greenpeace magazin 4.08

Raubzug ohne Verstand

Bei der Jagd nach den letzten Fischen gibt es kein Pardon. 80 Prozent der Bestände in Nordsee, Ostsee und Mittelmeer stehen am Rande des Zusammenbruchs, die Brüsseler Fischereipolitik ist gescheitert. Um die Lücken zu stopfen, bietet der Handel immer mehr Zuchtfische, immer mehr Importware und immer mehr exotische Arten an. Europas Trawler werfen ihre Netze in den entlegensten Seegebieten aus – in der Arktis, vor Afrikas Küsten, sogar im Pazifik. So exportieren wir die rücksichtslose und kurzsichtige Ausbeutung der Meere in alle Welt. Das UN-Ziel, „intakte marine Ökosysteme“ wiederherzustellen, rückt in immer weitere Ferne. Die gute Nachricht: Nachhaltige Fischerei ist machbar. Die Wissenschaft zeigt, dass gesunde Fischbestände, die nahe an ihrer natürlichen Größe sind, auch die besten und sichersten Fangerträge abwerfen. Einige Länder machen längst vor, wie man die marinen Ressourcen intelligent nutzt. Wir schildern sieben Fischerei-Skandale. Und sagen, wie Sie als Verbraucher helfen können, diesen Wahnsinn zu stoppen.

Kabeljau: Der Niedergang des Fischs der Fische
Er gilt als Fisch, der Geschichte schrieb. Seit Jahrhunderten wird der Kabeljau – als Stockfisch haltbar gemacht – rund um den Atlantik gehandelt. Er ernährte Schiffsmannschaften und Soldaten, soll die Besiedlung Amerikas erst möglich gemacht haben und spielt in zahlreichen Nationalküchen von Norwegen bis Brasilien eine zentrale Rolle. Schier unerschöpflich schienen die Bestände – bis im 20. Jahrhundert die industrielle Fischerei einsetzte, erst eine letzte kurze Blüte erlebte und dann zusammenbrach. Inzwischen gilt das Schicksal des „Brotfischs“ als Lehrstück über die Folgen einer rücksichtslosen Naturausbeutung.


Ob in der Ostsee oder vor Schottland, rund um Island oder bei Grönland – überall sind die Fänge in den letzten 20 Jahren drastisch zurückgegangen. Anfang der 90er-Jahre kollabierte die ehemals weltgrößte Kabeljaufischerei vor dem kanadischen Neufundland: 30.000 Fischer verloren ihren Job, weil der riesige Fischbestand trotz Warnsignalen zugrunde gerichtet wurde. Inzwischen steuert Europa sehenden Auges in eine ähnliche Katastrophe. In der Nordsee schwimmen derzeit beinahe zehnmal weniger „Laicher“, die für Nachwuchs sorgen, als noch vor 30 Jahren.


Angesichts des Niedergangs fordert der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen seit Jahren einen Fangstopp oder drastische Fangbeschränkungen. Doch die EU-Landwirtschaftsminister, die von Fischerei nicht viel verstehen, ignorieren den Rat der Wissenschaftler unter dem Druck der nationalen Fischereilobbys immer wieder. Für 2008 beschlossen sie – infolge eines einzelnen etwas stärkeren Nachwuchsjahrgangs – sogar eine Erhöhung der Quote auf 22.000 Tonnen. Fassungslos staunen Meeresschützer und Fischereiforscher über die Unfähigkeit der Verantwortlichen, die Krise zu meistern.

In den Fischeinkaufs-Ratgebern von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen steht der Kabeljau aufgrund der miserablen Fischereipolitik deshalb stets im tiefroten Bereich – vom Kauf wird dringend abgeraten. Die Fischwirtschaft hat dies immer wieder kritisiert. Ihr Argument: Das Gros des Kabeljaus im deutschen Handel stamme längst aus der arktischen Barentssee, vor Norwegen und Russland gebe es doch noch gesunde Bestände.


Verbraucher können allerdings – trotz seit 2002 geltender Etikettierungspflicht – gar nicht erkennen, wo ihr Fisch herkommt. Das Fanggebiet „Nordostatlantik“ reicht von Grönland bis Gibraltar, auch die Nordsee zählt dazu. Wer Kabeljau kauft, kann also nicht ausschließen, dass er die Plünderung vor unserer Küste unterstützt.

