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"Wir sind wie Küken, die gerade aus dem Ei schlüpfen."

Umweltschützer in China haben es schwer. Sie müssen ihre Worte wägen, so wie Yang Xin. Der ehemalige Buchhalter kämpft von Kindesbeinen an für „seinen“ Fluss: den Jangtse. Ein Porträt

Es gab eine Zeit, da konnte der kleine Yang Xin von seinem Bett aus den Fluss sehen. Er lag auf seiner Matratze aus Stroh und lugte durch die Risse in der morschen Holzwand, und bei Mondschein funkelte und blitzte das Wasser, als tanzten tausend Glühwürmchen darauf. Xin schloss die Augen und genoss das Glucksen und Gurgeln. Von Geburt an hatte der Jangtse ihm sein Wiegenlied gesungen.

 

Später lernte er dann schwimmen und angeln und Flusskrebse fangen. Was gab es Schöneres, als am Ufer zu sitzen, die Strömung zu beobachten oder selbstgebastelte Schiffchen auf große Fahrt zu schicken. Der kleine Xin kannte all die Launen und verschiedenen Gesichter seines Freundes, dies war sein Fluss.

 

Als Jugendlicher begann er zu fotografieren. Seine Kameraden machten Bilder von ihren Familien, Xin kannte nur ein Objekt: den Fluss mit seinen Biegungen und Windungen, den Fluss im Morgengrauen bei Sonnenaufgang oder im Winter, wenn Schnee an seinen Ufern lag. Er wanderte oder reiste auf Ochsenkarren und Traktoren den Flusslauf auf und ab, immer auf der Suche nach neuen Motiven und Perspektiven.

 

Es war der Fluss, der seinem Leben zum erstenmal eine unerwartete Wendung gab. Im Sommer 1986 wollte ein amerikanisches Expeditionsteam den kaum erforschten oberen Lauf des Jangtse in Schlauchbooten bewältigen. In einer Ausstellung vor Ort sahen sie seine Bilder und heuerten ihn als Fotografen an. Damals arbeitete Yang Xin als Buchhalter in einem Kraftwerk, und eine Reise in die Nähe der Quelle des Jangtse war sein Lebenstraum.

 

„Oben im Gebirge war der Jangtse schöner denn je, aber er war Teil eines empfindlichen Ökosystems, und das war schon damals bedroht. Ich hatte das Gefühl, mein Fluss braucht mich, er kann sich nicht allein helfen.“ Nach seiner Rückkehr überlegte Yang, was er tun könnte. Im China von 1986 gab es nicht viel, was ein Buchhalter in einem Kraftwerk machen konnte, um den Jangtse zu schützen. Aber von nun an hatte er einen Traum, ein Ziel, und das verfolgte er beharrlich.

 

Yang fuhr in den folgenden Jahren häufiger auf eigene Faust zum oberen Stromlauf. Er musste mitansehen, wie die Menschen seinen Fluss mehr und mehr quälten. „Es wurde von Mal zu Mal schlimmer“, erinnert er sich. „Am Anfang waren die Hügel am Ufer saftig grün und mit Gras bewachsen, am Ende ganz gelb und versandet. Auf meiner ersten Reise sah ich hunderte von Antilopen über die Steppe galoppieren. Zum Schluss keine einzige mehr. Dafür immer mehr Menschen, und die fielen über die unberührte Landschaft her wie eine Armee über ein besetztes Land. Sie schmissen ihren Müll in den Fluss und holzten die letzten Bäume und Büsche ab, als gäbe es kein Morgen. Ihre Viehherden grasten die Wiesen restlos ab und zerstörten sie damit. Dann zogen sie weiter den Fluss hinauf, als wäre er unendlich. Aber je höher sie kamen, desto empfindlicher wurde das Ökosystem. Ein Plateau auf 5000 Meter Höhe bietet nur begrenzten Lebensraum für Menschen und Tiere.“

 

Mit jeder Reise fiel es ihm schwerer, zurückzukehren in die Fabrik. Als Buchhalter musste er Geld zählen, Eingänge und Ausgänge abstempeln, Tee trinken, Zeit totschlagen – ein üblicher Job im China der 80er Jahre. Die Arbeit hatte Yang nie interessiert, sie war ihm 1983 zugewiesen worden. „Damals erklärte uns die Partei, wir seien Nägel der Revolution. Wir müssten unsere Arbeit machen, egal, wo sie uns reinschlägt“, sagt er. „Der Job hatte Prestige, war gut bezahlt und ich war praktisch unkündbar.“ Yang war dreiundzwanzig und zu jung, zu hungrig, zu neugierig, um sich lange in dieser vorgefertigten Existenz einzurichten. Und er hatte den Fluss, der ihn bei jeder Reise erinnerte, dass es im Leben mehr gibt, als Buch zu führen.

