greenpeace magazin 1.96

Panorama

Greenpeace in aller Welt

23.10.95, New York

Protest von oben

Die Uno feiert ihren fünfzigsten Geburtstag; Tausende Polizisten patrouillieren in New Yorks Straßen. Doch Greenpeace kommt aus der Luft. Am Tag, an dem der französische Staatspräsident Jacques Chirac seine Glückwunschrede hält, richtet sich die Aufmerksamkeit der Journalisten auf einen Paraglider, der mit wehendem Banner gegen die französischen Atomtests den Hudson River überquert. Ein deutscher Greenpeacer ist mit dem Gleitschirm unbemerkt drei Kilometer entfernt im Stadtteil Queens gestartet und nähert sich, getrieben von einem kleinen Propellermotor, dem UN-Gebäude bis auf hundert Meter. Als Polizeihubschrauber immer enger um das labile Fluggerät kreisen, landet der Greenpeace-Aktivist auf Roosevelt-Island und wird festgenommen. Ein Gericht verurteilt ihn wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu einer Geldstrafe von 250 Dollar. Jacques Chirac bleibt straffrei.

 

25.10.95, Brindisi

Randale auf der Altair

Soldaten der französischen Kriegsmarine kapern im Hafen der italienischen Stadt Brindisi das Greenpeace-Schiff Altair, zerschlagen die Fenster der Schiffsbrücke, bedrohen die Besatzung und zünden Tränengasgranaten. Zugleich versuchen Soldaten von Bord des französischen Zerstörers Dupleix aus, mit Hochdruck-Wasserkanonen die Maschine der Altair lahmzulegen, indem sie über den Schornstein den Maschinenraum mit Wasser vollaufen lassen. Als ihnen das nicht gelingt, legen die randalierenden Marine-Truppen den Rückwärtsgang des Greenpeace-Schiffes ein und lassen es mit voller Kraft an der Hafen-Pier entlangschrammen. Dabei wird ein metergroßes Loch in die Bordwand gerissen. Um ein Haar werden bei der Amokfahrt zwei kleine italienische Boote gerammt; auf einem davon schlafen Menschen. Daß nichts Schlimmeres geschieht, ist einem Greenpeace-Ingenieur zu verdanken, dem es in letzter Sekunde noch gelingt, die Maschine der Altair zu stoppen. Vor dem Angriff hatten die Altair-Besatzung und italienische Greenpeace-Aktivisten von Schlauchbooten aus Anti-Atomtest-Parolen an die Bordwand der Dupleix gesprüht. Der Amoklauf der Franzosen hat in Italien hohe Wellen geschlagen: Der französische Botschafter wurde in Rom ins Außenministerium einbestellt; zudem wird geprüft, ob gerichtliche Schritte gegen die französische Marine möglich sind.

 

7.11.95, Cherbourg

Atom-Connection

Im Morgengrauen fahren vier Greenpeace-Schlauchboote in den Hafen von Cherbourg. In meterhohen Lettern malen die Aktivisten „Stoppt den Atomhandel“ und „Atomarer Mülleimer“ auf die Bordwand der Pacific Pintail. Der britische Atomfrachter bringt aus Japan abgebrannte Kernbrennstäbe nach Frankreich, aus denen in der Wiederaufbereitungsanlage La Hague die Plutonium-Anteile herausgetrennt werden sollen. Der französischen Wasserschutzpolizei gelingt es, drei Greenpeace-Aktivisten festzunehmen. Die Besatzungen der anderen drei Schlauchboote entkommen auf die britische Kanalinsel Alderney. Mit der Aktion weist Greenpeace darauf hin, daß trotz aller japanischen Proteste gegen die französischen Atomversuche auf Moruroa die nukleare Kooperation zwischen beiden Staaten ungestört weitergeht. Und das, obwohl die Verträge Tokios mit Frankreich über die Wiederaufbereitung zur Finanzierung des französischen Atomprogramms beitragen. Außerdem wird auch das Plutonium für französische Kernwaffen in La Hague gewonnen. „Wenn die Japaner ihren Protest ernst einen, müssen sie ihre Verträge mit La Hague kündigen“, fordert ein Greenpeace-Sprecher.

 

7.11.95, Sankt-Lorenz-Golf

Chemie gefährdet Belugas

Die Maschinen des Greenpeace-Schiffs Moby Dick stoppen an einer bestimmten Position vor der Nordostküste Kanadas. Die Crew übergibt die Nachbildung eines Beluga-Wals den Wellen. Genau unter der Moby Dick liegt noch immer das vor 20 Jahren gesunkene Schiff Irving Whale mit 8000 Kilogramm polychlorierten Biphenylen (PCB) an Bord auf dem Meeresgrund. Wird das Wrack nicht bald gehoben, sind die Beluga-Wale an der Nordostküste von Kanada massiv bedroht. PCB und andere organische Chlorverbindungen führen bei ihnen zu erhöhter Unfruchtbarkeit und Säuglingssterblichkeit.

 

11.11.95, Bonn

Mahnwache

Trauer um Ken Saro-Wiwa. Am Tag nach der Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers und acht weiterer Umweltschützer durch das Militär-Regime in Lagos hält Greenpeace vor der nigerianischen Botschaft in Bonn Mahnwache. Auch am Brandenburger Tor in Berlin wird um den Schriftsteller getrauert, der mit friedlichen Mitteln gegen die Verwüstung seiner Heimat, des Stammesgebietes der Ogoni, gekämpft hat. Seit Jahren unterstützt Greenpeace die Ogoni, die nicht länger die Folgen der Ölförderung im Nigerdelta hinnehmen wollen: Dort verpesten die Konzerne „Agip“, „Elf“ und „Shell“ durch Schlamperei und Mißachtung aller Umwelt-Standards Boden, Luft und Wasser. Erst nach der Hinrichtung schließen sich zahlreiche Industrieländer dem Protest an: Die USA und Großbritannien verhängen ein Waffenembargo, der Commonwealth-Gipfel droht Nigeria den Ausschluß an, und die Staaten der Europäischen Union ziehen ihre Botschafter ab (siehe auch Kommentar Seite 30).



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