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Wir sollten auf Auto und Flugzeug verzichten – wann immer es geht

Ökologische Lebenskunst ist das wichtigste Thema für den Berliner Philosophen Wilhelm Schmid. Mit seiner Familie übt er selbst kleine Schritte mit großer Wirkung.

GPM: Sie lehren Lebenskunst — was ist das?

Wilhelm Schmid: Lebenskunst bedeutet bewusste Lebensführung im Sinne eines vorausschauenden, umsichtigen und rücksichtsvollen Lebens. Das kann ein Leben der Muße oder der Unrast sein, ein ökologisches oder unökologisches. Wie und nach welchen Werten ein Mensch sein Leben gestaltet, entscheidet jeder und jede für sich. Er oder sie muss ja auch mit dem eigenen Leben dafür einstehen, trägt also alle Verantwortung selbst. Die Lebenskunst ist schon vor 2500 Jahren ein Anliegen der antiken Philosophen gewesen. In den letzten 200 Jahren wurde sie in der universitären Philosophie schlicht nicht mehr gepflegt. Inzwischen fragen aber wieder unglaublich viele Menschen nach der Lebenskunst und entdecken sie neu, wenn auch nicht mehr in derselben Weise wie einst.

 

Sondern?

Frühere Philosophen sagten den Menschen, wie sie zu leben haben. Heute geht das nicht mehr, weil es die moderne Idee der Autonomie gibt.

 

Das heißt, die Menschen lassen sich nicht bevormunden.

Richtig. Insofern kann die Aufgabe des heutigen Philosophen nur darin bestehen, Dinge gemeinsam mit Menschen zu durchdenken. Nicht um die letzte Wahrheit zu finden, sondern etwas, das uns einleuchtend und gut begründet erscheint. Ich stelle keine Normen auf, sondern mache Vorschläge und eröffne Optionen. Dafür allerdings besteht in unserer individualisierten Gesellschaft großer Bedarf.

 

Weil viele nach Orientierung suchen?

Ja, die ist in der Freiheit verloren gegangen. Die Idee der Verwirklichung von individueller Freiheit entstammt der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Freiheit wurde im Wesentlichen verstanden als Befreiung von Bevormundung durch Religion, durch Politik, durch Tradition, selbst durch Natur. Jetzt stehen eine Menge Individuen, die durch nichts mehr bestimmt sind, da sie alle Bindungen und Beziehungen losgeworden sind, vor dem Nichts und überlegen, wie sie sinnvoll leben können. Da ist die Ratlosigkeit riesig.

 

Sie plädieren nun speziell für „ökologische Lebenskunst“.

Ökologie war nie ein Thema für Lebenskunst und Philosophie, obwohl schon im alten Athen für den Schiffbau ganze Wälder abgeholzt wurden. Dabei kann man eines lernen: Ökologische Sünden wirken verblüffend lange nach, denn diese Gebiete sind bis heute kahl. Mit moderner Technik, mit Industrie und heutigem Energiekonsum sind die Probleme aber in einer Weise kulminiert, auf die Menschen nicht gefasst waren. Wir wollten uns zum Beispiel von der Bevormundung der Natur befreien, auf dem Erdboden bleiben zu müssen, und lernten fliegen. Lernen mussten wir dann aber auch, dass ungebremstes Verbrennen fossiler Energieträger das Klima schädigt. Wir sollten also schon aus blankem Eigeninteresse ökologisch leben – was auch heißen kann, auf Flugzeug und Auto zu verzichten, wo immer es möglich ist. Darum geht es mir bei der Lebenskunst: Es ist in deinem eigenen Interesse, in einer natürlichen Umgebung zu leben. Und es liegt an dir, etwas dafür zu tun.

