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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Keine Kohle für die Kohle

Text: Helene Laube

Studenten in Kalifornien gehen schon seit Jahren auf die Barrikaden, damit ihre Universitäten nicht länger in umweltschädliche Unternehmen investieren. Jetzt machen die Finanzmanager der oftmals millardenschweren Hochschulen erste Zugeständnisse

Es ist noch sommerlich lau in dieser Septembernacht, als gut dreißig Demonstranten vom Campus der University of California (UC) durch die dunklen Straßen von Berkeley marschieren. Elf von ihnen tragen große blaue Leuchtbuchstaben mit dem Aufruf „UC DIVEST NOW“. Vor zwei Wohnblöcken, in denen tausende Studenten wohnen, hält der Protestzug. Reden werden gehalten, um auf das Thema Divestment aufmerksam zu machen – den Abzug von Investitionen aus klimaschädigenden Unternehmen. Dann zieht die kleine Demonstration weiter durch die Universitätsstadt östlich von San Francisco.

Der nächtliche Aufmarsch ist eine von vielen Aktionen von Studenten des Hochschulverbunds der University of California, zu dem auch der Campus in Berkeley gehört. Ihr Ziel ist es, die Vermögensverwalter der Universität zum Verzicht auf Investitionen in fossile Brennstoffe zu bewegen. „Die UC ist verpflichtet, die Interessen der Studenten zu repräsentieren“, sagt Silver Hannon, die an der Spitze des Demonstrationszugs den Leuchtbuchstaben E vor sich her trägt. „Wir möchten nicht, dass in unserem Namen der Einsatz fossiler Brennstoffe finanziert und der Klimawandel beschleunigt wird.“

Hannon hat vergangenes Jahr ihr Englischstudium an der UC Berkeley abgeschlossen. Jetzt kümmert sie sich bei der California Student Sustainability Coalition (CSSC) – einem Netzwerk studentischer Nachhaltigkeitsorganisationen – um Divestment-Kampagnen im Bereich fossile Brennstoffe. Bereits während des Studiums trat sie Initiativen bei, die für den Kapitalabzug der UC-Milliarden aus umweltschädlichen und anderen aus ihrer Sicht ethisch fragwürdigen Anlagen kämpfen. „Das Thema spricht mich an, weil lange vor allem der Einzelne mit seinem Konsumveralten in die Pflicht genommen wurde“, sagt die 27-Jährige. „Bei Divestment geht es um kollektive Verantwortung.“

Amerikanische Spitzenhochschulen wie Harvard, Stanford oder die UC sind Finanzinvestoren mit gigantischen Portfolios. Ihre Chief Investment Officers und Fondsmanager agieren auf den globalen Finanzmärkten. Studenten engagieren sich deshalb seit vielen Jahren in der Divestment-Bewegung. Im Fokus haben die Aktivisten 200 börsennotierte Unternehmen, die im Besitz des Großteils der bekannten Kohle-, Öl- und Gasreserven sind. Die Unis sollen keinen Gewinn aus dem Raubbau an der Natur ziehen.

Um Forschung und Lehre für 238.000 Studenten an den renommierten Universitäten in Berkeley, San Francisco und Los Angeles sowie in sieben weiteren kalifornischen Städten zu finanzieren, verfügt die UC über fünf Fonds mit einem Wert von insgesamt knapp hundert Milliarden Dollar. Immer mehr Studenten und Professoren fordern, dass diese Stiftungsvermögen nachhaltig und nach ökologischen Kriterien angelegt werden. Dafür organisieren sie Demos und Sitzblockaden und streben nach mehr Einfluss auf die Investment-Entscheidungen ihrer Unis. „Das UC-System ist als drittgrößter Arbeitgeber in Kalifornien ein wichtiges Unternehmen und verfügt über enorme Macht“, sagt Kevin Sabo, der Präsident der Studentenvereinigung an der UC ist und in Berkeley Friedens- und Konfliktforschung studiert. „Gerade in Berkeley erwarten wir, dass hier gelehrte und erforschte Prinzipien wie Toleranz, Respekt und Würde auch bei ökonomischen Fragen und beim Investieren gelten.“

