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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Kleine Schritte für den Wald

Text: Andrea de Carlo

Der italienische Bestseller-Autor überzeugte seinen Verlag, seine Werke künftig auf Papier zu drucken, das nicht aus Raubbau an Urwäldern stammt

Stellen Sie sich einen dieser uralten Wälder vor nicht einen unserer kleinen, kümmerlichen Forste, die wer weiß wie viele Male abgeholzt und wieder aufgepäppelt worden sind. Nein, einen richtigen natürlichen Wald mit all seiner Vielfalt sichtbaren und unsichtbaren Lebens: Pflanzen, Blumen, Früchte, Säugetiere, Vögel, Insekten, Mikroorganismen. Stellen Sie sich die Farben vor, die Geräusche, die Gerüche oder das Wasser, das von Blatt zu Blatt heruntertropft und schließlich von den Wurzeln unter der dünnen Humusschicht aufgesogen wird. Und dann stellen Sie sich vor, in welcher unglaublichen Geschwindigkeit dies alles tagtäglich vernichtet wird. Einfach weg. Unwiederbringlich. Fast unvorstellbar schnell.

Über all dies hatte ich vor einigen Jahren noch nicht viel nachgedacht. Ich nahm an, dass das Papier für meine Bücher aus den geradlinig angepflanzten Pappelwäldern stammt, an denen ich regelmäßig mit meinem Auto vorbeifahre. Doch dann erfuhr ich, dass ein Teil des Papiers, das die Verlage benutzen, aus der systematischen Abholzung von Urwäldern stammt. Und ich als Autor, wurde mir klar, bin mitverantwortlich für diese Abholzung. Ich war schockiert.

Doch zum ersten Mal hatte ich auch die Gelegenheit, etwas in meinem speziellen Gebiet zu bewirken. Ich beschloss also, meinen nächsten Autorenvertrag nur zu unterschreiben, wenn für meine Bücher künftig kein einziger Baum fallen muss. Ich suchte einen anderen Verlag. Meine neue Lektorin bei Bompiani war mit meiner Bedingung einverstanden, doch stießen wir gleich auf starken Widerstand der Finanzabteilung. Umweltverträgliches Papier sei in so großen Mengen nur schwierig zu beschaffen und teurer als „normales“ Papier. Und welcher Autor, Verleger oder Leser wolle ein unansehnliches Buch mit grauen, dicken Seiten haben, die sich kaum umblättern ließen? Wir fanden eine Lösung für das Dilemma: Eine italienische Papierfabrik entwickelte ein ungebleichtes Reyclingpapier, das auch in Buchform gut aussieht. Und das Beste daran war: Es kostete nicht mehr als „normales“ Papier.

Als mein neuer Roman vor einigen Monaten schließlich in Druck ging, besuchte ich die Papierfabrik und beobachtete, wie sich riesige Papierrollen in die 130.000 fein säuberlich sortierten Ausgaben der ersten Auflage verwandelten.

Gespannt nahm ich eines der Bücher in die Hand. Es fühlte sich angenehm und natürlich an. Es roch sogar gut. Und auch die Drucker waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Von nun an sollen alle meine Bücher, inklusive der Taschenbuch-Ausgaben, auf Recycling-Papier gedruckt werden oder zumindest auf FSC-zertifiziertem Material, das aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt.

Vor kurzem wechselte ich auch meinen deutschen Verleger. Mein neues Buch „Giro di vento“ (der deutsche Titel steht noch nicht fest) wird im Frühjahr 2006 im Diogenes-Verlag auf FSC-zertifiziertem Papier erscheinen. Das gleiche gilt für die französischen und spanischen Ausgaben und hoffentlich auch für alle anderen fremdsprachigen Editionen, die zukünftig veröffentlicht werden. Inzwischen versuche ich auch meine Kollegen dazu zu bewegen, ihre Bücher auf FSC-Papier drucken zu lassen. Es braucht nur ein wenig Nachdruck und Ausdauer, um Verleger davon zu überzeugen, dass waldschonende Bücher ebenso gut aussehen und beständig sind wie waldschädigende Publikationen, und dass sie weder mehr kosten noch komplizierter in der Herstellung sind. Ich glaube, selbst der kleinste Schritt in die richtige Richtung kann den selbstzerstörerischen Weg, den wir eingeschlagen haben, umkehren. Die Zeit für unsere Urwälder läuft langsam, aber sicher ab. Auch in den Minuten, in denen Sie diese Zeilen lesen, gehen viele Hektar verloren. Ich stelle mir einen dieser uralten Wälder vor, die Farben, die Geräusche und Gerüche. Und weiß: Ein Schritt in die richtige Richtung ist möglich.

Andrea de Carlo, 52, ist Autor mehrerer Romane und betätigte sich zudem als Regisseur, Maler und Musikreporter. Sein letztes Buch erschien in Deutschland unter dem Titel „Die große Nummer“.