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Mut zur Flut

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Mut zur Flut

Text: Carsten Jasner Foto: Peter Neusser

Leipzig ist die europäische Großstadt mit dem größten zusammenhängenden Auwald. Doch er droht auszutrocknen. Naturschützer, Wissenschaftler und Förster kämpfen für mehr Wasser im Wald – gegen Anwohnerängste, Technokraten und sogar gegen manche seltene Art. Mosaik einer ungewöhnlichen Landschaft

Der Forscher
Ronny Richter steht vierzig Meter über dem Waldboden in einer Gondel, die an einem Kran baumelt. Der Biologe hantiert mit der Fernbedienung vor seinem Bauch, die Gondel senkt sich in eine Baumkrone. Hier begegnet er oft seltenen Laubfröschen, die 35 Meter hoch klettern, um nach Fliegen und Mücken zu züngeln. Richter forscht im Auftrag der Universität Leipzig, die auch im venezolanischen Regenwald einen Kran errichtet hat. Die Biotope seien vergleichbar, sagt er, beide feucht und artenreich. „Auwälder sind die Regenwälder Europas.“ Richter schiebt seine meterlangen Dreadlocks nach hinten, die an Lianen erinnern, und blickt über ein Meer grüner Wipfel. Tausend Hektar Baumkronen, dicht an dicht. Zu dicht, meint er. „Es müsste Löcher und Schneisen geben.“ Mäandernde Flussläufe, gelegentliche Fluten und umfallende Bäume würden einen gesunden Auwald lichten.

Der Kanal
1936 zieht ein Heer junger Männer, bewaffnet mit Spaten und Schubkarren, in das sumpfige Land nordwestlich von Leipzig. Zwei Jahre lang schaufeln solche Trupps des Reichsarbeitsdienstes einen Kanal, die Neue Luppe. Eine Art Umgehungsstraße. Hochwasser soll nicht mehr in die vielen Verästelungen der alten Luppe fließen, sondern durch den Kanal schleunigst aus der Stadt geleitet werden. Der Plan geht auf. Wie Sinuskurven zieht sich die Neue Luppe durch den Auwald und durchschneidet die Altarme der Luppe, denen Menschen im Laufe der Jahrhunderte Namen gegeben haben wie Kleine Luppe, Rote Luppe, Heuwegluppe und Sixtholzluppe. Nach und nach fallen sie trocken.

Die Neue Luppe indes muss riesige Wassermassen transportieren. Die Strömung nagt am Bett, der Kanal gräbt sich immer tiefer ein. Heute liegt seine Sohle ein bis zwei Meter unter dem Grundwasserspiegel der Umgebung. Das Gefälle entzieht nicht nur der alten Luppe, sondern dem gesamten Wald die Feuchtigkeit, wie eine Drainage.

Das Projekt
Die Stadt Leipzig will wieder regelmäßig Hochwasser in den Auwald leiten. Das Projekt „Lebendige Luppe“ wird von Naturschutzverbänden sowie Wissenschaftlern der Universität Leipzig und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung unterstützt. Rund zehn Millionen Euro wird die Wiedervernässung des Gebiets voraussichtlich kosten, den Hauptanteil tragen das Bundesamt für Naturschutz und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt. Baubeginn soll 2018 sein. Doch die Landestalsperrenverwaltung schwört auf Deiche – und mauert. So steht Leipzig für den deutschlandweiten Konflikt zwischen dem traditionellen technischen und einem neuen ökologischen Hochwasserschutz. Es geht nicht nur um nasse Waldwege, sondern auch – so paradox es klingt – um Naturverlust durch Renaturierung und die Frage, was überhaupt „natürlich“ ist.

Der Märzenbecher
Im weichen Boden kniend schnuppert Maria Vlaic vom Naturschutzbund (Nabu) an einer weißen Blüte. Sie hängt an einem gebogenen Stängel und erinnert an einen bauschigen Lampenschirm, verziert mit gelben Flecken. Ihr Veilchenduft lockt Bienen und Falter an. Nirgendwo sonst in Deutschland gedeiht der Märzenbecher so prächtig wie im Leipziger Auwald, sagt Vlaic. Er steht unter Schutz, die Rote Liste führt ihn als gefährdet.

