-Label, Pkw-EnVKV, CO2-Budget
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