Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Lausitzer Revier Wüste in Deutschland

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Lausitzer Revier Wüste in Deutschland

Seit hundert Jahren wühlen sich Bagger durch die Region an der polnischen Grenze. Sie vernichten Dörfer, die Kultur der sorbischen Minderheit und ganze Naturschutzgebiete. Gerade lässt Vattenfall den Urwald Weißwasser roden. Im Namen der Kohle. „In Weißwasser war eine arme Frau.“ So beginnt eine Sage aus der sächsischen Kleinstadt, die auf Sorbisch Beła Woda heißt. „Die ging Heidekraut schneiden im Wald. Ihr dreiviertel Jahr altes Kind hatte sie mitgenommen“ und legte es „auf einen reinen Grasflecken“. Als sie einmal nach ihm sah, fand sie es von Schlangen umringt. Sie wagte sich nicht heran, sichelte weiter und schaute bald wieder nach. Da waren die Tiere verschwunden. „Und auf dem Tuch lag die Krone von dem Natternkönig.“ Die Frau verkaufte den Edelstein für „Hunderte von Talern“ und „wurde sehr reich dadurch“. Der Ort, an dem die Natur eine Bäuerin so wunder­sam beschenkt haben soll, liegt im Urwald Weißwasser nahe jenem farnumwucherten Teich, den die Menschen hier Märchensee nennen. Wo früher die Eisgrube des Jagdschlosses das Wildfleisch des Fürsten Pückler frisch hielt, steht das Heidekraut noch immer hoch. Wie Ottern winden sich die Wurzeln mächtiger Trauben­eichen, Rotbuchen und Weißtannen ins Erdreich. „Vielleicht hat das die Menschen zur Sage von der Schlan­gen­krone inspiriert“, sagt Edith Penk und streicht über knorrige Rinde. Unter diesen Riesen ist die 75-Jährige aufgewachsen. Ging ihre Mutter für die Ziegen Heidekraut schneiden, nahm sie das Kind mit in den Wald. In einem großen Leinentuch schaukelte Edith dann zwischen den Bäumen – mit Blick in die Wipfel. Ihre Liebe zum Wald wurzelt tief. Sie hat sie an ihre vier Kinder und elf Enkel weitergegeben – und an Hunderte mehr. Dreißig Jahre lang war Edith Penk Horterzieherin im nahen Trebendorf. An Wandertagen zog die ganze Schule in den „Urwald“. Hier hatten die Standesherren ihren Forst jahrhundertelang in Ruhe gelassen. Die Bäume ragten dreißig, vierzig Meter in die Höhe, manche über 400 Jahre alt – ein verwunschener Ort, an dem jeder eine Smyowa Krona (Schlangenkrone) finden oder dem Nyx (Wassermann) begegnen konnte. Nur die Ludki (Zwerge) waren eines Tages verschwunden. „Ausgerissen vor dem Tagebau“, erzählte Edith Penk den Kindern. Das war Ende der 70er-Jahre, als sich die „Großgeräte“ des VEB Braunkohlenwerks Glückauf durch das sorbische Celno fraßen. Im Spätsommer 2013 stehen die Bagger mitten im Urwald. Auf Pücklers Jagdschlosswiese liegen tonnen­schwere Wurzelballen zwischen Reifenspuren im Matsch. Am Horizont zeichnet sich das Skelett einer Eiche schwarz gegen die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Boxberg ab. Bis zu 50.000 Tonnen Kohle wandern täglich durch die Schlote der sechstgrößten CO2-Schleuder Europas – und obendrein ganze Naturschutzgebiete. Der Urwald Weißwasser ist schon das vierte. Die Holzerntemaschinen arbeiten sich systematisch durch die alten Bestände: Bäume, die für den Tage­bau­betreiber ohne „Erinnerungswert“ sind und sich nicht verkaufen lassen, landen als „Waldrestholz“ in Schreddern, die sie lärmend zermalmen – Urwald zu Biomasse. Edith Penk steht zwischen meterhohen Haufen aus Holzhackschnitzeln. Alles hier kann jetzt ins Heizkraftwerk. Ein Schwarzspecht ruft. „Der sucht seine Bäume“, sagt die kleine Frau. Hundert Meter tie­fer rattern die Förderbänder. Spätestens 2015 soll auch der Märchensee weggebaggert sein. Mit dem Tagebau Nochten leben die Menschen hier seit Walter Ulbricht. Es ist ein Leben unter Vorbehalt. In der DDR war die Region „Bergbauschutzgebiet“, jetzt „Vorranggebiet“. Wieder gehören die Bagger dem