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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

„Invasive Arten sind Retter der Natur“

Text: Frauke Ladleif

In seinem Buch „Die neuen Wilden“ kritisiert der Journalist Fred Pearce den Kampf vieler Umweltschützer gegen Bärenklau, Waschbär und Co.

Die EU will 37 invasive Arten aus Europa vertreiben, weil sie Flora und Fauna bedrohen. Umweltschützern ist die Liste zu kurz. Was halten Sie davon?
Die EU bezeichnet die Einwanderung dieser Spezies als ökologisches Desaster. Doch es ist eher ein ökonomisches Problem: Die EU beziffert den Schaden durch invasive Arten auf zwölf Milliarden Euro. Dabei ist der auf wenige Schädlinge und Krankheiten zurückzuführen. Diese zerstören meist Monokulturen, welche teils selbst nicht originär aus Europa stammen. Das ist ein merkwürdiger Weg, invasive Arten zu verteufeln.

Sollten also gebietsfremde Arten nicht verbannt werden? Natürlich gibt es Anlässe dafür, zum Beispiel wenn sie Krankheiten verbreiten. Aber meistens fehlen echte Beweise, dass „fremde“ Arten Schaden anrichten. Viele Umweltschützer haben einen sehr rückwärtsgewandten Blick auf die Natur. Sie gehen von einem geschlossenen Ökosystem aus, sozusagen einer perfekten Schöpfung. Und Spezies, die diesen Zustand verändern, sind schlecht. Aber die Stärke der Natur ist doch, dass sie sich permanent verändert. Sie ist ein sehr anpassungsfähiges System.

Ist das nicht eine Kapitulation vor der Umweltzerstörung? Nein, es ist ein realistischer Blick auf unsere Umwelt. Wir haben schon so viel zerstört, wir können Vergangenes nicht zurückholen. Stattdessen müssen wir die Widerstandsfähigkeit der Natur stärken. Dabei sind die kolonisierenden Arten ein Teil der Lösung und nicht das Problem. Die erfolgreichen unter ihnen sind oft die robustesten. Sie sind fähig, sich in zerstörten Regionen anzusiedeln – wie die Killeralge aus dem Indopazifik, die in den Neunzigerjahren das Mittelmeer besiedelte. Damals brach eine regelrechte Panik in Europa aus. Dabei gedieh Caulerpa taxifolia besonders dort, wo das Meer verschmutzt war. Oder in Puerto Rico: Dort wurde der Afrikanische Tulpenbaum dämonisiert. Dabei wuchs er hauptsächlich auf ausgelaugten Äckern. Bald folgten ihm auch heimische Pflanzen. Invasive Arten führen oft die Rückeroberung und damit die Rettung der Natur an. Die neue Wildnis ist dann ein Hybrid aus Altem und Neuem.

Es ist also eine Frage der Einstellung, wie wir mit fremden Arten umgehen? Wir benutzen eine sehr negative Sprache gegenüber Neuankömmlingen. Am Anfang sehen wir nur Probleme. Aber auf lange Sicht entsteht mehr Vielfalt – das gilt für die Natur wie auch für Menschen. Wir sollten aufhören, Listen von Dingen zu schreiben, die wir loswerden wollen. Wir sollten Veränderung als etwas Gutes betrachten.

Fred Pearce, 64, ist ein britischer Umweltjournalist und Autor. Er arbeitet zu Themen wie Klimawandel und Landgrabbing