Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Musikpalast statt Abschiebeknast

Text: Leonie Sontheimer Fotos: Thorsten Futh

Das Ensemble „Lebenslaute“ protestiert mit Chor, Orchester, drei Sägen und zwei Zäunen gegen das Abschiebegefängnis in Eisenhüttenstadt – ein Aktionsbericht

An einem verregneten Sonntagmorgen geben wir mit 70 Lebenslaute-Musikern ein Konzert an einem Ort, über den die Öffentlichkeit sonst hinwegsieht. Hier, im brandenburgischen Eisenhüttenstadt, sind 900 Geflüchtete in Plattenbauten und Containern zur Erstaufnahme untergebracht, mit Blick auf das angrenzende Abschiebegefängnis. So lernen sie Deutschland kennen. „Ich fühle mich nicht menschlich, weil ich wie ein Tier behandelt werde“, schildert ein Geflüchteter seine Situation im Erstaufnahmelager. Entlang der Zufahrt lassen die NPD-Plakate keine Straßenlaterne aus. Auf der anderen Seite des Zauns liegt die Schrebergarten-Kolonie „Frohe Zukunft“.

Es ist ein kurzer Trost, hier im Regen die Slogans der Refugees zu singen. Sie gehören zum Konzertprogramm, das wir vor dem doppelt umzäunten Abschiebegefängnis zur Aufführung bringen. „Say it loud and say it clear, refugees you are welcome here“, tönt es bis zu den Geflüchteten im Lager. Ich wünschte, sie bekämen diese Worte öfter zu hören.

Zu unserem selbstgewählten Konzertort am Zaun sind wir im Auto- und Fahrradkonvoi über Feldwege angerollt. Wir rechneten mit viel Polizei. Mit jedem Schlagloch schoss Adrenalin durch meinen Körper. Doch wider Erwarten kommen wir zuerst. Eine Viertelstunde später hängen zahlreiche Banner am Zaun und wir packen unter schnellstens zusammen gesteckten Pavillons unsere Instrumente, Hocker und Noten aus. Die Dirigentin hebt ihre Arme zum ersten Stück, dann lassen wir das feierliche Oratorium „Machet die Tore weit“ erklingen. Später folgt eine Uraufführung der Sinfonia Concertante, bei der drei große Sägen mit Bögen zum Singen gebracht werden.

Mit dem Aktionskonzert wenden wir uns gegen die menschenunwürdige Migrationspolitik Europas und protestieren vor allem gegen die Abschiebehaft, weil sie Menschen in ihrem Grundrecht verletzt, ein Leben in Freiheit zu führen. Im vergangenen Jahr wurden allein im Eisenhüttenstädter Abschiebegefängnis 217 Menschen wie Kriminelle hinter Gitter gesperrt – obwohl sie keine Straftat begangen haben. Die meisten Geflüchteten werden in das Land zurückgeschoben, in dem sie erstmals europäischen Boden betreten haben. Nur in seltenen Fällen dürfen sie in Deutschland Asyl beantragen. Noch seltener wird ein solcher Antrag genehmigt.

Zeitgleich mit unserem musikalischen Protest organisieren Betroffene dieser menschenfeindlichen Abschiebepolitik das „Stop Deportation Camp“ auf einer Wiese vor dem Erstaufnahmelager. Während unserer Vorbereitungstage sind wir oft in dem Camp, das starken polizeilichen Repressionen ausgesetzt ist. So erhält der Veranstalter eine Anzeige, als die Essensausgabe bei strömendem Regen unter ein schützendes Zelt verlegt wird, das nur für die Technik genehmigt wurde.

Seit 1986 verbinden die Lebenslaute klassische Musik mit politischer Aktion und bringt die Musik in Konzertkleidung und sinfonischer Stärke an Orte, wo sie keiner erwartet: 2012 blockierte das Ensemble die Tore der Waffenfabrik Heckler & Koch, 2006 spielte es auf einem Genmais-Acker. Für ihren gewaltfreien Widerstand erhielten die Lebenslaute in diesem Jahr den Aachener Friedenspreis. Unter den 15- bis 80-jährigen Musikerinnen und Musikern befinden sich Profis und Laien, Berufstätige, die sich für die Aktion Urlaub nehmen, sowie junge Studierende. Das Zusammensein ist geprägt von Rücksicht und Aufmerksamkeit, Entscheidungen treffen wir nach dem Konsensprinzip. Zum ersten Mal war ich vor fünf Jahren dabei, als wir den Zaun zum Atommülllager Gorleben überwanden und auf dem Gelände mit „A-Moll gegen A-Müll“ aufspielten (Greenpeace Magazin 1.10). Noch heute beeindruckt mich, wie so viele verschiedene Menschen und Instrumente bei einer gemeinsamen Aktion zusammenwirken – ganz besonders Fritjof, der mit seinen 80 Jahren gelassen in sein Fagott bläst, während die Polizei das Orchester umzingelt.

„Was ist der Mensch ohne einen Pass?“, singt der Lebenslaute-Chor ein Gedicht Bertolt Brechts. „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Wenn er gut ist.“ Das Abschiebegefängnis in Eisenhüttenstadt bestätigt dies lautlos.