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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Mit Lincoln nach D.C.

Text: Wolfgang Hassenstein

Lederschildkröte (Dermochelys coriacea)
Ob Krokodil, Waran, Boa oder Saurier – den meisten Großreptilien nähern wir uns, wenn überhaupt, mit größter Vorsicht. Um etwa ein Leistenkrokodil zu fangen und mit einem Satellitensender zu versehen, sind zehn Leute zum Festhalten nötig (Greenpeace Magazin 2.17). Anders ist das bei Schildkröten: Selbst ihre größten Vertreter, die bis zu zwei Meter langen und 700 Kilogramm schweren Lederschildkröten, sind sanfte Riesen. „Wir kleben ihnen die Sender einfach auf den ledrigen Panzer, während sie am Strand ihre Eier legen“, sagt Daniel Evans von der US-Organisation Sea Turtle Conservancy. „Haben sie damit einmal angefangen, sind sie so darauf fokussiert, dass sie gar nicht auf uns reagieren.“

Mit dem angehefteten Gerät, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, hieven sich die Kolosse wieder ins Meer und senden fortan, sobald sie zum Luftholen auftauchen, ihre Daten in den Orbit. Die Dokumentation der Wanderungen mariner Schildkröten ist ein Klassiker der satellitengestützten Wildtierforschung. Schulkinder rund um den Globus verfolgen die Bewegungen der Tiere im Internet, sagt Evans, zugleich diene das Programm der Wissenschaft: „Jede Schildkröte verhält sich anders, wir erfahren immer wieder Neues über sie.“ Zum Beispiel schwimmen in Panama nistende Lederschildkröten offenbar immer öfter in den Golf von Mexiko, „vermutlich, weil die Flüsse so viele Nährstoffe hineintragen“. Die Überdüngung führe zu üppigen Planktonblüten, was wiederum viele Quallen heranwachsen lasse – die Hauptnahrung der Lederschildkröten. Bis zu hundert Kilo davon fressen sie am Tag, am liebsten den „cannonball jellyfish“.

Die klassische Route führt hingegen weit in den offenen Ozean hinaus. „Lincoln“ etwa, eine 1,51 Meter lange, zwischen zwanzig und sechzig Jahre alte Schildkrötendame, deren aktuelle Reise unsere Karte zeigt, durchquerte nach der Eiablage am 30. Mai erst zielstrebig die Karibik und schwamm dann monatelang gen Norden. Dort erreicht sie am 12. September die Gewässer von Nantucket, der legendären Walfängerinsel vor Massachusetts, wo sie zehn Tage blieb – vermutlich war der Tisch reich gedeckt. Neun Tage später machte sie sich erneut auf die Reise. „Irgendwas zog sie nach Süden“, sagt Evans, und wenn er die „unglaubliche Orientierungsfähigkeit“ seiner Schützlinge beschreibt, klingt das so ehrfürchtig wie ratlos: „Wir haben Hinweise darauf, dass sie irgendwie wissen, wenn woanders etwas passiert.“ Jedenfalls sei Lincoln erst gegen die Strömung geschwommen, um dann zur US-Küste abzubiegen. Schon lustig: Im Oktober nahm also ein großes Tier namens Lincoln Kurs auf Washington D.C. – gut orientiert, gelassen, weiblich. Doch es spekulierte nicht aufs Präsidentenamt, sondern, natürlich, auf viele Quallen.

Die kalorienarme Kost befähigt Lederschildkröten erstaunlicherweise zur Durchquerung ganzer Ozeane, wobei ihnen, weniger überraschend, zahllose Gefahren drohen: Tausende sterben in Netzen und an den Haken von Langleinenfischern oder verenden qualvoll an Verstopfung, weil sie treibende Plastiktüten mit Quallen verwechseln; Niststrände werden bebaut oder vom ansteigenden Meer verschluckt – viele Bestände, vor allem im Pazifik, schrumpfen deshalb dramatisch. Gute Nachrichten kamen zuletzt aus dem Atlantik: Dort erholen sich die Populationen verschiedener Meeresschildkröten langsam, weil Strände – dank Organisationen wie der Sea Turtle Conservancy – besser geschützt und Beifänge in der Fischerei reduziert werden konnten.

Lincoln hatte übrigens bis Redaktionsschluss 7010 Kilometer zurückgelegt. Voraussichtlich im Jahr 2020 wird sie, wenn alles gut geht, zur nächsten Eiablage nach Panama zurückkehren.

Zur Person: Daniel Evans, 47, stieß vor zwanzig Jahren zufällig zur Sea Turtle Conservancy in Gainsville, Florida, der weltweit ältesten Schutzorganisation für Meeresschildkröten, um als Computerexperte deren Datenbanken zu betreuen. Heute koordiniert er die Auswertung von Satellitendaten, die Umweltbildung, lernt freiwillige Helfer an, hält Vorträge, sammelt Spenden – und schreibt nebenbei seine Doktorarbeit als Wildtierbiologe zum Thema Satelliten-Tracking