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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Kriminelles Grün zum Muttertag

Text: Katja Döhne

Im Grenzgebiet von Belize und Guatemala wächst die Bergpalme, deren Blätter Floristen als Bindegrün nutzen. Die Ware ist begehrt, der Handel illegal und was bleibt, ist ein gerodeter Urwald

Sarah und ihr Freund Erdem sitzen auf einer über tausend Jahre alten Maya-Pyramide im Dschungel von Belize. Sie genießen den weiten Blick über den Regenwald, hören Grillen zirpen und Affen schreien. Plötzlich knallen vier Schüsse, und unten auf dem Vorplatz der Pyramiden liegt – leblos – ein junger Polizist.

Es ist der 25. September 2014, als die beiden Zeugen des blutigen Höhepunktes eines seit langem schwelenden Konflikts werden. In ihrem Reiseblog veröffentlichen sie später ein Video, in dem sie ihren Tourführer fragen, was hier vor sich gehe. „Die bewaffneten Männer sind aus Guatemala“, erklärt der Guide, „sie kommen, um den Dschungel auszubeuten.“ Vor allem auf die „Xate“-Blätter hätten sie es abgesehen. Er zeigt auf eine kniehohe, unscheinbare Palme und sagt: „Darum dreht sich alles.“

Der illegale Handel mit Xate (gesprochen Schá-te) ist ein Millionengeschäft. Einmal geerntet, gehen die Blätter auf eine lange Reise. Sie beginnt im Dschungel – und endet in Blumensträußen oder dekorativen Gestecken in Deutschland, Holland und den USA. Die Pflanzen stammen aus den mittelamerikanischen Ländern Guatemala und Belize, das Grenzgebiet zwischen ihnen ist umstritten. Guatemala erhebt seit Jahrzehnten territoriale Ansprüche auf die frühere englische Kolonie und erkennt die aktuelle Landesgrenze bis heute nicht an.

Belize ist etwa so groß wie Hessen und liegt südlich der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Mit nur 330.000 Einwohnern zählt Belize (früher Britisch-Honduras) zu den Ländern mit der geringsten Bevölkerungsdichte weltweit. Allein 1770 Quadratkilometer umfasst der tropische Regenwald im Westen des Landes, der Chiquibul-Dschungel. Jaguare, Tapire, prächtige Ara-Papageien, Brüll- und Klammeraffen teilen sich dieses riesige Stück Regenwald – mit tausenden Pflanzenwilderern aus Guatemala.

Obwohl Touristen inzwischen von Militärkonvois zu den Maya-Ruinen von Caracol begleitet werden, sagt Rafael Manzanero: „Sie können sich hier trotzdem sicher fühlen.“ Er sitzt am Steuer seines wuchtigen Geländewagens. Von Schlagloch zu Schlagloch kämpft sich der Jeep den breiten Weg entlang, tief hinein in das Herz des Urwalds. Manzanero ist der Chef der Nichtregierungsorganisation Friends of Conservation and Development (FCD), die sich den Schutz des Chiquibul-Dschungels zur Aufgabe gemacht hat. Die Maya-Ruinen, bei denen der Konflikt im vergangenen Jahr in einer bislang einmaligen Bluttat gipfelte, liegen mittendrin.

„Der Mord ist nie aufgeklärt worden“, sagt der 48-Jährige, doch alle Indizien sprächen dafür, dass die Täter Eindringlinge aus dem Nachbarland waren. Die Hintergründe sind komplex. „Zunächst müssen wir verstehen, was auf dem Spiel steht“, sagt Manzanero. Deshalb überfliegt der Waldschützer einmal im Jahr den Dschungel und sieht Erschreckendes: „Im grenznahen Gebiet von Guatemala ist nichts mehr übrig vom Regenwald.“ Jahrzehntelang wurden die Schätze des Dschungels dort systematisch zerstört und zu Geld gemacht. Palmenblätter, Holz, seltene Tiere. Was am Ende bleibt, sind gerodete Flächen, auf denen Bauern Landwirtschaft betreiben. Deshalb drängen die Wilderer aus Guatemala nach Belize, wo der Dschungel noch intakt ist. Dort suchen sie vor allem nach einträglichen Xate-Blättern.