Staat, nur ist es diesmal der schwedische. Vor zehn Jahren hat Vattenfall das Lausitzer Revier an der polnischen Grenze übernommen. Der Konzern fördert in fünf Tage­bauen jährlich 60 Millionen Tonnen Braunkohle für drei Kraftwerke und plant fünf weitere Kohle­gruben. Das Planverfahren für Nochten  II  läuft bereits. Fast 1600 Menschen sollen umsiedeln. Diesmal steht auch Edith Penks Name auf der Liste. Ihr Elternhaus in Rohne, dem sorbischen Rowno, liegt nur fünf Kilo­meter vom Märchensee entfernt. „Dem Volk des Freistaates Sachsen gehören Bürger deutscher, sorbischer und anderer Volkszugehörigkeit an“, steht in Artikel fünf der sächsischen Verfassung. „Das Land erkennt das Recht auf die Heimat an.“ Und im Sorbengesetz heißt es, jeder Sorbe habe das Recht „auf Schutz, Erhaltung und Pflege“ seiner Heimat und Identität. Auch Brandenburg schützt die nationale Minder­heit vorbildlich – auf dem Papier. Die Sorben sind das kleinste slawische Volk. Anders als die Dänen in Schleswig-Holstein haben sie keinen „Mutterstaat“. Sie kamen im sechsten Jahrhundert aus Gebieten nördlich der Karpaten und besiedelten die Lausitz. Ihre Zahl wird heute auf höchstens noch 60.000 geschätzt. Mit jedem Dorf stirbt ein Stück ihrer Kultur. In Rohne etwa spricht man „Schleifer Dialekt“, etwa zehn Prozent der Wörter gibt es weder im Ober- noch im Niedersorbischen. Trotzdem sollen für Nochten  II
drei von sieben Dörfern des Pfarrbezirks Schleife vollständig abgebaggert werden, zwei teilweise. Seit 1924 sind in der Lausitz 136 Dörfer verschwunden. Mehr als 90 Prozent davon waren sorbisch. „Ich bin kein Tagebaugegner“, sagt Adrian Rinnert. „Ich bin für etwas. Ich bin für die Dörfer und die Wäl­der, die hier stehen.“ Kater Toni ist dem 28-Jährigen auf den Schoß gesprungen. Wie kleine Heli­kop­ter schwirren Libellen durch den Garten der alten Spin­nerei in Neustadt an der Spree. Zitronenfalter tummeln sich in den Beeten. Und auf der Bank steht ein Krug Holunder­sirup. „Unser Netzwerk heißt ganz bewusst ‚Strukturwandel jetzt‘ und dann erst ‚Kein Nochten  II‘“, sagt Matthias Hermstein. Das Bündnis, zu dem auch Edith Penk gehört, ist im März ent­­stan­den. Seine wichtigste Botschaft: Eine andere Zu­­kunft ist möglich. „Eine Spinnerei vom nachhaltigen Leben“ war das, als Adrian, Matthias und ihre Freundinnen vor knapp drei Jahren die verfallene Fabrik kauften und von Potsdam herzogen. Sie wussten, dass sie ins Revier ziehen, machten sich aber – noch – keine Sorgen. Sie wollten die alten Gemäuer instand setzen, als Selbstversorger ohne viel Geld von den Früchten des Gartens leben und Umweltbildung anbieten. Das machen sie auch. „Aber der Tagebau frisst jetzt einen Großteil unserer Zeit“, sagt Matthias. Dabei ist die Spinnerei nicht mal „randbetroffen“, sollte Nochten II genehmigt werden. Das riesige „Restloch“ soll laut Planentwurf bis 2080 geflutet sein und einen Wasserstand von 118 Metern haben. Die Spinnerei liegt zwölf Meter tiefer. Als der Plan erdacht wurde, war sie unbewohnt. „Die lassen uns hier absaufen“, ahnt Adrian. Beim Erörterungsverfahren in Schleife gab es Leute, die sich über seinen Zorn wunderten. Er sei doch 2080 gar nicht mehr da. Hinter dem Garten plätschert rostrot ein Seitenarm des Flüsschens Struga. Mit einem pH-Wert von 3,9 ist er fast so sauer wie Essig und dazu mit Eisen und Schwermetallen belastet. Diese Stoffe schwemmt das Grundwasser aus alten Tagebaukippen, wenn es nach Jahrzehnten großflächigen Abpumpens wieder ansteigt. „Hier überlebt kein Fisch“, sagt Matthias. Es sind Zuflüsse wie dieser, die auch das Wasser im Biosphärenreservat Spreewald braun färben. „Noch meine Urenkel werden damit zu tun haben“, glaubt Adrian. Von rutschenden Hängen ganz zu schweigen. Hunderte Quadratkilometer Lausitz sind gesperrt. Manche der Kippen stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Knapp 8000 Arbeitsplätze hängen an der Kohle. Das ist das Totschlagargument für vierzig weitere Jahre Bergbau. Nur: Wie kann es sein, dass die Lausitz trotz des „schwarzen Goldes“ immer noch zu den ärmsten Regionen Deutschlands zählt, fragt „Strukturwandel jetzt“. Das Bündnis fordert nachhaltige Investitionen, vernetzt Bürgerinitiativen, organisiert Demonstra­tio­­nen und gibt „Nochten heute“ heraus. Aus dem Informations­blatt erfahren die Nachbarn etwa, dass neue Tagebaue nach Ansicht von Wirtschaftsexperten gar nicht mehr gebraucht werden. Das gefällt nicht jedem hier. Neulich lag ein zerfetztes Exemplar im Briefkasten der alten Spinnerei. Edith Penk steht in ihrem Garten über eine Schubkarre gebeugt. „Moment noch!“ Mit geübten Handgriffen topft sie eine winzige Kiefer mit langen weichen Nadeln ein. „Geborgen aus dem Urwald“, sagt sie. Unter der Gartenbank stehen ihre anderen Baumkinder: kleine Traubeneichen und Tieflandsfichten, gerade so groß wie eine ebenfalls gerettete Arnika. Hinter dem Haus wachsen Orchideen, Pechnelken, Sonnentau, Wald­anemonen, wilder Thymian und Mottenkraut. „Natürlich pflanzt Vattenfall vieles um“, sagt sie, „aber manches vergessen sie auch.“ Deshalb betreibt Edith Penk so etwas wie eine Arche Noah für Pflanzen. Jetzt packt sie die Arnika ein – für den Findlingspark am anderen Ufer des gewaltigen Erdlochs. „Die haben sie bestimmt noch nicht.“ Wo sich bis 1987 ein Drittel des Dorfes Nochten befand, ist der Tagebau schon wieder aufgeschüttet. Ganze Busladungen von Besuchern ergießen sich in das Gartenreich voller Tagebau-Findlinge – Gesteinsbrocken, die mit den Gletschern der Eiszeit aus Skandinavien kamen. „Wisst ihr, warum die Schweden bei uns graben? Die wollen ihre Steine wiederhaben!“ Edith Penks Gesicht leuchtet vergnügt. Sie drückt einer Gärtnerin ihre Arnika in die Hand. „Am besten auf die Kräuterwiese pflanzen!“ Die Frau sagt, ihr Chef werde prüfen, ob die Arnika ins Konzept passe. Es klingt wie ein Nein. Aber Frau Penk lässt sich erst Minuten später abwimmeln. Nach Farben sortiert überziehen Pflanzen die künstlichen Hügel. Von einer Anhöhe aus sind „Erhaltungssamenplantagen“ zu sehen. Dort züchtet Vattenfall hunderte Traubeneichen, Lausitzer Tieflandsfichten und Plattenkiefern, um den Genpool des Urwalds zu sichern. Mehrere Millionen Euro im Jahr gibt der Konzern für Rekultivierung aus. Über die Frage, wie man einen Urwald nachbaut, redet er aber nicht mit jedem. Die Pressestelle schickt lieber E-Mails und Broschüren, in denen Kippengelände „Neuland“ heißt. Auf der Internetseite des Bundesverbands Braun­koh­le Debriv findet sich ein Porträt Doris Wüstenhagens. Sie liebt ihren Job in der Vattenfall-Rekultivierung. Man könne „Defizite der vorbergbaulichen Nutzung aus­­mer­zen“, manches „sogar regional typischer gestalten“. Und es sei schön, nach getaner Arbeit zu wissen: „An der Landschaft hat man ein Stück mitgeschrieben.“ Edith Penk hat kein Schreibrecht, aber manchmal wenigstens eine Art Radiergummi: Sie hat schon Mar­kie­rungen mit Lehm überschmiert und so das Leben einzelner Bäume verlängert. Ihr Widerstand ist beharrlich und unerschrocken. Sie hat nichts zu verlieren. Und sie hofft nicht auf Geld. Als Trebendorf einen Umsiedlungsvertrag mit Vattenfall schloss, sagte sie laut und deutlich, dies sei „ein Pakt mit dem Teufel“. Vor dem Gasthof „Zur Schlangenkrone“ in Schleife steht eine Skulptur. Es ist eine Frau mit Kopftuch und Kind im Arm, die Bäuerin aus der Sage. Ein Holz­künstler, der als Kind bei Edith Penk zeichnen lernte, hat sie geschnitzt – aus einer 300 Jahre alten Eiche im Tagebauvorfeld. „Zuerst kommen die Bäume dran“,
sagt Edith Penk, „und dann die Menschen.“ Text: Katja Morgenthaler Fotos: Elias Hassos