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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

„Mit mehr Mut wird Deutschland Vorreiter“

Text: Susanne Tappe

Alle vier Jahre legen die Umweltweisen ein Gutachten vor. Manfred Niekisch erklärt, welche Hausaufgaben sie der Regierung aufgetragen haben

Herr Niekisch, in Ihrem Gutachten fordern Sie: „Mehr Wildnis wagen!“ Wie kann das in einer Industrienation wie Deutschland gelingen? Wir reden über zwei Prozent der Fläche, das ist fast nichts und trotzdem wird darum ein Mordszirkus gemacht. Wir fordern nicht, dass der deutsche Privatwald verwildert, sondern dass erst einmal der Bund und die Länder zu diesem erklärten Ziel der Regierung ihren Teil beisteuern.

Sie sagen, generell müssten Eingriffe in die Natur drastisch reduziert werden. Wo ist der Handlungsbedarf am größten? Vor allem in der Landwirtschaft. Sie ist einer der Hauptverursacher des Artensterbens. Und da weisen wir die Schuld ausdrücklich nicht dem einzelnen Bauern zu, sondern der Agrarindustrie und der Politik. Diese müssen endlich die richtigen Weichen stellen, etwa bei der Anwendung von Pestiziden und Düngemitteln.

Landwirtschaft und Industrie klagen, der Umweltschutz gehe zu Lasten ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Sie meinen – platt gesagt – das sei Quatsch, oder? Tatsächlich ist das Quatsch. Das ist nur etwas prägnanter ausgedrückt, als wir das getan haben. Wir haben am Klimaschutz aufgezeigt, dass sich dadurch die industrielle Wettbewerbsfähigkeit sogar steigern ließe. Wenn die Industrie und die Politik den Mut hätten, könnte Deutschland zu einem Vorreiter der ökologischen Transformation werden!

Ist Ihr Gutachten als ein Plädoyer für ein Ende des Wachstums zu verstehen? Nein, ganz und gar nicht. Wir wollen weiter Wohlfahrt, aber wir müssen sie von den negativen Umweltauswirkungen und dem Ressourcenverbrauch entkoppeln. Das geht, etwa durch eine stärkere Kreislaufwirtschaft.

Sie schreiben, „technologisch ausgereizte Entwicklungspfade“ müssten verlassen werden – etwa der Weg der Kohleverstromung. Was ist mit den Ängsten vieler sozial schwacher Menschen vor steigenden Energiepreisen? Diese Ängste muss man ernst nehmen. Das kann die Umweltpolitik allein nicht stemmen, da sind auch die Sozial-, Wirtschafts- und Energiepolitik gefragt. Deshalb fordern wir einen integrativen Umweltschutz!

Konkret schlagen Sie ein kostenloses Grundkontingent an Strom für alle Haushalte vor. Haben Sie im Umweltrat lange darüber gestritten? Wir sind sieben Professorinnen und Professoren aus völlig unterschiedlichen Fachrichtungen – wir diskutieren zum Teil sehr kontrovers. Aber das, was im Gutachten steht, wird am Ende von allen zu 100 Prozent getragen. Das ist das Schöne.

Und glauben Sie, dass die Regierung auf Sie hört? Der Umweltrat hat schon oft etwas gefordert, das viele für völlig absurd hielten – und zehn Jahre später war es Realität. 

Zur Person:
Manfred Niekisch, 64,
ist Professor für Internationalen Naturschatz und Direktor des Frankfurter Zoos.