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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Krise mit Ansage

Text: Kerstin Eitner

Die vom EU-Agrarrat beschlossenen Maßnahmen gegen den Preisverfall bei der Milch sind kaum mehr als Symbolpolitik. Kritiker warnen vor den weiterhin bestehenden Risiken der Überproduktion

Nichts geht mehr in Brüssel, als Anfang September rund 6000 aufgebrachte Landwirte mit Traktoren vor dem EU-Ratsgebäude protestieren, wo gerade die Agrarminister tagen. Grund für die Wut der Bauern: Seit der Abschaffung der Milchquote am 1. April 2015 (siehe GPM 3.15) zahlen Molkereien infolge des Überangebots nur noch 24 bis 28 Cent pro Liter, kostendeckend wären etwa 40 Cent.

Die Krise ist hausgemacht. Viele Milcherzeuger, vor allem Inhaber großer Betriebe, hatten in Erwartung steigender Exporte schon 2014 auf Kredit in mehr Vieh, neue Ställe oder Melkanlagen investiert. Doch die Weltwirtschaft schwächelt. China und Indien wollen ihre eigene Produktion erhöhen und in Russland gilt ein Embargo gegen westliche Lebensmittel.

Die Grünen, aber auch der bayerische Agrarminister Helmut Brunner (CSU) und einige Erzeugerverbände fordern Ausgleichszahlungen für Bauern, die freiwillig weniger produzieren. Doch Brunners Parteifreund in Berlin, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, setzt wie EU-Agrarkommissar Phil Hogan und der Deutsche Bauernverband unverdrossen auf den freien Markt.

An jenem Protesttag Anfang September bewilligte der Agrarrat 500 Millionen Euro Soforthilfe, davon entfallen knapp 70 Millionen auf Deutschland. Außerdem werden ohnehin geplante Direktzahlungen vorgezogen. Die EU-Kommission will zudem mit je 30 Millionen Euro die Verteilung von Milchprodukten an Flüchtlinge sowie den Export fördern. Weitere 80 Millionen fließen in „die Verbesserung der privaten Lagerhaltung“ etwa von Käse, um das Angebot zu verknappen.

Ottmar Ilchmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Niedersachsen, bezeichnet die Soforthilfe als „Beruhigungspille“. Sein Verband hat ausgerechnet, dass die Milchbauern pro Liter ganze 0,3 Cent Entschädigung bekämen, würde das Geld ausschließlich an sie verteilt. Es soll aber auch Schweinefleischproduzenten und Dürregeschädigten zugutekommen.

Das Problem ist allenfalls vertagt. Und die niedrigen Preise bedrohen nicht nur die Existenz der Bauern, sondern auch die Gesundheit der Kühe. Aus Effizienzgründen werden die Ställe immer größer. Doch Weidegänge für hunderte von Tieren sind nicht möglich, weil sie viel zu aufwendig wären und schlicht die Fläche fehlt.

Was also tun? Am besten zu Milch greifen, die per Siegel in irgendeiner Weise gekennzeichnet ist, sei es als „bio“, „fair“, „regional“ oder „Weidemilch“. Denn diese hebt sich laut Ilchmann im „globalen Milchsee“ ab und trägt so dazu bei, dass Landwirte besser bezahlt werden und tiergerechter wirtschaften können.