Weltwirtschaftsforum 201822.Jan 2018

Rachel Kyte: „Hinter verschlossenen Türen wird Klartext geredet!"

Rachel Kyte reist als UN-Sonderbeauftragte für nachhaltige Energie zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Im Interview erzählt sie dem Greenpeace Magazin, wie sie bei dem Treffen der Eliten mitmischen will.

Unter dem Motto „Creating a Shared Future in a Fractured World“ treffen sich ab Dienstag in Davos wieder die Reichen und Mächtigen, um über Fragen und Probleme der Weltwirtschaft zu diskutieren. Die UN-Sonderbeauftragte Rachel Kyte reist ebenfalls hin und will dort ihr Thema, „nachhaltige Energie für alle“, voranbringen. Ein Thema, das immer wichtiger wird. Der „Global Risks Report“, den das Forum kürzlich veröffentlicht hat, warnt insbesondere vor den Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörungen. So seien – neben Cyberattacken – insbesondere extreme Wetterverhältnisse, Naturkatastrophen, Wasserkrisen und das Versagen, den Klimawandel aufzuhalten oder sich daran anzupassen, die Hauptrisiko-Faktoren für die Menschheit im Jahr 2018. Wir haben mit Rachel Kyte gesprochen.

Der aktuelle Global Risks Report nennt als größte Gefahr die Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörung. Wie ist Ihre Einschätzung: Werden dadurch Umwelt- und Klimathemen auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum dominieren?

Es ist jetzt schon das zweite oder sogar dritte Jahr, dass der Klimawandel als Risiko Nummer eins gesehen wird oder zumindest ganz oben auf der Liste steht. Das ist also keine Ausnahme mehr, sondern der Klimawandel wird als konsistentes Phänomen, als Problem, wahrgenommen. Und das zeigt, dass Klima- und Umweltthemen für alle Bereiche relevant sind und daher auch in allen Workshops, Seminaren und Vorträgen auf dem Forum mitreflektiert werden müssen. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos kommen die Teilnehmenden ja aus allen Branchen, da trifft sich die Bergbauindustrie, die Gastronomie, die Energiewirtschaft. Und ob bei all denen Klima- und Umweltschutz immer mitgedacht werden, das bezweifele ich. Aber das muss sich ändern.

UN-Sonderbeauftragte Rachel Kyte

Wir sprachen mit der UN-Sonderbeauftragten für nachhaltige Energie, Rachel Kyte, im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos. Foto: Sustainable Energy for All (SEforALL)

Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse des Reports Ihrer Meinung nach überhaupt? Schließlich basieren sie hauptsächlich auf einer Umfrage, die subjektive Einschätzungen erfasst.

Ein großer Teil der Befragten sitzt in den Führungsebenen von signifikanten Unternehmen aus der ganzen Welt. Und wenn die Wirtschaftseliten und Entscheidungsträger wiederholt Klimawandel und Umweltzerstörung als die Hauptrisikofaktoren identifizieren, dann zeigt das einfach, wie groß das Bewusstsein auch in der Wirtschaft dafür ist. Und das sind die Leute, die die strategische Ausrichtung von Firmen weltweit steuern und die über künftige Produkte und Dienstleistungen entscheiden. Also, ich würde sagen, so gesehen, sind die Ergebnisse sehr aussagekräftig.

Sie werden auch an dem Treffen teilnehmen, das dieses Jahr unter dem Motto „Creating a Shared Future in a Fractured World“ steht. Wie wollen Sie dazu beitragen, eine gemeinsame Zukunft in einer gespaltenen Welt zu schaffen?

Als UN-Sonderbeauftragte für den Energiebereich werde ich hauptsächlich an solchen Programmpunkten teilnehmen, die sich mit nachhaltiger Energie beschäftigen, und damit, wie wir Menschen auf der ganzen Welt zuverlässig mit sauberer und bezahlbarer Energie versorgen können. Also, ich werde da die ganze Zeit mit Staatschefs und Geschäftsführern internationaler Konzerne zusammensitzen, die sich alle dafür interessieren, wie man die Energiewende möglichst effektiv und bezahlbar gestalten kann.

Dieses Jahr erwarten die Organisatoren etwa 340 Politiker, 1.900 Wirtschaftsvertreter und 900 Teilnehmende von NGOs, aus der Wissenschaft, von Gewerkschaften und ebenso Journalisten. Was genau wollen die alle in Davos?

