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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Misstrauen am Schacht

Die Bergung des Atommüll soll erst 2033 beginnen. Viele Anwohner bezweifeln, dass sie überhaupt gewollt ist

Der grüne Umweltminister steht unter einem schwarz-gelben Schirm voller Anti-Atomsymbole und verbreitet Hoffnung. „Sie können darauf vertrauen, dass wir als Landesregierung den ernsthaften Willen haben, hier voranzukommen“, verspricht er in den Platzregen hinein. Die Zuhörer verkrümeln sich ins Kuchenzelt.

Stefan Wenzel ist der erste niedersächsische Umweltminister, der zum Volksfest „Nacht am Schacht“ ins Asse-Dorf Remlingen gekommen ist. Einen Kilometer weiter liegt der vom Salzabbau durchlöcherte Berg, in dessen Tiefe noch immer 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradio­akti­vem Atommüll rosten, dessen Wände wandern und in dessen poröses Gestein täglich 12.000 Liter Wasser fließen. Die Asse ist eine Zeitbombe. Sie droht einzustürzen, abzusaufen oder beides zugleich – für die Bergung der radioaktiven Abfälle kann es jederzeit zu spät sein. Trotzdem zieht sich ihre Planung in die Länge.

Als das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Betreiber der Asse, die „Option Rückholung“ vor fast vier Jahren zur sichersten Form der Stilllegung kürte, lag die Zielmarke für den Beginn bei 2021. Schließlich drängte die Zeit. Heute drängt die Zeit noch immer. Doch inzwischen wird es als Erfolg verkauft, dass das erste Atommüllfass den Berg 2033 verlassen soll.

Auch die „Lex Asse“, das im Frühjahr eigens verabschie­dete Planungsbeschleu­nigungsgesetz, das die Rückholung erstmals verbindlich festschreibt, bringt nach ersten Berechnungen im Auftrag des BfS gerade einmal drei Jahre Zeitgewinn. Die Bergung könnte bis 2073 dauern.

Stefan Wenzel sagt in zwei Minuten drei­mal „Vertrauen“. Denn das ist es, woran es hier mangelt. Während viele Asse-An­wohner den stellvertretenden Ministerpräsidenten duzen, ist ihre Beziehung zum Bundesamt frostig. Dieses Jahr haben sie seine Vertreter von dem Fest ausgeladen.

„Wie die Axt im Walde“ habe sich ein BfS-Abteilungsleiter im Sommer den wissenschaftlichen Beratern der Bürger gegenüber benommen und die Gesprächsleitung an sich gerissen, ist von den Initia­tiven zu hören. Der Vorfall sei nur die Spitze eines Eisbergs „sachlicher und atmosphärischer Verstimmungen“.

Die Behörde und die Asse-II-Begleitgruppe aus Bürgerinitiativen, Lokalpoli­tikern und Experten streiten über dutzende Fragen. Derzeit sind sie sich noch nicht einmal darüber einig, ob schon eine Rückhol­planung im Auftrag ist oder doch nur eine vage Vorstudie. Vielleicht muss das so sein, wenn es um technisches Neuland geht, um eine vier Milliarden Euro teure Welt­pre­mie­re: die Bergung strahlender Abfälle aus einem havarierten Endlager.

Doch diese Premiere könnte ins Wasser fallen, fürchten Anwohner. Zu verlockend scheint es, die vergleichsweise einfache Idee des 2009 abgelösten Skandalbetreibers Helmholtz-Zentrum München doch noch umzusetzen: Die Betonierung und Flutung der Hohlräume im Berg mit ge­sät­tigter Salzlösung hätte dem Müll ein nasses Grab beschert und langfristig wohl das Grundwasser verseucht. Als „Option Vollverfüllung“ ist dieses Modell vom Tisch. Als Notlösung, falls die Grube plötzlich absäuft, wird es aber weiterverfolgt.

Was für das BfS Vorsorge, Stabili­sie­rung, ja Voraussetzung einer späteren Ber­­-
gung ist, ist für viele Bürger der erste Schritt in Richtung Flutung, während die Rück­ho­lung am „Sankt-Nimmerleins-Tag“ beginnen soll.

Bei Udo Dettmann vom Dachverband der Bürgerinitiativen schrillten jedenfalls die Alarmglocken, als das BfS vor wenigen Wochen begann, Teile der Stollen in 725 und 750 Metern Tiefe mit Salzbeton zu verschließen. „Ohne konkrete Rückhol­planung ist das Verfüllen unverantwort­lich“, sagt der Sprecher des Asse-II-Ko­ordi­na­tionskreises. Auf der 750-Meter-Sohle liegen die meisten Atommüllkammern. „Jetzt betonieren sie. Und danach sagen sie uns vielleicht: Wir wissen aber nicht, wie wir das wieder aufkriegen.“

In Salzgitter findet man die Aufregung übertrieben. Die Stabilisier- und Verfüllarbeiten würden bis etwa 2021 andauern, sagt BfS-Sprecher Florian Emrich. Bereits Ende des Jahres solle aber schon ein Rückholplan vorliegen. „Es werden keine Fakten geschaffen, die die Rückholung verhindern“, sagt Emrich. Man könne bei Bedarf neue Stollen in den Beton bohren. Die Genehmigungen dafür habe das BfS bereits – anders als vor Jahren, als es um das pro­be­weise Anbohren zweier verschlossener Einlagerungskammern ging. Diese Probephase ist ein weiterer Zankapfel. Sie soll klären, in welchem Zustand die Fässer sind und ob eine Rückholung überhaupt machbar ist – in 15 Jahren.

„Ich glaube, man versucht, Planungen gezielt in die Zukunft zu schieben“, sagt der Verfahrenstechniker Frank Hoffmann, der die Begleitgruppe wissenschaftlich berät. „Viele Leute wären wohl gerne nicht mehr in der Verantwortung, wenn die proble­ma­tische Bergung beginnt.“ Irgendwann könne der Notfallplan greifen, meint er. „Und dann heißt es: Wir haben alles probiert. Es hat aber leider nicht geklappt.“

Stefan Wenzel prüft, ob ein Rahmenbetriebsplan mit genau definierten Schritten hilfreich wäre. Das Land wolle besser beurteilen können, „welche Einzelmaßnahmen der beteiligten Behörden dem Gesamtziel beschleunigte Rückholung dienen“ – und welche vielleicht nicht. Das BfS kontert, es gebe einen Rahmentermin­plan, der die jeweiligen Arbeiten regele. Die Erstellung eines neuen Plans würde „ohnehin knappe Ressourcen binden“. Mit der Asse befasste Mitarbeiter der Behörde schieben auch so bergeweise Überstunden vor sich her.

„Finanzmittel – zum Beispiel für notwendiges Personal – sind Indizien dafür, wie groß der Wille ist, ein Projekt voranzubringen“, sagt Stefan Wenzel, bevor er aufbricht. Das BfS ist eine Bundesbehörde. Man müsse sich auch klar machen, dass es „auf Bundesebene nicht nur Freunde der Rückholung gibt“.

Text: Katja Morgenthaler