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Lindenstraße live

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Lindenstraße live

Text: Judka Strittmatter Foto: Andreas Reeg

Eine Vision kommt in die Jahre: zu Besuch in der Kommune Niederkaufungen. Der Traum vom naturfreundlichen und selbstbestimmten Leben - so wild, wie die Nachbarn glaubten, fällt er nicht aus.

Wieder Dienstag, wieder Plenum. Die Vollkornpizza vom Abendbüfett ist verdaut, die Plenumsleitung in Stellung gegangen, die Stühle im Gemeinschaftsraum sind im Kreis aufgestellt. Es ist 21 Uhr, Zeit für „Gutes und Neues“. Kommunardin Antje verkündet ihre Genesung von einer Lungenentzündung, Praktikantin Barbara bietet ihre Hilfe beim Erdbeerpflücken an und Uli, Kommunen-Urgestein hier, hat einen Artikel fertig. Thema: „Nachhaltigkeit und Kapitalismuskritik“.

Manchmal blitzt Zerknirschung auf im Versammlungsrund, da ist es gut, dass Christopher einen Witz platziert: Weil Fußballturnier und Putzeinsatz am kommenden Sonnabend zusammenfielen, bemerkt er, sei zahlreiches Erscheinen beim Kicken wohl vorprogrammiert. Soll heißen: Auch Kommunarden hauen lieber einen Ball ins Tor als Müll in die Tonne.

Es geht weiter, immer der Meldeliste nach, Einzelthemen werden auf Kleingruppen verlegt. Da darf’s dann ewig gehen. Ist ja nicht so, dass nicht auch Kommunarden ein Einsehen hätten, dass die Freiheit der ungebremsten Rede ihre Nachteile hat. Vor allem, wenn man es jahrelang mitgemacht hat, das Hin und Her, und sogar die eigenen Kinder schon lautstark mahnen: „Warum quatscht ihr eigentlich immer so lang?“

In Videos von ihren Anfängen klappern im Plenumsrund noch Stricknadeln, zotteln Rauschebärte und Langhaarmatten von den Köpfen. Beides heute selten. Ein Zeichen des Altwerdens? Oder gar schleichender Verbürgerlichisierung? „Nö“, heißt es prompt aus „Kommi“-Kreisen, „schau raus, es ist Sommer.“

Richtig, ihr neunzehnter. Hätte je einer geglaubt, dass es so viele werden würden, damals, als sich eine Handvoll Gleichgesinnter in Hamburg traf und „die Sache“ besiegelte? Die Sache, das war immerhin der Traum vieler Umweltaktivisten, Anti-Atomkraftler und Kapitalismusverweigerer: ein Zusammenleben hinkriegen, das naturfreundlich ist und selbstbestimmt. Ein Modell der Spätachtundsechziger, ein ideales Modell. Eins, das nicht immer klappte. Im Falle von Niederkaufungen könnte man sagen: Es hat – im Großen und Ganzen.

Die Vision, in Hamburg besiegelt, musste allerdings in Hessen umgesetzt werden. Dort gab es das richtige Haus für sie. Ein altes Gut nahe Kassel, das leer stand, zuletzt russische Aussiedler beherbergte und einen Straßenbahnanschluss in die Stadt hatte. Kaufungen in seinem alten Kern ist hübsch, ein bäuerliches Idyll wie aus einem Kinderbuch: Fachwerk, Uralt-Bäume, ein Flüsschen, eine Brücke. Trecker und Misthaufen, Hähne und Blechkuchenduft. Ein deutsches Dorf. An den Rändern franst es ein wenig aus, wird beliebig, weil man angebaut hat in den letzten 50 Jahren, nicht immer schön.

Auch Aral und Penny sind schon lange an der Hauptstraße. Und die Kommunarden aus dem Kirchweg 1 längst nicht mehr nur die „Müslis“ und „Hippies“, wie es lange hieß. Wilde, ungekämmte Menschen, die sich – so die zügellose Phantasie der Dorfbewohner – vor allem durch Ungehöriges auszeichneten: wilden Sex in allen Betten. Jeder mit jedem. Und so.

