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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

„In Indien schrumpft der Raum für Widerspruch“

Die Regierung in Neu-Delhi sieht Umweltschutz als Hindernis. Nandikesh Sivalingam berichtet vom Kampf gegen die Schließung der Greenpeace-Büros

„Gerade sind wir ungeheuer erleichtert über einen Rettungsanker des obersten Gerichts in Delhi: Soeben hat es die Sperre unserer beiden wichtigsten Inlandskonten aufgehoben, sodass wir wieder Spenden empfangen und auf einen Großteil unserer Rücklagen zugreifen können. Das Urteil kam in letzter Sekunde. Wenig später wäre uns das Geld ausgegangen. Zum Glück hatte die Mehrheit meiner Kollegen sich bereit erklärt, einen Monat ehrenamtlich weiterzuarbeiten. Aber was wäre danach geschehen? Jetzt können wir unsere Kampagnen fortsetzen – während wir uns auf den Gerichtsprozess vorbereiten.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Innenministerium unsere Konten blockiert. Im vergangenen Juni – kurz nach Modis Wahl zum Premierminister – beschimpfte die Regierung uns als „vom Ausland gesteuert“, „antinational“ und „entwicklungsfeindlich“. Diesmal missdeutet sie absichtlich, wie wir unsere Konten nutzen, und behauptet, wir hätten Mittel aus dem Ausland illegal eingesetzt. Das ist falsch. Wir haben diese Vorwürfe öffentlich widerlegt: Wir werden von mehr als 70.000 indischen Förderern unterstützt und brechen kein Gesetz. Im vergangenen Jahr kamen fast 70 Prozent unserer Gelder von ganz gewöhnlichen Indern, die hier leben und wissen, dass Umweltschutz der Schlüssel ist, um allen eine bessere Lebensqualität zu sichern. Die Aktionen des Innenministeriums zielen darauf ab, Greenpeace Indien zu schließen, weil wir unbequeme Fragen stellen – zum Schutz der Luft, des Wassers, der Wälder, zur Landwirtschaft und zum Bedarf nach sauberem, günstigen Strom für alle. Wir haben eine andere Auffassung von Entwicklung als die Regierung, wir wollen ein gerechtes Fortschrittsmodell für alle Inder. Das macht uns unbeliebt bei einigen der mächtigsten Unternehmen des Landes. Und das ist wohl der eigentliche Grund dieser Angriffe. Die Regierung fühlt sich unwohl mit Gruppen wie uns, die ihre unternehmensfreundliche Agenda in Frage stellen. Aktuell befassen wir uns mit den Rechten von Waldbewohnern, Stammesangehörigen, Kleinbauern und wie einige Entwicklungs- und Unternehmenspläne ihr Wohlergehen bedrohen. Das hat bei der Regierung offensichtlich wenig Anklang gefunden.

Viele zivilgesellschaftliche Organisationen teilen unser Schicksal. Wenn du den Klimawandel oder die Menschenrechte thematisierst oder Korruption aufdeckst, wirst du zur Zielscheibe. Sie versuchen, dich zum Schweigen zu bringen. Dabei gibt es viel zu tun: Angefangen von massiver industrieller Verschmutzung, zum Beispiel durch Kohlekraftwerke, über weiträumige Waldrodung für den Bergbau bis hin zu Megadämmen ist Indiens Umwelt an vielen Fronten bedroht. Die Folgen der Zerstörung tragen Arme und Ausgegrenzte, deren Lebensgrundlage und Gesundheit zerstört werden. Das Tragische ist, dass es im Namen des Fortschritts geschieht. Wir glauben aber, dass echte Entwicklung ohne Umweltzerstörung auskommt. Unsere Arbeit zur Elektrifizierung der Dörfer mit Sonnenkraft und zum Ökolandbau zeigt das. Doch seit einem Jahr erleben wir, wie der Raum für Meinungsfreiheit und Widerspruch schrumpft. Die indische Demokratie erlebt eine schwierige Zeit. Wir wollen nicht vor Gericht kämpfen. Viel lieber kämpfen wir für eine saubere, gesunde Zukunft. Die letzten Monate waren hart. Was uns stolz macht, ist die Unterstützung sehr vieler Menschen.“
 

Zur Person:
Nandikesh Sivalingam
stammt aus Sri Lanka und studierte Chemieingenieurswesen in Chennai. Dort kam er 2003 mit dem 2001 gegründeten Greenpeace-Büro Indien in Kontakt. Seit 2011 ist er Waldkampaigner der Organisation.