Und außerdem ist es auch mit dem Barentssee-Kabeljau so eine Sache. Infolge der allgemeinen Kabeljauflaute ist er nämlich extrem begehrt – jährlich wird Fisch im Wert von 800 Millionen Euro angelandet. Der WWF dokumentierte jetzt in der Studie „Illegal Fishing in Arctic Waters“, wie russische, norwegische, aber auch EU-Fischer dabei die Fangquoten immer wieder überschreiten – sie gefährden den letzten Kabeljau-Rückhalt!

 

Steckbrief Kabeljau (Dorsch)

Gadus morhua
GRÖSSE: 60 bis 80 cm (früher bis 150 cm)  
ALTER: maximal 25 Jahre
VERBREITUNG: Nordatlantik, Nordsee, Ostsee (dort Dorsch genannt). Infolge der Meereserwärmung verlagert sich der Schwerpunkt nordwärts.  
GEFÄHRDUNG: Laut Roter Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN „gefährdet“. Allerdings droht nicht das vollständige Aussterben, sondern eine „kommerzielle
Ausrottung“ – Kabeljau-Fischerei wäre nicht mehr möglich.
ALTERNATIVE: Seelachs (Pollachius virens) aus dem Nordatlantik. Das Fleisch ist nicht so weiß – schmeckt aber auch gut. Bestand gesund, wenig Beifang anderer Arten.

 

 

Lachs: Vom Edelfisch zur Massenware

Erinnern Sie sich noch? Es gab einmal eine Zeit, da wurde Lachs in einem Atemzug mit Kaviar genannt und galt als Delikatesse. Heute kostet ein Lachsbrötchen an der Fischbude nicht mehr als ein Matjesbrötchen, und die Deutschen verzehren beinahe zwei Kilo pro Kopf und Jahr. Weltweit werden jährlich mehr als eine Million Tonnen Lachs produziert – das entspricht 40.000 vollbeladenen Kühlcontainern.


Seinen Aufstieg (oder Abstieg) zur Massenware verdankt Salmo salar der Erfindung der Aquakultur. Seit den 80er-Jahren werden die Fische in Farmen gepäppelt, so wie Hähnchen oder Schweine auch. Eigentlich keine schlechte Idee – wer kann schon sagen, ob Käfiglachse, die mit Computerhilfe pünktlich und wohl dosiert ihr Futter erhalten, unglücklicher sind als ihre freien Verwandten? Und: Letztere müssten sich doch sogar besser vor Überfischung schützen lassen, wenn es genügend Farmfisch gibt.


Leider falsch. Die Wildlachsbestände gehen dramatisch zurück – nicht trotz, sondern wegen der Lachsfarmen. Jennifer Ford und Ransom Myers von der kanadischen Dalhousie University zeigten kürzlich in einer Studie, dass die Zahl der Wildlachse in verschiedensten Meeresregionen – in Schottland, in Irland, an Kanadas Ost- und Westküste – nach Gründung von Lachsfarmen rapide abnahm, oft um mehr als 50 Prozent. Ursache sind Krankheiten und Parasiten wie die Fischlaus, welche die Käfiglachse auf ihre wilden Vettern übertragen.


Zudem verdrängen entflohene Zuchtlachse in der Natur Verwandte oder kreuzen sich mit ihnen. In Norwegens Flüssen ist jeder vierte Lachs ein Farmflüchtling. An Kanadas Pazifikküste werden Dutzende Wasserläufe von Atlantischen Lachsen bevölkert – die dort natürlicherweise gar nicht vorkommen. Und in Chile, nach Norwegen inzwischen größter Lachsproduzent, spülte im vergangenen Jahr eine von einem Erdbeben ausgelöste Flutwelle mehr als zwölf Millionen aus dem Atlantik stammende Käfiglachse in die Freiheit. Eine „McDonaldisierung“ der Fischwelt ist die Folge – überall tummeln sich die gleichen Hochleistungslachse.