 

Es war die Zeit, in der Dengs Wirtschaftsreformen für Millionen von Chinesen persönliche Freiräume schufen, von denen sie wenige Jahre zuvor nicht einmal zu träumen wagten. Yang sah, wie Freunde sich selbstständig machten, ihre eigenen kleinen Unternehmen gründeten, vorsichtig anfingen, ihre bescheidenen Träume zu verwirklichen. Nach den Protesten und Studentenunruhen und dem darauf folgenden Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 war das Land in einen politischen und wirtschaftlichen Stillstand verfallen, aus dem es erst 1992 nach Dengs „Tour durch den Süden“ erwachte. Deng hatte zu mehr Mut und Eigeninitiative aufgerufen; und das war die Ermunterung, die Yang noch gefehlt hatte. Er schmiedete große Pläne. Er wollte ein Buch schreiben, eine Organisation zum Schutz des Jangtse gründen und die chinesische Öffentlichkeit auf das langsame Sterben des größten Flusses des Landes aufmerksam machen. Er wollte vor den Folgen der Umweltzerstörung warnen. Yang nahm erst einmal unbezahlten und unbegrenzten Urlaub.

 

„Ich hatte Glück“, sagt er. „Ich bin 1963 geboren und gehöre zur ersten Generation von Chinesen, die eine Chance hat, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wäre ich zehn Jahre früher geboren, würde ich noch immer als Buchhalter arbeiten. Es gab keine Möglichkeit, den von der Partei beschlossenen Lebensweg zu verlassen.“ Seine Freunde und Kollegen hielten ihn für verrückt. Selbst seine Frau nahm ihn nicht ernst. Die Idee des Umweltschutzes war den Chinesen so fremd wie den Menschen im Westen in den 50er und 60er Jahren. Sie waren gerade dabei, sich ihren ersten Fernseher oder Kühlschrank anzuschaffen. Sie freuten sich über Hühner- oder Rindfleisch auf dem Tisch statt Reis und wässriger Suppe, und sie hatten andere Sorgen, als sich ihrer Umwelt anzunehmen. Die Regierung war froh, dass die Wirtschaft wuchs; nach der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste war ein steigender Lebensstandard ihre beste Legitimation. In dem ehrgeizigen Reformprogramm, das Chinas Planwirtschaft in eine „sozialistische Marktwirtschaft“ verwandelte, spielte der Schutz der Umwelt keine Rolle. Die Partei hatte beschlossen, dass es Grenzen des Wachstums nicht gibt.

 

Wir sitzen in der Bar eines Fünfsternehotels in Shenzhen. Die Luxusherberge ist ein Symbol des neuen, aufstrebenden China. Die Lobby ist ganz in hellem Marmor gehalten, von der Decke hängen schwere Kronleuchter, in deren Licht die Messingbeschläge glänzen wie Gold. In der Mitte steht ein prachtvoller Strauß frischer Blumen, der vermutlich mehr kostet, als die Pagen, die davor stehen, im Monat verdienen. Yang Xin fühlt sich sichtlich unwohl. Er zieht seinen grauen Parka nicht aus, verschränkt die Arme vor der Brust, zieht die Schultern hoch. Er passt nicht in diese Welt. Dies ist nicht sein China. Mit seinem langen Vollbart, den Haaren, die bis auf die Schulter reichen, seinem Rollkragenpulli, der schweren Brille und der abgewetzten Ledertasche sieht er aus, als käme er gerade von einer Demonstration der APO gegen den Vietnamkrieg. Doch zwei- bis dreimal im Jahr muss er sich in diese kapitalistisch anmutende Enklave an der Grenze zu Hongkong begeben. Hier sitzen seine wichtigsten Geldgeber; nirgendwo in China gibt es mehr Firmen, die bereit sind, ein paar tausend Yuan für den Umweltschutz zu spenden. Yang holt aus seiner Tasche eine Vierfarbbroschüre, die er 1996 an die Behörden in der Provinz Sichuan und Ministerien in Peking geschickt hatte. Sie zeigt auf einer Wiese den abgenagten Totenschädel einer Antilope, im Hintergrund der Jangtse. Kleinere, eingeklinkte Bilder illustrieren die Verwüstung des Flussbettes. „SOS“ steht in großen roten Buchstaben darüber. Er hat keine Antwort darauf bekommen.

