Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Müssen wir auf Milch verzichten?

Immer mehr Menschen ernähren sich vegan, um am Leid der Tiere keine Mitschuld zu tragen. Es gibt gute Argumente dafür – aber auch dagegen

JA – wir müssen auf Milch verzichten
HILAL SEZGIN, 44, ist Publizistin. Sie lebt auf einem Gnadenhof mit Schafen, Ziegen und Gänsen. 2014 erschien ihr Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“. C.H. Beck, 301 Seiten, 16,95 Euro

Am Verhältnis zwischen Mensch und Kuh gibt es nichts zu romantisieren. Zwar wurde und wird die Kuh oft für ihren Sanftmut gelobt und als Sinnbild des Mütterlichen verehrt – doch sie gibt ihre Milch nicht freiwillig her. Schon auf einem ägyptischen Sarkophag aus dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeit zeigte der Künstler eine weinende Kuh, deren Kalb während des Melkens an ihr Vorderbein gefesselt ist.

Inzwischen wurde die Milchleistung der Kuh so hochgezüchtet, dass sie ein Vielfaches dessen gibt, was ihr Kalb trinken kann – doch das lassen wir gar nicht mehr zu. Nicht nur, dass die Kuh die unnatürlichen Milchmengen mit Euterentzündungen, Milchfieber und Skelettproblemen bezahlt, ihr wird auch noch das Kalb genommen und nach der Geburt in eine Einzelbox gesperrt. Die Kuh steht im Stall und ruft nach dem Kalb, das seinerseits vergeblich versucht, an allem Möglichen zu nuckeln. Nasenringe mit Dornen und Noppen sollen ältere Kälber daran hindern, sich gegenseitig zu besaugen.

Eine Form von Romantisierung ist es auch, in der Diskussion um die Milch vom deutschen Grünland zu schwärmen. Angeblich brauchen wir  Milchkühe, um die Kulturlandschaft Weide zu erhalten. Doch auch die Kühe, die das Glück haben, überhaupt auf die Weide zu dürfen, bekommen im Stall Geteide zugefüttert, anders ließen sich solche Milchmengen gar nicht erzeugen. Da wird nirgends einfach nur Gras in Milch „umgewandelt“. Wir belegen große Ackerflächen im In- und Ausland, um die Tröge der hiesigen Nutztiere, auch der Kühe, zu füllen. Und was würde geschehen, wenn wir die Weiden nicht bewirtschaften würden? Sie würden wieder verwildern. Zuerst käme Buschwerk, dann Mischwald. Was genau ist an Wald so schlimm, dass wir unbedingt Kühe züchten müssen, um die jetzige Graslandschaft zu erhalten?

Zurück zu den Leiden des Kalbs und seiner Mutter. Manchmal belässt man beide zunächst zusammen und trennt sie erst nach einigen Monaten, wenn es ans Weiterverkaufen, Mästen oder Schlachten geht. Dann ist die Bindung der beiden so stark, dass die Trennung zur noch größeren Qual wird. Bis zu 500-mal am Tag ruft das junge Tier nach der Mutter. Und die Mutter ruft nach ihm.

Also hören wir endlich auf mit dieser falschen Romantisierung! Biologisch ist unschwer nachzuvollziehen: Man kann einer Säugetiermutter kaum Schlimmeres antun, als sie von ihrem Kind zu trennen. Wenn wir die Kuh als Muttertier wirklich ehren, sollten wir es unterlassen, ihr das Kalb zu nehmen, ihr die Milch zu rauben und sie und ihr Kind schließlich zu schlachten, sprich: gewaltsam zu töten.


NEIN – wir müssen nicht auf Milch verzichten
TANJA BUSSE, 44, ist Journalistin. Sie wuchs als Tochter eines Landwirts auf einem Bauernhof auf. Im März erschien ihr Buch „Die Wegwerfkuh“. Blessing, 288 Seiten, 16,99 Euro

Eins vorweg: In Zeiten einer globalisierten Fleischindustrie, die Millionen Tiere leiden lässt, dem Klima schadet und ganze Ökosysteme gefährdet, ist jeder Veganer ein Gewinn.

Das jahrtausendealte Zusammenleben von Menschen und Tieren möchte ich deshalb aber nicht beenden, sondern auf eine neue Grundlage stellen, die Tieren Rechte garantiert. Wie weit diese Rechte gehen sollen, muss die Gesellschaft neu aushandeln. So wie sich die  Lebensmittelindustrie den Begriff „artgerecht“ zurechtbiegt, geht es jedenfalls nicht. Zu sagen, artgerecht sei „nur die Freiheit“, hilft aber auch nicht weiter. In unserer zivilisierten Welt finden domestizierte Tiere keinen Platz mehr für ein Leben in Freiheit.

Sie gehören in unsere Kulturlandschaften, die ja erst durch das Zusammenleben von Mensch und Tier entstanden sind. Vor allem die Kühe haben den Menschen auch Regionen als Lebensraum erschlossen, in denen Ackerbau nicht möglich ist, die Almen etwa und die Weidelandschaften im Norden. Ja, ohne Rinder vor dem Pflug wären wir wohl nie sesshaft geworden, und es hätte keine kulturelle Entwicklung gegeben.

Wir sollten diese Ko-Evolution nicht aufkündigen, sondern verbessern. Mit einer ökologischen Viehwirtschaft, die die Bedürfnisse der Tiere erfüllt: nach Luft und Licht, nach einem Leben draußen und im Herdenverband, danach, ihr Futter zu suchen und ihren Nachwuchs aufzuziehen. Es gibt Bauern, die das vormachen: Auf Hof Gasswies im Klettgau etwa werden die Kühe gemolken, aber auch die Kälber dürfen bei ihnen trinken. Für die meisten Milcherzeuger scheint das undenkbar, doch rund ein Dutzend Höfe in Deutschland beweisen, dass es geht. Ich bin mir sicher, dass es einen Markt für solche Milch gibt. Auch Schweine und Hühner hätten in dieser Landwirtschaft ihren Platz: nicht in enge Ställe gepfercht, sondern in kleinen Gruppen auf weitem Gelände, als Resteverwerter und Düngerproduzenten.

Ob in einer solchen Landwirtschaft Tiere getötet und gegessen werden dürfen, weiß ich nicht zu sagen. Ich lebe seit Jahrzehnten ohne Fleisch und mir fehlt es an nichts. Ich kann nachvollziehen, wenn Fleischesser argumentieren, in der Natur gebe es keine siechen Tiere, der Schlachter trete an die Stelle des Wolfes. Doch das erlaubt keine qualvollen Transporte zum Schlachthof, schon gar nicht von jungen Tieren. Deshalb sollte man Alternativen wie den „Weideschuss“ ernsthaft diskutieren. Respektvoller aber wäre das Konzept „Nutzen ohne Töten“, das zwar kein Fleisch brächte, aber Dünger, Milch und Eier, wenn auch in kleineren Mengen. Es wäre eine Chance für einen neuen Pakt zwischen Mensch und Tier.