Größtes Problem aber ist der Riesenappetit der Salme. Denn anders als alle bedeutenden Farmtiere an Land begnügen sie sich nicht mit pflanzlicher Kost. Vier bis fünf Kilo Futterfische braucht man zur Pro-duktion von einem Kilo Lachs – weshalb weltweit Trawler die Mee-re durchpflügen und Unmengen Sardinen und Sardellen, Sandaale und Makrelen fangen. Aber weil auch diese „Industriefische“ zur Neige gehen, sucht die Branche verzweifelt nach Alternativen.


In einer Bremerhavener Werft wird derzeit die „MV Juvel“ um fast 30 Meter verlängert: Das Fabrikschiff soll demnächst in der Antarktis unter Hightech-Einsatz Krill fangen. Bisher sind die kleinen Krebse vor allem als Nahrung der Großwale bekannt, in Zukunft sollen sie zu Kraftfutter verarbeitet werden. So macht der Lachs – und damit der Mensch – nun sogar den Walen ihre Leibspeise streitig.

 

Steckbrief Lachs

Salmo salar
GRÖSSE: max. 150 cm, meist 40-120 cm
ALTER: 4 bis 6, selten 10 Jahre
VERBREITUNG: Nordatlantik, Nordsee, Ostsee, zum Laichen steigen sie in (saubere) Flüsse auf
GEFÄHRDUNG: aus vielen europäischen Flüssen verschwunden
ALTERNATIVEN: Pazifischer Wildlachs (Oncorhynchus spp.) mit MSC-Zertifikat; Lachs aus Öko-Aquakultur

 

 

Tiefseefische: Beutezug tausend Meter unter dem Meer

Früher dachte man, die Tiefsee sei eine leblose Wüste. Bis im Jahr 1818 der britische Polarforscher Sir John Ross mit einem „Greifer“ aus 1800 Metern Tiefe Würmer und einen Schlangenstern an Bord seines Schiffes hievte – der erste Beweis, dass dort unten Leben möglich ist. Jetzt, 190 Jahre später, arbeiten Wissenschaftler in aller Welt fieberhaft an einer umfassenden Bestandsaufnahme des Lebens in den Ozeanen, dem „Census of Marine Life“. Sie beschreiben im Wochentakt neue Krebse, Korallen oder Kraken, und längst ist klar: Auch in der Tiefsee ist die Artenvielfalt riesig.


Fernab der Küsten gibt es unterschiedlichste Lebensräume: Hänge mit tief eingeschnittenen Canyons, nährstoffreiche Heißwasserquellen und gewaltige Seeberge, deren Gipfel bis nahe an die Oberfläche reichen. Hinzu kommen Ökosysteme, die das Leben selber schafft: herabgesunkene Walkadaver zum Beispiel sowie ausgedehnte Kaltwasserkorallenriffe, deren herausragende ökologische Bedeutung die Wissenschaft erst vor Kurzem erkannt hat. Allein hier kommen mehr als 2000 Arten vor.


Es liegt auf der Hand, dass es keine gute Idee ist, solche Ökosysteme zu plündern – der Mensch tut es trotzdem. Seit die produktiveren Küstenmeere leergefischt sind, seit Trawler ihr Fanggerät an Spezialtrossen bis in 1500 Meter Tiefe herablassen können, seit Hightechsonar es erlaubt, die Strukturen des Meeresbodens detailliert sichtbar zu machen, ist kein noch so entlegenes Gebiet mehr sicher. Im Nordatlantik beuten die Fangflotten in großem Stil die sensiblen Rotbarsch-Populationen aus. Bei Madeira werden Langleinen in bis zu 1000 Metern Tiefe herabgelassen, um Degenfische zu fangen. Im Indischen Ozean zerstörten Trawler Ende der 90er-Jahre bei der Jagd auf den Granatbarsch zahlreiche Seeberge. Und vor Norwegen liegt mehr als ein Drittel der Kaltwasserriffe in Trümmern. Gefangen wird häufig mit schweren Grundschleppnetzen, die jahrhundertealte Schwämme und Korallen einfach abrasieren. Man nennt das Prinzip „boom and bust“: Auf ein kurzes Hoch folgt alsbald der einkalkulierte Zusammenbruch.