 

Zwei Jahre später, im August 1998, schwoll der Jangtse an. Er stieg und stieg, bis er trotz aller Dämme über die Ufer trat, Höfe und Dörfer fortspülte, Menschen und Tiere in den Fluten ertranken. Die Hochwasserkatastrophe im Sommer 1998 erwies sich als eine der schwersten dieses Jahrhunderts. Wochenlang überschwemmte der Jangtse ganze Landstriche in drei der wirtschaftlich wichtigsten Provinzen, zerstörte annähernd fünf Millionen Häuser und richtete einen Schaden von fast 60 Milliarden Mark an. Betroffen waren über 230 Millionen Menschen, und nach offiziellen Angaben gab es 3600 Tote; doch die Gerüchte, dass die echte Zahl erheblich höher liegt, sind nie verstummt. Chinas Politiker und Behörden wiesen zunächst den Naturgewalten die Schuld zu, sintflutartige Regenfälle seien die Ursache der Katastrophe. Die Statistiken der Meteorologen besagten etwas anderes. Seit Gründung der Volksrepublik 1949 hatte es in vielen Jahren höheren Niederschlag gegeben, ohne dass es zu vergleichbaren Überschwemmungen gekommen wäre. Das Desaster im Sommer 1998 war von Menschenhand angerichtet.

 

An den Ufern des Jangtse leben etwa 350 Millionen Chinesen, der Fluss führt durch die größten Industrie- und Agrargebiete des Landes. Seit die Wirtschaft im Reich der Mitte boomt, gehen Dörfern, Städten und Gemeinden Grund und Boden aus. Man kämpfte mit der Natur um jeden Quadratmeter ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgen. Tausende von Teichen und Seen wurden trocken gelegt, um Platz für die ständig wachsende Bevölkerung, für Fabriken oder Ackerland zu gewinnen. Diese Seen aber hatten dem Jangtse Jahrtausende lang im Falle von Überschwemmungen als natürliche Auffangbecken gedient. Die Provinz Sichuan betrieb Kahlschlag an den Uferwäldern, über 85 Prozent der Bäume am oberen Stromlauf sind verschwunden. Die Folge ist eine verheerende Erosion. Der Boden kann das Regenwasser nicht halten, es strömt direkt in den Jangtse und reißt die Oberflächenerde mit sich. 500 Millionen Tonnen Erde fließen im Jahr den Jangtse hinunter, mehr als in Nil, Amazo-nas und Mississippi zusammen genommen.

 

Yang Xin hatte all das prophezeit. „Niemand nahm mich ernst“, sagt er. „In China geht es heute ausschließlich um sofortigen Profit. Langfristige Planung ist nicht Teil unseres Denkens. Die Konsequenzen unseres Handelns für die Umwelt, was in zehn oder zwanzig Jahren passiert, das hat bis vor kurzem niemanden interessiert.“

 

Wer heute durch das Reich der Mitte reist, sieht, riecht, schmeckt und fühlt, welch katastrophale Folgen diese Politik für China hat. Das Land ist physisch erschöpft. Ausgelaugt. Ausgequetscht wie eine Frucht. Kann eine Wirtschaft über zwei Jahrzehnte fast zweistellige Wachstumsraten erbringen? Ja, sagen die Ökonomen. Nein, schreit die Erde. Nein, schreien die Luft und das Wasser. Jedenfalls nicht, ohne einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Wir erinnern uns an die spielenden Kinder auf dem Schulhof in Chongqing. Sie trugen Mullbinden vor Mund und Nase, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. Der Stoff bedeckte ihre Gesichter jeden Tag, er sollte sie vor der verpesteten Luft schützen. Schon nach einem Tag in der Stadt bekamen wir Kopfschmerzen, der Hals kratzte, und die Augen tränten.

 

Oder die Wintertage in Peking. Wolkenlos und blau könnte der Himmel über der Hauptstadt sein, doch die Sonne ist nur ein blasser, weißer Punkt, der durch den Smog schimmert, und in der Luft liegt der Geruch von Schwefel. Wie überall in Zentral- und Nordchina heizen die Pekinger mit Kohle – einer der wenigen Rohstoffe, von dem das Riesenreich mehr als genug hat. Es handelt sich um eine schadstoffreiche Kohle, und moderne Filtersysteme gibt es kaum irgendwo. Von den zehn Städten mit der höchsten Luftverschmutzung der Welt liegen heute neun in China. Erkrankungen der Atemwege sind die häufigste Todesursache. Die Zahl der Lungenkrebskranken ist seit 1988 um 18,5 Prozent gestiegen.

