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greenpeace magazin 2.97
Castor-Transporte: Einmal Frankfurt-FloridaWissenschaftler streiten darüber, ob die Neutronenstrahlung aus den Castor-Behältern Krebs erzeugen kann. Davon wären besonders Polizisten betroffen.
Vor Polizisten, Bundesgrenzschützern, Kernkraftwerksmitarbeitern und Ministerialbeamten diskutieren Mitte Januar fünf Wissenschaftler über die Frage, wie gefährlich die Strahlung des Castors für die Polizisten ist, die den Behälter während der Transporte oft stundenlang in nächster Nähe begleiten müssen. Die Professoren Horst Kuni aus Marburg und Wolfgang Köhnlein aus Münster behaupten, daß die zulässige Strahlenbelastung der Polizisten weit überschritten wird. Ihr wichtigstes Argument: Aus dem Castor dringt vor allem Neutronenstrahlung, und diese sei im Vergleich zu herkömmlicher Röntgen-, Gamma- oder Betastrahlung um ein Vielfaches schädlicher. Herwig Paretzke, stellvertretender Vorsitzender der regierungsamtlichen Strahlenschutzkommission in Bonn, der Münchner Strahlenbiologe Albrecht Kellerer und der Gießener Strahlenphysiker Jürgen Kiefer sollen die beiden Abweichler auf den Pfad der rechten Lehre zurückholen.
Wolfgang Köhnlein projiziert eine Folie an die Wand des Vortragssaals, Ergebnisse einer Testserie mit „Sprague-Dawley-Ratten“, die längere Zeit entweder normalen Strahlen oder Neutronenstrahlen ausgesetzt waren. Das Experiment, das vor Jahrzehnten ausgerechnet sein Diskussionsgegner Kellerer durchführte, zeigt, daß die Neutronen 100- bis 200mal krebserregender waren als die anderen Strahlungsarten. „Das war ein spezieller Fall“, antwortet Kellerer. „Neutronen haben bei verschiedenen biologischen Systemen extrem unterschiedliche ,relative biologische Wirksamkeiten‘“.
Die deutsche Strahlenschutzkommission, verantwortlich für die Umsetzung der komplexen Wirklichkeit in einfache Gesetze, legte fest, daß Neutronen zehnmal wirksamer sind. Das ist selbst der Internationalen Strahlenschutzkommission zu niedrig, sie fordert seit 1991 den Faktor 20. „Für den Niedrigdosisbereich fordere ich den Faktor 75“, stellt Abweichler Kuni fest, „denn der sogenannte ,Erholungsfaktor‘, bei dem man annimmt, daß sich Gewebe von niedrigen Strahlendosen erholen kann, existiert nicht.“
„Herr Kuni, würden sie mir zustimmen, daß die Belastung während einer Stunde Castor-Einsatz nicht höher ist als die Belastung bei einem zehnstündigen Flug von Frankfurt nach Florida in 10.000 Meter Höhe?“ fragt Strahlenschutzkommissionär Paretzke. „Das müßte ich nachrechnen“, antwortet Kuni. „Aber dann ist es ja immer noch ein Unterschied, ob man dieses Risiko freiwillig eingeht, oder ob man vom Dienstherrn gezwungen wird.“ Daß in Niedersachsen wenigstens Frauen und Jugendliche bei den letzten Einsätzen angewiesen waren, bei Durchfahrt des Castors 50 Meter „ins Feld zu treten“, hält Kuni für „das Mindeste“ an Sicherheitsmaßnahmen.
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