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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Ist mehr eine Option, wenn zu viel schon nicht funktioniert?

Text: Katja Morgenthaler

Zuerst die schlechte Nachricht: Heute hungern 800 Millionen Menschen und die Landwirtschaft steht vor dem Kollaps. Jetzt die gute: In Zukunft ist genug für alle da – wenn wir es richtig machen

Die Zeitreise beginnt am Ende einer Treppe in einer fensterlosen Halle. Willkommen im Jahr 2023, 2058, 2084? Willkommen im „Supermarkt der Zukunft“! Indirektes Licht kriecht an den Wänden empor. Wie Wassertropfen fallen Sphärenklänge ins Ohr. Unter leisem Hydraulikzischen legen Roboterarme Äpfel in Pappschachteln – bereit für den Versand per Drohne.

Ein Fingerzeig in Richtung Cherrytomaten genügt, und auf einem spiegelnden Display über der Auslage setzen sich Bilder in Bewegung: Ein Punkt im italienischen Stiefel zeigt den Herkunftsort der Früchte an. „Vollmundig“ seien sie und mit Respekt vor der Umwelt hergestellt. Ein Zeichentrickbauer winkt mit der Mistgabel. Das Kühlregal preist Südtiroler „Würstel“ als „ideal fürs BBQ“: Rauchwölkchen schweben über einem Grill. Und vom Umriss eines Fußes füllt sich die Ferse: fünf Gramm Kohlendioxid pro Kilo, ein vertretbarer CO2-Fußabdruck.

Im Supermarkt der Zukunft kann man schon heute einkaufen. Er ist Teil der Expo in Mailand. Unter dem Motto „Die Welt ernähren – Energie zum Leben“ zeigen dort 145 Staaten, eine Handvoll NGOs und auch Konzerne wie Coca-Cola und McDonald’s bis Ende Oktober ihre Vision einer Welt, in der das seit vier Jahrzehnten verbriefte Menschenrecht auf Nahrung nicht nur gilt, sondern auch von jedermann eingelöst werden kann. Einer Welt, in der alle Lebensmittel nachhaltig produziert werden – und das bei nicht mehr reichlich sieben, sondern knapp zehn Milliarden Erdenbürgern im Jahr 2050.

„Augmented Labeling“ nennt sich der Ansatz des digital unterstützten Marktes, erweitertes Etikettieren. „Wir wissen alles über die Produkte, etwa, wie weit ihre Zutaten gereist sind“, sagt Carlo Ratti, ein Architekt und Ingenieur aus Turin, aus dessen Büro die Idee stammt. „Aber in normalen Läden ist es schwierig, alle Informationen zu bekommen.“ Der 44-Jährige ist Professor am Massachusetts Institute of Technology. Er glaubt an die Kraft der Vernunft. „Wenn wir mehr über die Folgen unseres Tuns erfahren, können wir entscheiden, unser Verhalten zu ändern.“

Ist es das, was uns fehlt: Information? Jeder, der einen Fernseher besitzt, hat einen Stall mit zehntausenden „Würstel“-Schweinen schon mal gesehen. Für ihr Futter verschwinden Regenwälder, werden Kleinbauern vertrieben und zum Hungern gezwungen. Die industrielle Landwirtschaft ist eine Ressourcenschleuder, die mit enormem Energiehunger ein Drittel jener Erderwärmung verursacht, unter der vor allem die Bauern des Südens zu leiden haben werden: In seinem jüngsten Sachstandsbericht rechnet der Weltklimarat bis 2100 mit einem globalen Rückgang der Getreideerträge um zwei Prozent pro Jahrzehnt.

Nur: Wen juckt ein saftiger CO2-Fußabdruck, wenn der Schinken saftiger ist? Wird ethischer Konsum den Planeten retten?

„Nein“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft. „Wir werden nicht zu einer nachhaltigen Landwirtschaft kommen, wenn wir das ausschließlich dem Verbraucher überlassen.“ Das sei so, als würde man die Energiewende davon abhängig machen, ob sich genügend Menschen für Ökostrom entscheiden. „Der Atomausstieg musste politisch beschlossen werden.“

Tatsächlich wollen die Vereinten Nationen Ende September in New York den „Hungerausstieg“ beschließen. Ein Ziel ihrer neuen Nachhaltigkeitsagenda lautet: null Hunger bis 2030. Es ist Ban Ki-moons „Zero Hunger Challenge“. Der UN-Generalsekretär sagt: „Wir können und müssen den Hunger in unserer Lebenszeit beenden.“ Markiert von überdimensionalen Blaulöffeln führt ein „Null-Hunger-Parcours“ aus Infotafeln über das Mailänder Expo-Gelände. Die Botschaft lautet: Hunger ist keine Naturgewalt, sondern menschengemacht – und kann auch von Menschen beendet werden. Doch der reale Parcours dorthin ist steinig.

In diesem Jahr ist die Weltgemeinschaft am vergleichsweise bescheidenen Millenniumsziel vorbeigeschrammt, den Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung zu halbieren. Hatte 1990 jeder fünfte Mensch nicht genug zu essen, ist es heute noch jeder neunte. In absoluten Zahlen hungern weiter 795 Millionen Menschen – nur 209 Millionen weniger als vor 25 Jahren. Weiteren zwei Milliarden fehlen lebenswichtige Mikronährstoffe. Und noch einmal knapp zwei Milliarden essen zu viel. Unterm Strich ist also nur etwa ein Drittel der Menschheit gesund ernährt.

