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greenpeace magazin 2.97
Geheimakte NikitinSein Einsatz für den Umweltschutz machte den ehemaligen Atom-U-Boot-Offizier Alexander Nikitin zur Zielscheibe des russischen Geheimdienstes. Im GPM erzählt er exklusiv die Geschichte des Kampfes um seine Freiheit.
Als seine Frau Tatjana ihn an einem Samstagabend im Dezember vom Gefängnis abholt, erschrickt sie. Ihr Mann ist abgemagert, hat einen Vollbart, zottige Haare und in den Höhlen liegende Augen. Als Alexander Nikitin seine Wohnung im Nordosten von St. Petersburg betritt, fletscht sein Pudel wütend die Zähne. Tatjana reißt ihrem Mann die Kleider vom Leib – und steckt sie in die Mülltonne. Erst als Nikitin aus der Dusche kommt, begrüßt ihn der Pudel schwanzwedelnd. „Es war wohl mein Geruch“, erzählt Nikitin. „Ich muß durchdringend nach Gefängnis gestunken haben.“
Er trinkt ein Glas Champagner, sieht sich mit seiner Frau einen Film an und legt sich um zwölf ins Bett. Doch zur Ruhe kommt er nicht in dieser Nacht. Er ist die harte Gefängnispritsche gewöhnt, nicht mehr seine weiche Matratze. Er schwitzt, wälzt sich schlaflos hin und her und denkt: Gleich klopfen sie wieder an der Tür und sagen, Herr Nikitin, Ihre Freilassung war ein Irrtum. Kommen Sie bitte mit. Sie haben das Vaterland verraten.
Noch ist einer der spektakulärsten Geheimdienstskandale seit dem Ende des Kommunismus nicht beendet. Auf der einen Seite steht Alexander Nikitin, ehemaliger Kapitän der sowjetischen Nordmeerflotte, seit zwei Jahren in Diensten der norwegischen Umweltschutzorganisation Bellona. Auf der anderen Seite die Staatsanwaltschaft von St. Petersburg und der russische Inlandsgeheimdienst FSB – der Nachfolger des KGB, mit seiner ganzen Macht. Er wirft Nikitin wegen eines Reports über die Schwierigkeiten mit radioaktivem Abfall bei der russischen Marine Spionage und Hochverrat vor. Darauf stehen in Rußland zehn bis 15 Jahre Gefängnis – oder die Todesstrafe.
Daß ausgerechnet er einmal beschuldigt werden würde, sein Land verraten zu haben, wäre Nikitin nie in den Sinn gekommen. Nicht in seiner Studentenzeit am Schwarzen Meer, als er in Sewastopol Atomtechnik an der Akademie der sowjetischen Kriegsmarine studiert. Sicher auch nicht später, als er nach Murmansk zur Nordmeerflotte abkommandiert wird. Alexander Nikitin tut seine Pflicht, zuletzt als Chefingenieur auf dem Atom-U-Boot K 387.
Die Reaktoren haben Konstruktionsmängel, manche Besatzungsmitglieder sprechen kein Russisch, weil sie etwa vom Kaukasus kommen. Immer wieder verunglücken sowjetische Atom-U-Boote. Die Endlager an Land quellen über und sind leckgeschlagen, alte Reaktoren werden einfach ins Meer gekippt. Doch all dies ist streng geheim und Nikitin ein loyaler Offizier. Seine zukünftige Frau lernt er kennen, als Marinefreunde ihren stillen Kollegen am Orthodoxen Neujahrstag zu einer Feier mitnehmen. Tatjana Tschernowa ist acht Jahre jünger als Nikitin, eine schöne Frau mit blonden Haaren und viel Temperament. Ihr Bruder Dmitrij dient wie Nikitin im Kapitänsrang auf einem Atom-U-Boot, Vater Jewgenij ist Vize-Admiral der Nordmeerflotte. Alexander Nikitin fühlt sich wohl in der abgeschirmten Welt der Marine – und ist so das Musterbeispiel eines sowjetischen Eliteoffiziers.
Nikitin ist nicht nur pflichtbewußt, sondern auch ehrgeizig. Nach elf Jahren Dienst ist er Kapitän – der höchste Rang, den er mit dieser Ausbildung erreichen kann. Noch einmal wird er Student. An der Marineakademie von Petersburg schreibt er sich an der Fakultät für Kriegsschiffbau ein und spezialisiert sich auf atomare Sicherheit. Fünf Jahre arbeitet er in Moskau im sowjetischen Verteidigungsministerium, Abteilung für Nuklearsicherheit, dann geht er 1992 zurück nach St. Petersburg. Doch dort findet der hochqualifizierte Spezialist keine Stelle. Er hält seine Familie mit Gelegenheitsjobs mühsam über Wasser und beantragt bei der kanadischen Botschaft die Einwanderung. Doch die Kanadier sind mißtrauisch. Warum will ein Top-Spezialist des russischen Atomkomplexes sein Land verlassen? Der Antrag wird auf Eis gelegt.