Frühblüher mögen diesen Wald. Er liefert feuchte, nährstoffreiche Erde und zu Beginn des Jahres, wenn die Bäume noch kahl sind, viel Licht. Gelingt allerdings das Projekt „Lebendige Luppe“, sagt Vlaic, werde es für den Märzenbecher wie auch für den violetten Lerchensporn, das gelbe Scharbockskraut und den Knoblauchschwaden verbreitenden Bärlauch ungemütlich. Wenn das Grundwasser steigt, werden in den Niederungen Wurzelknollen faulen. Maria Vlaic hebt bedauernd die Schultern. Als stünde ein Runder Tisch im Wald, gelte es, Interessen auszubalancieren: Hochwasserschutz der Leipziger versus Wiederbelebung der Natur, Erhalt seltener Arten versus Förderung der Vielfalt. Die Aue als Kompromiss. „Wild“ war sie sowieso nie.

Der Lehm
Vor ein paar tausend Jahren liegt Lehm hundert Kilometer flussaufwärts an einem Hang im Erzgebirge. Dort wäre er vermutlich immer noch, hätten Menschen nicht seit der Jungsteinzeit Wälder gerodet. Regen und Schmelzwasser erodieren die kahlen Böden, waschen Lehmklümpchen in die Flüsse. Über Weiße Elster, Pleiße und Parthe gelangen sie ins Leipziger Tiefland, stranden an den Ufern eines verzweigten Binnendeltas und stapeln sich bis zu vier Meter hoch: fruchtbares Schwemmland, bestehend aus Ton, Schluff und Sand. Es speichert nährstoffreiche Feuchtigkeit und versorgt die Wurzeln eines Waldes, der gewissermaßen aus Versehen durch Naturzerstörung andernorts entstanden ist.

Der Wirt
Morgens ruft die Feuerwehr bei Mario Freitag an: „Sie öffnen das Wehr, Mario. In zwölf bis vierzehn Stunden wird das Wasser bei dir sein.“ Es ist der 3. Juni 2013. Nach wochenlangen Regenfällen rauscht mal wieder ein „Jahrhunderthochwasser“ durch Leipzig, die Neue Luppe klettert die Deiche hoch. Die sächsische Landestalsperrenverwaltung (LTV) will Druck rausnehmen und flutet den benachbarten Auwald. Mario Freitag wohnt mittendrin über seinem Ausflugslokal „Domholzschänke“. Er sorgt sich nicht sonderlich. Schon zwei Jahre zuvor hatte es ein sogenanntes Jahrhunderthochwasser gegeben, es war nicht viel passiert. 

Die Freiwillige Feuerwehr rückt an. Die Männer dichten den Sockel der Schänke mit Folie ab und stapeln Sandsäcke. Hinter einem Eingang installieren sie eine elektrische Wasserpumpe. Dieses Mal, sagen sie, wird es heftiger. Mario Freitag setzt sich mit seiner Familie auf den Balkon und wartet.

Ab 15.30 Uhr donnert eine Flutwelle durch den Wald. Sie spült Schotter unterm Forschungskran weg, der Stahlriese neigt sich. Wassermassen füllen Senken und alte Gräben, überschwemmen am Nachmittag ein Gestüt, das später zwangsversteigert werden muss. Nachts um zwei entdeckt Freitag hinterm Lokal einen See, wo sich tagsüber noch ein Acker befand. „Wie eine schwarze Amöbe“, so kommt es ihm vor, umschließt die Flut langsam sein Haus und dringt durch einen Schlitz im tiefer gelegenen Eingang. 

Innen versagt nach einem Kurzschluss die Pumpe.

Die Technokraten
Was der Reichsarbeitsdienst in den Dreißigerjahren begann, hat die LTV vor zwei Jahren vollendet: Sie befestigte die Kanaldeiche, riss tausende Bäume heraus und baute ein riesiges Wehr – 140 Meter lang und 3,5 Millionen Euro teuer. Nur bei extremem Hochwasser wie im Juni 2013 will sie es öffnen, um den Wald als Polder zu nutzen.

