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lügendetektor12. Juni 2013
Geflügelwirtschaft: Gelebtes GelaberNach der eher altbackenen „Gestatten...“-Kampagne im Holzbretterlook legt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft jetzt ganz modern nach: In veilchenfarbenen, grafisch reduzierten Zeitungsanzeigen werden den staunenden Lesern 10 „Thesen“ zur deutschen Geflügelwirtschaft unterbreitet. Das Besondere: Man wird dazu aufgerufen, im Internet selbst seine Meinung kundzutun. Dort prangt, wohin man auch klickt, in großen Buchstaben die Botschaft: „Die deutsche Geflügelwirtschaft lebt den offenen Dialog“. Wer sich durch die 10 Thesen klickt, erfährt, was die Branche zur Kritik an ihren Methoden so denkt. These 03 etwa lautet:
Unter These 05 schwurbeln die Werbetexter herum: Die deutschen Verbraucher fragten „zu Recht nur hochwertige Hähnchen- und Putenerzeugnisse“ nach, jedoch sei zugleich „eine hohe Preissensibilität zu verzeichnen“, was aber kein Problem sei, weil die Geflügelwirtschaft „diese beiden Verbraucherwünsche durch eine effiziente Qualitätsorientierung in Einklang“ bringe. Man kann das auch so ausdrücken: Um die Geiz-ist-geil-Mentalität der Deutschen zu befriedigen, treibt die Branche die Industrialisierung der Fleischerzeugung auf die Spitze. Durch alle Thesen zieht sich die Vorstellung, mit dem Drehen an ein paar Stellschrauben und totaler Durchrationalisierung könne die Branche ihre Probleme in den Griff bekommen, ohne sich grundlegend zu verändern. Zur These 07
heißt es etwa: „Dank eines hohen Technisierungsgrades kann sich der Halter ausschließlich auf die Tiere konzentrieren und so auch größere Bestände tiergerecht aufziehen.“ Aber wenn alles so super ist, warum nur wurden dann für das neue Tierschutzlabel – das übrigens Wissenschaftler, Tierschützer und Geflügelfirmen wie Wiesenhof gemeinsam erarbeitet haben – genau für die angesprochenen Punkte schärfere Regeln vorgeschrieben? Kleinere Besatzdichten und Stallgrößen, langsamer wachsende Rassen sowie Wintergärten mit frischer Luft, am besten sogar Auslauf im Freien werden dort verlangt. Komischerweise kommt aber das Wort „Tierschutzlabel“, dessen Erfolg der Branche angeblich am Herzen liegt, in der Kampagne gar nicht vor. Bei mehreren „Thesen“ führen die Geflügelwerber die Leser geschickt in die Irre. These 08 etwa lautet: „Antibiotika dienen der notwendigen Behandlung erkrankter Tiere (...).“ Verschleiert wird mit dieser Formulierung, dass in der Praxis allen 40.000 Hühnern übers Tränkewasser Antibiotika verabreicht werden, wenn im Stall Husten auftritt – und eben nicht nur den erkrankten Tieren. Weiter heißt es, es sei „erklärtes Ziel der Branche“, den Medikamenteneinsatz in fünf Jahren um 30 Prozent zu reduzieren „und hierfür umfassende Maßnahmen zu ergreifen“. Ja wie wär’s denn, wenn man die Maßnahmen erst ergreift – und mit dem Erfolg dann wirbt, wenn er sich eingestellt hat? Übrigens: Verschwiegen wird, von welch schockierend hohem Niveau die angekündigte Reduzierung startet: Laut Untersuchungen in verschiedenen Bundesländern bekamen bisher mehr als 80 beziehungsweise 90 Prozent der Hühner in ihrem fünfwöchigen Turboleben Antibiotika. Die abschließende These 10 lautet:
Das ist schlicht falsch: Der Tod von mehr als tausend Tieren pro Mastdurchgang ist in einem 40.000er-Stall einkalkuliert. Und es gibt eindeutige Zahlen, die belegen, dass sich durch die im Tierschutzlabel festgelegte geringfügige Entschleunigung im Stall Krankheiten, Mortalitätsraten und Antibiotikaeinsatz deutlich verringern lassen. Das Kalkül der Kampagne ist klar: Sollen sich doch ein paar Leute in der Internet-Diskussion austoben, das Interesse wird sich in Grenzen halten – aber Millionen sehen unsere schönen Anzeigen. Dabei bringen viele Diskussionsbeiträge die Sache auf den Punkt – wie etwa Wolfram Beer, der bei uns das letzte Wort haben soll:
