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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Mit offenen Armen

Text: Julia Lauter Fotos: Enver Hirsch

Das Klima gegenüber Zuwanderern scheint kühl dieser Tage: Tausende Menschen gehen lauthals auf die Straße, wettern gegen Andersdenkende und erklären sich zur Stimme des Volkes. Aber es gibt auch die anderen. Die selbstverständlich mit allen Menschen leben und arbeiten – unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Die sich für Flüchtlinge einsetzen und eine Kultur der Offenheit pflegen. Wir stellen Ihnen sieben Initiativen vor, die sich für Flüchtlinge stark machen – zur Nachahmung empfohlen  

Die Flucht-Helfer
Die Freiburger Initiative „Schlüsselmensch“ unterstützt Kinder, die in einem Asylbewerberheim leben

Wer wissen will, wie es um das deutsche Asylsystem bestellt ist, muss lange fahren: Raus aus den schicken Innenstädten, rein in die Betonwüsten der Gewerbegebiete. So auch in Freiburg. Seit rund 25 Jahren werden hier schutzsuchende Flüchtlinge in Containerbaracken untergebracht. Das 1991 als Übergangslösung geplante St.-Christoph-Heim bietet bis heute rund 230 Menschen, darunter hundert Kindern, eine Unterkunft. Mehr nicht. Laura Gorriahn hält inne, bevor sie den Hof des Geländes betritt – sie weiß, wie das Heim auf Besucher wirkt: „Wenn man das erste Mal hierherkommt ist es ein beklemmendes Gefühl: der Zaun, die Baracken.“ Laura lächelt. „Aber man gewöhnt sich dran.“

Auf dem Hof ist sie schnell von einer Kinderschar umringt, die Kleinen beäugen sie neugierig, die Großen wollen mit ihr plaudern. Seit fast vier Jahren geht die Politikstudentin hier ein und aus: Gemeinsam mit den Sozialarbeitern vor Ort hat sie die Initiative „Schlüsselmensch“ gegründet, die den Heimkindern junge Erwachsene als Paten vermittelt. Einmal die Woche treffen sie sich mit den Kindern, helfen ihnen bei den Hausaufgaben, spielen Fußball, gehen Eis essen oder einfach nur in den Park.

Einer der 44 Paten ist Arne Brodersen. Der 22-jährige Geografiestudent kümmert sich seit einem Jahr um Dejan, einen zierlichen Jungen mit großen Augen und schiefem Lächeln. „Ich habe einen Fußball bekommen.“ Stolz zeigt er sein Geschenk und macht eine Siegerpose. „Den besten, den es gibt!“ Der Zehnjährige stammt aus Serbien und lebt seit einem Jahr in Deutschland. Wie die meisten im Heim gehört auch Dejans Familie zur Gruppe der Roma. Seit im September 2014 Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden, sind Dejans Familie und die meisten anderen von der Abschiebung bedroht. Die Angst davor ist auch bei den Kindern spürbar.

„Wir versuchen, ihnen kleine Fluchten zu ermöglichen“, erklärt Arne. Er ist sich sicher: „Viele würden anders denken, wenn sie das Leben im St.-Christoph-Heim einmal miterleben würden.“ Ungeduldig zupft Dejan Arne an der Jacke: „Können wir jetzt gehen?“ Die beiden machen heute einen Ausflug: raus aus dem Industriepark, rein in die Stadt. Die anderen Kinder winken hinterher.

PS: Dejan und seine Familie wurden am 20.Januar nach Serbien abgeschoben.

Die Vertrauens-Lehrer
In Leipzig unterstützen ehrenamtliche Flüchtlinge bei ihrer Ausbildung in Deutschland


Mit sanfter Stimme erklärt Peter Hampel den Sicherungsmechanismus eines Kernkraftwerks. „Jedes System ist noch mal abgekapselt“, sagt der pensionierte Ingenieur und zeigt auf die Abbildung im Schulbuch. Mousa hört ihm aufmerksam zu. Der 16-Jährige stammt aus dem Irak. Bis zur siebten Klasse konnte er dort zur Schule gehen, dann floh er mit seiner Familie über Syrien nach Deutschland. Heute geht er hier in die neunte Klasse und bereitet sich auf den Hauptschulabschluss vor. „Mathe ist einfach, da hab ich eine Eins. Aber Physik ist schwer“, sagt er und lächelt verlegen. Deshalb trifft er sich seit fast zwei Jahren wöchentlich mit seinem Bildungspaten Peter Hampel.