Die Technokraten der LTV verstehen die Aue als Putzeimer, den man im Notfall unter eine überlaufende Dachrinne stellt. Würde regelmäßig Wasser in die Auen geleitet, fürchten sie, wäre der Eimer bereits halb voll, wenn der Ernstfall eintritt. Dagegen wenden Naturschützer und die Stadt Leipzig ein: Wozu brauchen wir einen Eimer im Wald? 

Der Rechner
Jens Riedel, Ingenieur beim Amt für Stadtgrün und Gewässer, hat auf seinem Laptop eine Landkarte aufgerufen. Auf Knopfdruck strömt von rechts blaue Farbe in den Auwald. Sie zerreißt in mehrere Fäden, vereinigt sich hier und da, schlängelt sich zur Mitte des Bildschirms, wird nördlich von den Sinuskurven der Neue-Luppe-Deiche aufgehalten und erreicht schließlich den linken Rand der Karte. Riedels dunkelgraue Augen blitzen wie ein Bach in der Sonne, er ist stolz auf sein Werk. Es simuliert, wie Hochwasser künftig durchs Gelände fließen kann.

Die Topografie der Aue wurde vermessen, erst mit Laserstrahlen vom Flugzeug aus, dann zusätzlich am Boden. Um vorherzusagen, welche Wege das Wasser künftig nehmen wird, brauchen die Ingenieure exakte Daten von anderthalb Millionen Geländepunkten. Renaturierung als präzise gesteuerter Hightech-Prozess.

Entscheidend ist in der Computersimulation: Tröpfelt Farbe in angrenzende Wohngebiete? Riedel kann die Stärke des Hochwassers einstellen. Er kann steuern, wie viele Kubikmeter pro Sekunde in den Wald fließen und virtuelle Gräben buddeln, so viel er möchte. Derzeit hat er 16 Kilometer alte Luppe-Gräben durch ein paar neue Rinnen mit einer Gesamtlänge von 500 Metern verbunden. Die Siedlungen am Rand bleiben farbfrei. Die Domholzschänke mittendrin allerdings verschwindet im Dunkelblau.

Die Katastrophentouristen
Am Tag nach der Flutwelle scheint die Sonne und Mario Freitag fühlt sich wie auf einem Hausboot in einem breiten Strom. Im Biergarten ragen die Tischplatten wie Flöße aus dem Wasser. Als es abfließt, zerrt die Strömung an den Grills. Freitag, ein massiger Mann, watet in Anglerhosen zu den Geräten, bindet sie an einen Laternenpfahl und befreit einen unterarmlangen Barsch aus dem Maschendrahtzaun.

Nach dem ersten Schock startet der Wirt über Facebook einen Aufruf. Zwei Dutzend Freiwillige kommen, schrubben den Schlamm weg, füllen mehrere Container mit zerstörtem Inventar und vergammelten Lebensmitteln. Im Tiefkühlhaus, das ebenfalls geflutet war, hat sich ein hüfthoher Flusswasser-Eisblock gebildet. Doch schon am ersten Wochenende nach dem Unglück läuft die Domholzschänke im „Notbetrieb“. Es gibt Würste von den geretteten Grills und Bier. Neugierige kommen, um „die Katastrophe“ zu beäugen.

Der Ahorn und die Eiche
„Kein Baum mag den Auwald“, sagt Mathias Scholz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, „jedenfalls nicht bei Hochwasser.“ Nasse Wurzeln bedeuten Stress, für viele Arten mit Todesfolge, für den Ahorn etwa. Doch ausgerechnet der ist hier weit verbreitet. Nachdem im Krieg Bomben große Löcher in den Wald gerissen hatten, pflanzten Förster Ahorn, denn er wächst schnell, auch im Schatten anderer Bäume. Und weil die Auen mehr als fünfzig Jahre keine Flut erlebten, verdrängte er andere Arten. Jede fünfte Baumkrone gehört einem Ahorn, im Unterholz ist sein Anteil noch größer. Die Wiedervernässung wird ihm den Garaus machen, hofft Scholz, wissenschaftlicher Koordinator des Projekts.