Natürlich würden manche von ihnen das Modell „offene Beziehung“ bevorzugen, sagt Andreas Murek, 33. Er zum Beispiel. Koch, Medien-Verbindungsmann und Greenpeace-Aktivist der Kommune. „Weil man Gefühle doch nicht unterdrücken soll.“ Meistens jedoch ist es bei einer Frau geblieben, auch bei ihm. Gerade ist es Jacqueline, 35, aus Brasilien. Eine freundliche, temperamentvolle Doktorandin, die in Kassel zum Thema „Solidarische Ökonomien in Deutschland und Brasilien“ promoviert. Sie fühlt sich wohl bei den Kommunarden in Niederkaufungen, war zum Praktikum hier und kam sich mit Andreas näher. Manchmal würde sie ihrer Verliebtheit gern mehr spontanen Ausdruck verleihen, knutschen und kuscheln, auch draußen im Hof. Aber ihr Eindruck ist: Das passt nicht recht. Andererseits gefällt ihr, dass es nicht wegen jedem Mist gleich so viel Drama gibt wie in ihrer Heimat. Und die Solidarität hier „wirklich gut“ ist.

Im Kirchweg 1 steht das Kommunenhaus, ein stattliches Fachwerkensemble, drumherum eine friedliche und legere Szenerie: Hühner picken im Gras, aus der Kita im Untergeschoss quillt Buntes, immer mal wieder schlappt ein Mensch vorbei. Im Garten sitzen die Kommunarden auf Bierbänken zusammen. „Manchmal“, so grummelte der eine oder andere Anwohner früher gern mal in die Fernsehkameras, die hier das Kommunenleben abfilmten, „könnte es schon aufgeräumter sein da drüben“. Vor allem aber: „Wer ist eigentlich der Chef bei denen?“

Wollen sie nicht, haben sie nicht. Jedenfalls nicht offiziell. Widerspricht der Kommunenphilosophie. Ist im Alltag aber manchmal anders. „Manche können sich mehr erlauben“, heißt es, wenn man nachfragt, oder: „Das Wort des einen wiegt schwerer als das des anderen.“

Uli Barth könnte so jemand sein. Ruhig, besonnen, von Anfang an dabei. Von Haus aus ist er Bauingenieur, Schwerpunkt Wasserbau, heute einer der Kommunenverwalter. Uli, 51, und Birgit Zellmer, 49, seine Lebensgefährtin, waren schon ein Paar, als sie hier her kamen. Über eine taz-Anzeige, geschaltet von der Hamburger Gründertruppe, erfuhren sie von Niederkaufungen. Seinerzeit wollte Uli eigentlich nach Afrika, helfen in der Dritten Welt. Aber Birgit war schwanger. Sie zogen nach Hessen.

Und leben jetzt mit insgesamt 76 Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen auf einem Areal, das rund 10.000 Quadratmeter hat, und in einem Haus mit eigenen Regeln. Und die gehen so: zusammen leben und arbeiten, in einen Topf wirtschaften, ein linkes Politikverständnis pflegen und nach dem Konsens-, nicht nach dem Mehrheitsprinzip entscheiden.

Man wohnt in WGs, auch die Familien, so kriegt jeder Stress und Liebe ab und die Kommunenkinder haben neben ihren Eltern auch noch andere Kummerkästen. Es gibt WGs, die existieren schon seit Jahren, andere sind aufgelöst und umgemodelt worden. Die Lesben-WG ist im gleichen Trakt untergebracht wie die Männer-Wohngemeinschaft, das ist der Kommunikation dort nicht gerade förderlich, aber im Moment nicht zu ändern. Der Gemeinschaftsraum mit Küchentrakt im Erdgeschoss ihres Hauses ist Sammelstelle, Infozentrale und Speisezimmer in einem. Hier hängen die Ausleihpläne für sieben Autos und die Monatskarten der Bahn, es liegen Zeitungen aus, diverse. Beinahe hundert haben sie im Abo, von der radikalfeministischen „Krampfader“ bis zur liberalen „Zeit“.