 

Das klingt nach Askese. Ist dies nicht eben jene Bevormundung, die so oft mit Umweltschutz verbunden wird?
Nein, es ist aufgeklärtes Eigeninteresse. Es war ein Fehler, geradezu schädlich von der Öko-Bewegung, vor allem Verzicht zu predigen, Askese zu treiben. Zwar hat Askese eigentlich einen hohen Wert, denn sie bedeutet Zeit der Erholung für uns selbst, Zeit der Erholung für die Natur, um sie nicht zu überlasten. Aber dies kann man nicht mit erhobenem Zeigefinger verordnen. Es ist ein Rätsel, warum ausgerechnet diejenigen, die aus der antiautoritären Bewegung kamen, sich als Ökologen wieder autoritär gebärdeten. Ebenso verhängnisvoll war es,
all die konservativen Akteure und Anliegen, die es anfangs gab, aus dieser Bewegung zu drängen. Das hat dazu geführt, dass konservative Politiker die Ökologie für eine Sache halten, die nichts mit ihnen zu tun hat. Dabei müsste es ein konservatives Kernanliegen sein, natürliche Zusammenhänge zu bewahren.

 

Wie lassen sich solche Hürden überwinden, wenn ich jemanden für ökologische Lebenskunst gewinnen will?
Das hängt davon ab, ob er oder sie einen sinnlichen oder rationalen Zugang bevorzugt. Den einen kann ich zum Beispiel zum Essen einladen und sagen: Ich habe heute im Bioladen – nein, das sage ich besser gar nicht –, ich habe ein gutes Stück Fleisch gekauft, das essen wir zusammen. Er wird sagen: Das schmeckt sehr gut. Und dann sage ich: Das ist eben Biofleisch. Wenn ich im Supermarkt einkaufe, schmeckt es eher fade. So bekommt man Ökologie unmittelbar zu schmecken. Biolebensmittel sind ja in der Tat weitaus schmackhafter ...
Andere überzeugt eher ein rationales Argument, etwa der Blick auf die Stromrechnung. Es macht einen Unterschied, ob ich jeden Abend Festbeleuchtung habe oder aber das Licht ausschalte, sobald ich aus dem Zimmer gehe – das ist spürbar im Portemonnaie, sodass jemand schon aus diesem Grund ökologischer denken und handeln könnte. Aber ich gebe zu, das hat Schwächen. Auch in meiner Familie führt das nicht zwingend dazu, dass alle sich dessen befleißigen, selbst wenn sie guten Willens sind. Es ist eben sehr schwer, Gewohnheiten zu ändern.

 

Wie gehe ich also vor, wenn ich umweltfreundlicher leben will?
Ich fange klein an. Wenn ich Äpfel einkaufe, achte ich darauf, nicht Äpfel aus Neuseeland zu kaufen, sondern mich an die Jahreszeiten zu halten. Ich verzichte also, obwohl ich sie sehr gerne esse, ungefähr ab April auf Äpfel, bis die Saison im Herbst wieder beginnt. Wir selbst lassen uns von einem Ökohof in Brandenburg jede Woche kistenweise „Rohmaterial“ anliefern: Gemüse, Obst und ein paar andere Sachen. Den Rest kaufen wir im Supermarkt. Unser Geldbeutel hat Grenzen – und doch investieren wir ins ökologische Essen, was ohnehin leichter fällt, wenn man Kinder hat.

 

Ich muss also nicht „das große Konzept“ entwickeln, sondern kann bei kleinen Dingen ansetzen.
Absolut. Natürlich geht es auch ein bisschen schwerwiegender. Wir haben zum Beispiel in unserem Haushalt seit vielen Jahren kein Auto, auch aus ökologischen Gründen.

 

Und das mit vier Kindern?
Wir haben uns darauf eingestellt: Ich kenne die Fahrpläne von Zug und Bus auswendig. Mein Kleinster ist verrückt nach Bussen und Bahnen. So wie andere Kinder Autos kennen, kann er ICE 1, 2 und 3 voneinander unterscheiden. Bei uns klagt jedenfalls keiner über ein fehlendes Auto.

