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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.16

Jenseits der Komfortzone

Text: Gero Günther Fotos: Peter Neusser

In den Kursen von Outward Bound können Jugendliche über sich selbst hinauswachsen – organisiert unorganisert. Eine Reise in den Allgäuer Alpen, die ehrfürchtig macht und zugleich Selbstvertrauen schafft

Gleich hinter dem Tagungshaus geht es los. Wir verlassen den Forstweg und steigen in das Bachbett hinunter. Nur ein Rinnsal fließt zwischen den Felsen. Es dauert eine Weile, bis der Körper sich auf das unwegsame Gelände einstellt. Ganz schön rutschig. „Für viele unserer Teilnehmer ist das hier schon die erste Herausforderung“, sagt Pit Rohwedder.

Tausende von Schülern und Azubis hat der charismatische Mann schon durchs Gebirge begleitet. Zwölf Jahre lang hat er als Trainer und Erlebnispädagoge für den Verein Outward Bound gearbeitet. Inzwischen ist der 52-Jährige am Standort Schwangau eher hinter den Kulissen tätig. Er ist Bergführer und -retter, Buchautor, Entschleunigungsexperte – und heute der ganz persönliche Führer für den Fotografen und mich. Wir wollen lernen, was es heißt, seine Komfortzone zu verlassen.

Steil und weglos geht es hinauf. Bald kommen wir ins Schwitzen, unsere Rucksäcke werden schwer. Gar nicht so leicht, das Gleichgewicht zu halten an den Hängen voller toter Äste und umgefallener Baumstämme. Einige hundert Meter folgen wir einem schmalen Pfad, unter uns fast senkrechte Felswände, hier könnte es dem einen oder anderen Bergneuling schon schummrig werden. Nach wenigen Minuten erreichen wir die grasige Kuppe der Hornburg. So heißt der 1172 Meter hohe Berg – vermutlich, weil er nach allen Seiten steil abfällt, eine Burg hat es hier jedenfalls nie gegeben.

„In unseren Kursen bringen wir die Jugendlichen in Situationen, die sie noch nicht kennen“, erklärt unser Bergführer. „Wer noch nie physisch gefordert war, weiß ja gar nicht, was alles in ihm steckt.“ Pit Rohwedder ist nicht von der markigen Art, eher ein Vertrauen vermittelnder, humorvoller Typ, der das Geschehen sensibel steuert und gut zuhören kann. „Schließlich muss ich mich ja auch in die Leute hineinversetzen können.“

Vier Tage bis zwei Wochen sind die meisten Gruppen in Schwangau, auf Klassenfahrt oder zur betrieblichen Weiterbildung. Wer an einem Programm der 1941 in Großbritannien von dem deutschen Reformpädagogen Kurt Hahn gegründeten Organisation teilnimmt, wird auf Berge steigen, durch Wälder streifen, an einem Feuer sitzen, am Seil klettern, Rad fahren, segeln oder paddeln. Und oft wird es dabei ungemütlich werden. „Man wird schmutzig in der Natur, nass und verschwitzt. Es gibt Insekten, Hitze und Kälte. Da braucht man Durchhaltevermögen“, erzählt der Trainer.

Erlebnispädagogik nennt sich das, was Outward Bound in seinen Kursen praktiziert. Gepaddelt wird nicht, um zu paddeln, sondern um dem Teilnehmer zu vermitteln, was in ihm und seiner Gruppe steckt. Im Vordergrund stehen Gruppen-Kompetenzen wie Teamgeist, Konfliktfähigkeit, gegenseitiges Helfen und Vertrauen. „Aber natürlich geht es auch um das Individuum“, sagt Rohwedder: „Wer bin ich? Welche Talente und Fähigkeiten stecken in mir? Wer brenzlige Situationen meistert, gewinnt enorm an Selbstvertrauen.“

Von der Hornburg aus hat man einen perfekten Blick über die Allgäuer Alpen, auf den Forggensee und Schloss Neuschwanstein. Auf den kleinen Berg verirren sich nur wenige Wanderer. Ideales Terrain für die Einstiegstour von Outward Bound. Hier können die Jugendlichen ihr Material zum ersten Mal testen, herausfinden, wie gut sie beim Wandern im Gebirge klarkommen. Wie sitzen die Stiefel? Hat jemand Höhenangst?

