greenpeace magazin 1.06

36 Pssssssst ...

 

Waren Sie mal im Herbst im Hochgebirge? An einem windstillen Tag? Kein Laut ist da zu vernehmen, selbst die sonst glucksenden Bäche sind versiegt und schweigen. Aber so viel Aufwand müssen Sie gar nicht betreiben, um einen wirklich ruhigen Ort zum Innehalten zu finden. Vielleicht entdecken Sie ihn morgens im Park. Oder in einer Kirche. In einer Bibliothek. Suchen Sie diesen Ort - und halten Sie dort einen Moment lang den Atem an.

 

 

Die Ostsee hat alles geändert
Ferienzeit im Sommer vor zwei Jahren. Ich fuhr nach Norden, ganz gegen meine bisherigen Vorlieben. All die Jahre musste der Urlaub lustig, laut und voller Menschen sein. Je mehr, desto besser. Dann der Richtungswechsel, ich fuhr von Berlin an die Ostsee. Da saß ich dann, sanft schnappten Wellen nach meinen Schuhen, lau streichelte mir der Wind die Stirn, selbst das Gekreisch der Möwen klang wie die Esoterik-Musik aus den Boxen meines Fitnessstudios. Schöner hätte es nicht kommen können, freute ich mich kurz nach der Ankunft. Drei Wochen in der zauberhaften Pampa Mecklenburgs, drei Wochen nur das Meer und ich. Das Glück hatte einen Namen: Ahrenshoop.
Und es hielt nur zwei Tage. Dann zerbröckelte meine Euphorie wie Straßenasphalt unterm Presslufthammer. Mein Herz startete einen Amoklauf, durch meine Ohren stampften Elefantenherden, Panik schlich sich an. Diese Gegend war einfach zuviel. Zu schön, zu gesund, vor allem aber: viel zu ruhig. Sie wirbelte meine innere Sicherheit durcheinander, brachte meinen Biorhythmus ins Stolpern, sie funkte mir ins Wohlfühl-Schema. Ich, Großstadtneurotikerin aus Berlin, musste erkennen, dass ich mit Krach viel besser leben kann. Grölende Fußballfans in der U-Bahn, dezibel-geile Hip-Hopper in wummernden Karren, Nonstop-Bohrer an Altbauwänden waren mir anscheinend lieber als Insulaner im Schweigerausch. Alles war mir vertrauter als ein Eiland, auf dem nur eines dröhnte: die Stille. Ich kann prima leben, dachte ich, mit all der Motzerei und Meuterei in meinem Moloch, der Berlin heißt. Schließlich habe ich ihn mir selbst ausgesucht.
Doch der Ostseeurlaub sollte dies ändern. Nach und nach sickerte die Stille in mein Hirn, beruhigte meinen Puls – und rief gute Gefühle wach. Meine Begeisterung für die Krach-Kulisse Großstadt ist heute lädiert. Das liegt natürlich am Älterwerden. Ich verändere mich und gebe unumwunden zu: Ich will gern runterkommen. Lese Texte zu „Entschleunigung“, schalte von Pop auf Klassik um, fliehe in die Wälder Brandenburgs, wann immer es möglich ist. Mit dabei: Freunde und Gleichgesinnte, deren Akkus am Ende und deren Nerven blank sind und die wie ich den Lärm unseres Lebens nicht mehr cool und spannend finden, sondern blöd und nervig. Und schleicht sich in der weiten Stille unserer Refugien doch wieder Panik an, bleiben wir ganz ruhig: Was, Heiner, Herzattacke? Das ist nur das fröhliche Hüpfen deiner ungestressten Pumpe. Die scheint zu wissen, was dir gut tut.
Und auf einmal wollen alle mitmachen, jedenfalls alle Ende 30. Sie drehen den Lautstärkeregler auf „low“, mieten sich in Klöster ein, rennen in Quigong- und Yogakurse. Und lassen die Wellness-Branche boomen.
Gerade schlug eine Freundin vor, Silvester diesmal in der Einöde des Nordseewatts zu feiern, ohne Party, ohne Böller, ohne Rausch. Verdient das Jahresende nicht ein Rambazamba? Wahrscheinlich. Doch uns reizt das Wagnis mehr: Sekt am Lagerfeuer, Bleigießen unterm Sternenhimmel – und Ruhe. Dann kann das Jahr 2006 kommen. Wir werden es relaxt angehen, austariert. Jedenfalls mit mehr Elan.

 

Judka Strittmatter


 



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