Im besten Fall ist das Weltwirtschaftsforum ein Ort, der Staatschefs und Konzernleiter zusammenbringt, sodass die hinter verschlossenen Türen Klartext reden können. Das ist manchmal notwendig, um sich bei bestimmten kontroversen Fragen zu einigen und abzustimmen. Genauso wie sich in Davos Menschen aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen verständigen können oder Vertreter aus dem privaten und öffentlichen Sektor aufeinandertreffen. Im schlimmsten Fall ist das Treffen einfach eine enorme Ansammlung von Lippenbekenntnissen. Aber immerhin haben die Veranstalter stolz verkündet, dass diesmal 21 Prozent der Besucher Frauen sind. Die vorigen Jahre stagnierte die Zahl ­bei 17 oder 18 Prozent. Und wenn sich das verbessert, freut mich das. Allerdings frage ich mich, wie stolz man darauf sein kann. Das ist ja immer noch nur ein Fünftel Frauen.

Was, denken Sie, werden die bestimmenden Themen auf den zahlreichen Sitzungen des Forums sein?

Die Veranstalter pushen die Debatte, was die vierte industrielle Revolution bedeuten kann – also fundamentaler Wandel wie Post-Work-Gesellschaften oder künstliche Intelligenz. Aber auch fundamentale Fragen der Weltpolitik werden diskutiert, beispielsweise wie man auf einem globalisierten Weltmarkt damit umgeht, dass verstärkt populistische und nationalistische Regierungen die Handelsfreiheiten einschränken und internationale Abkommen zu Klimaschutz oder Ähnlichem erschweren. Und ein wichtiges Thema wird sein, wie mit künftigen Ungewissheiten umgegangen werden kann ­– also extreme Wetterverhältnisse und Überschwemmungen als Folgen des Klimawandels, Krisen im Finanzsystem, neue Technologien und unsicherer Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie sauberer Luft und sauberem Wasser. Zunächst war Indiens Staatschef Narendra Modi der wichtigste Politiker, der teilnehmen wollte. Bis natürlich US-Präsident Donald Trump sein Kommen angekündigt hat. – Da herrscht im Vorfeld einfach immer auch ein gewisser Zirkus darüber, wer teilnimmt.

48stes Weltwirtschaftsforum in Davos

Einen Tag vor dem offiziellen Start des Weltwirtschaftsforums in Davos eilen Teilnehmende durch die Hallen des Kongresszentrums. Die Veranstaltung bringt vom 23. bis zum 26. Januar 2018 Wirtschaftsvertreter mit Politikern, Wissenschaftlern und Menschen aus der Zivilgesellschaft zusammen. Foto: picture alliance/KEYSTONE

Und wie planen Sie, die für Sie wichtigen Themen auf die Agenda des Treffens zu bringen, wie nachhaltige Energien und Energiewende?

Die offizielle Agenda ist sorgfältig vorbereitet und es steht schon fest, wer die Sprecher und was die Themen sind. Und hier ist es wichtig, die Wirtschaftsvertreter in die Pflicht zu nehmen. Wir müssen über einen sinnvollen Preis für Kohle reden und darüber, dass die Rentenfonds nicht in den Sand gesetzt werden. Aber dann gibt es noch die inoffiziellen Treffen am Rande der Konferenz. Und die sind eigentlich das Wichtigste an der ganzen Veranstaltung, weil die ganzen Absprachen in den informellen Treffen getroffen werden. Manche Leute kommen zum Weltwirtschaftsforum und besuchen keine einzige der offiziellen Veranstaltungen. Ich meine, die offiziellen Sessions sind natürlich wichtig, aber zu den eigentlichen Absprachen und Initiativen kommt es da nicht – die passieren hinter verschlossenen Türen.

Wie begegnen Sie der Kritik, dass es sich beim Weltwirtschaftsforum um ein exklusives Elitentreffen handelt, wo die Mächtigen „Champagner trinken“, während „die Welt am Abgrund torkelt“?

Das Weltwirtschaftsforum ist eine private Organisation, wo sich Wirtschaftseliten austauschen können. Mit den Jahren ist es dann zu einem Ort geworden, wo auch Politiker hinkommen, um dort die Wirtschaftsbosse zu treffen. Die Auswahl, wer kommen darf, ist selektiv. Und ist das elitär? Ja, aber die Veranstalter organisieren das Weltwirtschaftsforum privat – und deshalb dürfen die das. Und dafür sorgen, dass die Wirtschaftseliten im Anschluss auch wirklich etwas für eine bessere Welt tun, das ist der Kampf, den Organisationen weltweit führen müssen.