Eine von Pit Rohwedders Aufgaben besteht darin, sicherzustellen, dass seine Programme nicht allzu glatt verlaufen. Er weiß genau, wann er sich im Hintergrund halten muss. Wenn die Teilnehmer sich auf einer Wanderung verlaufen, weil das Navigationsteam die Orientierung verloren hat, ist das ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Schließlich gehören „offene Situationen“ zum Outward-Bound-Prinzip dazu. Sprich: Spannend wird es dann, wenn die Dinge anders kommen als geplant. „In meinen Augen ist das Wesen des Abenteuers der Aufbruch in eine neue Situation, die nicht vollständig planbar oder kalkulierbar ist. Natürlich gehen wir nicht unvorbereitet in die Touren und halten uns streng an die Sicherheitsempfehlungen der Fachverbände, aber der Kitzel hat damit zu tun, dass der Ausgang offen ist.“

Wir sind inzwischen auf der felsigen Rückseite des Bergs im Wald verschwunden. Falls es hier mal einen Pfad gegeben hat, ist der unter Laub verschwunden. Flirrende Sonnenflecken, dickes Moos, Wurzeln. Jetzt nicht die Konzentration verlieren.

Unser Ziel ist eine versteckte Öffnung im Fels. Farn wächst um den schmalen Eingang der Schachthöhle. Noch eine Schicht Kleidung anziehen, die Stirnlampen herausholen. Rohwedder steigt als Erster in die Höhle. Ohne Gepäck, sonst würde er nicht durch die Spalte passen. Rückwärts lassen wir uns den Fels hinuntergleiten. Wo die Tritte sind, können wir nicht sehen, wir müssen uns auf die Anweisungen unseres Bergführers verlassen. Vier, fünf Meter kraxeln wir auf diese Weise senkrecht hinab, dann können wir weitergehen. „Wenn du in Höhlen gehst“, sagt Rohwedder, „musst du langsam machen, sonst wirst du dir den Kopf anhauen, stolpern. Die Lampe gibt dir nur einen sehr eingeschränkten Blickwinkel.“ Das Tempo herunterfahren. Aufpassen. Nach zwanzig Metern sehen wir im Schein der Taschenlampe einen Abgrund vor uns. Wer tiefer in die Höhle eindringen will, muss sich hier 35 Meter abseilen.

Doch um solch einen Nervenkitzel geht es Rohwedder nicht. Wir stehen und horchen. Ein Tropfen fällt. Dann schalten wir die Lampen aus. Warten, bis sich die Pupillen geweitet haben und wir langsam etwas erkennen. „Wir müssen achtsam sein. Dann verändern sich die Wahrnehmungen: Du siehst mehr und hörst deutlicher. Die Höhle ist nicht einfach nur ein Loch.“

Was wir gerade erleben, ist Erlebnispädagogik in Reinkultur. Rohwedder nutzt unser Staunen. Erzählt von Platons Höhlengleichnis, von Höhlentieren und Höhlenmalereien. Als wir ins Sonnenlicht hinauskriechen, sind unsere Sinne weit geöffnet. Der Himmel erscheint viel blauer als zuvor, wir achten auf jedes Vogelpiepsen, atmen in tiefen Zügen den Harzgeruch des Waldes ein.  

„Das Lernpotenzial, das in den Naturerlebnissen steckt“, erklärt der Outward-Bound-Trainer, „erschließt sich nicht automatisch. Ich muss das moderieren und reflektieren.“ Und er muss dabei den richtigen Ton treffen, nicht zu belehrend klingen.

Zu jedem langen Kurs gehört eine Abschlussexpedition. Am besten in der abgeschiedenen Natur. Von Schwangau aus wandern die Gruppen zwei bis drei Tage in den Ammergauer Alpen oder den Tannheimer Bergen, müssen eigenständig planen und navigieren, mit den Unwägbarkeiten der Bergwelt klarkommen, mit wechselhaftem Wetter und schwierigen Wegen. Davor soll jeder Teilnehmer die dafür wichtigen Fertigkeiten erlernt haben, wie man ein Biwak aufbaut, beispielsweise.

Wir lassen uns das auf einer abgelegenen Alm oberhalb des Schwansees demonstrieren. Im letzten Abendlicht rammt Pit Rohwedder seine Wanderstöcke in den Boden. Jetzt eine Schnur dazwischen spannen, Plane drüber, mit Schnüren und Heringen befestigen. Isomatte ausrollen, Schlafsack auspacken, fertig ist der Zeltersatz. Fehlt nur noch das Feuer.

