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greenpeace magazin 2.97
Die blaue RevolutionSchon heute stammt ein Fünftel aller Speisefische aus Zuchtbetrieben – Tendenz steigend. Doch die meisten Aquakultur-Farmen belasten die Umwelt, ohne die Überfischung der Meere zu stoppen. Ein Report von Bob Holmes
Tuckers Forschungslabor im Institut für Ozeanographie in Fort Pierce, Florida, bietet einen Einblick in das, was viele als Zukunft der Fischerei bezeichnen. Schon heute stammt weltweit jeder fünfte Speisefisch aus Fischfarmen, und ihr Anteil wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen. Fischzüchter werden die Aufgabe von Hochseefischern übernehmen und unabhängig von ständig wechselnden, unvorhersehbaren Fischbeständen einen sicheren Ertrag garantieren. „Im Jahr 2020 wird die Aquakultur eine größere Bedeutung haben als die Fischerei“, glaubt der Ökologe Malcolm Beveridge vom Stirling Institut für Aquakultur in Schottland.
Tatsächlich erzwingt die weltweite Fischereikrise neue Ideen. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind 25 Prozent des weltweiten Fischbestandes überfischt oder bereits zusammengebrochen; weitere 44 Prozent sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Zu viele Schiffe mit immer größeren Fangkapazitäten machen Jagd auf zu wenige Fische. Die Fänge der EU-Staaten beispielsweise müßten um 40 Prozent reduziert werden, wenn sich die Fischpopulationen in den europäischen Fanggebieten wieder erholen sollen. Doch statt dieses Problem anzugehen, stritten sich die Fischereiminister der EU im Oktober 1996 lediglich darum, wie sie die Fischereirechte untereinander aufteilen.
Angesichts solch bürokratischer Unfähigkeit sieht die Zukunft der Fischerei düster aus. „Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die Barsch oder Dorsch auf dem Teller hat“, meint Jeffrey Graham vom Scripps Institut für Ozeanographie im kalifornischen La Jolla. Dorsch und Thunfisch werden möglicherweise schon bald so selten auf den Märkten westlicher Industrieländer landen wie Wildschwein oder Rebhuhn. Ihren Platz werden zunehmend leicht zu züchtende Arten einnehmen, zum Beispiel Tilapien, die aus den afrikanischen Binnenseen stammen.
Diese mittelgroßen Fische aus der Familie der Buntbarsche wachsen rasch, ertragen auch hohe Besatzdichten und fressen nahezu alles, sogar Abfälle. Schon werden Tilapien von Fischhändlern und Supermärkten westlicher Industrieländer angeboten. Sie erobern vor allem den Markt der Tiefkühlfilets aus weißem Fischfleisch, zum Beispiel Fischstäbchen.
Neben Tilapien füllen Zuchtlachse und -garnelen die Auslagen der Fischhändler. Experten meinen, jeder beliebige Fisch könne gezüchtet werden – vorausgesetzt, die Kasse stimmt. Denn so gefragte Speisefischarten wie Heilbutt, Barsch, Dorsch und Schnapper haben hohe Ansprüche an Futter- und Wasserqualität, was die Kosten und damit die Verkaufspreise erhöht.
Auch in technisch wenig aufwendigen Zuchtbetrieben zeichnet sich ein Trend zu teuren Arten ab. Oft knüpfen internationale Förderer für Aquakulturen in Dritte-Welt-Ländern an die Geldvergabe die Bedingung, daß nur hochwertige Arten wie Shrimps gezüchtet werden. Denn die bringen harte Devisen aus reichen Ländern ein – und die lokalen Märkte gehen leer aus. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet die „Hinterhof-Fischzucht“ vieler chinesischer Bauern: Sie wandeln mehrere 100 Quadratmeter ihres Grundbesitzes in Fischteiche um, ernähren von deren Ertrag ihre Familien und verkaufen die Fische in der Region – ein Beispiel, das auch in Afrika und Asien Schule machen könnte. Den Armen in den Slums der Städte freilich fehlen entsprechende Möglichkeiten. Für sie scheinen die Tage, in denen Fisch „das Eiweiß der armen Leute“ war, für immer der Vergangenheit anzugehören.