Rund fünfhundert solcher Tandems hat der Verein Flüchtlingsrat Leipzig seit 2004 zusammengeführt. Kinder aus Flüchtlingsfamilien bekommen von den Behörden zwar Deutschunterricht, aber nur so lange, bis sie in der Schule folgen können. Das reicht nicht immer. „Viele der Kinder lernen schnell Deutsch, brauchen aber Hilfe, um die Inhalte richtig einzuordnen“, erklärt die Initiatorin Sonja Brogiato. Die ehrenamtlichen Paten des Leipziger Vereins begleiten ihre Schüler je nach Bedarf von der ersten Klasse bis zum Universitätsabschluss und unterrichten sie dabei wenn möglich zu Hause. „Die Bildungspaten sind meist die ersten Deutschen, die in freundlicher Absicht die Wohnung betreten“, erklärt Brogiato. Durch den persönlichen Austausch mit ihnen bekämen die Flüchtlinge ein tieferes Verständnis für unsere Kultur. „Mehr als durch tausend fein übersetzte Willkommensbroschüren“, sagt Sonja. So geknüpfte Beziehungen wirken oft weit über den Unterricht hinaus: Viele ehemalige Schüler helfen heute als Dolmetscher und Kulturvermittler selbst mit.

Die Not-Ärzte
Das Medinetz in Bonn bietet Hilfe, wo Behörden versagen

Kurz bevor die Sprechstunde beginnt, ist der Flur im Oscar-Romero-Haus in Bonn schon voller Hilfsbedürftiger, für die Sigrid Becker-Wirth die letzte Hoffnung ist. „Mitten unter uns leben Menschen ohne Papiere zum Teil in sehr großem Elend“, sagt sie. „Dabei ist das Recht auf Gesundheit ein Menschenrecht. Medizinische Versorgung darf kein Privileg sein, sondern muss allen zur Verfügung stehen.“ Deshalb gründete die ehemalige Lehrerin 2003 das Medinetz Bonn: Hier werden kranke Flüchtlinge und Menschen ohne Papiere an Ärzte vermittelt.

Heute arbeitet das zehnköpfige Team mit rund achtzig Bonner Ärzten zusammen, die die Flüchtlinge anonym und ohne Bezahlung versorgen. Die anfallenden Kosten für Medikamente oder Operationen werden durch Spenden gedeckt. Allein 2014 konnte so rund 350 Menschen geholfen werden.

Asylbewerber haben nur bei akuter Krankheit und Schmerzen Anspruch auf Behandlung – eine darüber hinausgehende Versorgung wird ihnen oft verweigert. Statt Medizinern entscheiden Mitarbeiter des Sozialamtes darüber, ob ein Asylbewerber als behandlungsbedürftig gilt. Und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis? Sie dürfen schlichtweg nicht krank werden. „Da wird schon den Kleinsten eingeschärft, beim Toben ja nicht hinzufallen“, sagt eine Ärztin. „Von einem gebrochenen Arm kann die Zukunft der ganzen Familie abhängen.“ Die Gefahr, gemeldet und abgeschoben zu werden, ist groß. Ihre einzige Chance: Freiwillige wie Becker-Wirth, denen Menschen wichtiger sind als Papiere.

Medinetze wie das in Bonn gibt es in rund dreißig deutschen Städten. Die Zentren arbeiten unabhängig, stehen aber miteinander in Kontakt. Viele unterstützen die Forderung nach einem anonymisierten Krankenschein, der Menschen ohne Papiere Zugang zu medizinischer Versorgung verschaffen soll. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber Sigrid Becker-Wirth ist zuversichtlich: „Das haben wir mit unseren Patienten gemein: Wir lassen uns nicht unterkriegen.“


Die Rad-Geber
Die Schrauber von Bike Aid Berlin machen mit Flüchtlingen alte Räder wieder fit

„Habt ihr schon mal einen Schlauch gewechselt?“, fragt Felix. Yamen, Gayth und Uday schauen ihn mit großen Augen an. Felix lächelt. „Dann kommt mal mit“, sagt er und verschwindet mit den Jungs im Lager der kleinen Werkstatt des Kultur- und Bildungszentrums in Berlin-Weißensee. Felix ist ehrenamtlicher Mitarbeiter des Projektes „Bike Aid“ und repariert gemeinsam mit Flüchtlingen ausgediente Fahrräder.