Eine Kommunen-Uhr zeigt neben einer Echtzeituhr die Zeit mit Fünf-Minuten-Vorsprung an, damit Zuspätkommer einen Puffer haben. Am schwarzen Brett hängt ein Hefter mit internen Infos: Trennungen, Auszugspläne, Praktika-Ansinnen.

Wer rein will bei den Niederkaufungern, muss eine Probezeit bestehen, wer drin ist, arbeitet in den Kommunekollektiven, manchmal auch draußen – aber alles ohne Zwang. Jeder so viel er will und kann, Ausnahme Spül- und Putzdienst. Wer den schwänzt, darf mit einem Rüffel rechnen.

Alles Verdiente geht in eine Kasse, das Ersparte der Neulinge ebenso. Eine Bewerberin zog ihr Aufnahmebegehren zurück, weil plötzlich eine Erbschaft anstand, sechsstellig. Ob einer trotzdem draußen ein Konto unterhält – keiner wird je nachforschen. Vertrauensvorschuss ist hier erste Bürgerpflicht. In allen Dingen. Selbst Leute mit Schulden haben sie schon aufgenommen. Nur einmal ist einer ganz schnell rausgeflogen. „Weil er den Frauen zu nahe kam“, wie Uli sagt. Und Pornos in Umlauf bringen wollte.

Wer einmal drin ist bei den Niederkaufungern, hat Bleiberecht auf Lebenszeit, muss keine Ängste haben, wie viele andere jetzt im Land. Um den Arbeitsplatz, die Rente, und, und, und. Er kann, wann immer er es braucht, Geld aus der Kasse nehmen, Belege sind erwünscht, bleiben jedoch immer häufiger aus: Oft wird nur „Taschengeld“ im Ausgangsbuch notiert, solange die Gemeinschaft klar kommt finanziell, kann das so bleiben – Reglementierungen sind dem Kommuneleben fremd.

Braucht jemand mehr als 150 Euro, muss er das offenlegen vor dem Kollektiv. Egal, ob es sich um eine Lederjacke, den Führerschein oder die dritten Zähne handelt. Auch da gibt's immer wieder Diskussionen. Gibt es keinen Zahnarzt, der es billiger macht? Muss es im Urlaub unbedingt Amerika sein? Nicht nur wegen der Kosten, auch wegen des Kerosins.

Rund 50.000 Euro monatlich zehrt der Kommunenalltag auf, das Geld kommt im Winter eher rein als im ferienreichen Sommer. Das Verlassen der Kommune regelt ein Vertrag, finanzielle Absicherung inklusive.

Was ihr Außenleben angeht: In Kaufungen gehören sie dazu, schon lange. Mit ihrer Bio-Käserei, dem Bio-Partyservice, der Massivholz-Schreinerei, der Näh- und Lederwerkstatt. Auch mit dem Hofladen, in dem Erdbeeren und Gurken aussehen wie gemalt – Verdienst des Gemüsebaukollektivs „Rote Rübe“. Die Kunden kommen sogar aus Kassel angefahren.

Zutrauen ist da nach 19 Jahren: Nachbar Althans hat ihnen seinen Obstgarten verpachtet, die Grundschule fragt jetzt öfter Bio-Essen an, zum Hoffest tanzt halb Kaufungen mit den Kirchweg-Kommunarden. Schon lange bringen Dörfler eine kaputte Sandalette oder ein gerissenes Halfter zu Heike in die Näh- und Lederwerkstatt und Eltern ihre Kinder zu Jörg in die Kommunen-Kita. Behinderte und nichtbehinderte Kinder spielen bei ihm zusammen.

Jörg, Ex-Feinmechaniker, Extrem-Veganer und Ohrringträger, ist 39 Jahre alt und eigentlich ein Ruhiger, doch mit den kleinen Wänstern macht er ordentlich was los. Geht mit ihnen in den Wald, guckt Käfer an, schickt sie auf Bäume. Und steht nicht unten rum und barmt: Passt auf, dass ihr nicht runterfallt! Seine Philosophie ist eine andere: Zutrauen statt Zaudern – klettern ja, aber gut festhalten dabei!

