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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Kleine Bomben, tiefe Bunker

Text: Claus-Peter Sesín

Die USA entwickeln Mini-Atomraketen für den begrenzten Nuklearkrieg.

Anfang August gaben 150 amerikanische Atomwaffenexperten dem nuklearen Schrecken ein neues Gesicht. Bei einem Geheimtreffen auf der Offutt Air Base im Bundesstaat Nebraska – Sitz des US-Oberkommandos der Strategischen Streitkräfte (Stratcom) sowie des Weltraumkommandos (Spacecom) – verständigten sich Pentagon-Strategen, Waffenforscher und Rüstungslobbyisten über Herstellungsdetails und mögliche Einsätze „neuartiger Atomwaffen“. Die Militärs wünschen sich präzisionsgesteuerte nukleare „Bunkerbrecher“ und „Mini-Nukes“ mit einer Sprengkraft von unter fünf Kilotonnen (weniger als ein Drittel der Hiroshima-Bombe). Das Weltraumkommando plant sogar die Entwicklung interkontinentaler Kleinst-Atomraketen, die punktgenau in feste oder bewegte Ziele gesteuert werden können – und dies über die halbe Erdkugel hinweg.

Der Zusatz „Mini“ vertuscht die politische Brisanz: Während bisherige Mega-Bomben im atomaren Overkill ganze Landstriche entvölkern können – und daher bislang allein der Abschreckung dienten –, sollen die Mini-Versionen, die angeblich nur „geringe Kollateralschäden“ anrichten, einen begrenzten Atomkrieg für die USA nun erstmals praktisch führbar machen. Der US-Nachrichtendienst „Stratfor“ wies denn auch darauf hin, der Einsatz von Atomwaffen bis zu einer Kilotonne Sprengkraft „vermeidet, in eine Konfliktspirale gezogen zu werden“.

Die neue nukleare Marschrichtung der Amerikaner deutete sich bereits im Mai an, als der republikanisch geführte Senat das seit 1992 bestehende Verbot von Atomwaffentests aufhob. Im November bewilligte das US-Parlament 7,5 Millionen Dollar allein für das Jahr 2004, um atomare Bunkerbrecher und Mini-Nukes zu entwickeln. Außerdem erhielt das Militär alle erforderlichen Mittel zur Modernisierung des Atomwaffentestgeländes in Nevada, damit dort in spätestens 18 Monaten die ersten unterirdischen Explosionen stattfinden können.

Zuvor war ein von Senator Edward Kennedy eingebrachter Antrag der Demokraten, die Fördergelder zu streichen, am republikanischen Widerstand gescheitert – trotz Kennedys überzeugender Argumente: „Wie können wir von Nordkorea und vom Iran verlangen, ihre nuklearen Waffenprogramme zu stoppen, wenn wir gleichzeitig selber neue Atomwaffen entwickeln?“ Dagegen wenden die Republikaner ein, dass es sich ja nicht um Neuentwicklungen handele: „Wir wollen nur einige dieser Waffen modifizieren, auf den neuesten Stand bringen und verändern, um sie effektiver zu machen“, erklärte Außenminister Colin Powell. „Brandneue Nuklearwaffen entwickeln wir nicht.“

Tatsächlich ist der geplante atomare Bunkerbrecher mit dem Namenskürzel B61-11 eine Weiterentwicklung der B-61-Serie aus den sechziger Jahren, die Trägerraketen mit Gefechtsköpfen „geringer Sprengkraft“ zwischen 0,3 und 340 Kilotonnen umfasst. Neu an der B61-11 ist im Wesentlichen die geschärfte Spitze und ein mit abgereichertem Uran beschwerter und gehärteter Mantel. Der Wunsch der Bombenbauer, damit die Eindringtiefe des 600 Kilo schweren Projektils zu erhöhen, erfüllte sich jedoch nur unzureichend: Bei Testabwürfen drang die Bombe lediglich gut sechs Meter in den Boden ein – bei weitem nicht tief genug, um eine oberirdische Kontamination zu vermeiden. Dazu müsste eine Mini-Nuke von einer Kilotonne Sprengkraft rund 70 Meter tief in den Boden dringen, eine Fünf-Kilotonnen-Bombe sogar 200 Meter. „Derzeit ist keine Technik in Sicht, die Eindringtiefe zu erhöhen“, sagt Robert Nelson, Nuklearwaffenexperte an der Princeton University. „Ein auf Beton treffender, schlanker Stahlkörper kann theoretisch maximal zehnmal so tief eindringen, wie er lang ist.“ Dafür seien aber bereits Einschlaggeschwindigkeiten nötig, die den Stahlmantel schmelzen ließen und den Gefechtskopf zerstörten.

Kritiker rügen, eine knapp unter der Erdoberfläche explodierende Mini-Nuke verursache sogar noch weit mehr radioaktiven Fallout als eine gewöhnliche Atombombe, die typischerweise in großer Höhe über dem Boden gezündet wird: Bei der Untergrundexplosion in die Luft geschleuderte, stark kontaminierte Bodenpartikel wirkten wie eine „dreckige Bombe“ – jenem Gemisch aus konventionellem Sprengstoff und hochaktivem Atommüll, mit dem Terroristen ganze Städte zu verstrahlen drohen.

„Das ganze Gerede von sicheren Atombomben ist ein Ablenkungsmanöver“, ärgert sich Michael Levi von der Washingtoner „Brookings Institution“. „Politiker stützen diese Behauptung nur, weil es die Waffen akzeptabler macht.“ Tatsächlich verließen sich die Militärs ohnehin lieber auf die bewährte Holzhammer-Methode: „Derzeitige Pläne für Bunkerbrecher sehen Gefechtsköpfe von bis zu zwei Megatonnen vor“, sagt Levi – genug um Millionen Menschen zu töten. Dabei ist mehr als fraglich, ob das Konzept überhaupt aufgeht: Viele der nach Schätzung von US-Geheimdiensten weltweit 10.000 Bunker liegen in für Nuklearwaffen praktisch unerreichbaren Tiefen von bis mehr als 300 Metern. Zudem können sich Schurkenstaatler auf einfache Weise schützen, indem sie ihre Bunker unter dicht bevölkerten Städten anlegen, die dann als „menschlicher Schutzschild“ dienen.