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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.14

Mit harter Hand

Ruanda ist aufgeblüht. Zwanzig Jahre nach dem Völkermord treibt Paul Kagame den Fortschritt seines Landes voran. Porträt eines Staatschefs, der erfolgreich, aber gnadenlos herrscht 


Von Jeffrey Gettleman

Zur Verabredung mit Ruandas Präsident Paul Kagame in der Hauptstadt Kigali fahre ich mit einem Taxi, dessen Fahrer Anzug und Krawatte trägt. Es überrascht mich immer wieder, wie makellos sauber es hier ist. Die Stadt summt vor Geschäftigkeit, was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass Ruanda eines der
ärmsten Länder der Welt ist. Sogar an diesem Samstagmorgen fegen Geschwader von Frauen mit weißen Handschuhen rhythmisch die Straßen und singen leise. Vorbei am Union-Trade-Einkaufszentrum in der Stadtmitte, wo der Verkehr ruhig um eine riesige Wasserfontäne kreist: kein Müll in den Straßen, nicht eine jener schwarzen Plastiktüten, die in so vielen anderen afrikanischen Städten in Zäunen und Bäumen hängenbleiben – Kagames Regierung hat sie verboten. Es gibt keine obdachlosen Jugendlichen, die auf Gehwegen schlafen oder Klebstoff schnüffeln gegen den Hunger. In Ruanda sind Herumtreiber und Kleinkriminelle von der Polizei aufgelesen und in ein „Resozialisierungszentrum“ für Jugendliche geschickt worden, das auf einer Insel mitten im Kivusee liegt und das einige ruandische Amtsträger scherzhaft ihr Hawaii nennen, weil es so üppig und schön ist – obwohl die Menschen in Kigali im Flüsterton davon sprechen, als wäre es Alcatraz. Es gibt noch nicht einmal große Slums in Kigali, weil die Regierung das nicht zulässt.

Am Vorabend bin ich lange nach Mitternacht von einem Restaurant zu Fuß zurück zum Hotel geschlendert – in so ziemlich jeder anderen afrikanischen Hauptstadt wäre das eine schlechte Idee. Aber Ruanda ist einer der sichersten Orte jenseits von Zürich, die ich kenne. Das lässt sich nur schwer mit der Tatsache in Einklang bringen, dass hier vor zwanzig Jahren in einer dreimonatigen Orgie von Wahnsinn und Gewalt mehr Zivilisten ermordet wurden als je zuvor in der Geschichte im gleichen Zeitraum, den Holocaust eingeschlossen. Während des Völkermords in Ruanda ging die Hutu-Bevölkerungsmehrheit auf die Minderheit der Tutsi los und schlachtete schätzungsweise eine Million Männer, Frauen und Kinder ab, die meisten mit Macheten oder Schlagstöcken. Die Ruander sagen, es sei für jeden Außenstehenden schwer nachzuvollziehen, wie entsetzlich es war. Heutzutage dagegen geht kaum noch jemand bei Rot über die Straße.

Kein Land in Afrika, wenn nicht sogar weltweit, hat sich in so kurzer Zeit so gründlich gewandelt. Kagame hat diese Veränderung geschickt gelenkt. Verglichen
mit vielen seiner Amtskollegen, etwa dem größenwahnsinnigen Robert Mugabe in Zimbabwe, der einen schönen, blühenden Staat komplett an die Wand fuhr, oder
dem liebenswürdigen, aber schwachen Joseph Kabila in der Demokratischen Republik Kongo, der angeblich Videospiele spielt, während sein Land zerfällt, erscheint Kagame wie von Gott gesandt. Er gilt als asketisch, stoisch, analytisch und streng und dient Geberländern als leuchtendes Beispiel dafür, was sich mit Entwicklungsgeldern in Afrika erreichen lässt. Er ist ein regelmäßiger Gast beim Weltwirtschaftsforum in Davos und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis mit einflussreichen Leuten wie Bill Gates und Bono. Die Stiftung des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton ehrte ihn mit einem Preis, und Clinton sagte, Kagame habe „die Herzen und Köpfe seines Volkes befreit“.

Dieses Lob rührt teilweise daher, dass Kagame unbestreitbare Fortschritte im Kampf gegen das größte Übel Afrikas gemacht hat, die Armut. Ruanda ist immer
noch sehr arm – ein Ruander lebt im Durchschnitt von weniger als 1,50 US-Dollar
pro Tag. Aber Kagames Regierung hat die Kindersterblichkeit um siebzig Prozent gesenkt, die Wirtschaftsleistung in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich acht Prozent jährlich erhöht und ein nationales Krankenversicherungsprogramm eingeführt – was Experten aus westlichen Ländern für unmöglich in einem verarmten afrikanischen Land erklärt hatten. Der Prozentsatz weiblicher Parlamentier ist hier höher als in jedem anderen Land. Kagames zahlreiche Anhänger im In- und Ausland sagen, er habe auch die ruandische Gesellschaft vorsichtig so umgestaltet, dass ethnische Rivalitäten entschärft worden seien – ebenjenes Problem, das 1994 außer Kontrolle geraten war.

Übersetzung: Kerstin Eitner

Jeffrey Gettleman, 43, ist Ostafrika-Korrespondent der New York Times. Er hat aus dem Sudan und dem Yemen berichtet, zuvor auch aus dem Irak. Für seine Reportagen aus diesen Krisengebieten hat er 2012 den Pulitzer-Preis erhalten.