Die Schieflage des Welternährungssystems ist kompliziert. Nur über eins scheint Konsens zu bestehen: Die Landwirtschaft muss „nachhaltig“ werden. Die Dehnbarkeit dieses Begriffs ist auf der Expo zu besichtigen. Sie reicht vom Slow-Food-Areal bis zum Landmaschinenkonzern, der hausgroße, GPS-gesteuerte Traktoren ausstellt – für einen präzisen Pestizideinsatz. China feiert Yuan Longping, den „Vater des Hybridreises“, als „Strahl der Hoffnung für die Lösung des Welthungers“.

Der Agrarwissenschaftler und Biobauer zu Löwenstein benutzt das Wort nachhaltig nicht gern. „Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“, lautet der Untertitel seines 2011 erschienenen Buches „Food Crash“, in dem er darlegt, warum langfristig nur naturnahe Kreisläufe sicherstellen können, „dass alle Menschen zu essen haben“. Es geht ihm um einen modernen Biolandbau mit hohen Erträgen, der gleichzeitig behutsam mit den Lebensgrundlagen umgeht.

Wie um die Energie tobt auch um die Ernährung der Zukunft ein Streit der Weltanschauungen. Als technischen Defekt, den es zu beheben gilt, sehen Agrarkonzerne den Hunger. Die Weltbank fordert eine Steigerung der Lebensmittelproduktion um siebzig Prozent bis 2050. Dann könnten alle Menschen so viel Fleisch essen wie wir jetzt. „Aber das System funktioniert ja schon heute nicht“, entgegnen Kritiker wie zu Löwenstein, „warum sollten wir es potenzieren?“ Es gebe kein Mengenproblem. „Wir produzieren im Moment pro Weltbürger fünftausend Kilokalorien am Tag. Doppelt so viel, wie wir brauchen.“ Experten gehen davon aus, dass auch zwölf Milliarden Menschen satt werden könnten, wenn wir alles richtig machen.

Frieden und ein gerechtes Welthandelssystem würden vielen Millionen Menschen Zugang zu Land und Essen sichern. Bildung und Infrastruktur wie funktionierende Kühlketten könnten vermeiden, dass ein Drittel der Lebensmittel zwischen Feld und Teller verloren geht. Weniger Fleisch auf dem Teller und weniger Pflanzen im Tank würden wertvolles Ackerland frei machen. Der Wandel wäre mühsam.

Auf der Expo findet er sich nicht. Sie stellt im Wortsinn die Welt aus – und zwar die von heute. Teilnehmer wie Eritrea, Äthiopien und Kuba drängen sich in „Clustern“ zu Themen wie Kaffee und Kakao, während Firmen wie Lindt und Coca-Cola in eigenen Pavillons residieren. In der Abteilung Zukunftsessen gibt’s Futurismus für den reichen Bruchteil der Menschheit: 3-D-Drucker, die individuelle Pasta produzieren, Salat, der unter LEDs im Hochhaus wächst, und Drohnen, die Essen frei Haus liefern, nachdem Rezept-Apps die Zutaten an den Supermarkt gefunkt haben. Was davon wird die Welt ernähren?

„Wenn es gut geht“, sagt Prinz zu Löwenstein, „werden wir auch 2050 genug zu essen haben – nur weniger Fleisch. Und wir werden viel weniger wegwerfen.“

Eine vage Hoffnung, dass es gut gehen könnte, stellt sich an einem warmen Juliabend in Berlin ein. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat zur „Langen Nacht der Ernährung“ geladen. Die Bierbänke in der Markthalle Neun in Kreuzberg sind bis auf den letzten Platz besetzt. Dies ist ein Treffpunkt postagrarindustrieller Vordenker und Macher. Ein Ort mit Wochenmärkten, Handwerksbäckern und einer Kantine, die Gemüse aus dem eigenen Garten verarbeitet. Ein Ort für Menschen, denen nicht egal ist, was sie essen – und für solche, die mit ihrer Ernährung schon angeben, wie man das früher nur mit Autos konnte.

„Liebe Foodies, Stadtgärtner, Essensretter und Veganer“, begrüßt die verbraucherpolitische Sprecherin das Publikum. Es scheint, als gebe es kaum noch jemanden ohne Spezialbeziehung zum Essen – zumindest in den angesagten Stadtvierteln des Landes. „Die Ernährung von zehn Milliarden Menschen gelingt nicht auf dem Weg, den die Konzerne vorschlagen“, sagt der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter. Die Leute klatschen.

In der Nachbarschaft blühen Gemeinschaftsprojekte wie die Prinzessinnengärten, Restaurants laden zum Tomatenfest mit 25 Sorten ein und Inhaber von „Kuh-Aktien“ unterstützen in solidarischer Landwirtschaft Biobauern. Dies ist eine Insel mit U-Bahn-Anschluss. Während sie hier sitzen und Risotto mit Schmorgurken essen, boomt ringsum der Bau immer größerer Megaställe mit zehntausenden Tieren, exportiert Deutschland doppelt so viel Fleisch wie 2001 und gehen bäuerliche Betriebe vor den Agrarfabriken in die Knie.

Aber vielleicht folgt auf die Energie- doch noch eine Agrarwende. Die einzige neue Umweltbewegung, die Jahr für Jahr Zehntausende auf die Straße zieht, ist die für gutes, nachhaltiges Essen. Unter dem Motto „Wir haben es satt!“ demonstrierten im Januar 50.000 Menschen in Berlin. Gegen die Massentierhaltung in Brandenburg läuft derzeit ein Volksbegehren. Und in einem Gutachten vom März hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik der Bundesregierung nahegelegt, „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ zu beschreiten. „Ich finde das ein enormes Zeichen“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein.

Setzt die Politik auf Wunsch der Vielen einen Wandel durch, braucht der Supermarkt der Zukunft keine erweiterten Etiketten und schon gar keine erweiterte Realität. Denn es gibt dort kein Essen aus nicht ökologischer Landwirtschaft – ganz in echt.