Doch seit 2006 gibt es Grund zur Hoffnung: Aufgrund der Proteste von Umweltschützern und Tausenden Wissenschaftlern verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Resolution zum Schutz der Tiefsee. Bis Ende 2008 sollen die Staaten „verwundbare marine Ökosysteme“ identifizieren und dauerhafte Schutzmaßnahmen beschließen. Seitdem verfolgt die „Deep Sea Conservation Coalition“, ein Bündnis von Greenpeace und zahlreichen anderen Meeresschutzorganisationen, die Fortschritte der Fischereikommissionen für die verschiedenen Regionen des Weltozeans.


Zwar haben die beiden Kommissionen, die für den Nordatlantik zuständig sind – die Region mit der derzeit intensivsten Hochseefischerei – für bestimmte Gebiete Fischereimoratorien erlassen. Sie scheiterten aber bislang daran, umfassende und bindende Regelwerke zu erarbeiten. Ein Bann der Grundschleppnetz-Fischerei auf den Granatbarsch wurde sogar wieder aufgehoben. Und das, obwohl die Zeit immer knapper wird.


So werden weiterhin kostbare Lebensräume zerstört. Der WWF veröffentlichte 2007 eine Studie über drei besonders artenreiche und schützenswerte, aber intensiv befischte Gebiete vor der kanadischen Atlantikküste. „Regelmäßig ziehen Fischer Korallen an Land, die unwiederbringlich verloren sind“, sagte der WWF-Experte Christian Neumann. An der zerstörerischen Jagd auf Heilbutt und Rotbarsch sind Fangflotten aus Kanada und Russland beteiligt – sowie aus den EU-Staaten Spanien und Portugal.

Steckbrief Rotbarsch 

Sebastes marinus
GRÖSSE: maximal 100 cm
ALTER: bis 60 Jahre
VERBREITUNG: Nordatlantik, in 100 bis 1000 Metern Tiefe, an Kontinentalhängen oder über Seebergen und -rücken
GEFÄHRDUNG: Bestände stark dezimiert oder in unklarem Zustand; dennoch intensive Fischerei mit Riesen-Schleppnetzen
ALTERNATIVE: Alaska-Seelachs (Theragra chalcogramma) mit MSC-Zertifikat

 

Thunfisch: Die globale Treibjagd
Damals, der Thunfisch-Boykott, war das nicht ein schöner Erfolg? Umweltschützer hatten Anfang der 90er-Jahre dazu aufgerufen, weil in den Thunfischnetzen alljährlich Zehntausende Delfine verendeten. Nun prangt auf zahllosen Produkten ein „Delfinsicher“-Logo, und an Nachschub scheint es auch nicht zu mangeln. Der Strom kommt aus der Steckdose, der Thunfisch aus der Konservendose. Wo ist das Problem?


In Wahrheit machen sich nun die Thunfische rar, sie haben nur eine so starke Lobby wie die Delfine. Der Rote Thun etwa, ein faszinierendes Hochseetier, steht laut Roter Liste im Westatlantik vor dem Aussterben. Und im Mittelmeer, dem Hauptlaichgebiet dieser Art, veranstalten die Fischereinationen von der Türkei bis Spanien ein Wettrüsten, um noch das letzte Exemplar aus dem Wasser zu ziehen. „Es gibt dort fast 300 Trawler zu viel“, warnt die WWF-Exper-tin Karoline Schacht, „doch anstatt die Flotte zu verkleinern, werden sogar noch 25 neue Hightech-Thunfischfänger gebaut.“


Für die Saison 2008 erlaubt die zuständige Fischereikommission eine Fangmenge von 29.000 Tonnen, doppelt so viel wie Experten empfehlen. Die Thunfischjäger-Flotte aber ist auf den Fang von 55.000 Tonnen ausgelegt, sodass alljährlich Tausende Tonnen illegal gefanger Thun hinzukommen. Anfang Mai entdeckte die Crew des Greenpeace-Schiffs „Artic Sunrise“ bei Sizilien ein italienisches Boot, das ein kilometerlanges Treibnetz ausgelegt hatte – obwohl die längst verboten sind. Die Aktivisten holten es ein und fanden eine zappelnde Meeresschildkröte und tote, zu kleine Thune.