Verkörpert der Ahorn eine Art „bad guy“, so gilt die Deutsche Eiche als Heldin der Aue. Sie hält Hochwasser bis zu drei Monate aus, weil sie in ihren Wurzelzellen Luft speichert. Ihre robuste Rinde verhindert Verletzungen durch Treibholz. Wird doch Gewebe beschädigt, stoppt Gerbsäure eindringende Pilze. Drei- bis vierhundert Jahre alte Eichen recken sich aus dem Leipziger Auenboden – Säulen der Biodiversität. In ihren Asthöhlen leben Fledermäuse und Käuze, in Borke und Krone Schmetterlingsraupen und Ameisen, auch der stark gefährdete Hirschkäfer und der vom Aussterben bedrohte Große Eichenbock, insgesamt fast tausend Insektenarten. Dank ihnen trommeln, pochen, kieksen, käken und lachen an den hiesigen Stämmen alle sieben Spechtarten. Der Deutschen Eiche, auch Stieleiche genannt, steht eine große, knorrige Zukunft bevor, ihr Anteil soll sich auf vierzig Prozent verdoppeln.

Doch dazu braucht sie Licht – und Hilfe vom Förster. Andreas Sickert vom Amt für Stadtforsten will eine Bewirtschaftung einführen, die schon vor Jahrhunderten üblich war: den Mittelwald, eine Mischung aus Nieder- und Hochwald. Dabei werden krumme Bäume gefällt und der Stockausschlag aus deren Stümpfen alle dreißig Jahre als Brennholz geerntet. Gerade, emporstrebende Bäume, vor allem Eichen, bleiben verschont. Weil sie über den Niederwald hinauswachsen, bekommen sie genug Licht, um eine stattliche Krone zu entwickeln.

Die Klimaanlage
Ronny Richter, der Biologe in den Wipfeln, wäre mit seiner Forschung gern weiter. Doch es gab Probleme. Erst der „kleine Tsunami“, der den Kran fast umgerissen hätte. Dann klauten Diebe sämtliche Starkstrom-Kupferkabel. Wieder gingen Monate ins Land. Jetzt aber hat Richter Sensoren in die Zweige gehängt, um Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu messen. Weiter unten am Stamm erfassen Geräte, wie viel Wasser wie schnell von den Wurzeln zur Krone geleitet wird. Ein Auwald, sagt er, transportiert mehr Wasser als ein trockener Wald. Und transpiriert darum auch mehr. „Das ist eine natürliche Kühlung in Zeiten des Klimawandels.“

Bis ins 18. Jahrhundert waren fünf bis zehn Prozent Deutschlands mit Auwäldern bedeckt. Dann wurden Flüsse begradigt und eingedeicht. Ein Drittel der Auen blieb erhalten, nur ein winziger Teil davon naturnah – insgesamt rund sechzig Quadratkilometer. Der Leipziger Auwald gehört dazu. Jetzt, da das Wasser überall in immer kürzeren Abständen über die Deiche tritt, erfahren Auen eine neue Wertschätzung. Die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie stellt sie unter Schutz, die Bundesregierung spricht sich für die Renaturierung von Uferlandschaften aus. Der Wiedervernässung in Leipzig dürfte eigentlich nichts im Weg stehen.

Die Wehrfrage
Das Wasser dafür soll dem Flüsschen Nahle entnommen werden. Die Stadt plant, in die Uferböschung ein Wehr zu bauen, auf Ingenieurdeutsch: „Auslassbauwerk“. Kurioserweise steht am vorgesehenen Ort bereits jenes der Landestalsperrenverwaltung. Für die „Lebendige Luppe“ taugt es nicht, weil die Durchflüsse zu hoch angebracht sind. Der Leipziger Oberbürgermeister hatte versucht, den Bau zu stoppen – vergeblich. Die LTV scheint weder interessiert an einem Wehr, das regelmäßig niedrige Hochwasser einleitet, noch an einem Dialog mit den Naturschützern. Nun soll vor dem Superwehr des Landes ein kleines der Stadt entstehen, bizarre Nachbarschaft und Sinnbild für den mühseligen Übergang vom Kampf gegen die Naturgewalt hin zu einer ökologischen Koexistenz.