Denn es gibt noch einen weiteren Grund, warum die bei Reichen begehrten Speisefische niemals die Hungernden der Welt ernähren werden – egal, wie billig und in welchem Umfang sie gezüchtet werden können. Die meisten dieser Arten sind Raubfische, die eiweißhaltiges Futter benötigen. Um ein Kilo Meeresfisch oder Garnelen zu produzieren, werden laut FAO mehr als zwei Kilo Fischmehl benötigt – hergestellt aus Sardinen, Schellfisch und anderen „minderwertigen“ Arten. „Die Zucht von Meeresfischen ist ein Nettoverlust“, sagt Robin Welcome von der FAO. Mit anderen Worten: Der Glaube, daß Aquakultur der Ausbeutung der Meere entgegenwirkt, ist schlichtweg falsch.
Um diesem Problem entgegenzutreten, arbeiten Forscher derzeit an der Entwicklung von eiweißreichem Futter auf Pflanzenbasis. In China beispielsweise wird teilweise auf alten Maiskolben gezüchtete Hefe zur Fütterung verwendet. Das ist weit billiger als Fischmehl und kann zudem von den Züchtern selbst produziert werden.
Fischfarmen verbrauchen jedoch nicht nur Futter, sondern auch immense Süßwassermengen. Weil etwa Garnelen am besten in Brackwasser gedeihen, vermischen die Züchter Salz- mit Süßwasser. So sank in Thailand der Grundwasserspiegel mancherorts um mehr als vier Meter in nur zwei Jahren. Zudem produzieren allein die thailändischen Fischfarmen laut einer FAO-Studie jährlich über eine Milliarde Kubikmeter Dreck – eine übelriechende Mischung aus Kadavern, Kot und Futterresten, die meist ungehindert in das umgebende Wasser fließt.
Ständig bedrohen Epidemien die Zuchten – wie überall, wo viele Individuen auf dichtem Raum zusammengepfercht werden: sei es in den Slums der Städte, auf Maisfeldern oder eben in Garnelenzuchtbecken. Für speziell dieses Problem suchen Tucker und sein Team in Fort Pierce Lösungen. So impfen sie beispielsweise ihre Jungfische mit einem gezüchteten Bacillus-Stamm, der der natürlichen Darmflora der Fische entspricht und die Fische erfolgreich vor Krankheitserregern schützt.
Doch selbst wenn sich Lösungen für die vielfältigen Probleme der Aquakulturen finden lassen, bleibt die Frage: Wohin mit den ganzen Fischfarmen? Sie nehmen armen Bauern den Boden für den Reisanbau, sie zerstören großflächig Mangrovenwälder (in Indien zum Beispiel bereits 40 Prozent), die unverzichtbare Kinderstube vieler tropischer Fischarten, sie machen sich in den flachen Küstengewässern breit, in denen mehr als zwei Drittel aller Meeresfische ihre ersten Lebenswochen verbringen. Manche Wissenschaftler befürchten, daß die Aquakultur für die Meere ähnlich verheerende Folgen haben wird wie einst der Ackerbau in den USA für die Prärie. Andererseits zählen die Mais- und Weizenfelder der USA heute zu den Kornkammern der Welt. Es gilt abzuwägen zwischen Schaden und Nutzen. Nur wenn wir aus den Fehlern der Landwirtschaft lernen und nach ökologisch verträglicheren Wegen suchen, wird die „blaue Revolution“ ein Gewinn für die Menschheit sein. Bio-Fisch auf dem Vormarsch
Einige Fische wie Karpfen oder Lachse werden bereits nach ökologischen Richtlinien aufgezogen. „Naturland“ hat sowohl Kriterien für naturgemäße Teichwirtschaft als auch für die Zucht von Lachsen und anderen Kaltwasserfischen ausgearbeitet: Fische mit Naturland-Zertifikat bekommen beispielsweise Futter ohne synthetische Zusatzstoffe, keine vorbeugenden Medikamente, und es dürfen nur so viele Fische in dem Aufzuchtgewässer schwimmen, wie dessen natürlicher Sauerstoffgehalt versorgt. Karpfen müssen sich mindestens zur Hälfte von Pflanzen des Teiches ernähren können; Lachse werden direkt im Meer in Käfigen gehalten, die für ihre natürliche Nahrung – kleine Fische – passierbar sind. Unter der Marke „Bioverde“ bietet etwa die Firma „Isana“ nach ökologischen Richtlinien gezüchtete Forellen und Lachse im Naturkosthandel an. Neben Naturland vergeben auch der norwegische Anbauverband „Debio“ sowie die italienische „Bioagricoop“ Zertifikate für Öko-Zuchtfisch. Von „Demeter“ werden derzeit lediglich Karpfen aus einem einzigen Zuchtbetrieb angeboten. Noch im Laufe dieses Jahres will Demeter umfassende Richtlinien für die Süßwasserfischzucht vorstellen.
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