Als Xate werden insgesamt drei Arten der Bergpalmen-Gattung Chamaedora bezeichnet. Am einträglichsten ist die „Chamaedorea ernesti-augustii“. Weil ihre schönen Blätter, die sich in der Mitte teilen, an einen Fischschwanz erinnern, heißt die Palmenart im englischsprachigen Belize „fishtail“. Die Blätter bleiben vierzig Tage lang saftig grün und eignen sich deshalb perfekt für die lange Reise nach Europa und in die USA. Dort binden sie Floristen als grüne Deko in Blumensträuße ein. Pro Blatt zahlen US-Händler einen Dollar, für ein großes Blumen-Xate-Gesteck bis zu sechzig Dollar. Viel Geld, verglichen mit dem, was für einen „Xatero“, wie die Palmenwilderer genannt werden, abfällt. „Die bekommen für neunzig Blätter etwa vier Dollar“, erzählt Manzanero. „Aber die Xateros machen die ganze Arbeit, und wenn wir sie erwischen, landen sie im Gefängnis.“

„Wir“, das sind insgesamt 18 Parkranger, die im Auftrag der FCD im Chiquibul-Dschungel patroullieren. Dias ist einer von ihnen. Der schlanke, durchtrainierte 20-Jährige hat einen neuen Xatero-Pfad aufgetan, den er seinem Chef Manzanero zeigen will. Dias hat ein großes Gewehr in der Hand, eine Pistole am Hosenbund. „Ich bin Ranger geworden, weil ich die Natur mag“, sagt er. Nur mit Waffen sei es möglich, sie in diesem Dschungel zu beschützen.

„Ich bezeichne uns manchmal als grünes Bataillon“, sagt Rafael Manzanero. Er ist enttäuscht, dass die Regierung seine Organisation bei der Bewachung der Grenze im Stich lässt. Die Belize Defence Force, das Militär des kleinen Landes, meidet die Grenze zu Guatemala weitgehend, weil nicht eindeutig geklärt ist, zu welchem Land dieses Gebiet gehört. „Das macht es für uns nicht einfacher: Wenn wir einen Guatemalteken im Dschungel festnehmen, müssen wir hundertprozentig sicher sein, dass wir in Belize sind,“ sagt Manzanero. Sonst drohe ein diplomatisches Desaster. Ohne sichtbare Grenz-mar-kierungen sei das eine schwierige Aufgabe. Bisher lagen Dias und seine Kollegen jedoch – dank GPS – immer richtig.

Den Chiquibul-Dschungel durchzieht ein dichtes Wegenetz. Auf schmalen Pfaden dringen manche Guatemalteken bis zu 50 Kilometer weit in das Nachbarland ein. Dias zeigt Manzanero einen, der von der ungepflasterten Straße abzweigt, auf der wir mit dem Jeep in den Dschungel gefahren sind. Dias geht voran, das Gewehr im Anschlag. Wir sehen Hufspuren und wenige Tage alte Pferdeäpfel. Entlang des Pfades finden sich Plastikflaschen und leere Chipstüten. „Hier arbeiten vielleicht drei Xateros“, schätzt Manzanero aufgrund der Spuren.

„Die Männer sind gefährlich, denn sie sind bewaffnet“, sagt der Ranger. „Sie arbeiten in kleinen Gruppen und nehmen sogar Kinder mit.“ Ab und zu würden sie ein, zwei Mann erwischen, erzählt Manzanero. Ihm ist nicht wohl dabei, diese Leute festzunehmen, „denn wir wissen ja, dass die Xateros ihre Familien ernähren müssen“. Nur der Gedanke an das große Ganze hilft ihm über die Gewissensbisse hinweg. „Wir müssen hier im Dschungel Präsenz zeigen. Das ist wie bei einem Haus: Wenn ich das ewig leer stehen lasse, kommen immer mehr Menschen und rauben es schließlich ganz aus.“

Millionenumsatz mit wildem Bindegrün
Durch den illegalen Handel mit Xate-Blättern nimmt Guatemala rund 3,5 Millionen Euro pro Jahr ein, schätzt die britische Botanikerin Sophie Williams. Auch in Deutschland werden Xate-Blätter als Blumendeko verwendet, Zahlen über den Import gibt es aber nicht. Der Handel mit Xate-Blättern erreicht zweimal im Jahr einen Höhepunkt: vor dem Muttertag und an Ostern. In Guatemala hat die Nichtregierungsorganisation Rainforest Alliance damit begonnen, Xate in Zusammenarbeit mit Xatero-Familien aus Guatemala unter kontrollierten Bedingungen anzubauen und zertifiziert zu verkaufen. Exportiert werden Blätter aus diesem Projekt derzeit aber nur in die USA.