Ein weiterer von elf Kollektivbetrieben: das Tagungszentrum. 27 Betten, Overhead-Projektor, Flipchart, Video, alles da. Für Aushäusige und sie selbst. Seminare, die sie selbst anbieten, befassen sich mit „Slow Food“, Hartz IV und dem Kommunenalltag: Eine Kasse, funktioniert das? – Entscheidungen treffen ohne ChefIn und Abstimmung? – Die Kleinfamilie: Hort des letzten Glücks oder Beziehungssackgasse? – Geht im Kollektiv nix oder alles schief?

Bei ihnen geht gerade viel: Sie bauen neu auf ihrem Hof, ökologisch, mit regionalen Hölzern, ohne Formaldehyd und PVC: Ein Haus für Tagespflege. Für demenzkranke Alte aus dem Dorf und der Umgebung. 15 Plätze. Sogar Fördergeld vom Land nehmen und bekommen sie dafür – und das ist schwarz regiert, nicht rot, schon gar nicht grün.

Alles weit weg also vom verlotterten und Drogen konsumierenden Image, das Kommunen und WGs seit jeher nachhängt. An dem natürlich ein bisschen was dran ist. Auch bei den Niederkaufungern. Ja, sie rauchen auch mal einen Joint, und ja, in ihren Wohngruppen, zehn zurzeit, sieht es auch ganz schön rumpelig aus. Aber ist all das nicht besser als dumpfdröhnend und bierselig in Stammkneipen das Weh des Sozialstaates zu bejammern und mit dem Benziner nach Hause zu tuckern? Sie versuchen wenigstens Veränderung. Arbeiten mit alternativen Energien und Holz aus der Region, koalieren mit einheimischen Bauern gegen die Einführung von Gen-Gemüse. Vom Dach ihrer Schreinerei blinkt eine 370.000 Euro teure Fotovoltaikanlage, Strom und Warmwasser kommen aus einem Blockheizkraftwerk, durch ihre Klospülung rauscht Regenwasser, ihren Fuhrpark betanken sie mit Erdgas und Rapsöl. Sogar Handys, eine Errungenschaft der Nachwuchs-Kommunarden, haben Verbot im Kirchweg-Hof: kein Elektrosmog auf Kommunengelände.

Viele Erfahrungen machen auch die Ur-Gründer nun zum ersten Mal. Die des Älterwerdens, die der Sehnsucht nach Ruhe, die des Abschieds von den Kindern. Und so kommt es wohl, dass sie im aktualisierten Grundsatzpapier aus dem Jahr 2000 die Aussage treffen, „keine heile Insel inmitten des kaputten kapitalistisch-patriarchalen BRD-Sumpfes“ sein zu wollen. Auch, weil sie sich nach 19 Jahren eingestehen müssen, „dass sich unsere Schwierigkeiten nicht grundsätzlich von den in der Gesellschaft üblichen unterscheiden, und wir auch mit Eifersucht, Angst vor Liebesentzug und Ablehnung, Macht- und Besitzdenken in Zweierbeziehungen und in der Gesamtgruppe zu kämpfen haben“.

Uli ist aufgefallen, „dass der Drang in Richtung Individuum immer größer wird“. Er findet das schade. Zum Gemeinschaftsnachmittag einmal im Monat – früher regelmäßig gut frequentiert – kommen immer weniger zum Spielen und Quatschen.

Auf der anderen Seite sind heute Dinge normal, die noch Jahre zuvor massiv diskutiert und angegriffen wurden. Wollten sie früher mit Kirche und Esoterik nichts am Hut haben, so ist heute eine Pastorin Kommunenmitglied, und es dürfen auch mal Tarotkarten herumliegen, ohne dass gleich jemand ausflippt. Hatten Männer und Frauen ganz früher nur ein Klo, hat man heute nichts mehr gegen Geschlechterbarrieren auf diesem Terrain. Auch die Stehpinkler sind resozialisiert: Sie haben wieder ein eigenes Becken.