Interview: Nora Kusche

 

 

Erklärvideo: Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos – Was geschieht dort, wer nimmt teil & welche Resultate gibt es? Quelle: VideoBoost Videos

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Ein Jahr Trump18.Jan 2018

Trumps Umweltpolitik: „Das ist kein Witz, sondern wirklich gefährlich!“

Nur ein Jahr im Amt und schon hat US-Präsident Trump fast alle umweltpolitischen Bemühungen seines Vorgängers zu Fall gebracht. Schwer war das nicht, Obama hatte es ihm leicht gemacht. 

Was haben der reale US-Präsident Donald Trump und der fiktive TV-Wissenschaftler Sheldon Cooper gemeinsam? Beide sind nicht verrückt – sagt der Arzt. Immer wenn in der US-Serie „The Big Bang Theory“ jemand den verschrobenen Cooper kritisiert, erwidert dieser: „Ich bin nicht verrückt, meine Mutter hat mich testen lassen.“

Das kann Donald Trump jetzt auch sagen. Allerdings hat der derzeitige US-Präsident seine mentale Gesundheit auf eigenen Wunsch überprüfen lassen. Trump wolle so ein für allemal mit Gerüchten um seinen Gesundheitszustand aufräumen, bestätigte sein Arzt Ronny Jackson journalistische Nachfragen. Der Leibarzt des Weißen Hauses hatte untersucht, ob Trump physisch und psychisch fit sei – kurz vor dessen einjährigem Jubiläum als US-Präsident. Das Ergebnis war positiv.

„Es ist gefährlich, Trump nicht ernst zu nehmen“, sagt Max Gruenig im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin. Der Volkswirt forscht am „Ecologic Institute“ in Washington D.C. zu Energiewende und Nachhaltigkeitspolitik in den USA. Gruenig warnt davor, das Politdrama im Weißen Haus nur als unterhaltsame und absurde Soap Opera zu begreifen. Trump sei kein verwirrter „Idiot“, sondern beispielsweise in Umwelt- und Klimapolitik besorgniserregend produktiv.

In einem Jahr hat Trump Erstaunliches geleistet – gegen Umwelt und Klimaschutz

Die Effizienz, mit welcher der US-Präsident sämtliche umweltpolitischen Bemühungen seines Vorgängers zunichtemacht, beschreibt Gruenig als beeindruckend: Trump hat Ölbohrungen an Küsten und Arktis erleichtert, den Austritt aus dem Pariser-Abkommen verkündet, die US-Umweltschutzbehörde EPA zu einer Schutzbehörde für Wirtschaftsinteressen umgebaut, Fracking-Auflagen gelockert und Naturschutzgebiete verkleinert.

Allerdings habe Ex-Präsident Barack Obama es Trump leicht gemacht. „Einen grün orientierten Präsidenten, das gab es in den USA noch nie“, sagt Gruenig. „Auch Barack Obama setzte andere Prioritäten.“ Zu Beginn seiner Präsidentschaft hatte Obama die Mehrheiten in Senat und Abgeordnetenhaus und musste sich entscheiden: Obamacare oder Emissionshandelsgesetz. Er entschied sich für die Gesundheitsreform und vertagte den Klimaschutz auf später. Doch dann verlor er die Mehrheiten.

Obamas Ruf war besser als seine Politik

Also brachte Obama kaum Gesetze auf den Weg, sondern hauptsächlich politisch wenig nachhaltige Erlässe oder Regulierungen, die ohne Zustimmung des Kongresses funktionieren. Gerade die Präsidentenerlässe, auch Dekrete genannt, ermöglichen es einem US-Präsidenten, am Kongress vorbeizuregieren, sind aber auch vom nächsten Präsidenten genauso einfach wieder aufzuheben. Obama hatte durch diese Dekrete den Küstenschutz verstärkt und die Fläche von Nationalparks vergrößert sowie neue ernannt. „Die hat Trump dann alle – quasi über Nacht – mit einem Federstrich aufgehoben“, so Josef Braml gegenüber dem Greenpeace Magazin. Der Wissenschaftler forscht mit Schwerpunkt USA bei der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“.