Die Moorfrösche
An einem Morgen im Februar geht Udo Busse vom Nabu mit einem langen Vierkantschlüssel zu einem kleinen Siel an der Weißen Elster. Sie fließt rund 200 Meter nördlich der Neuen Luppe. Mit zwei Umdrehungen öffnet er den Verschluss einen Spalt weit, ein Strahl schießt in eine benachbarte Mulde. In den nächsten Tagen wird Busse die Prozedur wiederholen, um die Luke stückchenweise zu öffnen – so simuliert der Nabu natürlich anschwellende Fluten während der Schneeschmelze. Die Mulde wird sich in einen Teich verwandeln, an den sich weitere anschließen. Über einen Graben wird das Wasser schließlich in die Neue Luppe münden.

Während Herr Busse am Wehr kurbelt, wachen am nahen Waldrand Moorfrösche auf. Wühlen sich aus ihren Winterquartieren, warten ein paar frostfreie Nächte ab und hüpfen dann zu den Teichen. Manche Männchen lassen sich von Weibchen Huckepack tragen. Die übrigen hocken sich zwischen Schilf und Binsen ins seichte Wasser und machen „blubb“ – als würden aus Hunderten unter Wasser getauchten Flaschen Luftblasen aufsteigen. Dabei verwandelt sich ihre braune Haut in ein imposantes Himmelblau. Schwimmt ein interessiertes Weibchen vorbei, wird es von einem männlichen Frosch besprungen. Manchmal auch von mehreren zugleich, die das Weibchen unter Wasser drücken. „Das kann schlimm enden“, sagt Herr Busse.

Die Teilung
Die Amphibienteiche heißen Papitzer Lachen und sind künstlichen Ursprungs. Bis in die Siebzigerjahre wurde hier Lehm für Ziegel abgebaut. Seitdem füllen Grund- und Regenwasser die von Weiden und Erlen gesäumten Gruben. Rohrsänger, denen der Kuckuck Eier unterschiebt, brüten im Röhricht. Neben Moorfröschen laichen Erdkröten, See- und Teichfrösche und die selten gewordene Rotbauchunke, deren Bauch hier orange leuchtet; keiner weiß, warum. Den Sommer verbringen die Tiere zu Tausenden auf den Wiesen, wo sie reichlich Schnecken, Würmer und Insektenlarven finden, bis sie selbst gefunden werden, von einem Storch, einem Silberreiher, einem Kranich. Nur jeder hundertste Lurch kommt durch.

Wollte man die Luppe-Region als Modell einer Auenlandschaft betrachten, so befänden sich die Papitzer Lachen in der Abteilung „Stillgewässer mit Weichholzaue“. Im Saal gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals, stünden die Elemente „Hartholzaue und Fließgewässer“. Ideal wäre eine Kombination beider. „In einer gesunden, dynamischen Aue“, sagt 

Andreas Sickert, der Förster, „strömt bei Überschwemmungen sauerstoffreiches Wasser durch den Wald.“ Doch die Deiche der Neuen Luppe verhindern einen natürlichen Abfluss. Bei der Flutung 2013 stauten sie das Hochwasser bis zu drei Wochen. Wurzeln faulten. Zwölf Hektar Wald erstickten. Die Dämme stehen dem Wasser im Weg – noch.

Die Anwohner
Künftig möchte Maria Vlaic vom Nabu mit Kindern durch die Auen wandern, ihnen die Besonderheiten der erneuerten, urtypischen Leipziger Landschaft zeigen. Momentan ist sie damit beschäftigt, in Ortschaftsräten und Seniorenheimen Ängste abzubauen. „Wird mein Keller volllaufen?“, fragen Anwohner. Nein, sagt Vlaic, die Wiedervernässung werde gesteuert. „Müssen wir mit der Malaria-Mücke rechnen?“ Sehr unwahrscheinlich. „Kann ich künftig im Wald noch wandern?“ Für etwa zehn Tage im Jahr nicht so gut, da wären rund siebzig Prozent der Fläche überschwemmt.

