Meine 6 m² minenfreies Bosnien

Dank des Engagements unserer Leser haben wir in den vergangenen 14 Jahren mehr als 200.000 Euro für unsere Minenräumaktionen in Bosnien gesammelt. Damit konnten wir – vor allem auch durch die finanzielle Unterstützung des Auswärtigen Amts – bisher rund 2,3 Millionen Quadratmeter von den heimtückischen Altlasten des Krieges befreien lassen (Stand Oktober 2014).

Für jedes neu abgeschlossene oder verschenkte Abonnement lässt das Greenpeace Magazin auch in Zukunft in Bosnien sechs Quadratmeter Minen räumen.

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Wie alles begann

Fünf Jahre nach Kriegsende müssen noch immer Unschuldige sterben: „Drei Kinder in Sarajevo von einer Mine getötet“, heißt es in einer nüchternen Zehn-Zeilen-Meldung vom 11. April 2000. Die Redaktion des Greenpeace Magazins beschließt zu handeln.

Redakteurin Andrea Hösch reist in die bosnische Hauptstadt, die noch immer von Krieg und Belagerung gezeichnet ist. Dort begegnet sie den Eltern der verunglückten Kinder. Am „Fetten Berg“, dem Unfallort, stellt sie fest, dass nirgendwo ein Minenwarnschild zu sehen ist. Sie überlegt, was das Greenpeace Magazin tun könnte, damit nicht noch mehr Kinder aus dem Leben gerissen werden.

Die Redaktion beschließt: „Wir müssen die Minen räumen.“ Aber wie? Die rettende Idee: Minenräumen als Abo-Prämie – für jedes neu abgeschlossene Abo können unsere Leser sechs Quadratmeter eines Minenfeldes in Bosnien räumen lassen. Die Resonanz darauf ist bis heute umwerfend.

Wir suchen und finden Minenräumorganisationen, damals war es „Help“, heute sind es die „Deutschen Minenräumer“ (Demira). Als das Auswärtige Amt – wie fast bei jedem Projekt – eine sechsstellige Summe dazugibt, können die Räumteams anrücken. Im August 2003 ist der Fette Berg minenfrei. Seither nehmen wir fast jedes Jahr in Absprache mit den bosnischen Behörden ein neues Projekt in Angriff, über das Andrea Hösch im Greenpeace Magazin berichtet.

Der Fette Berg in Sarajewo war einer der ersten Schauplätze der Minenräumen-Aktion

Auslöser ist der tragische Tod der drei Freunde Haris, Ema und Goran am Stadtrand von Sarajevo. Unweit von zu Hause werden die Kinder von einer Killermine PROM zerfetzt. Leila, 11, bringt ihrem Bruder Goran Blumen ans Grab.

Bald ist der Fette Berg minenfrei: Sehija Ascic will so bald wie möglich in ihr Haus zurückkehren

«Er wollte fliegen können, wie ein Vogel» Dina, 11 Jahre, Haris' Schwester
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Minenräumen

Noch immer werden weltweit Landminen gelegt – für ganze Minenfelder braucht man nur wenige Minuten. Die tödliche Hinterlassenschaft zu räumen, dauert dagegen Jahre oder, wie in Bosnien, Jahrzehnte.

Die V-69 aus Italien tötet alles Leben im Umkreis von 25 bis 30 Metern

Die M18A1 Claymore ist eine Antipersonenmine, die während des Koreakrieges von den USA entwickelt wurde. In welche Richtung die rund 700 Stahlkugeln beim Auslösen fliegen sollen, kann durch die Aufstellung der Mine bestimmt werden

Auch 15 Jahre nach Kriegsende ist die Minengefahr in Bosnien noch längst nicht gebannt: 1482 Quadratkilometer des Landes – eine Fläche doppelt so groß wie das Bundesland Hamburg – gelten als Risikogebiet. Seit 1996 konnten laut dem staatlichen Mine Action Center in Sarajevo (MAC) 116 Quadratkilometer geräumt werden. Dabei wurden 52.230 Personen- und 7491 Panzerminen sowie 44.320 Blindgänger unschädlich gemacht. Im gleichen Zeitraum starben 588 Menschen bei Minenunfällen, 1081 wurden schwer verletzt. Allein 239 Kinder wurden bei Minenunfällen verletzt oder getötet. Um die Gefahr durch Minen zu reduzieren, hat das MAC kürzlich eine von der europäischen Friedenstruppe EUFOR finanzierte Online-Aufklärungskampagne gestartet. Gleichzeitig fordert das MAC alle Bewohner des Landes auf, der Behörde mitzuteilen, wo Minen gelegt wurden.