 

China produziert heute über viermal so viel Müll wie vor zwanzig Jahren. Niemand weiß, wohin damit. In den meisten Bächen und Flüssen dümpeln braune, stinkende Soßen, in denen die letzten Tiere längst verendet sind. Über 90 Prozent des Oberflächenwassers in Chinas Städten und Gemeinden sind verdreckt, 70 Prozent aller Wasserwege sind vertrocknet oder so verschmutzt, dass kein Fisch mehr darin schwimmt. Nicht einmal 20 Prozent der Abwässer laufen durch Kläranlagen, der Rest fließt unbehandelt in Flüsse, Seen oder ins Meer. Viele Flüsse sind heute nicht einmal mehr sauber genug, um zur Bewässerung der Felder zu dienen.

 

Wir erinnern uns an die Reisen in den Nordosten Chinas. Dort liegt die vertrocknete Erde aufgebrochen wie eine Wunde, die wasserlosen Flussbetten ziehen sich wie Narben durch die graubraune Landschaft. Überbevölkerung, Verschmutzung und eine jahrzehntelange Verschwendung haben zu einer katastrophalen Wasserknappheit geführt. 550 Millionen Chinesen haben nicht genug Trinkwasser, in 400 der 600 größten Städte des Landes ist dieses kostbare Gut rationiert; oft kommt es nur tröpfchenweise für Stunden mitten in der Nacht aus dem Hahn. Der berühmte „Gelbe Fluss“ ist seit 1985 jedes Jahr monatelang ausgetrocknet, viele seiner Nebenarme sind völlig versiegt. Trockenheit, Kahlschlag, Überweidung und eine verfehlte Wasserpolitik lassen mehr und mehr Land verwüsten. Annähernd 50.000 Quadratkilometer Boden verlor China in den vergangenen Jahrzehnten an die Wüste, die mittlerweile mehr als ein Viertel der Gesamtfläche ausmacht. Die Zerstörung der Umwelt kostet das Land jedes Jahr rund sieben Prozent des Bruttosozialproduktes, schätzt das offizielle Parteiblatt China Daily. Einige westliche Experten vermuten, dass der wirkliche Schaden noch erheblich höher liegt. Nicht Dissidenten, Wirtschaftskrisen oder außenpolitische Probleme könnten sich in den kommenden Jahren als die größte Gefahr für das politische System und die Stabilität des Landes erweisen, sondern die Umweltzerstörung.

 

Seit der Hochwasserkatastrophe am Jangtse hat das auch unsere Regierung erkannt“, glaubt Yang. „Das war ein Wendepunkt für die Umweltschutzbewegung in China. Selbst Provinzpolitiker reden plötzlich von Umweltschutz. Es ist wie eine Mode. Wer zur Zeit kein grünes Kleid trägt, gilt als old fashioned, hat den Bezug zur Realität verloren.“

 

Peking beließ es nicht bei den üblichen Lippenbekenntnissen. Seit 1. September 1998 ist jegliches Abholzen an den Ufern des Jangtse verboten, über hunderttausend Holzfäller in den Provinzen Sichuan und Yunnan wurden arbeitslos, viele sollen zu Baumpflanzern umgeschult werden. Grüne Einzelkämpfer und Außenseiter wie Yang Xin wurden durch die Überschwemmungen zu Medienstars. Yang gibt pro Woche mehrere Radio- und Zeitungsinterviews, TV-Anstalten erbitten seinen Rat bei der Produktion von Sendungen über Chinas Umweltprobleme. Er erhielt den Auftrag für eine mehrteilige Dokumentation über die Zerstörung des Jangtse. Die erforderlichen Drehgenehmigungen bekam er in wenigen Tagen, früher hätte das Monate gedauert. Er muss nicht mehr als Bittsteller von Unternehmen zu Unternehmen laufen, die Spenden kommen von allein. Wichtiger noch: Die Behörden stehen seiner 1997 gegründeten, regierungsunabhängigen Umweltschutzorganisation „Grüner Fluss“ etwas hilfsbereiter gegenüber. Fast vier Jahre musste er kämpfen, bis er die offizielle Genehmigung dafür bekam. „Alle offiziellen Stellen waren mir zunächst feindlich gesinnt“, sagt er.

