Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Kein Feld für Hamster

Göttinger Bioforscher zeigen, wie man bedrohte Arten vertreibt, obwohl das Bundesnaturschutzgesetz dies verbietet.

Der Hamster: Als Goldhamster ein pausbackiger Gesell in vielen Kinderzimmern, eine Art lebendes Tamagotchi. Als Feldhamster Tier des Jahres 1996. Sein Problem: Statt wie früher millionenfach Steppen und Felder zu durchwühlen, stirbt er wegen der intensiven Landwirtschaft aus. Sein einziger sicherer Platz ist der auf der roten Liste. Denn der Lebensraum des gemeinen Feldhamsters, lateinisch Cricetus cricetus, verschwindet Stück für Stück.

Immerhin buddelte sich eine Population noch bis letztes Jahr durch ein Feld nahe der Göttinger Universität, einen Steinwurf weit entfernt vom Biologie-Seminar. Also unter den Augen derjenigen, die später als Gutachter entscheiden werden, ob ein Bauprojekt gegen das Gesetz verstößt. Was das Bundesnaturschutzgesetz dem Hamster nutzt, können die Studenten nun täglich erleben: Wo ehemals die Tierchen wühlten, wächst der Beton-Rohbau eines „Biozentrums“, einer Forschungsstätte für molekulare Biowissenschaften, heran.

Ein klarer Verstoß gegen das Gesetz, hatten die örtlichen Umweltverbände eingewandt und gedacht, sie könnten als Verband gegen den Bau klagen. Irrtum: Schlau hat die Uni Göttingen den Riesenbau in Einheiten zu je unter 1000 Quadratmeter aufgeteilt, und solch baulichem Kleinkram muß kein Verband zustimmen.

Mechtild Neumann vom Staatshochbauamt versteht den Unmut der Naturschützer nicht: „Schließlich hat doch ein Gutachter vor Baubeginn festgestellt, daß auf dem Gelände gar keine Hamster leben“, erklärt sie leutselig. Das mag sogar sein – denn bevor die Arbeiten begangen, das Bio-Zentrum hochzuziehen, asphaltierte die Stadt Göttingen eine Umgehungsstraße mitten durch das Hamster-Biotop – ohne vorher zu prüfen, ob dort schützenswerte Tiere leben.

Jetzt grübelt die Göttinger Staatsanwaltschaft, ob sie die Stadt für den Straßenbau strafrechtlich belangen soll. Den Hamstern wird das nichts nutzen: Wenn die Überlebenden aus dem Winterschlaf erwachen, wird ein Teil ihres Lebensraums bebaut sein – rechtmäßig. Denn „überwiegende Gründe des Allgemeinwohls“ waren ausschlaggebend, um für den Neubau eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Das „Allgemeinwohl“ ist die Forschung, und die könne sinnvoll nur auf jenem Hamsterfeld betrieben werden, so heißt es.

Von JÖRG WEBER