 

Viele sind im Alltag so eingespannt, dass sie mehr Aufwand für ökologisches Verhalten scheuen. Was raten Sie da?
Ich rate zu Kompromissen, weil der Pfad der vollständigen ökologischen Tugend kaum gangbar ist. Das Verkünden der reinen Lehre hat der Ökologie nicht gut getan. Missionieren ist nicht der richtige Weg.


Muss ich nicht konsequent sein, wenn ich Gewohnheiten ändern will?
Ein paar Begriffe werden wir wieder neu entdecken müssen. Dazu gehört Disziplin, die in den letzten 30 Jahren tabu war, weil sie so autoritär klingt. Mit Disziplin, die ich mir selbst auferlege, kann ich aber viel erreichen. Das muss ich üben, und auf Anfängerstufe beginnen: Wenn ich gerne Schokolade esse, gönne  ich mir ein paar Tage nur die Hälfte der üblichen Portion. So erarbeite ich mir ein Know-how und kann das auf eine anspruchsvollere Ebene übertragen. Zum Beispiel mich dazu
zu erziehen, abends alle Stunde mal einen Blick durch die Wohnung zu werfen, wo unnötig Licht brennt. Die antrainierte Disziplin hilft mir, bewusst zum Lichtschalter zu gehen; ohne sie raffen wir uns kaum dazu auf, mal vom Sofa aufzustehen.

 

Man startet als Anfänger und kann sich zum Profi entwickeln, der eine Gewohnheit nach der anderen ändert.
Ja, aber am Üben kommen wir nicht vorbei. Wenn ich jetzt beschließe, ich ändere eine Gewohnheit, ist morgen nicht alles anders. Am besten übe ich die eine Gewohnheit weg und dafür eine andere ein, damit keine Leerstelle entsteht. Und das bedeutet stetige Wiederholung in regelmäßigen Abständen. Dies muss zur zweiten Natur werden – ich darf also nicht mehr merken, dass ich etwas anders mache. Je nach Schwere der Angelegenheit kann das eine Sache von Wochen, aber auch von Jahren sein. Und es gibt auch ein gewisses Rückfallrisiko.


Das erinnert an eine Diät, bei der es auch nicht reicht, zwei Wochen weniger zu essen. Da müssen die Lebensgewohnheiten ebenso langfristig umgestellt werden.
Deswegen mein Plädoyer, beim Harmlosesten und Kleinsten zu beginnen, um eine Ahnung zu bekommen, welch weitreichende Konsequenzen eine kleine Änderung haben kann, und diese Erfahrung langsam zu steigern. Wenn wir uns eine komplette Lebensänderung auf einen Schlag abverlangen, liegt die Rückfallquote bei 100 Prozent.

 

Ändert man nur bei sich selbst etwas, wenn man Gewohnheiten ändert, oder gibt es auch Wirkungen nach außen?
Es gibt Wirkungen, und womöglich nicht nur auf die private Umgebung: Ich kann als Konsument Einfluss auf Gewohnheiten der industriellen Produktion nehmen. Die „Gewohnheit“ von Elektrokonzernen etwa ist, immer mit dem Neuesten auf den Markt zu kommen – ob es Handys sind oder Fernseher. Wenn wir das aber nicht nachfragen und unseren Fernseher zehn Jahre und länger behalten, statt immer dem neuesten Trend hinterherzulaufen, dann reagieren darauf auch die Konzerne und achten auf Haltbarkeit statt auf Verschleiß. Sobald der Absatz um Promille einbricht, schrillen dort die Alarmglocken. Und für dieses Promille können wir als bewusste Konsumenten sicher sorgen.


Welche Rolle spielt das soziale Umfeld bei solchen Veränderungen?
Ich bin gut beraten, wenn ich etwas ändern möchte, mir das Umfeld dafür zu schaffen, zum Beispiel indem ich nach Gleichgesinnten suche.