 

Organisationen wie der „Grüne Fluss“ stellen Partei und Regierung vor ein Dilemma. Die KP Chinas hat das politische Machtmonopol im Land und misstraut jeder Vereinigung, über die sie nicht die totale Kontrolle ausübt. Obwohl die chinesische Verfassung Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit garantiert, bedarf jedes geplante Treffen von mehr als zwanzig Personen der polizeilichen Erlaubnis. Bis vor kurzem gab es überhaupt keine Organisationen außerhalb der Partei. Mittlerweile aber hat die Führung in Peking erkannt, dass zu einer modernen Gesellschaft auch unterschiedliche Interessengemeinschaften gehören: Bürgerinitiativen, Umweltschützer, Verbraucher- und Berufsverbände, Handelskammern und Innungen. China ist da keine Ausnahme, und im ganzen Land gibt es zaghafte Ansätze, unabhängige Organisationen zu gründen. Die Regierung versucht, sie mit einer Vielfalt an Bestimmungen und Auflagen zu kontrollieren. Yang musste ein Vorbereitungskomitee und einen Vorstand benennen und eine Liste der potentiellen Mitglieder bei den lokalen Behörden in der Provinz Qinghai einreichen. Die Umweltbehörde bearbeitete den Antrag, von der Idee hielt sie gar nichts. Als nächstes prüfte das Büro der Öffentlichen Sicherheit die Unterlagen, um sicherzustellen, dass sich unter den Mitgliedern weder Kriminelle noch politische Dissidenten befinden. Schließlich benötigte Yang noch ei-nen Bürgen, eine Regierungsorganisation, die für die Aktionen von „Grüner Fluss“ verantwortlich zeichnet. „Als ich nach vier Jahren die Erlaubnis erhielt, sagte mir der Leiter der Verwaltungsstelle, ich könne machen, was ich wolle, solange ich mich nicht in die Politik einmische. Daran halte ich mich.“ Wie kann man Umweltzerstörung und Politik trennen? Yang schmunzelt und schweigt. Er weiß, dass eine unpolitische Umweltbewegung zu den Widersprüchen im China des Umbruchs gehört, die Westler kaum verstehen können.

 

Die chinesische Regierung toleriert keine Dissidenten und keine Meinung, die das politische System in Frage stellt. Sie erlaubt mehr und mehr Freiräume für Kritik an Missständen wie etwa Korruption oder Umweltverschmutzung, solange niemand deren Ursachen mit der Alleinherrschaft der KP in Verbindung bringt. Geduldet werden Proteste gegen vereinzelte Umweltsünder, aber nicht gegen die Wirtschafts- oder Industriepolitik der Regierung. Zuweilen benutzt die Führung entstehende Bürgerinitiativen und eine liberale Presse, um ungehorsame Provinzfürsten zur Raison zu bringen. Wenn etwa die Regierung per Gesetz den Kahlschlag an den verbliebenen Wäldern landesweit verbietet, weiß sie nicht, ob Parteisekretäre und Bürgermeister das Dekret auch überall umsetzen. Auf lokaler Ebene gehen wirtschaftliche Interessen grundsätzlich vor, und das Land ist einfach zu groß, um Kontrolleure bis in die letzten Winkel zu schicken. Im Sommer 1996 ordnete die Regierung die Schließung hunderter von Säge- und Papiermühlen, Lederfabriken und anderer Dreckschleudern in der Provinz Anhui an. Zwei Jahre später war die Hälfte dieser Unternehmen klammheimlich wieder aktiv.

 

In der Hauptstadt gibt es mittlerweile drei Umweltschutzorganisationen, landesweit um die zwanzig. Die meisten konzentrieren sich noch auf das Beobachten von Vögeln oder Tieren, ihre Aktionen beschränken sich auf das Pflanzen von Bäumen, das Säubern von Parkanlagen oder auf Ausflüge in die Natur mit Schulklassen. Harmlose Veranstaltungen, nach westlichen Maßstäben betrachtet und angesichts der Umweltprobleme, die das Land hat. „Aber für uns sind das erste wichtige Schritte“, sagt Liang Congjie, Gründer und Vorsitzender der „Freunde der Natur“, einer Bürgerinitiative mit über 500 Mitgliedern. „Wir fangen ganz von vorne an. Es gibt in China kein Umweltbewusstsein. Das ist ein westliches Konzept. Die traditionelle chinesische Kultur ist der Natur eher feindlich gesinnt.“

 