Einen Ausweg soll die Käfigmast bringen, die an den Mittelmeerküsten boomt. Doch sie vereint nur die verheerenden Folgen von schlechtem Fischereimanagement und Aquakultur: Für den Besatz werden ganze Schwärme von Jung-Thunfischen gefangen, was die Bestände weiter dezimiert, und verfüttert wird anderer Fisch –
20-mal mehr, als schließlich an Thunfisch herauskommt.


Der Riesenaufwand lohnt, weil für das dunkelrote Fleisch von Thunnus thynnus in Tokio bis zu 500 Euro pro Kilo gezahlt werden – da können die Europäer nicht mithalten. Die Fischhändler „Deutsche See“ und „Metro“ haben angekündigt, den Roten Thun zu dessen Schutz aus dem Sortiment zu nehmen – kein Kunststück, wenn die Kollegen aus Japan eh alles aufkaufen. Aber die Europäer wollen
natürlich auf Pizza Tonno und Co. nicht verzichten. Was also tun?

Ganz einfach: Wir beteiligen uns im Gegenzug an der Plünderung des Pazifiks. In den letzten Jahren hat die EU Fischereiabkommen mit den Inselstaaten Kiribati, Salomonen und Mikronesien geschlossen. Sie zahlt also dafür, dass spanische, französiche und holländische Trawler am anderen Ende der Welt Thunfisch fangen dürfen – und zwar läppische 35 Euro pro Tonne Fisch.


Aber damit nicht genug: Ein Greenpeace-Report dokumentierte 2007, wie Trawler europäischer Eigner im Pazifik unter Billigflagge in großem Stil Thunfisch wildern. Die illegale Ware landet als Dosenfisch in Europa – auch in deutschen Supermärkten. Der Fischraub hat Folgen: Die Bestände der Gelbflossen- und Großaugen-Thune schrumpfen alarmierend, so der Greenpeace-Bericht. Das Nachsehen haben Inselbewohner, die traditionell vom Thunfisch leben, inzwischen aber oft ihren Eigenbedarf nicht mehr decken können.


Doch einige Staaten kommen nun zur Vernunft. Ende Mai beschlossen acht pazifische Inselstaaten das „Nauru-Abkommen“: Fischer, die eine Lizenz zum Thunfischfang in deren Hoheitsge-wässern haben, dürfen nicht mehr in den benachbarten internationalen Gewäs-sern fangen. Es entsteht ein riesiges Meeresschutzgebiet, in dem sich die Bestände erholen können – ganz im Sinne der Greenpeace-Forderung, 40 Prozent der Weltmeere unter Schutz zu stellen.


Übrigens: Seit dem Boykott konnten die Delfinbeifänge im Pazifik zwar nicht gestoppt, aber deutlich verringert werden – auf immer noch einige Tausend Tiere pro Jahr. Keinerlei Aussage treffen die Delfinsicher-Siegel dagegen über die Beifänge anderer Meerestiere. Noch immer enden Jahr für Jahr Zehntausende Haie, Schildkröten und Albatrosse an den Haken der kilometerlangen Thunfisch-Leinen. Wie wär‘s mit einem neuen Boykott?

 

Steckbrief GELBFLOSSENTHUN 

Thunnus albacares
GRÖSSE: 150 bis 200 cm
ALTER: bis 9 Jahre
VERBREITUNG: Tropische und subtropische Meere
GEFÄHRDUNG: Rote Liste „Lower Risk“, Bestände dezimiert
ALTERNATIVEN: Wenn‘s unbedingt Thun sein muss, dann nur Bonito oder Skipjack (Katsuwonus pelamis) – er vermehrt sich schnell, die Bestände sind noch in gutem Zustand.

 


Scholle: Babyfische als Abfall
In Holland flog kürzlich ein skurriler Schwindel auf: Fahnder beschlagnahmten im traditionellen Fischerort Urk insgesamt 180 Tonnen tiefgefrorenen Billig-Plattfisch aus Fernost, der zur wertvolleren Scholle umetikettiert worden war. Asiatische Pseudoschollen für Europas Feinschmecker, ausgerechnet aus dem Heimatland der Plattfische – die Affäre steht sinnbildlich für die Krise der europäischen Fischerei.


