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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Ist der Biolandbau wirklich nicht in der Lage, unseren Lebensmittelbedarf zu decken?

Text: Felix Prinz zu Löwenstein

fragt Hedwieg Friedlein aus Bayreuth

Aus einer Studie der kalifornischen Universität Berkeley wissen wir, dass man mit Bio-Anbau im weltweiten Maßstab immerhin bis zu neunzig Prozent von dem erzeugen könnte, was konventionell möglich ist. Die hat 2015 über tausend Ertragsstudien weltweit ausgewertet. Zugegeben: Unter unseren mitteleuropäischen Hochertragsbedingungen ist der Unterschied deutlich größer. In den Tropen aber kann ein ökologisches Anbausystem sogar mit höheren Erträgen aufwarten, wenn es verschiedene Pflanzen intelligent am selben Ort kombiniert. Sechzig Prozent der Weltnahrungserzeugung stammen von Kleinbauern, die unter zwei Hektar Land bewirtschaften und deshalb in solchen hochproduktiven Mischsystemen anbauen könnten.

Weltweit haben wir – nach Angaben der FAO – heute pro Tag und pro Kopf der Weltbevölkerung circa 5000 Kilokalorien Nahrung zur Verfügung. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was wir brauchen. Indem wir aber große Mengen Fleisch verzehren und für dessen Produktion zwischen drei- und achtmal so viel Getreidekalorien verfüttern wie hinterher an Fleischkalorien rauskommen, vermindern wir diese Erntemengen drastisch. Wenn wir so viel Fleisch essen würden, wie für unsere Gesundheit gut ist – ein Drittel unseres derzeitigen Konsums – könnten wir erheblich weniger ernten, ohne dass es zu wenig wird. Und wenn wir dann auch noch die enormen Mengen vermeiden, die bei uns an Lebensmitteln weggeworfen werden und die in Entwicklungsländern wegen schlechter Infrastruktur verderben, dann können wir mit einer ökologischen Landwirtschaft problemlos sehr viel mehr Menschen ernähren, als heute auf der Welt leben (siehe auch Frage 48).

Und das müssen wir auch, weil das Modell unserer heutigen industriellen Intensivlandwirtschaft genau die Ressourcen zerstört, die wir brauchen, um auch noch morgen Nahrung für alle erzeugen zu können: fruchtbare Böden zum Beispiel. Oder biologische Vielfalt. Oder funktionierende Ökosysteme in den Weltmeeren. Wenn wir aufhören, uns anzulügen, wird klar: Wir werden uns auf Dauer entweder ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.

Der Autor ist selbst Landwirt, Agrarwissenschaftler, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft und Autor mehrerer Sachbücher zum Thema