Alexander Nikitin stößt auf einen Report der norwegischen Umweltstiftung „Bellona“ über die „Quellen radioaktiver Kontaminierung in den Regionen Murmansk und Archangelsk“. Der Bericht beschreibt die Probleme atomgetriebener Handelsschiffe. Nikitin trifft sich in Murmansk mit den Autoren. Die Hauptprobleme mit Atomabfall gibt es nicht bei der Handelsflotte, sagt Nikitin, sondern bei der Kriegsmarine. Die Bellona-Leute sind beeindruckt von seinem Wissen. Im Februar 1995 unterschreibt Alexander Nikitin bei Bellona einen Vertrag als Spezialist für Atomsicherheit. Nikitin und seine Kollegen sammeln Material für einen neuen Report (siehe Kasten „Tschernobyl in Zeitlupe“). Hohe Offiziere treffen sich in Murmansk und Moskau offiziell mit den Bellona-Leuten.
Anfang Oktober 1995 durchsucht der FSB das Bellona-Büro in Murmansk und die Wohnungen der Mitarbeiter und beschlagnahmt das Material. Der Geheimdienst erklärt stolz, er habe einen Fall von Spionage verhindert. Alexander Nikitin wird zur Zielscheibe des FSB. Der Geheimdienst verhört ihn mehrfach stundenlang – manchmal bis vier Uhr morgens. Anfang Dezember nehmen die Kanadier Nikitins Einwanderungsantrag an. Am nächsten Tag nimmt der FSB Nikitin den Paß ab. Dann kommt der Morgen des 6. Februar. Vier Geheimdienstler im schwarzen Wolga verhaften Nikitin und bringen ihn ins FSB-Gefängnis am Petersburger Litinij Prospekt – den „Isolator“. Untersuchungsrichter Igor Maximenkow legt Nikitin die Anklage wegen Spionage und Hochverrat vor. Am späten Nachmittag schließt sich hinter Alexander Nikitin die Zellentür.
Jurij Schmidt, einer der besten Strafverteidiger der Stadt, ist bereit, Nikitin zu verteidigen. Für ihn ist der Fall klar: Der Geheimdienst, der nach dem Ende des Kalten Krieges um seine Daseinsberechtigung ringt, hat künstlich einen Fall gegen Alexander Nikitin konstruiert. „Echte Spione zu finden, ist gar nicht so einfach“, sagt Schmidt. „Die arbeiten nämlich konspirativ, professionell und akkurat. Sie benutzen keine offenen Telefonleitungen, Faxgeräte und Modems, und sie leihen sich die Bücher zum Thema auch nicht wie Alexander unter ihrem eigenen Namen aus.“
Franz Kafka, der tschechische Meister des Absurden, hätte die Geschichte um Alexander Nikitin nicht besser schreiben können: Welche Informationen aus dem Bellona-Report geheim gewesen sein sollen, kann FSB-Sprecher Sergej Wasiliew nicht sagen – denn diese Information ist geheim. Daß aber die Informationen, die Nikitin gesammelt hat, unter die Rubrik Staatsgeheimnisse fielen, gehe aus zwei geheimen Dekreten des Verteidigungsministeriums von 1993 hervor. Die sind freilich so geheim, daß Boris Utkin – beim FSB in St. Petersburg zuständig für den Fall Nikitin – sagt: „Selbst ich habe die Dekrete nie gesehen.“
Daß Artikel 15 der russischen Verfassung verbietet, jemanden unter nichtveröffentlichten Gesetzen anzuklagen, interessiert den Geheimdienst ebensowenig wie das Recht der freien Anwaltswahl. Der FSB will Nikitin einen seiner eigenen Anwälte aufzwingen. Jurij Schmidt reicht beim Verfassungsgericht in Moskau Klage ein. Damit Nikitin nicht in Vergessenheit gerät, machen seine Frau und Bellona-Direktor Frederick Hauge unermüdlich Wirbel – und das nicht nur in Rußland. Tatjana Nikitin trifft sich mit der Frau des französischen Präsidenten Jacques Chirac, mit Hillary Clinton und dem norwegischen Außenminister. Der Europarat und das Europäische Parlament setzen sich für Nikitin ein, Amnesty International adoptiert Nikitin als ersten politischen Gefangenen in Rußland seit Andrej Sacharow.