Wer von draußen reinkommt, darf nicht zimperlich sein: Die Stimmung ist spröde, partiell freundlich, herzlich ist sie nicht. Das ist auch Annegret, 56, aufgefallen, Apothekenhelferin, Bibelschul-Absolventin. Sie ist zur „Kennenlernwoche“ hier, hat bislang im Behringhof in Wickede an der Ruhr gelebt, einer spirituell-ökologischen Gemeinschaft. Es ist jetzt ihre zweite Kennenlernwoche, sie versucht sich „einzubringen“. Sie hilft in der Küche, schnippelt Gemüse, spült Teller – willkommen fühlt sie sich nicht. Es sei schwer, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. „Du tust zu viel“, hat ihre „KümmerIn“, so nennen sie die Einstiegs-Begleiter hier, ihr gesagt. Und: „Du sendest Doppelbotschaften aus.“ Was immer das bedeuten mag, Annegret will weitermachen. Auch wenn ihr aufgefallen ist: „Hier wird überhaupt nicht gelacht.“

Freude, Unbekümmertheit strahlt im Kirchweg 1 eher von den Jungen aus. Sarah, 18, ist so, Tochter von Uli und Birgit. Quirlig, schlau, selbstbewusst. Sie macht ihr Fachabitur, Richtung Sozialwesen. Wie die meisten anderen halbwüchsigen Kommunenkinder, vor allem aber die Jungs, will sie weg nach der Schule, mal raus, sich umsehen in der Welt. Ihr Bruder Jonas ist schon los, studieren in Göttingen, Bio-Informatik, Vater Uli hätte sich was anderes gewünscht. Auch mehr Politikinteresse bei seinem Sohn, aber das vermisst er in der gesamten Kommune. Da wird länger über die Anschaffung einer Satellitenschüssel als über die nächste Attac-Aktion diskutiert. Die Schüssel gibt es jetzt, sie prangt über dem Eingang im Hof.

Jonas war derjenige, der es noch abgekriegt hat in der Schule, als erstes Kommunekind. Die Hänseleien der Mitschüler. Er hat den Weg geebnet für Paul, Fide und Sarah. Aber es hat Spuren hinterlassen: In einem Fernsehbeitrag fürs ZDF feiert er mit seinen Kumpels demonstrativ mit Döner und Bier und klaren Ansagen. Ihm seien manche Leute peinlich, vor allem die, denen es egal ist, ob ihr T-Shirt verschossen und die Hose abgewetzt ist. Jonas war es nie egal.

Die Rückkehr in die Kommune kann keiner der Jugendlichen garantieren. „Andere wohnen ja später auch nicht wieder zuhause.“ Fide und Tom haben sich schon jetzt eine Neuerung erkämpft: eine Jugend-WG. Zum Abschließen. Das ist neu. Sonst stehen hier ja immer alle Türen offen, auch die nach außen, zum Dorf hin.

Auf anderen Gebieten scheint Offenheit so fern wie eine Welt ohne Flugverkehr. In Sachen Geschichte ganz besonders, meint Anke Moka, 42. Sie ist ein Ost-Zuwachs, hatte schon Anfang der 80er in Ostberlin eine WG aufgemacht, da wusste dort noch niemand, was das ist. Anke, gelernte Krankenschwester, bewegte sich im Dunstkreis der evangelischen Kirche, von Ausreisewilligen und Oppositionellen. Manchmal vermisst sie den Blick der anderen gen Osten: „DDR-Geschichte findet hier nicht statt.“ Im Gegenteil: Noch lange nach der Wende hätte man über bananengeile Ossis abgelästert.

Der Missmut vieler rühre daher, meint Anke, dass einen die Kommune vereinnahme. „Du kannst dir nicht mal eben einen Kaffee aus der Küche holen, ohne dass dir schon wieder 20 Probleme begegnen, für die man deine Stimme braucht.“ Deshalb würden einige einen „Tunnelblick“ aufbauen, der Fremden zu schaffen macht. Ein Gutmensch zu sein, sei halt nicht immer einfach. Persönlicher Hickhack finde hier genauso statt wie beim Nachbarn am Gartenzaun. „Lindenstraße“, sagt Anke, „brauchen wir hier nicht zu gucken: Das haben wir live.“