US-Präsident Trump telefoniert im Oval Office des Weißen Hauses

Donald Trump, links, telefoniert an einem seiner ersten Tage als US-Präsident im Oval Office des Weißen Hauses mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin. Foto: picture alliance / AP Photo

Etwas aufwendiger ist es, Regulierungen wie den „Clean Power Plan“ loszuwerden. Mit dem wollte Obama die erneuerbaren Energien in den USA ausbauen. Zwar braucht Trump dazu auch keine Mehrheit im Kongress, aber schon mehr als einen Federstrich – nämlich einen längeren Prozess, der sich einige Monaten bis Jahre hinziehen kann. So muss eine Ersatzverordnung ins Leben gerufen werden, die von der US-Umweltschutzbehörde EPA vorgelegt und von Interessensvertretern diskutiert werden muss. Außerdem kann solch eine Verordnung rechtlich angegriffen werden, was den Prozess weiter verzögern kann.

So geschehen bei dem „Clean Power Plan“ selbst. Der sah vor, fossile Brennstoffe verstärkt durch erneuerbare Energie zu ersetzen und so den CO2-Ausstoß von Kraftwerken bis 2030 um 32 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken. Dagegen klagten betroffene Unternehmen, seit 2016 liegt der Plan auf Eis. Er war ursprünglich das Herzstück von Obamas Klimastrategie und sollte helfen, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 zu erreichen.

Trump schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe

Trump hat angekündigt, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, ohne die dort festgeschriebenen Klimaziele braucht er dann auch keine Strategie mehr, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Den Clean Power Plan soll die US-Umweltschutzbehörde EPA durch eine neue wirtschaftsfreundlichere Verordnung ersetzen. Ihr Chef, Scott Pruitt, hilft Trump gerne dabei, Umweltstandards abzubauen. Bevor Trump ihn zum obersten Umweltschützer der USA machte, verklagte Pruitt – damals noch Justizminister von Oklahoma – die EPA 14 Mal wegen angeblicher Regulierungswut. „Er schafft alle Maßnahmen ab, die die Industrie stören. Er ist ihr oberster Lobbyist“, sagte ein früherer EPA-Mitarbeiter dem Spiegel.

Der wirkliche Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen lässt aktuell noch auf sich warten. Die beteiligten Staaten hatten zunächst eine Ruhephase von drei Jahren vereinbart, erst dann kann ein Land aussteigen. Und selbst dann dauert es noch ein weiteres Jahr, bis der Ausstieg gültig wird. „Da muss Trump sich ganz schön beeilen, damit er das vor Ablauf seiner Amtszeit schafft“, sagt Max Gruenig vom „Ecologic Institute“. „Aber rein technisch ist es möglich, dass er das in seiner sogenannten ‚lame duck period‘ – also bis die neue Regierung 2021 übernimmt – noch schnell durchzieht.“

Es kommt ein erfolgreiches Jahr für den Abbau von US-Umweltstandards

Dass die neue US-Regierung wieder eine unter Trump sein könnte, möchte Max Gruenig sich nicht vorstellen. „Der kann alleine 2018 noch genug anrichten“, so der Nachhaltigkeitsforscher. So plant die Trump-Regierung eines der ältesten Umweltgesetze einzuschränken, das schon seit 1913 existiert und sich dem Schutz von Vögeln widmet. Bei möglichen Umweltkatastrophen will Trump die Haftung der Ölindustrie massiv zurückschrauben. „Wenn das kommt, müsste BP in einem ähnlichen Fall wie bei ‚Deep Water Horizon’ nichts mehr zahlen“, so Gruenig. Die vom Ölkonzern BP geleaste Bohrinsel „Deepwater Horizon“ war 2010 nach einer Explosion gesunken, große Mengen Rohöl strömten aus. Die ökologischen und wirtschaftlichen Folgen waren verheerend, die Kosten brachten BP in Existenznot.

„Auch den ‚Clean Power Plan’ will die EPA unter Pruitt dieses Jahr zu Fall bringen“, sagt Gruenig. Der Forscher befürchtet eine Kampagne, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel attackiert, um den moralischen Boden für die modifizierte Verordnung zu bereiten. Außerdem könnten sich Probleme mit der Luftqualität und der Ozonbelastung weiter verschärfen, gerade in Städten, aber auch in ländlichen Gebieten mit hohem Fracking-Aufkommen. Und es bestehe das Risiko, dass die US-Regierung im neuen Jahr Geld in die Hand nimmt, um die marodierende Atomreaktor-Industrie wieder in Gang zu bringen. Dabei sei die Endlagerfrage für Atommüll auch in den USA nicht gelöst.