„Für uns ist Mobilität ein Grundrecht“, erklärt Felix, „das wird den Geflüchteten aber oft verweigert.“ Die Unterkünfte liegen meist weit außerhalb der Stadt, für den Bus fehlt häufig das Geld. Da kann schon der Weg zum nächsten Supermarkt eine Herausforderung sein.

Angefangen hat Bike Aid im Jahr 2008 mit fünf Helfern, heute sind es fünfzehn. Jeden Dienstag treffen sie sich, um alte Räder auszuschlachten: im Winter in Weißensee, im Sommer auf einem Wagenplatz in Treptow. Aus den noch brauchbaren Einzelteilen bereiten sie neue Räder vor, die sie in Workshops mit den Flüchtlingen fertig bauen. „Für mich ist das genau das Richtige“, sagt Felix, „nicht nur auf Demos rumlatschen, sondern konkret etwas verändern: Schrauben gegen Isolation.“

Zweimal im Jahr ruft Bike Aid zur Spende alter Räder auf. „Viele wollen ihre alten Kisten loswerden, die im Hinterhof vergammeln“, sagt Felix. Für die Flüchtlinge sind sie eine große Erleichterung im Alltag. Wie für Yamen und seine Freunde. Die drei Jugendlichen stammen aus Syrien, seit zwei Jahren wohnen sie nun in einem Heim in Berlin-Lichtenberg. „Ich fahre nicht gerne mit dem Bus, lieber mit dem Fahrrad“, sagt Yamen. Sein neues, altes Damenrad nennt er „Porsche“ und lässt sich von seinen Freunden stolz damit fotografieren. Zum Abschied bekommen sie von Felix noch einen Fahrradpass. „Flüchtlinge werden sehr oft von der Polizei kontrolliert – damit können sie zeigen, dass sie die Räder von uns haben.“ Nächsten Dienstag wollen sie wiederkommen und weiterschrauben.


Die Welt-Beweger
Theater spielen und die Welt verändern: Hajusom aus Hamburg bringt junge Flüchtlinge auf die Bühne

Arman Marzak ist 14 Jahre, als er Teil des Kosmos Hajusom wird. Damals ist er gerade ein Jahr in Deutschland, die meiste Zeit davon in Krankenhäusern, um sein von einer Mine verletztes Bein versorgen zu lassen. Seine Familie musste er in Afghanistan zurücklassen. Und dann tauchen plötzlich Dorothea Reinicke und Ella Huck in der Einrichtung für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge auf – und erzählen vom Theater.

„Ich dachte, die wollten uns zum Theaterschauen einladen und habe mich gleich gemeldet“, erzählt Arman. „Erst als ich ankam, habe ich verstanden, dass wir selbst spielen sollten!“ Er lacht – ein ansteckendes Lachen. „Naja, da hab ich dann mitgemacht.“ Seit fünfzehn Jahren arbeiten Huck und Reinicke mit jungen Erwachsenen auf der Bühne. Viele von ihnen haben eine Flucht hinter sich. In Performances von beeindruckender Energie tragen die jungen Darsteller ihre Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen vor: Mit viel Bewegung und Tanz, aber auch mit hintergründigen Dialogen vermitteln sie ihren Zuschauern die spielerischen Entwürfe einer anderen, besseren Welt. Und das auch auf großen Bühnen.

Neben dem Ensemble gibt es heute Tanzgruppen, Musik- und Schreibwerkstätten und eine Kochgruppe, geleitet von Arman. Jeden Freitag kocht der 27-Jährige mit seinem vierköpfigen Team „Kabili Massala“ – benannt nach dem „geilsten afghanischen Gericht, das es gibt“ – für das restliche Ensemble. „Kochen und essen bedeutet Verschiedenheit, Kultur, Gemeinschaft“, erklärt Arman, „darin steckt viel von dem, was wir auf der Bühne erzählen.“


Die Früh-Aufsteher
Die Wandlitzer machen mobil gegen Rassismus:
Heute ist das Asylbewerberheim ein Ort der Begegnung
Erst einmal schien es in Wandlitz so zu laufen wie vielerorts: Kaum wurde im Oktober 2012 bekannt, dass 50 Asylbewerber in der beschaulichen Gemeinde in Brandenburg untergebracht werden sollten, gründete sich eine Bürgerinitiative – für eine menschenwürdige, dezentrale Unterbringung, gegen ein Heim im leerstehenden Oberschulzentrum. „Zuerst dachte ich: Toll, dass sich die Menschen so engagieren“, sagt Mathis Oberhof, „doch dann wurde mir klar, dass es gar nicht um die Flüchtlinge ging.“