Währenddessen liegt Alexander Nikitin isoliert in seiner Sieben-Quadratmeter-Zelle. Die ersten zwei Monate ist es so kalt, daß er in den Kleidern schläft. In die Kellerzelle fällt kaum Tageslicht, an der Decke brennt eine trübe Funzel rund um die Uhr. Nikitin läßt sich Bücher zur russischen Geschichte aus der Gefängnisbibliothek bringen. Eines ist noch in Altslawisch geschrieben und trägt auf dem Vorsatzblatt den Stempel des NKWD – Stalins Geheimdienst. Du hast keine Chance, droht Untersuchungsrichter Maximenkow Nikitin bei jedem Verhör. Der Prozeß wird geheim sein – mit unserem Anwalt, unserem Staatsanwalt und unserem Kriegsgericht. Nikitins Schwiegervater, Träger des Lenin-Ordens, spricht beim FSB-Chef von St. Petersburg vor. Der FSB-Mann behandelt den hochdekorierten Offizier wie einen Bettler.
Manchmal liegt Alexander Nikitin in seiner Zelle und denkt: Vielleicht werde ich sterben. Und er gewöhnt sich an diesen Gedanken. Als ihn seine Frau einmal besuchen darf, sagt er zu ihr: „Tatjana, wenn ich früher einen Film gesehen habe, in dem Menschen leichten Herzens starben, weil sie sich unschuldig wußten, habe ich das für Blödsinn gehalten. Jetzt verstehe ich sie.“ Dann kommt der Frühling. In Nikitins Zelle wird es wärmer. Einmal blickt er seiner Frau in die Augen und denkt: Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. „Ich kenne meine Frau“, sagt Nikitin, „wenn sie etwas unbedingt will, hat sie diesen stählernen Blick drauf. Dann hat man schon verloren.“ Das sagt Nikitin auch Untersuchungsrichter Maximenkow. Der lacht schallend.
Ein paar Tage später entscheidet das russische Verfassungsgericht, daß Nikitin seinen Anwalt frei wählen darf. Nikitin und Jurij Schmidt weisen nach, daß jede Information des Reports aus offenen Quellen stammt. Das nächste Dreivierteljahr gönnt sich der Staranwalt keinen freien Tag. „Dieser Fall ist ohne Beispiel in der Geschichte der Sowjetunion oder Rußlands“, sagt Schmidt. „Es ist noch nie vorgekommen, daß eine Anklage wegen Spionage und Vaterlandsverrat in diesem fortgeschrittenen Stadium in sich zusammenbricht.“ Schmidt sieht nicht nur aus wie der alte Cicero – er spricht auch so.
Mehr als ein halbes Jahr vor Nikitins Festnahme hat der FSB alle Telefongespräche Nikitins abgehört. „Meine Herren, habe ich dem FSB gesagt, laut eurem eigenen Dienstgesetz habt ihr zuallererst die Pflicht, Spionage zu verhindern“, erzählt Schmidt in seinem Büro in der Anwaltskammer von St. Petersburg. „Aber ihr Idioten habt Euch monatelang angehört, wie Alexander Nikitin sein Material zusammentrug. Ihr könnt wählen, wofür ihr vor Gericht müßt. Wenn Nikitin tatsächlich Staatsgeheimnisse verraten hat – dann dafür, daß ihr es zugelassen habt. Wenn nicht – dann dafür, daß ihr einen Unschuldigen verfolgt.“
Das Tauziehen, ob ein Kriegs- oder Zivilgericht den Fall Nikitin behandeln wird, dauert Monate. Schließlich entscheidet der Oberste Gerichtshof Rußlands, daß Alexander Nikitin sich vor einem Zivilgericht verantworten muß. Das ist, nach der Entscheidung der Verfassungsrichter, die zweite Niederlage des FSB. Am 11. Dezember wird Jurij Schmidt schließlich in Moskau von Michail Katischew empfangen. Der ist stellvertretender Generalprokuror, die russische Version des Generalbundesanwalts. Ihm ist nach einem langen Gespräch mit Schmidt klar: „Dieser Fall enthält keinen Hinweis auf Spionage.“ Katischew ordnet an, Nikitin sofort freizulassen. Der Geheimdienst windet sich noch drei Tage. Doch am Abend des 14. Dezember kann Tatjana Nikitin ihren Mann in die Arme schließen.
Seitdem Alexander Nikitin wieder auf freiem Fuß ist, hat er sich gut erholt. Die ersten Tage ist er zu Hause geblieben und hat sich wieder an seine eigene Wohnung gewöhnt. „Ich hatte vergessen, wo die Löffel liegen, und wo die Gabeln.“ Was er künftig macht, will er erst entscheiden, wenn sein Fall abgeschlossen und seine Ehre wiederhergestellt ist. Denn noch läßt der Geheimdienst nicht locker.