Umweltzerstörung passiert bei Trump mehr nebenbei als strategisch

So verheerend die Folgen von Trumps Politik für Umwelt und Klimaschutz auch sind, eine klare Strategie steht laut Max Gruenig nicht dahinter. Umweltstandards reihenweise abzuschaffen, sei für Trump eher Kollateralschaden als Fokus. „Der interessiert sich für sowas doch überhaupt nicht“, so Gruenig. Allerdings sei die aktuelle Umwelt- und Klimapolitik auch kein Zufall, sondern einfach die Folge davon, dass bestimmte Umweltschutz- und Klimamaßnahmen den Interessen von Wirtschaft und Industrie entgegenständen.

Der Debatte, ob Trump geistig zurechnungsfähig sei, kann Max Gruenig wenig abgewinnen. Im Enthüllungsbuch „Fire and Fury“, das zu Beginn dieses Jahres pünktlich zu Trumps einjährigem Amtsjubiläum am 20. Januar erschien, geht es genau darum. Der Autor Michael Wolff beschreibt die Zustände im Weißen Haus als Chaos und Trump als debilen, kindischen „Idioten“. Das hat die These befeuert, der US-Präsident sei nicht in der Lage sein Amt auszuüben – und hat vermutlich auch dazu geführt, dass Trump seine mentale Gesundheit ärztlich und öffentlichkeitswirksam bestätigen ließ.

„Ich sehe gerade bei deutschen Reaktionen auf die derzeitig schwierige Situation in den USA häufig eine gewisse Spur von Schadenfreude oder Häme“, sagt Gruenig. Das hält der Forscher für nicht zielführend, denn Europa brauche die USA als Kooperationspartner bei allen wichtigen internationalen wirtschaftlichen, außenpolitischen, aber auch umweltpolitischen Fragen. „Es gibt keine Alternative zur Zusammenarbeit mit den USA“, sagt Max Gruenig.

Nora Kusche

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Grüne Woche17.Jan 2018

Glaubenskrieg überwinden: Bio-Landwirte treffen auf konventionelle Bauern

Auf der weltweit größten Agrar-Messe „Grüne Woche“ spricht die Branche über Zukunftsstrategien. Konventionelle und biologische Landwirtschaft haben seit jeher sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Lebensmittel produziert werden sollten. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert eine Annäherung.

Zur Grünen Woche in Berlin treffen Bio-Landwirte auf ihre konventionellen Kollegen. Sei es in den Messehallen selbst oder draußen bei Aktionen auf der Straße. Beide Gruppen haben verschiedene Ansichten, wie Deutschland in Zukunft mit Gemüse, Obst und Fleisch versorgt werden soll. Konventionelle Höfe setzen ihr Augenmerk auf die Versorgungssicherheit und eine günstige Produktion. Biobauern wollen ohne Pestizide arbeiten und verteidigen hohe Tierstandards. Können sie sich in ihren Zukunftsszenarien annähern?

2016 mussten Bauern 5000 Höfe aufgegeben

Bauer in Deutschland zu sein ist nicht einfach – egal, ob der Landwirt konventionell oder biologisch arbeitet. Allein im Jahr 2016 mussten 5000 Höfe ihre Tore schließen, so der aktuelle Bericht des „Bund Ökologische Landwirtschaft“. Mit dem Wegfall der Milchquote 2015 mussten viele ihre Milch immer günstiger verkaufen. Mindestens 35 Cent sollten sie pro Liter einnehmen, um die Herstellungskosten zu decken, doch in der Vergangenheit bekamen sie oft nur 25 Cent oder weniger pro Liter. Außerdem hat die langwierige Diskussion um das Pflanzengift Glyphosat viele Verbraucher verunsichert, da die Risiken des Unkrautvernichtungsmittels weiterhin unklar sind. Besonders für kleinere Betriebe wird es immer schwieriger, kostendeckend zu produzieren. Tierhalter pferchen ihre Schweine, Hühner und Kühe deshalb in immer größere Ställe, um billiger zu produzieren. Durchschnittlich halten deutsche Bauern 1.200 Schweine in ihren Ställen. Die Zahl der Schweinehalter hat sich seit 2010 fast halbiert. Wie gehen die Landwirte mit all diesen Herausforderungen um? Wie stellen Sie sich ihre Zukunft vor? Wir haben einen ökologischen und einen konventionellen Landwirt gefragt.