Interessanterweise, stellt sie fest, hätten jene am wenigsten Sorge, die am nächsten dran sind. Wie die Schrebergärtner Jochen Nelling und Roland Zschau in der Kleingartenanlage „Waldluft“ – die liegt an der Kleinen Luppe gleich hinterm Deich. Als Kinder, erzählen die beiden strahlend, hätten sie im überschwemmten Wald gespielt. Das war in den Sechzigerjahren, bevor es den Deich gab.

Die Utopie
Jens Riedel, der Wasserbauingenieur, hat auf seinem Laptop eine weitere Flutsimulation. Auch hier strömt zunächst Blau vom rechten Bildrand durch den Wald. Dann passiert etwas „leider völlig Unrealistisches“, sagt er. Die Farbe wird von den Deichen der Neuen Luppe nicht aufgehalten – weil keine mehr da sind. Die Flut schwemmt über den Kanal hinweg gen Norden und umschließt die Papitzer Lachen, Heimat der Moorfrösche und Rotbauchunken. Diese Vision, sagt Riedel, lasse sich in „absehbarer Zeit nicht durchsetzen“. Die LTV halte an Deichen und dem Kanal als Abflussautobahn fest. „Das Umdenken vom technischen zum ökologischen Hochwasserschutz braucht Zeit.“

Das Projekt „Lebendige Luppe“ umfasst mehrere Bauabschnitte und soll sich rund zehn Jahre hinziehen. Vielleicht passen die Deiche dann wirklich nicht mehr in die Zeit. Man müsste nur ein paar Wälle und Gräben vor die Wohngebiete setzen, sagt Riedel. Dann könnte die Neue Luppe über ihre Ufer treten, die weichen Gehölze um die Amphibienteiche wären verbunden mit der hartholzigen Heimat von Fledermäusen und Spechten. Dafür, sagt Riedel, müsse man allerdings noch „viel berechnen“.

Der Hecht
Gut einen halben Meter soll er lang sein. Der schlaue Räuber versteckt sich im Röhricht, urplötzlich schlägt er zu. Tausende Kaulquappen hat er über die Jahre verschlungen. Mehrmals wurde er in den Papitzer Lachen gesichtet.

Eigentlich dürfte er dort gar nicht sein. Weil die Amphibienpopulation sich ungestört entwickeln sollte, ließ der Nabu die Teiche leer fischen. Ins Siel, das die Lachen mit Flusswasser speist, haben die Naturschützer ein engmaschiges Gitter montiert. Zudem schließen sie im Sommer die Luke, sodass einige Teiche austrocknen.

Doch es funktioniert nicht. Herbeiflatternde Enten schleppen Laich ein, der an ihren Füßen klebt. Kleine Fische flutschen durchs Gitter. Den erwachsenen Hecht, so geht das Gerücht, sollen Angler hineingeworfen haben, um später Jagd auf ihn zu machen. Mittlerweile lässt der Nabu eine Laissez-faire-Haltung erkennen. Die Frösche müssten allein klarkommen.

Die Flutmauer
Die Tage und Nächte der Flut überstand der Wirt „mit viel Alkohol“. Es ging an die Substanz und an die Existenz, sagt er. Ein Holzboden musste ausgetauscht, der Keller ausgepumpt werden. Die Versicherung zahlte nur sechzig Prozent. Mario Freitag dachte ans Aufgeben. Andererseits war er gerührt von den vielen Helfern, dem moralischen Beistand, den Appellen weiterzumachen. Irgendwie fühle er sich verantwortlich für die Schänke und außerdem: „Man hängt ja dran.“ Im Jahr 2007 hatte er als Küchenchef begonnen, dem Betrieb neuen Schwung gegeben, ihn dann als Pächter übernommen. Dass das Lokal in einem Auwald steht, wusste er. Dass die schöne Lage so häufig mit Überschwemmungen verbunden sein kann, ist eine neue Erfahrung. Seit kurzem umgibt die Schänke eine hüfthohe Flutmauer mit einem Schott am Eingang, ungefähr dort, wo Freitag den Barsch befreite. Er hat sich entschieden. „Soll das Wasser doch kommen.“