Liangs Organisation ist verantwortlich für die bisher radikalste Aktion chinesischer Umweltschützer. Kurz nach dem Beginn des Abholzverbots reiste ein Team in den Bezirk Hongya in der Provinz Sichuan. Sie verkleideten sich als Geschäftsleute und interviewten mit versteckten Kameras lokale Behördenvertreter. „Sie prahlten, dass sie uns so viel Holz liefern könnten, wie wir nur wollten. Sie zeigten uns sogar, wie sie mit einer Motorsäge einen tausend Jahre alten Baum fällen konnten“, sagte Liang. Die Umweltschützer übergaben das Video einem chinesischen Fernsehsender. Die Ausstrahlung verursachte einen Skandal, die Regierung schickte zusätzliche Inspektoren in die Provinz und die Aktivisten erhielten Morddrohungen.

 

Könnte der nächste Schritt eine Aktion im Stil von Greenpeace sein? Klettern chinesische Umweltschützer bald auf rauchende Fabrikschlote? Werden sie sich an Bäume ketten oder an das Tor eines Stahlwerkes, das den Jangtse verseucht? Yang schüttelt den Kopf. „Auf absehbare Zeit undenkbar“, sagt er. „Wir sind wie Küken, die gerade aus dem Ei schlüpfen. Wir sind noch klein und zerbrechlich. Wenn ein Vogel größer wird, wird er auch aggressiver. Unser Ziel ist es, eines Tages Regierung und Behörden unter Druck setzen zu können. Zur Zeit müssen wir noch mit ihnen zusammenarbeiten und ihr Vertrauen gewinnen.“ Schon allein deshalb, weil die Lizenz für jede regierungsunabhängige Organisation nur zwölf Monate gilt. Die Behörden müssen eine unbequeme Initiative nicht verbieten, sie erneuern einfach die Genehmigung nicht.

 

Yang Xin und der „Grüne Fluss“ haben eine andere Strategie, als mit radikalen Aktionen auf Chinas Umweltprobleme aufmerksam zu machen. Yang will fünf Beobachtungs- und Forschungsstationen am oberen Lauf des Jangtse errichten. In den Häusern sollen Umweltschützer, Wissenschaftler und Polizisten zusammen leben und arbeiten. Dabei kann er auf ein Netzwerk von 200 Mitgliedern und 400 Unterstützern bauen. Seit Sommer 1997 steht die erste, nur mit Spendengeldern finanzierte Anlage in über 5000 Metern Höhe auf der tibetischen Hochebene in der Provinz Qinghai. Ein roter, L-förmiger Kasten, der aussieht, als hätte jemand mehrere Container hintereinander gestellt, daneben Solarzellen und ein Windrad zur Stromversorgung.

 

Die Station ist das ganze Jahr über mit mindestens vier Polizisten besetzt. Sie kämpfen gegen Wilderer, die die kostbare, vom Aussterben bedrohte Tschiru-Antilope jagen. Ein aus ihrem besonders weichen Fell hergestellter Shatoosh-Schal bringt auf dem Schwarzmarkt in London, Paris oder New York bis zu 15.000 US-Dollar. Polizisten und Wilderer liefern sich regelmäßig Feuergefechte, bei denen schon mehrere Menschen starben. „Ohne unsere Station gäbe es die Antilope bald nicht mehr“, glaubt Yang. „Die Gegend ist eine der ärmsten Regionen in China, und die Behörden könnten sich so eine Anlage gar nicht leisten.“ Zwischen Mai und Oktober leben zusätzlich Wissenschaftler auf der Station, die das Ökosystem des Plateaus beobachten und erforschen. Im Sommer kommt Yang mit Studentengruppen dazu. Mit den meisten bleibt er in Kontakt; sie kehren zurück in ihre Heimatstädte, gründen Umweltschutzinitiativen an ihren Universitäten, sammeln Spenden und helfen ihm beim Bau der Stationen.

 

Kürzlich traf Yang sich mit ein paar jungen Umweltschützern in einem Restaurant. Aus Gewohnheit griff er zu den Wegwerfstäbchen aus Holz. Mit strafendem Blick schauten ihn die Studenten an. Sie hatten alle ihre eigenen Stäbchen dabei. „Die zweite Generation wächst heran“, sagt Yang zufrieden. „Die Jungen sind aggressiver und mutiger als wir. Sie wissen aus dem Internet, wie radikal andere Umweltschutzorganisationen im Rest der Welt sind. Sie werden sich nicht mehr lange mit dem Zählen von Vögeln oder dem Pflanzen von Bäumen zufrieden geben.“



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