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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

„Kraken gehören jetzt auch zum Wattenmeer“

Text: Frauke Ladleif

Ein Krake vor Nordfriesland? Das gibt’s nicht. Doch – der Klimawandel macht es möglich. Auf der Hallig Hooge bei Amrum wurde Ende September der erste lebende Krake an der deutschen Nordseeküste gefunden. Die Abiturientin Hanna Bleche, 17, hat ihn auf den Namen Dobby getauft – und eine Nacht an seiner Seite gewacht

Erst wussten wir nicht, was es war – und ob es überhaupt noch lebt. Ein Anwohner hatte das Wesen gefunden und zu uns in die Schutzstation Wattenmeer auf der Hallig Hooge gebracht, jetzt lag es zusammengesunken in einem Eimer und gab uns Rätsel auf. Erst als wir etwas Wasser dazuschütteten und es sich bewegte, konnten wir sehen, dass es ein Zirrenkrake war. Die Aufregung war natürlich groß! Seit Juli bin ich schon hier auf Hooge und mache mein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Ich liebe das Meer und die Natur, aber so etwas wie einen Kraken hatte ich noch nicht gesehen.

Kein Wunder: Zirrenkraken gibt es sonst vor den Küsten Großbritanniens und Skandinaviens – aber nicht im Wattenmeer. Weil die See hier so flach ist, kann das Wasser im Winter eisig werden, was viele Arten wie die Kraken nicht überleben. Aber schon in den vergangenen Jahren gab es mehrere Totfunde. Unser Krake ist nun das erste lebende Exemplar! Ich habe ihn Dobby getauft. Das ist eigentlich eine Figur bei Harry Potter, der Hauself mit den riesigen Augen. Wie der Krake.

Wir haben Dobby in unser Aquarium in der Schutzstation gesetzt. Auch ein paar Krebse leben dort. Eine Schwimmkrabbe wurde bei Dobbys Entdeckungstour durch das Becken in eine Ecke gedrängt, kniff den Kraken panisch in einen Arm, warf dabei ihre Schere ab – und floh in Todesangst. Dobby zuckte zurück, verfolgte die Krabbe aber nicht. Bis nachts um zwei haben wir ihn beobachtet. Wir hatten Angst, dass er mit seinen Saugnäpfen aus dem Aquarium krabbelt. Schließlich haben wir das Becken mit einer Plane abgedeckt und sie mit Holz beschwert.

Am nächsten Tag wurde Dobby abgeholt und zur Schutzstation nach Hörnum auf Sylt gebracht, wo die Aquarien größer sind. Er lebt dort jetzt mit Katzenhaien zusammen. Wir hätten Dobby natürlich auch einfach freilassen können. Diese Abwägung – Leben in Freiheit oder in Gefangenschaft – betrifft all unsere Aquarientiere. Unser Motto lautet: Wir können den Leuten nur nahebringen, was sie kennen. Durch die Aquarien wissen sie, welche Tiere und Pflanzen in der Nordsee leben und was geschützt werden muss. In der Hochsaison übernachten manchmal bis zu fünf Schulklassen auf Hooge. Wir von der Schutzstation haben dann teilweise acht bis zehn Veranstaltungen am Tag, machen Führungen, erklären die Flora und Fauna des Wattenmeers. Dobby gehört nun auch dazu: Wir wünschen uns, dass möglichst viele Besucher den Kraken kennenlernen. Wir wollen zeigen, wie vielfältig und schützenswert die Nordsee ist.

Und wir möchten zeigen, wie sie sich verändert: In den letzten Jahren sind viele neue Arten ins Wattenmeer gelangt. Die Schwarzmundgrundel zum Beispiel oder der Schan. Diese Fische können nur überleben, weil sich die Nordsee durch den Klimawandel um zwei Grad erwärmt hat und die Winter nicht mehr so kalt sind. So etwas Exotisches wie Dobby ist natürlich aufregend, aber wir machen uns Sorgen, dass die neuen Arten die alten verdrängen. Am Ende sind aber auch andere Faktoren entscheidend dafür, ob sich die Neulinge hier dauerhaft ansiedeln. Dobby und seine Artgenossen etwa brauchen Verstecke wie Sandkorallenriffe. Die wurden aber von den Schleppnetzen der Fischer zerstört.