Die Studierenden in Berkeley gehören zu den engagiertesten Kämpfern für die Divestment-Idee. Der Aktivismus in der wohl progressivsten Stadt Amerikas geht auf die Sechzigerjahre zurück, als Studenten in teils spektakulären Aktionen gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechte der Schwarzen demonstrierten. „Themen wie soziale Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein prägen seitdem das Selbstverständnis der Studenten auf unserem Campus“, sagt Sabo. Bei den Verwaltern des Universitätsvermögens ist aber noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten: „Wir haben bislang nur geringen Einfluss auf die Investment-Entscheidungen“, räumt Sabo ein.

Dabei können die Divestment-Aktivisten durchaus schon historische Erfolge verbuchen: In den Achtzigerjahren setzten sie sich mit der Forderung durch, dem Apartheidregime in Südafrika die finanzielle Unterstützung zu entziehen. 155 US-Hochschulen und mehr als hundert bundesstaatliche Regierungen, Bezirke und Städte schlossen sich der Kampagne an und stoppten Investitionen in Unternehmen, die Geschäfte mit Südafrika machten. Die Aktion half, das Ende der Rassentrennung herbeizuführen.

„Es geht uns nicht darum, Unternehmen zu ruinieren – das könnten wir sowieso nicht“, sagt Hannon. Vielmehr wollen die Aktivisten einen Bewusstseinswandel herbeiführen, der etwa Politiker dazu bringt, Spenden von Ölkonzernen abzulehnen. Damit würde deren Einfluss schwinden – eine Strategie, die bei der US-Tabakindustrie Erfolg hatte.

Inzwischen sind die kalifornischen Studenten Teil einer weltweiten Divestment-Bewegung. Der Papst gehört ebenso zu den Unterstützern wie der Schauspieler Leonardo DiCaprio. Große Pensionsfonds schichten ihr Kapital um. Investoren mit einem verwalteten Vermögen von 2,4 Billionen Euro haben binnen eines Jahres zugesichert, ihr Kapital aus fossilen Energien abzuziehen, so eine aktuelle Schätzung der Beratungsfirma Arabella Advisors. Damit hat sich das Volumen verfünfzigfacht.

Die Dynamik hat auch Deutschland erreicht. Im November setzte die Initiative Fossil Free Münster durch, dass der kommunale Pensionsfonds seine Anteile an Öl- und Kohlekonzernen abstößt. Die UC teilte im September mit, dass sie ihre direkten Anteile an Unternehmen abgestoßen hat, die Kohle abbauen und Öl aus Teersand gewinnen. Zwar waren die Beteiligungen mit einem Wert von etwa 200 Millionen Dollar vergleichsweise gering, und die UC ist vorerst auch nicht bereit, sich von all ihren Investments in Höhe von zehn Milliarden Dollar in der Öl- und Erdgasbranche zu trennen. Immerhin haben aber neun Hochschulen in Kalifornien ihre Investitionen zurückgezogen oder entsprechende Zusagen gemacht.

Der Chief Investment Officer der UC will das Divestment vor allem als finanziell solide und nicht als moralische Entscheidung verstanden wissen. Auch hat er künftige Investitionen in Öl oder Teersand nicht explizit ausgeschlossen. „Durch die nachlassende globale Nachfrage, ein immer widrigeres regulatorisches Umfeld und die Bedrohung durch Substitution stehen die Kohlebergbauunternehmen vor unüberwindbaren Herausforderungen“, teilte Jagdeep Singh Bachher dem UC-Investmentausschuss mit. Die offenen Fragen zur Nachhaltigkeit der Ölgewinnung aus Teersanden stellten derzeit ein zu großes Risiko dar.

Eine Begründung, die nach Einschätzung der Divestment-Aktivisten vor allem taktisch motiviert ist: „Die UC will nicht den Eindruck entstehen lassen, dass unsere Belange ihre Entscheidung beeinflusst haben“, sagt Hannon. „Denn das wäre ein Eingeständnis, dass wir schon einen Fuß in der Tür haben.”