PS: Noch was Schönes aus der Geflügelthesen-Diskussion: Am 5. Juni beendet Sabine Weber ihre Kritik am „austauschbaren Blabla“ unter These 02 mit dem Hinweis: „Bitte diesmal entweder nicht antworten, oder keine Floskel, die ich mir nicht auch selbst zusammenschleimen kann.“ Was tut die „Deutsche Geflügelwirtschaft“? Sie antwortet Frau Weber „trotz Ihrer Skepsis unseren Argumenten gegenüber“, indem sie aus ihrem eigenen Text zu These 08 folgenden Satz herauskopiert: „Eine pauschale Betrachtung nach dem Motto ‘Klein ist gut und groß ist schlecht‘ greift in der Diskussion um die sensible Thematik der Tierhaltung aus unserer Sicht zu kurz.“ Schlagworte: Deutsche Geflügelwirtschaft, Tierschutzlabel, Wiesenhof, Auslauf, 10 Thesen, Dialog
20. Februar 2013
Bild: Der Irrsinn mit den SchlagzeilenSeit einer Woche liefert der Pferdefleisch-Skandal den Medien täglich Schlagzeilen, weil immer mehr betroffene Produkte und immer neue Details über die kriminellen Methoden der Fleischpanscher bekannt werden. Um sich da von der Konkurrenz noch abzuheben, hat sich die Bild-Zeitung am Mittwoch eine Variante ausgedacht Fünfzig verschiedene Lebensmittel-Label druckte das Blatt auf Seite eins ab, größtenteils die Siegel der Bioverbände und Bio-Markenembleme. Das sah gut aus und vermittelte den Eindruck, die Biobranche sei in den Pferdefleischskandal irgendwie verstrickt. Erst auf der zweiten Seite erfuhr man dann, was „der Pferdefleisch-Skandal“ beziehungsweise die Bild-Zeitung tatsächlich aufgedeckt hatten: „Die Tortelloni Marke Combino enthielt Pferdefleisch – und war gleichzeitig mit dem Gütesiegel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ausgezeichnet.“ Hier stellte die Zeitung plötzlich auch die richtigen Fragen: „Was nützt ein Gütesiegel, wenn nicht drin ist, was draufsteht?“ Das DLG-Siegel, das auf Seite eins zwischen 49 anderen Siegeln kaum auffiel, steht seit langem in der Kritik, weil es fast gar nichts aussagt: Es wird an konventionelle Lebensmittel verliehen, nicht staatlich überprüft und prangt auf zahllosen Produkten zweifelhafter Qualität. Der Bild-Zeitung erklärte ein DLG-Sprecher, die Siegelvergabe erfolge vor allem aufgrund von Aussehen, Konsistenz, Geruch und Geschmack. Im Jahr 2011, kurz bevor die katastrophalen hygienischen Zustände bei „Müller-Brot“ bekannt wurden, erhielten 14 Produkte dieser Marke DLG Gold. Auf Seite zwei zeigte die Bild-Zeitung auch noch ein paar Siegel, denen man vertrauen könne: das deutsche Bio-Sechseck, das „Ohne Gentechnik“-Logo, das „Regional-Fenster“ und die Siegel von drei großen Bioverbänden. Dass die meisten der anderen abgedruckten „Label“ sehr wohl ihre Berechtigung haben, ob nun als Hinweis auf den veganen oder glutenfreien Inhalt oder einfach als Bio-Marke, war da schon wieder zu kompliziert. Nach einem Hinweis, dass Pferdefleisch bisher in keinem einzigen Bioprodukt gefunden wurde, suchte man vergeblich. „Wer blickt da noch durch?“, fragte Bild auf dem Titel. Ganz klar: Nur derjenige, der sich bis ins Kleingedruckte auf Seite zwei überhaupt durchkämpfte. Schlagworte: Bild-Zeitung, Pferdefleisch, Bio-Siegel, DLG
8. Februar 2013
Deutsche Bahn: „Gutes Beispiel“Das Ergrünen roter Logos macht Schule: Auf das McDonald's-M folgt nun die Bahncard. Im April startet die Bahn „beim Klimaschutz in eine neue Dimension“, schreibt das Kundenmagazin DB mobil. Alle 4,8 Millionen Bahncard-Kunden und die Schlagworte: Deutsche Bahn, Bahnchef Grube, grüne Bahncard, CO2-frei, RWE, Wasserstrom
7. Januar 2013