Statt eines Joggingpartners also jemanden, mit dem ich im Bioladen einkaufe oder einmal die Woche ökologisches Essen koche.
Oder mich für Projekte engagiere. Das kann sinnvoll sein. Entweder sucht man sich Menschen im persönlichen Umfeld oder, wenn das nicht geht, etwas unpersönlicher über das Internet. Per Suchwort begegnet man rasch den anderen Interessenten, mit denen man sich dann verabreden kann.


Zur Lebenskunst zählt für Sie auch soziales Engagement. Sie selbst setzen sich als Seelsorger in einem Krankenhaus ein.
Die Lebenskunst, also das bewusste Interesse am eigenen Leben, bringt das ökologische Umfeld nahe und ebenso das soziale, schließlich hat es Auswirkungen auf mich, mit wemich lebe. Also ist es mein ureigenes Interesse, mich auch um andere Menschen zu bemühen. Wenn ich mich auf andere zu bewege, kann das unglaublich erfüllende Beziehungen zur Folge haben. Ich hatte anfangs den Verdacht, meine Arbeit im Krankenhaus würde vor allem problematisch sein, und war verblüfft, dass sie sich als äußerst erfüllend erwies. Ich erlebe es als wohltuend für mich, dass ich wohltuend für andere sein kann. Wer solche Dinge an sich heranlässt, macht die Erfahrung, dass es in seinem eigenen Interesse ist, sich um andere zu bemühen.


Wie kamen Sie dazu und warum gerade ein Schweizer Spital?

Ärzte dort hatten etwas von mir gelesen und baten mich, das in einem Vortrag vorzustellen: „Vom Sinn der Schmerzen“. Ich dachte, als Philosoph im Krankenhaus zu wirken, das sei sinnlos. Aber das Verblüffende ist, es macht in hohem Maße Sinn. Weil es dort besonders viele Menschen gibt, die bereit sind, nachzudenken über ihr Leben, weit mehr als im Alltag: Welche Änderungen sie in ihrem Leben vollziehen könnten, welche ihnen ein Leben überhaupt wieder ermöglichen, auch ein Leben mit ihrer Krankheit.


Sie wünschen sich in Ihrem Buch über Lebenskunst ein anderes Politikverständnis. Wie schätzen Sie angesichts der Großen Koalition die Chancen dafür ein?
Koalitionen kommen und gehen. Was Bestand hat, sind die ökologischen Probleme, die rascher wachsen als die Ökonomie. Wichtiger als irgendwelche Koalitionen in der „großen Politik“ scheint mir allemal die „Kleinstpolitik“ derer zu sein, die sich um ihr eigenes Leben und um das Zusammenleben in der Gesellschaft und mit der Natur kümmern. Denn das hat ein konkret verändertes Verhalten zur Folge und ist wirksamer als so manche Gesetzgebung, die in der Praxis ja doch wieder unterlaufen wird.


Bislang gilt in der Koalition der Satz „Vorfahrt für Arbeit“, packt dies unsere Probleme an der Wurzel?
Politisch erstrangig sind die ökologischen Probleme, das zeigt sich von Jahr zu Jahr deutlicher. Wenn wir die nicht lösen, können wir uns irgendwann die Lösung der restlichen Probleme ersparen. Daher sollte gelten: Absolute Vorfahrt für Ökologie! Dann gibt es auch Arbeit, wie sich mittlerweile zeigt. Deutschland ist Weltmarktführer in der Windenergie, und es ist auf dem besten Weg, Weltmarktführer in der Solarenergie zu werden, und nicht zuletzt in China entsteht für diese erneuerbaren Energien nun ein riesiger Markt. Da werden Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Arbeitsplätze, bei denen man zudem ein gutes Gewissen haben kann, weil sie ökologisch und sozial positivste Folgen haben. Das beste Sozialprogramm ist Ökologie.

 

Interview: Kirsten Brodde und Alexandra Rigos



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