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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Mission ohne Ende

Text: Vito Avantario

Uwe Heiland ist Soldat. Er war im Kosovo, im indonesischen Tsunami-Gebiet und in Afghanistan. Dann erkrankte er am Posttraumatischen Belastungssyndrom. Nachts, wenn andere friedlich schlafen, geht er durch die Hölle

Aufgezeichnet von Vito Avantario

„Wenn die Dunkelheit sich wie ein Mantel über unser Haus legt und meine Frau und meine beiden Töchter in den Schlaf sinken, beginnt mein Einsatz nach dem Einsatz.

Ich bin 42 Jahre alt, Hauptfeldwebel der Bundeswehr, seit 1997 Soldat. Ich arbeite im Familienplanungszentrum der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg und berate einsatzgeschädigte Soldaten. Zu meinen Aufgaben gehört es, traumatisierten Heimkehrern nach ihren Auslandseinsätzen dabei zu helfen, ihren Alltag wieder zu meistern. Rund 1400 Bundeswehrsoldaten leiden am Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). So wie ich.

Als Bundeswehrsanitäter war ich im Jahr 2001 im Kosovo. Zwei Jahre später folgte mein erster Afghanistan-Einsatz in Kabul. Im Jahr 2005 ging es nach dem Tsunami ins Katastrophengebiet im indonesischen Banda Aceh. Im gleichen Jahr musste ich zum zweiten Mal nach Afghanistan, nach Kunduz. Nach diesen vier Missionen fühlte ich mich wie ein Gefäß, das bis zum Rand mit Scheiße vollgelaufen war: Im Kosovo hat sich ein Kamerad mit dem Gewehr in den Kopf geschossen, weil seine Freundin per SMS mit ihm Schluss gemacht hatte; im Tsunamigebiet habe ich abgetrennte Gliedmaßen vergraben; in Kabul griffen Taliban unser Lager mit Raketen an. Neun Stunden lang haben wir mit 30 Soldaten in einem Blechcontainer Schutz gesucht. Einige wimmerten vor Todesangst, auch ich. Als wir endlich freikamen, hatte ich bereits mit dem Leben abgeschlossen.

Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass etwas nicht stimmt mit mir: Ich litt an Klaustrophobie und vermied Menschenansammlungen. Konzerte, Fußballspiele und Straßenfeste empfand ich als bedrohlich. Ich war schlaflos, ständig gereizt, die banalsten Dinge machten mich rasend, an schlechten Tagen konnte ich sogar einen Regenschauer persönlich nehmen. Nachdem ich eines Tages zu Hause die Schlafzimmertür eingetreten hatte, hinter der sich meine Frau befand, weil ich fand, dass es keine abgeschlossenen Türen in meinem Haus geben darf, wurde mir klar: Ich bin krank.

Ich ließ mich behandeln. Die Ärzte verschrieben mir Medikamente. Seit vier Jahren nehme ich morgens eine Venlaflaxin, ein Antidepressivum. Weil ich abends nicht müde wurde, habe ich lange Zeit Valdoxan eingeworfen, das schlaffördernd wirkt. Zudem habe ich auch das Antiepileptikum Topiramat genommen. Es hat bei mir die erwünschte Nebenwirkung gehabt, dass ich meine Träume vergaß.

Meine Albträume haben mich lange Zeit fertiggemacht. Ich habe dabei nachts so stark geschwitzt, dass ich fast täglich die Bettwäsche wechseln musste. Meine Frau erzählte mir, sie habe sich in einer Nacht aus meinem Würgegriff befreien müssen, weil ich mit ihr im Traum gekämpft hatte. Nach einer dieser Nächte, in denen ich im Traum in den Krieg zog, bin ich aufgewacht und konnte meinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Der Arzt stellte einen Bizepssehnenanriss fest. Offenbar hatte ich im Schlaf um mich geschlagen und mich dabei verletzt. Der letzte Alptraum, an den ich mich erinnern kann, liegt fünf Wochen zurück. Ich war wieder in Afghanistan und wurde von Taliban-Kämpfern entführt und eingesperrt.

Ich sollte die Medikamente weiternehmen, hatte aber irgendwann Angst davor, abhängig zu werden. Also habe ich Valdoxan und Topiramat abgesetzt, mit der Folge, dass ich nächtelang wachlag. Ich habe mir die Stunden mit Kriegsfilmen, Berichten und Dokumentationen um die Ohren geschlagen, in denen es um traumatisierte Soldaten ging. Das Antidepressivum nehme ich bis heute. Es garantiert mir psychische Stabilität, hat aber einen Nebeneffekt: Es hat mich impotent gemacht. Ich könnte zwar damit leben, indem ich hin und wieder eine Viagra nehme, aber das ist nicht der Punkt. Die Sache ist die: Ich verspüre kein sexuelles Verlangen mehr. Und ich kann meine Frau nicht mehr befriedigen. In gewisser Weise hat ausgerechnet der Männerverein Bundeswehr mir meine Männlichkeit genommen.

Trotzdem bereue ich nichts: Ich bin Soldat. Durch und durch. Wäre ich einsatzfähig und würde man mich wieder nach Afghanistan abkommandieren, ich würde sofort gehen.“

Bei Ursula Ott kommt nicht nur Uwe Heiland, sondern auch seine Frau zu Wort. Ursula Ott: Was Liebe aushält – Sieben wahre Geschichten. Edition Chrismon 2014, 120 Seiten, 17,40 Euro