Aber halt, bei Outward Bound wird nicht einfach irgendwo Holz aufgeschichtet und angezündet. „Für uns ist es ganz wichtig, keine Spuren zu hinterlassen“, erklärt Rohwedder. „Die Asche wird zerstreut, die Fäkalien vergraben, der Müll wieder mitgenommen.“ Damit das Feuer die Weide nicht zerstört, sticht er Grasflächen aus, die er danach sorgfältig wieder einsetzen und festtreten wird.

Als das Feuer zu prasseln beginnt, kommt Rohwedder ins Erzählen. Von einer Gruppe Schüler berichtet er, die das Umweltbewusstsein mustergültig verinnerlicht hatte. Nach einer langen Frühjahrswanderung wollten die erschöpften Jugendlichen am Nachmittag biwakieren. Nachdem sie das Gelände inspiziert hatten, kamen sie zu dem Schluss, dass sie zu viele Pflanzen zertreten und die Murmeltiere stören würden, die gerade aus dem Winterschlaf erwacht waren. Lieber wollten sie weiter marschieren, noch einen Bergsattel überqueren. Erst zwei Stunden später konnten sie schließlich ihr Lager aufschlagen. „Die hatten es kapiert!“

Gerne erinnert sich Rohwedder auch an die übermotivierte Jungsgruppe, der er zum Entzünden der Feuerstelle nur ein einziges Streichholz zur Verfügung gestellt hatte. „Die haben das vergeigt, weil sie blind überzeugt waren von ihren männlichen Urtalenten.“ Rohwedder gab ihnen noch ein weiteres Streichholz unter der Bedingung, dass die Gruppe ihren Fehler vorher analysieren müsse. Beim zweiten Mal benutzten die Jungs nur noch trockenes Holz und nur diejenigen bauten es auf, die sich damit auskannten, ein Feuer zu machen.

Natürlich kann ein Trainer nicht alle Probleme lösen, das gibt Rohwedder unumwunden zu. „Wir wollen außergewöhnliche Erfahrungen ermöglichen, aber es liegt an der Gruppe, inwieweit sie sich darauf einlässt. Das entzieht sich irgendwann auch unserem Einfluss. Das Wagnis des Lernens muss die Gruppe selbst eingehen.“

Obwohl in den Kursen anfangs immer viel gemault werde, stünden am Ende meist die Erfolgserlebnisse im Vordergrund. „Wenn bei der Abschlussexpediton nicht alle in die Hütte passen und sich eine Gruppe ruhig und fair darüber einigt, wer drinnen schläft und wer draußen, dann freut man sich als Trainer natürlich. Und wenn es dann nachts schneit und alle gut damit klarkommen, sind die Ausbilder total stolz auf ihre Azubis.“

Die Glut unseres Feuers knistert und knackt gemütlich vor sich hin. Die Gipfel von Säuling und Pilgerschrofen zeichnen sich als nachtblaue Schatten gegen den dunklen Abendhimmel ab. „Die Natur als Lehrmeisterin hat eine sehr große Kraft“, sagt Pit Rohwedder und kriecht noch ein Stück tiefer in seinen Schlafsack, „weil ich plötzlich ganz klein werde. Und weil sie Bedürfnisse relativiert, beispielsweise das, sich jeden Tag zweimal zu duschen oder unbedingt Cola trinken zu müssen. Hier draußen bist du dankbar für Wasser und ein Käsebrot. Du wirst wieder geerdet.“

Outward Bound
Nachdem Kurt Hahn, der Mitbegründer des Internats Schloss Salem, 1933 nach Großbritannien fliehen musste, rief er in Schottland die British Salem School ins Leben. Dort entwickelte der Reformpädagoge sein Konzept der mehrwöchigen Outward-Bound-Kurse. Der Name stammt aus der Seefahrt und bezeichnet ein zum Auslaufen bereites Schiff. Im Mittelpunkt des Outdoor-Unterrichts standen körperliches Training, Eigeninitiative und der Dienst am Nächsten. Jugendliche aus verschiedenen Schichten und Kulturen sollten in bunt gemischten Gruppen miteinander und voneinander lernen. Heute ist die 1941 gegründete Organisation in 33 Ländern und an 250 Standorten vertreten. Mehr als 250.000 Menschen buchen jährlich Kurse bei Outward Bound. Besonders in den USA, Australien und Großbritannien gilt die Teilnahme als wichtige Zusatzqualifikation für die berufliche Karriere. Outward Bound bietet zunehmend auch Erwachsenenkurse an.
outwardbound.de