Während die Fischer im Jahr 1990 noch 156.000 Tonnen Schollen aus der Nordsee holten, waren es 2006 nur noch 58.000 Tonnen. Im gleichen Jahr gingen allerdings mindestens 55.000 Tonnen Schollen als Discard (Rückwürfe) wieder über Bord. Weil Schollen in den gleichen Gebieten leben wie die noch teureren Seezungen und die Netze auf die schlankeren Verwandten ausgelegt sind, werden massenweise zu kleine Schollen mitgefangen. Sie sterbend zurück ins Meer zu werfen ist nicht illegal, sondern Vorschrift: Schollen unter 27 Zentimeter Länge dürfen nach EU-Recht nicht angelandet werden.


Fischereiwissenschaftler fordern dagegen ein totales Discardverbot, wie es zum Beispiel im Nicht-EU-Land Norwegen längst gilt. Zu kleine Schollen würden dann auf die Quote angerechnet – und ist die Schollen-Fangmenge ausgeschöpft, wird für den Rest der Fangsaison auch die Seezungenfischerei beendet. „Wenn die Fischer ihren gesamten Fang anlanden müssen, werden sie Wege finden, die ungewollten Beifänge so gering wie möglich zu halten“, erklärt Christopher Zimmermann vom Institut für Ostseefischerei. „Allerdings müssten schon drastische Strafen drohen, damit das Verbot auch eingehalten wird.“


Die Kontrolle wäre gar nicht so schwierig: Kutter und Trawler, die Beifänge ins Meer schaufeln, sind kilometerweit zu erkennen. Denn sie haben stets Hunderte Seevögel im Schlepptau, für die der auf der Oberfläche treibende Rückwurf ein Festschmaus ist. Bei Plattfisch-Fischern ist der Begleitzug besonders groß. Denn weil sie mit ihren schweren „Scheuchketten“ den Meeresboden regelrecht umpflügen, geht neben Fischen noch massenweise anderes Getier ins Netz. Die Vielfalt an Bodenlebewesen ist deshalb in weiten Teilen der Nordsee deutlich reduziert.


Bisher allerdings zeichnet sich allenfalls ein partielles Discardverbot ab – das sich kaum überwachen ließe. Stattdessen gelten weiter Regelungen, von denen manche sogar kontraproduktiv sind. Jüngstes Beispiel: Im Rahmen eines „Erholungsplans“ für den Kabeljau wurden in Holland die Fangtage für diese Fischart begrenzt. In der Folge bleiben die Kutter näher an Heimathafen und Küste. Genau das sind dummerweise die Gebiete sind, in denen die Plattfische sich fortpflanzen – und so gehen den Fischern nun noch mehr Baby-Schollen ins Netz.

Steckbrief SCHOLLE 

Pleuronectes platessa
GRÖSSE: bis 100 cm, heute meist nur 20 bis 30 cm
ALTER: max. 24 Jahre
VERBREITUNG: Nordatlantik, Nordsee, westliche
Ostsee, westliches Mittelmeer
GEFÄHRDUNG: chronisch überfischt
ALTERNATIVE: Wer die für den Plattfischfang typischen hohen Beifänge vermeiden will, muss selbst angeln.

Shrimps: Delikatesse mit Nebenwirkungen
Was hat der Garnelenspieß auf dem Grill mit den Verwüstungen durch den Wirbelsturm Nargis im Irrawaddy-Delta zu tun? Viel, meint Jeff McNeely, der Chefwissenschaftler der Weltnaturschutzorganisation IUCN. Auf Satellitenbildern sei erkennbar, dass in Burma (Myanmar)schon rund 80 Prozent der salztoleranten Mangrovenwälder an den Küsten zerstört wurden – oft, um Shrimpsfarmen Platz zu machen. „Intakte Mangroven hätten die Auswirkungen des Zyklons mit Sicherheit reduziert“, sagte der Experte nach der Katastrophe im Mai einem Radiosender.


McNeely hatte nach dem Tsunami im Dezember 2004 Thailand besucht und in Gebieten mit ausgedehnten Mangroven nur moderaten Folgen festgestellt. „Viel größer waren die Schäden dort, wo die Mangroven zerstört worden waren um Teiche anzulegen, damit wir billige Shrimps für unsere Fastfoodrestaurants bekommen.“

Mangroven bilden in den Tropen einen natürlichen Küstenschutz, der die Wucht von Wind und Wassermassen mildert. Dennoch schrumpft die Mangrovenfläche jährlich um 1000 Quadratkilometer, so eine aktuelle Bilanz der Welternährungsorganisation FAO, seit 1980 wurde weltweit ein Fünftel der wertvollen Ökosysteme vernichtet. Auch die FAO nennt „die Umwandlung von Mangroven in Shrimp- und Fischfarmen in großem Stil“ als einen Hauptgrund.


