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greenpeace magazin 2.97
Tauschhandel: Viele Talente und kein GeldImmer mehr Deutsche verzichten aufs Einkaufen. Geräte, die sie brauchen, leihen sie sich einfach aus.
120 bis 150 Tauschringe sind nach Recherchen der Frankfurter „PaySys GmbH“ in den letzten drei Jahren in Deutschland entstanden. Barbara Füller von der „Unternehmensberatung für bargeldlose Zahlungen“ sieht einen klaren Trend: „Genaue Zahlen fehlen, weil Tauschringe nicht offiziell registriert werden. Aber jede Woche erreichen uns Meldungen von Neugründungen.“ Die Tauschwirtschaft funktioniert so: In eine Liste werden Angebot (etwa: „Führe Hund aus“) und Nachfrage („Suche Hilfe bei Antrag an Bauamt“) eingetragen. Getauscht wird nicht direkt. Für jeden geleisteten Dienst gibt es Punkte, um andere Dienste zu bezahlen. Sie heißen „Talente“ oder „Taler“ und entsprechen im Wert meist einer Mark.
Eine weitere Konkurrenz für den normalen Handel sind Leihgeschäfte. Immer mehr Deutsche borgen sich Gegenstände, die sie selten oder nur kurz brauchen. Pfiffige Unternehmer verleihen – gegen Geld – mittlerweile fast alles, von Aktenvernichtern bis zu Zirkuszelten (siehe Kasten). „Die Leihgeschäfte sind zu einer Institution geworden“, findet Frauke von Rönne, Mitherausgeberin des Branchenbuchs „Hamburger Allerleih“.
Tauschen und Leihen kann nicht nur Geld sparen, sondern auch den Rohstoff- und Energieverbrauch drosseln, sagt Friedrich Hinterberger vom „Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie“: „Umweltschädlich ist ja nicht, daß etwa die Bohrmaschine im Jahr 20 Minuten lang Strom verbraucht. Das Problem ist der Energie- und Materialaufwand für ihre Herstellung.“ Dabei geht es nicht nur um das Material der Endprodukte, sondern vor allem um den Bedarf für die Vorstufen, etwa Kohle, Eisenerz, Wasser, Energie für Transport und alles andere, was in die Fertigung einfließt.
„Ökologischen Rucksack“ nennt das Wuppertal Institut diesen im Endprodukt nicht sichtbaren Ressourcenverbrauch. Das Material, das beispielsweise beim Bau einer Bohrmaschine anfällt, wiegt zehnmal so viel wie das Gerät selbst. Ähnliches gilt für Waschmaschinen, Autos, Computer oder Handys. Wer auf ihren Erwerb verzichtet, lebt nach Hinterbergers Ansicht nicht mit weniger Wohlstand: „Den Rasenmäher kaufe ich ja nicht, um ihn einfach zu haben. In Wahrheit geht es mir um die Dienstleistung ,Grashalme kürzen‘ – und die kann ich auch anders erhalten, etwa durch Ausleihen des Gerätes. Oder ich beauftrage jemanden, den Rasen zu schneiden.“ Und wer konsequent weiterdenke, ergänzt der Wissenschaftler, komme vielleicht sogar zu dem Ergebnis: am besten einfach wachsen lassen.
Nutzen statt besitzen als neue Öko-Devise? Preise von um die 30 Mark fürs eintägige Ausleihen einer Bohrmaschine stehen bisher einem allzu großen Boom dieser Wirtschaftsform entgegen. Ein Kinderwagen für 20 Mark im Monat dürfte da bereits mehr Interesse finden. Dennoch: „Neben den Leihgebühren sind vor allem die Entfernungen hinder- lich. Die Bohrmaschine müßte man um die Ecke leihen können und nicht im nächsten Vorort“, sagt Rainer Vieregg, Herausgeber eines Leih-Lexikons für München. Mitglieder von Tauschringen haben es da leichter: „Wir kennen uns persönlich und wissen, wer was hat“, sagt Heidemarie Schwermer.
Noch haftet Leihen jedoch der Ruch des „Pumpens“ an. Bei älteren Menschen wird die Erinnerung an die mageren Nachkriegsjahre wach: Wer etwas ausleiht, kann es sich nicht leisten. Und wer nicht besitzt, sondern nur nutzt, dem fehlt das Statussysmbol: Der Nachbar bewundert nicht die Dienstleistung „Transport zum Kino“, sondern den neuen Achtzylinder. „Besitzen“, sagt Friedrich Hinterberger vom Wuppertal Institut, „ist eben immer noch ein Grundwert unserer Gesellschaft.“ Adressen und Bücher
Verleihfirmen finden sich zum Teil im Branchenbuch unter „Verleihgeschäfte“. Manche Händler weisen nicht darauf hin, daß sie Waren auch verleihen. Hier hilft nur Nachfragen weiter.
Spezielle Adreßbücher für Verleihfirmen, zum Beispiel „MEC – Das Leihlexikon“ für München oder das „Hamburger Allerleih“, führen alles auf, was praktisch ist oder exotisch: vom Auto über die Clowns-Nase bis zur Schleifmaschine. MEC-Verlag Frank Neumann, Ludwigsburg, Tel. 07141/901424.
134 Adressen von Tauschringen sind per Faxabruf erhältlich: 06032/9108-2910 für die Postleitzahlen bis 49999. Und die Endziffern -2920 für die Zahlen ab 50000.
Der Rundbrief „Angebot und Nachfrage“ ist für zwei Mark in Briefmarken zu bestellen bei Michael Wünstel, Gartenstr. 28, 76770 Hatzenbühl, Tel./Fax: 07275/1424.
Wie man selbst einen Tauschring organisiert, erläutert das Buch „LETSystem und Tauschringe“. Nur erhältlich bei: „PaySys GmbH“, Im Uhrig 7, 60433 Frankfurt, gegen 37 Mark Vorauskasse.
Eine leicht lesbare und fundierte Einführung in das Thema Nutzen statt Besitzen bietet das Buch „Wieviel Umwelt braucht der Mensch“ von Friedrich Schmidt-Bleek vom Wuppertal Institut, Birkhäuser-Verlag, ISBN 3-7643-2959-9, 49,80 Mark
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