Hamburger Abendblatt: Recherche gestoppt?Das Hamburger Abendblatt, eine der größten Lokalzeitungen Deutschlands, hat am Freitag mal wieder ein Eisbärenfoto aus dem Archiv gekramt und auf Seite 1 groß mit der Frage aufgemacht:
„Neue Studie des Weltklimarates“, stand darunter: „Seit 15 Jahren kein globaler Anstieg der Temperaturen mehr. Forscher streiten über die Ursachen.“ In der Überschrift des dazugehörigen Artikels im Wissenschaftsteil, der auch im Internet zu lesen ist, gibt es schon gar kein Fragezeichen mehr: „Erderwärmung macht erst mal Pause“, heißt es dort. Ein vorläufiger Bericht des Weltklimarates IPCC liefere „neuen Diskussionsstoff zur Güte der Klimamodelle und zum Einfluss des Treibhauseffekts“. Die Autorin bezieht sich auf einen Entwurf für den nächsten IPCC-Bericht, der im Internet veröffentlicht wurde, obwohl der endgültige Report erst im kommenden September erscheinen soll. Vor allem eine Grafik daraus (Figure 1.4.), wohl gemerkt noch nicht unter den hunderten IPCC-Experten abgestimmt und zur Veröffentlichung bestimmt, wurde von sogenannten Klimaskeptikern aufgegriffen. Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es in der Darstellung so aus, als halte die gemessene globale Temperatur in den letzten Jahren mit den IPCC-Projektionen nicht Schritt. Manche Kritiker sehen darin einen Beweis, dass die Prognosen der Klimaforschung falsch sind. Dabei wird über eine vermeintliche „Pause“ der Erderwärmung schon seit langem diskutiert, und Klimaforscher haben wiederholt betont, dass die seit etwa Anfang des Jahrtausends zu beobachtende Abflachung des Temperaturanstiegs innerhalb der natürlichen Variabilität liegt. Im Abendblatt erklärt denn auch Jochem Marotzke vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie: „Solche Plateaus tauchen auch in unseren Modellen auf.“ Dessen ungeachtet schreibt das Abendblatt, nun gerieten „die Klimamodelle in die Kritik“. Sie würden bei der Temperaturentwicklung der vergangenen 15 Jahre „klar danebenliegen, da sie eine kontinuierliche Erwärmung errechnet haben“. Zum vorläufigen IPCC-Report heißt es, der Text zeige „sehr deutlich, dass der globale Temperaturanstieg nicht mit dem ungebrochenen Wachstum des CO2-Ausstoßes übereinstimmt“. Seltsamerweise findet sich in dem durchgesickerten Entwurf aber gar keine entsprechende Textstelle. In der Erläuterung zu Grafik 1.4 wird außerdem darauf hingewiesen, dass natürliche Faktoren wie das unregelmäßig auftretende Klimaphänomen El Niño/La Niña und die Solarzyklen in die früheren IPCC-Projektionen nur zum Teil eingeflossen sind, und dass sich eine bessere Übereinstimmung ergibt, wenn man diese herausrechnet (so wie der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf es in einer neuen Studie vorschlägt; siehe dazu auch der Artikel „Das Fieber steigt“ im Greenpeace Magazin 6.12). Die auf Seite 1 des Abendblatts angekündigten „Forscher, die über die Ursachen streiten“, sucht man in dem Artikel vergeblich. Und der von der Zeitung erweckte Anschein, der IPCC sehe eine Stagnation der Erdtemperatur in den vergangenen 15 Jahren, ist schlicht falsch. Vielmehr heißt es in der Zusammenfassung: „AR4 (der letzte IPCC-Report von 2007) hat festgestellt, dass die Erwärmung des Klimasystems eindeutig ist. Neue Beobachtungen, längere Datenreihen und weitere palaeoklimatische Informationen unterstützen diesen Schluss.“ Und übrigens: Trotz des abgeflachten Trends war 2010 das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Messungen und 2011 das wärmste La-Niña-Jahr, in denen die globale Durchschnittstemperatur normalerweise besonders niedrig ist. Im Jahr 2012 machte dann wieder einmal die Arktis Schlagzeilen, weil das Meereis auf ein Rekordminimum geschrumpft ist – die Dynamik der Entwicklung hat selbst Experten überrascht. Gibt es also, wie das Abendblatt fragt, neue Hoffnung für die Eisbären? Wohl kaum. Wenn in den Medien immer wieder der Anschein erweckt wird, selbst die Klimaforscher seien sich über die Dringlichkeit des Klimaschutzes uneinig, dann schmilzt die Hoffnung auf einen radikalen Kurswechsel in Politik und Wirtschaft so schnell wie das arktische Eis. Schlagworte: Erderwärmung, Klimawandel, Pause, Hamburger Abendblatt, IPCC, Weltklimarat, Eisbären