Die Garnelenzucht ist seit den 80er-Jahren förmlich explodiert. Jedes Jahr wachsen mehr als 3,5 Millionen Tonnen Krustentiere in dafür angelegten Tümpeln heran. Thailand, Vietnam, Indonesien, Ecuador und viele andere Länder exportieren Tiger Prawns & Co. im Wert von 5,6 Milliarden Euro pro Jahr, die Shrimpsfarmen geben Millionen Menschen Arbeit. Das Gros der Ware geht in den Westen, der Preis des einstigen Luxusprodukts sinkt stetig. Kürzlich gab es Shrimps-Burger beim McDonald’s-„Sckmecktakel“.


Leckerbissen für uns, Jobs für Asien und Lateinamerika – es könnte so schön sein. Doch die Realität der Boombranche ist oft bitter. Unmengen von Medikamenten und Pestiziden landen in den Tei-chen. Abwässer verseuchen angrenzende Gewässer und versalzen  fruchtbare Böden. Marine Ressourcen schwinden, weil beim Fang von Junggarnelen für den Besatz ein Vielfaches an anderen Fisch- und Krustentierlarven mit ins Netz geht. Und immer wieder gibt es Berichte über Landnutzungskonflikte und soziale Verwerfungen.


Im April prangerte die US-Organisation Solidarity Center „moderne Sklaverei“ in Shrimpsfarmen in Thailand und Bangladesch an: Kinderarbeit, Menschenhandel und Zwangsarbeit seien an der Tagesordnung. Auf Druck von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen suchen einige Ländern Lösungen für die drängendsten Probleme. „Internationale Prinzipen für verantwortliches Shrimpfarming“, 2006 von UN-Organisationen und dem WWF vorgelegt, sollen die Missstände reduzieren helfen. Das Problem: Die Richtlinien sind nicht bindend, die Erfolge schwer zu kontrollieren.


Aus Burma übrigens dürfen wegen der Sanktionen gegen das Militärregime keine Waren in die EU exportiert werden. Die von Exil-Burmesen betriebene Internet-Plattform „Narinjara News“ berichtete aber im April, große Mengen in Burma produzierter Billig-Shrimps würden auf dem Seeweg nach Bangladesch geschmuggelt. Dort werden sie umverpackt – und gelangen schließlich auch zu uns.


Steckbrief RIESEN-TIGERGARNELE 

Penaeus monodon
GRÖSSE: Bis 36 cm – es ist die größte Garnelenart
VERBREITUNG: Indischer Ozean und Westpazifik; häufigste Aquakultur-Art
ALTERNATIVE: Wenn Zucht-Shrimps, dann aus Bio-Aquakultur, für die keine Mangroven vernichtet werden. Wildfänge sind keine Alternative, denn sie gehen meist mit sehr hohen Beifängen einher. Das gilt auch für Nordseekrabben (Crangon crangon). Mal welche zum Selberpulen zu kaufen ist okay – das macht man eh nicht oft. Akzeptabel sind Eismeergarnelen (Pandalus borealis).

 


Tropenfische: Entführte Exoten
Am Strand des indischen Städtchens Rameswaran wimmelt es von Fischern, Händlern und Neugierigen. Holzkähne werden an Land gezogen, die Fänge in bunten Plastikwannen von Bord gehievt. Im Gewühl eilt Philip Pristovsek von Boot zu Boot, hält Ausschau nach den schönsten Fischen. „Was hier fehlt, sind so’n bisschen die Farben“, klagt der Berliner zunächst. Doch schließlich findet er doch noch Papageifische, „richtig große“, sowie Kaiserbrassen, Red Snapper und kostbare Silber Pomfrets.