Im Krieg waren sie Gegner, jetzt arbeiten sie zusammen: Der Kroate Josip Vrbat lenkt das Minenräumgerät Rex

Sein Kollege, der Serbe Velibor ist bei den Deutschen Minenräumern für die interne Qualitätskontrolle zuständig. Vor sieben Jahren haben sich die beiden ehemaligen Klassenkameraden wieder getroffen. Gemeinsam befreien sie seither ihre Heimat von Blindgängern und Landminen

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Zuflucht für kleine Seelen

Im zentralbosnischen Dorf Turija wurde drei Jahre nach dem Krieg ein Friedensdorf für vertriebene Frauen und Kinder aus Srebrenica gegründet. Jede geräumte Mine bringt die Menschen hier dem normalen Leben ein Stück näher.

Sanella, 18, aus Sarajevo, lebt mit einem ihrer Brüder im Friedensdorf „Selo Mira“. Ihr Vater konnte nach dem Tod ihrer Mutter nicht für alle vier Kinder sorgen.

Selma, 11 Jahre, kommt aus Bihac. Ihre Eltern kennt sie nicht, sie haben sie nie besucht

Davoran, 17, aus Sarajevo kümmert sich um den kleinen Belmin, der erst seit kurzem in seiner Wohngruppe lebt

Das Kinderdorf Selo Mira in Bosnien gewinnt durch jede geräumte Mine ein Stück Normalität

Mrnesa, 24, flüchtete mit ihrer Oma vor dem Srebrenica-Massaker. Sie studiert und will Sozialarbeiterin werden

Emrah, 17, lebt seit elf Jahren im Kinderdorf. „Ich bin hier glücklich“, sagt er.

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Vom Opfer zum Helfer

Obwohl Denis Kovacevic bei einem Minenunfall einen Fuß verloren hat, steht er mit beiden Beinen im Leben. Als Orthopädiemechaniker gibt er anderen Invaliden neuen Mut.

„Mitleid nervt mich“ – Denis Kovačević In der

Orthopädiewerkstatt der Firma Bauerfeind im bosnischen Bihać

„Habt ihr meinen Fuß?“, schreit der Junge, der gerade auf den Rücksitz eines Autos gehievt wird. „Ja, alles drin“, antwortet eine alte Frau. Türen fallen ins Schloss, der Golf fährt los. Kurz darauf sieht man den Jungen auf einer Trage liegen. Ärzte wickeln das blutende Bein aus. Auf dem Bildschirm steht unten links das Datum. Es ist der 6. August 1995. Der Tag nach dem Kriegsende im Nordwesten Bosniens. 

Die Szene, dokumentiert von einem zufällig anwesenden Filmteam, kennt Denis Kovacevic auswendig. An jenem Tag hat der 14-Jährige das Ende der Gefechte mit Freunden nahe seiner Heimatstadt Cazin gefeiert. Zum ersten Mal seit drei Jahren konnte er sie wieder besuchen. So lange verlief zwischen ihnen die Frontlinie. Denn in Denis’ Heimatregion gab es eine separatistische Bewegung – hier kämpften Muslime gegen Muslime.

Heute ist Denis zweifacher Familienvater und betreut als Orthopädiemechaniker andere Invaliden, darunter auch Minenopfer. Noch immer setzt er keinen Schritt neben die Straße, wenn er nicht sicher weiß, dass die Gegend minenfrei ist.

Denis hatte Glück im Unglück: Die Mine raubte Denis nur den Fuß, nicht aber das Leben. Obendrein lernte der Junge im Krankenhaus einen Mann kennen, der ihm trotz oder gerade wegen seiner Behinderung eine Perspektive bieten sollte: Karl Schmidt, der in Zagreb Prothesen herstellt. Schmidt sitzt aufgrund eines Autounfalls selbst im Rollstuhl. Als er den noch so jungen Invaliden sah, sagte er spontan zu ihm: „Wenn du mit der Schule fertig bist, kommst du zu mir und machst eine Lehre.“

Heute betreut der Bosnier rund 200 Amputierte, etwa 15 davon sind Minenopfer. Sie kommen aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern, um sich bei ihm Prothesen anfertigen oder nachjustieren zu lassen. Der 30-Jährige mag seinen Beruf. „Es gibt nichts Schöneres als mitzuerleben, dass jemand, der ein oder sogar beide Beine verloren hat, wieder laufen kann“, sagt Denis und strahlt. Er weiß, wie sich dieses Glück anfühlt.