Als der heute 64-jährige Pensionär die Bürgerversammlung besuchte, waren unter den 400 Einwohnern auch einige Mitglieder der brandenburgischen NPD. Die Stimmung war aggressiv. Um der hitzigen Diskussion eine konstruktive Wendung zu geben, stand Oberhof auf und meldete sich zu Wort. Er sprach von den Toten an der Berliner Mauer und schlug die Brücke zu den Flüchtlingen, die heute an den EU-Außengrenzen sterben. Die Menge im Saal wurde unruhig, einige pfiffen ihn aus und fielen ihm ins Wort. Doch andere setzten sich dafür ein, ihn ausreden zu lassen: Jeder könne helfen – er werde die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen Deutschunterricht anbieten, sagte Oberhof. Nach seinem Beitrag setzte zunächst zaghafter, dann immer lauter werdender Applaus ein. Viele, die bisher still gewesen waren, bedankten sich bei ihm.

Seitdem ist viel passiert in Wandlitz. Die Initiative „Runder Tisch Willkommen“, die Oberhof mitgegründet hat, koordiniert das Engagement: Ob Sprachunterricht, gemeinsames Kochen, Spazierengehen oder Einkaufen – viele alteingesessene Wandlitzer nutzen die Chance, die Neuankömmlinge kennenzulernen. Zur Verbrüderung der NPD mit dem bürgerlichen Lager kam es bisher nicht. Mathis Oberhof ist stolz auf seine Gemeinde: „Ich sag’ mal ganz kühn: Heute ist Wandlitz eine No-go-Area für Nazis!“

Die Tür-Öffner
Einen Mitbewohner ohne Papiere aufnehmen? Eine Inititative zeigt, wie es geht

Nach dem Bootsunglück vor Lampedusa gingen im Oktober 2013 in Hamburg rund 10.000 Menschen auf die Straße. Angeführt wurden die Demonstrationen gegen die Abschottungspolitik der EU von Flüchtlingen, die selbst über das Mittelmeer nach Deutschland gekommen waren. An ihrer Seite demonstrierten auch Nils und Martina. „Der Winter stand vor der Tür und wir fragten uns: Was passiert jetzt mit denen?“, erzählen sie. Vielen Flüchtlingen drohte die Obdachlosigkeit. „Wir wollten die Leute weiter unterstützen.“ Die beiden leben in einem Wohnprojekt mit 21 Erwachsenen und sieben Kindern in Hamburg. Nach kontroversen Diskussionen in der Hausgemeinschaft entschlossen sie sich, fünf jungen Männern aus Mali die siebzig Quadratmeter großen Gemeinschaftsräume zur Verfügung zu stellen.

Die Internetseite „Flüchtlinge Willkommen“ greift die Idee hinter privaten Initiativen wie der von Nils und Martina auf, um auch andere dafür zu begeistern. „Viele Menschen können sich vorstellen, Flüchtlinge aufzunehmen, wissen aber nicht, wie sie das angehen sollen“, sagt die Initiatorin Golde Ebding. Nach einer Beratung am Telefon stellt das Team den Kontakt zu Flüchtlingen her und vernetzt die zukünftige Wohngemeinschaft mit lokalen Initiativen. Über 300 Familien und WGs aus ganz Deutschland haben sich seit dem Start des Projekts im November 2014 gemeldet. Viele bieten den Wohnraum kostenlos an, andere finanzieren die Miete über Crowdfunding. Ebding warnt allerdings vor zu hohen gegenseitigen Erwartungen: „Am besten funktioniert der Alltag, wenn man sich nicht unter Druck setzt und sich gegenseitig Zeit gibt.“

Im Hamburger Wohnprojekt von Martina und Nils klappt das Zusammenleben gut: Seit über einem Jahr leben die fünf Malier bei ihnen. Man trifft sich zum Essen oder Fußballspielen. „Wir bieten ihnen einen Raum zum Luftholen und Kraftschöpfen“, erklärt Martina. „Wir wissen, dass sie erst mal die Strapazen der Flucht verdauen müssen.“