Zur gleichen Zeit, als Nikitin den Reporter des Greenpeace Magazins empfängt, will seine Frau Tatjana das Flugzeug nach Oslo besteigen. Drei Grenzbeamte halten sie eineinhalb Stunden fest und wollen persönliche Briefe beschlagnahmen. Tatjana Nikitin droht, Anwalt Jurij Schmidt anzurufen. Da lassen die Beamten sie gehen – aber stempeln ihr vorher den Vermerk „ausgereist zum permanenten Aufenthalt im Ausland“ in den Paß. Als sie sechs Tage später zurück nach St. Petersburg fliegt, weiß sie nicht, ob die Grenzbeamten sie ins Land lassen. Am Ausgang warten nicht nur ihr Mann und Jurij Schmidt, sondern auch mehrere Kamerateams, Fotografen und zwei Dutzend Reporter. Als Tatjana Nikitin durch die Grenzkontrolle kommt, fällt sie ihrem Mann in die Arme. „Wir hatten strikte Anweisung, sie nicht anzurühren“, sagt ein Grenzbeamter. „Wenigstens nicht bei so viel Presse.“
Doch noch hat Alexander Nikitin nicht gewonnen. Bis der Generalprokuror nicht endgültig entschieden hat, ob der Fall Nikitin zur Verhandlung kommt, darf er St. Petersburg nicht verlassen. Jurij Schmidt glaubt, daß der Geheimdienst alles daran setzen wird, den Generalprokuror noch umzustimmen. „Die Hälfte ihrer Fehler mußten sie schon zugeben“, sagt Schmidt. „Um die zweite Hälfte auch noch zuzugeben, reicht bei denen, fürchte ich, der Verstand nicht aus.“
TSCHERNOBYL IN ZEITLUPE
Reaktoren kippt die Marine ins Meer, Atommüll-Lager sind undicht. Ohne Hilfe für Rußland droht eine Öko-Katastrophe.
An einem kühlen Wochenende im Oktober feierten die Einwohner von Murmansk, dem Zentrum der russischen Nordmeerflotte auf der Halbinsel Kola, das 80jährige Bestehen ihrer Stadt mit farbenprächtigen Paraden. Sonst haben die Einwohner nicht viel zu feiern. Die Gehälter für die Matrosen und Offiziere treffen, wenn überhaupt, mit monatelanger Verspätung ein. Außerdem leben die Menschen mit einer atomaren Zeitbombe: Auf der Halbinsel stehen 18 Prozent aller Atomreaktoren der Welt. In Murmansk und den anderen Häfen der Nordmeerflotte liegen die Hälfte aller je gebauten Atom-U-Boote vor Anker. 52 Atom-U-Boote sind außer Dienst gestellt und rosten vor sich hin, ähnlich wie in den Häfen der Pazifikflotte. Ihre Reaktoren und den nuklearen Brennstoff haben sie weiter an Bord. Elektrogeneratoren halten die faktischen Wracks über Wasser. Da die Marine ihre Stromrechnung nur verspätet oder gar nicht zahlt, hat das Elektrizitätswerk der Flotte im vergangenen Sommer schon einmal den Strom abgedreht. Bis 1988 wählte die Marine für die Entsorgung den kürzesten Weg: Siebzehn Reaktoren wurden einfach ins Meer gekippt. Auf der Kola-Halbinsel sind die Lagerräume für Atommüll überfüllt. Manche Tanks für radioaktive Flüssigkeiten lecken bereits. Für die Reparatur fehlt der Nordmeerflotte ebenso das Geld wie für den Bau neuer Endlager. Wenn die internationale Gemeinschaft den Russen nicht mehr Geld zur Verfügung stellt, um die atomare Zeitbombe zu entschärfen, fürchtet Frederick Hauge, Direktor der norwegischen Umweltstiftung Bellona, ein „Tschernobyl in Zeitlupe“. Für den im Auftrag von Bellona erarbeiteten Report „The Russian Northern Fleet – Sources of Radioactive Contamination“* hat der russische Geheimdienst den ehemaligen Marinekapitän Alexander Nikitin wegen Spionage und Hochverrat angeklagt. Bis zu Nikitins Verhaftung Anfang Februar 1996 wollten die Marine, die Stadt- und Regionalverwaltung von Murmansk und die russische Regierung sich zusammen an die fachgerechte Entsorgung der Atomwracks machen und neue Lagerräume bauen. Doch seit einem Jahr hat die Regierung die Finanzierung gestoppt. Der amerikanische Rüstungskonzern Lockheed hat für das Abwracken der U-Boote Ausrüstung im Wert von 50 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Doch für deren Zusammenbau fehlt den Russen das Geld. |
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