Heute behandelt der Orthopädiemechaniker andere Minenopfer wie zum Beispiel Mirsad Omeragić

Dass die Gefahr durch die Kriegshinterlassenschaft im Land nach und nach gebannt wird, freut Denis sehr. Noch immer gibt es in Bosnien Minenunf.lle. Im vergangenen Jahr starben sechs Menschen, nachdem sie auf Sprengsätze getreten waren. Acht wurden verletzt. Die Zahl der Minenopfer erhöhte sich dadurch auf insgesamt 1674 Menschen seit Kriegsende. Rund 2,81 Prozent des Territoriums von Bosnien-Herzegowina gelten bis heute als Risikoflächen. Das Mine Action Center schätzt, dass die Bevölkerung noch von rund 213.000 Minen und Blindgängern bedroht wird.

In mühsamer Handarbeit suchen die Deutschen Minenräumer in Bosnien nach Sprengsätzen

Dank des Engagements unserer Leserinnen und Leser haben wir seit 2000 rund 200.000 Euro gesammelt. Mit der finanziellen Unterstützung des Auswärtigen Amts in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro konnten wir so bisher fast 2,3 Millionen Quadratmeter säubern lassen.

Zum Weiterlesen

Dossier Minenräumen

1 2000-2003

Fetter Berg
80.000 m²
25.000 €
2 2006-2007

Schule in Sjenina Rijeka
240.000 m²
20.000 €
3 2007-2008

Schule in Podzvizd
39.000 m²
27.000 €
4 2009

Una-Nationalpark
100.000 m²
31.000 €
5 2010

Schule in Trstenci
140.500 m²
20.000 €
6 2011

Minenfelder in Pecigrad und Milosevac
7.500 m²
20.000 €
7 2011

Minenfelder in Pecigrad und Milosevac
7.500 m²
20.000 €
8 2012

Brcko-Korridor
215.000 m²
30.000 €
9 2013

Kinderdorf „Selo Mira“
170.000 m²
30.000 €
10 2014

Gradacac bei Lukavac
1,3 Millionen m²
Anteil noch offen
Die Minenräumungen finanziert vor allem das Auswärtige Amt und die EU, die genannte Summe ist der jeweilige Beitrag des Greenpeace Magazins.
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Sarajevo

Auslöser für die Aktion des Greenpeace Magazins: Die drei Freunde Haris, Ema und Goran werden am Stadtrand von Sarajevo, unweit von zu Hause, von einer Killermine zerfetzt. GPM 6.00 GPM 4.01 GPM 2.05
2

Sjenina Rijeka

Zwölf Jahre nach dem Krieg wird der Berg hinter der Petar-Kočić-Schule endlich von Minen befreit. Die Bewohner des nordbosnischen Dorfes feiern den Beginn der Räumarbeiten. GPM 6.06 GPM 2.07 GPM 4.07
3

Podzvizd

Große Freude bei den Kindern von Podzvizd: Nach den Sommerferien 2008 ist der Berg hinter ihrer Schule wieder sicher. Und Schulleiter Amir Hadzic „fällt ein Stein vom Herzen“. GPM 6.07 GPM 5.08
4

Una-Nationalpark

Die Una ist einer der saubersten Flüsse Europas – und der gleichnamige Nationalpark vermintes Gelände. Zur Freude der Naturschützer vor Ort haben wir mit der Räumung begonnen. GPM 6.08 GPM 1.10
5

Trstenci

Ein Kroate und ein Serbe, erst Klassenkameraden, während des Bosnienkrieges plötzlich Feinde, räumen gemeinsam das Minenfeld zwischen der Schule und der Sava, dem Grenzfluss zu Kroatien. GPM 1.11
6

Pecigrad

Das steil abfallende Waldstück nahe der Moschee abzusuchen, durch das früher ein oft benutzter Fußweg führte, war ein hartes Stück Arbeit. Dabei wurden keine Minen gefunden.
7

Milosevac

Pero Vidanovic und seine zwei Söhne Mirko und Bojan atmen auf: Das keine 50 Meter hinter ihrem Haus gelegene Feld ist minenfrei, sie können es wieder gefahrlos betreten. GPM 1.12
8

Brcko-Korridor

Rechtzeitig vor dem Wintereinbruch haben es die Minenräumer geschafft, zwei Verdachtsflächen in diesem im Krieg stark umkämpften Distrikt abzusuchen – erstaunlicherweise ohne Ergebnis.
9

Turija

Unweit des Friedensdorfs „Selo Mira“ für vertriebene Frauen und Kinder aus Srebrenica lag ein Minenfeld, wo im Jahr 2000 zwei Jungen getötet wurden. Jetzt endlich ist die Gefahr gebannt. GPM 6.13
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Gradačac

Hier, etwa 40 Kilometer Luftlinie von der Stadt Lukavac entfernt, durchkämmen zwei Räumteams einen Berghang – gezielt an Stellen, wo Minen vermutet werden. Häufig werden sie fündig. GPM 5.14