Nur 48 Stunden später liegt die Beute in der Fischtheke eines Berliner Supermarkts – ein Fernsehteam von „Kabel eins“ hat den 7700 Kilometer langen Weg der Ware verfolgt. Pristovsek ist Fischimporteur, seine Firma „Sultan Trade“ auf Exoten spezialisiert. Laut Website kann man vom Adlerrochen bis zum Hammerhai alles bei ihm bestellen. Mindestens vier Rote-Liste-Arten hat er im Angebot.

 

Tropenfische boomen. Jeder Fischladen besorgt sie seinen Kunden auf Bestellung, jedes Restaurant, das exklusiv erscheinen will, hat welche auf der Speisekarte. Red Snapper und Co. werden „immer stärker nachgefragt“, stellt auch der Marktleiter des Berliner Supermarkts fest. „Kochsendungen sind groß im Trend, und die Leute wollen zu Hause ausprobieren, was sie im Urlaub kennengelernt haben.“ Den Frischfisch importieren Spezialfirmen per Luftfracht. Wo er herkommt, scheint kaum jemanden zu interessieren.


Sicher ist, dass tropische Meere sehr anfällig für Überfischung sind. Der Tauchpionier Hans Hass schilderte im Greenpeace Magazin 3.04 sein Entsetzen, als er nach längerer Pause in den 70er-Jahren eine Reise nach Tahiti unternahm: „Ich sah Taucher, die an einem Stab 50 harpunierte Fischchen trugen – als wenn sie auf Schmetterlinge schössen. Die Riffe waren total verödet. Und erblickte man doch mal einen größeren Fisch, schwamm er panisch davon.“ Nur wenige Jahre nach Einführung der Tauchermaske hatten Schnorchler und Taucher weltweit zahllose Riffe leergeschossen. Tauchverbände haben die Unterwasserjagd deshalb längst geächtet.


Die Organisation „Reef Check“, die mithilfe von Hobbytauchern weltweit den Zustand der Korallenriffe untersucht, dokumentierte in ihrem ersten Bericht 2001 die Folgen der Überfischung: Große Zackenbarsche und große Papageifische, die eigentlich zur Grundausstattung eines Riffs zählen, fanden sich nur in jedem zweiten Gebiet.

 

„Dieser Trend hat sich noch fortgesetzt“, sagt Georg Heiss, deutscher Koordinator von Reef Check, dessen zweiter Bericht noch 2008 erscheint. Besonders verheerend: Viele Fischer in Südostasien töten ihre Beute mit Dynamit – und verwüsten so ganze Korallenbänke.

Importeure können die Fangmethoden kaum kontrollieren. Zwar behauptet „Sultan Trade“: „Die lokalen Fischer fangen ausschließlich nach traditionellen Methoden mit Angeln oder Reusen. Schleppnetze, wie im kommerziellen Fischfang, kommen dabei nie zum Einsatz.“ Doch in dem TV-Bericht, den die Berliner übrigens selbst auf ihrer Website zeigen, sieht man Pristovsek auch an Bord eines Kutters, der vor Sri Lanka ein Schleppnetz auswirft. Zudem ist zu sehen, wie er auf einem indischen Großmarkt seine lokalen Agenten mit Importeuren aus Spanien und Großbritannien um die Wette bieten lässt. Wie der Fisch gefangen wurde, kann er gar nicht wissen.


Australische und britische Forscher berichteten kürzlich, wie wichtig intakte Fischbestände für das Überleben der durch Meereserwärmung und Überdüngung bedrohten Riffe sind. So halten Papageifische abgestorbene Korallenpolypen von Algenbewuchs frei und ermöglichen so die Neuansiedlung junger Korallen. Die Empfehlung der Forscher: ein strenges Fischereimanagement – und Meeresreservate, in denen jede Fischerei verboten ist.


Steckbrief PAPAGEIFISCHE 
Scaridae (etwa 80 Arten)
GRÖSSE: je nach Art von 20 bis maximal 130 cm
VERBREITUNG: ausschließlich tropische Meere, meist in Korallenriffen, die sie mir ihren schnabelartigen Zähnen abweiden
GEFÄHRDUNG: in vielen Gebieten durch Überfischung selten geworden, einzelne Arten sind akut bedroht
ALTERNATIVEN: Tropenfrüchte statt Tropenfische! Shrimps – Delikatesse mit Nebenwirkungen



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