30. November 2012
Stubaital: Mit Airberlin zur GletscherschmelzeHamburger Bäcker kleben in letzter Zeit öfter mal Reklame-Postkarten auf die Tüten, in denen sie zum Beispiel ihre Franzbrötchen verkaufen (das ist eine Hamburger Gebäckspezialität mit Zimt). In dieser Woche, während in Katar mal wieder über den Klimaschutz geplaudert wird, verbreiten sie Werbung der Fluggesellschaft Airberlin. Tatsächlich ist es jedoch mit der Schneesicherheit im Stubaital nicht mehr so weit her. Noch bis 2002 konnte man auf dem Stubaier Gletscher nahe Innsbruck auch im Sommer Ski fahren. Doch wie bei fast allen Gletschern der Alpen schmilzt infolge der Klimaerwärmung mehr Eis, als sich nachbildet. Seit einigen Jahren werden deshalb im Sommer Teile des Stubaier Gletschers mit einem schützenden Vlies abgedeckt, um den Eisschwund zu verlangsamen – eine Reportage im Greenpeace Magazin berichtete über die „Heftpflaster für weiße Riesen“. Was anfangs als skurrile Notlösung belächelt wurde, ist fast schon zur Normalität geworden: In einem Imagefilmchen zur alljährlichen Verhüllung des Stubaier Gletschers wird nicht einmal erwähnt, dass ein Zusammenhang mit dem Klimawandel besteht. Die Gletscherränder müssen inzwischen künstlich beschneit werden, aber all das findet das Tourismusmanagement nicht weiter besorgniserregend. Lieber lockt man mithilfe von Airberlin und Brötchentütenwerbung Hamburger Familien ins „starke Tal“ – egal, dass der Hin- und Rückflug einer vierköpfigen Familie von Hamburg nach Innsbruck Treibhausgase mit der Klimawirkung von 1680 Kilogramm CO2 freisetzt. Das ist doppelt so viel wie ein Durchschnittsinder im ganzen Jahr erzeugt, wie man bei Atmosfair schnell ausrechnen kann. Falls irgendjemand im Stubaital oder Hamburg den Zusammenhang noch nicht verstanden haben sollte: Immer mehr CO2 in der Atmosphäre führt dazu, dass es immer wärmer wird, wodurch in den Alpen und anderswo die Gletscher immer schneller schmelzen – was neben dem Verlust von Skigebieten noch andere Probleme verursacht. Übrigens: Nach Innsbruck, das nicht weit hinter der deutschen Grenze liegt, kommt man – familienfreundlich, vergleichsweise klimaverträglich und ganz gemütlich – auch mit der Eisenbahn.
PPS: Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) weist darauf hin, dass es in vielen Skigebieten Extra-Services für Urlauber gibt, die mit der Bahn anreisen. Schlagworte: Stubaital, Airberlin, Anreise, Flüge, Billigflieger, Stubaier Gletscher, Gletscherschmelze, Klimawandel, CO2
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: „Der Irrsinn mit den Gütesiegeln!“ titelte sie in grüner Optik und gab sich aufklärerisch: „Jetzt kommt raus: Auch Produkte, die Pferdefleisch enthielten, waren mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet.“
Inhaber von Streckenzeitkarten sollen dann „komplett CO2-frei“ fahren. „Das ist ein Meilenstein für die Energiewende in Deutschland“, erklärte Bahnchef Rüdiger Grube (im Foto links) bei der Vorstellung des Projekts mit Verkehrsminister Peter Ramsauer. „Dabei gehen wir als Bahn wieder einmal mit gutem Beispiel voran.“
Dazu muss man wissen, dass Hamburger, die es sich leisten können, traditionell gerne Skiurlaub machen, obwohl die Berge relativ weit weg sind (noch so eine Spezialität der Hansestadt sind die 