Für Felix Prinz zu Löwenstein, 63, Biobauer und Vorstandsvorsitzender des „Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft“ ist vor allem das derzeitige Agrarsystem schuld. Es sei nicht in der Lage zu verhindern, dass immer mehr Höfe aufgegeben werden müssen. Die Margen seien zu gering und die Preise auf dem Weltmarkt zu niedrig. Marcus Holtkötter, 40, konventioneller Bauer bei Steinfurt und einer der Leiter der Gegenbewegung „Wir machen Euch satt“ hält dagegen, dass das Sterben der Höfe mit der zu hohen administrativen Arbeit, vor der viele zurückschrecken würden, zusammenhängt. Früher sei es außerdem selbstverständlicher gewesen, dass Kinder den Hof ihrer Eltern übernehmen.

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Dr. Felix Prinz zu Löwenstein erntet auf seinem biologischen Hof unter anderem Kräuter. Foto: Privat

Ähnlich wie die Bauern, stehen sich auch die politischen Lager scheinbar unvereinbar gegenüber, wenn es um das Thema Umweltschutz geht. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) setzte in der Vergangenheit besonders auf den weltweiten Verkauf deutscher Produkte, wo sie mit Billigpreisen konkurrieren mussten. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hingegen forderte einen grundlegenden Umbau der Agrarpolitik. Sie will zum Beispiel Subventionen stärker an Umweltaspekte koppeln. Am Dienstag dieser Woche haben sich Politik, Bauern und Verbände beim 2. BMUB-Agrarkongress Gedanken über eine nachhaltige Zukunft der Landwirtschaft gemacht. Ziel des Kongresses war es, die Idee eines neuen Gesellschaftsvertrages für eine zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland zu entwickeln. „Auch bei diesem zentralen umweltpolitischen Thema ist die Zeit reif für Versöhnung und Konsens“, sagte Hendricks. Viel zu lange schon spalte eine Agrarpolitik nach dem Motto „Wachse oder Weiche“ Landwirtschaft und Gesellschaft. Der konventionelle Landwirt Marcus Holtkötter hat zudem das Gefühl, dass ein Glaubenskrieg zwischen Bio- und konventioneller Landwirtschaft stattfindet. Vor allem politisch und gesellschaftlich: „Der wird dann gefährlich, wenn ein reiner Wunschglauben mehr zählt als Fakten und Wissenschaft“, sagt er.

Die Diskussionslinie zieht sich nicht nur durch die Politik. Seit acht Jahren fahren alljährlich zur Grünen Woche Biobauern mit ihren Traktoren durch Berlin, begleitet von Bürgern und NGOs. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ demonstrieren sie für eine nachhaltige, grüne Wende in der deutschen Landwirtschaft. Sie fordern, dass der „Exportwahnsinn der Landwirtschaft“ beendet wird. Jochen Fritz, Sprecher des Bündnisses, kritisiert außerdem die Entscheidung für Glyphosat auf EU-Ebene: „Minister Christian Schmidt hat mit diesem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk an Bayer-Monsanto einmal mehr bewiesen, dass er ein Handlanger der Industrie ist. So eine Fehlbesetzung darf es nicht wieder geben.“

Für Felix Prinz zu Löwenstein kann die Zukunft der Landwirtschaft nur ökologisch sein. Er selbst hat einen Hof erst sechs Jahre lang konventionell betrieben, bevor er 1992 auf eine biologische Anbauweise setzte. „Die Landwirtschaft, die heute der Normalfall ist und deshalb konventionell heißt, schädigt die Biodiversität und findet bei den Verbrauchern immer weniger Akzeptanz“, sagt er. 

Eine „ideologische Hemmschwelle“ verhindere, dass einige konventionelle Bauern auf Biolandwirtschaft umstellen.

Um die Bio-Branche auch in Zukunft zu unterstützen, fordert er von der Politik weiterhin verlässliche Prämien für Höfe, die auf eine nachhaltige Erzeugung umstellen. Außerdem sei es wichtig, dass stärker in die grüne Forschung investiert werde. Beim Wachstum der Bio-Branche ist Löwenstein realistisch. Im Vergleich zu 2015 ist die Bio-Fläche 2016 um sieben Prozent auf 8,9 Prozent der Gesamtanbaufläche gewachsen. 20 Prozent Ökolandbau bis Ende 2020 wäre ambitioniert – aber machbar. 

Bei vielen konventionellen Kollegen sieht Löwenstein jedoch eine „ideologische Hemmschwelle“, bei dem Gedanken daran, auf eine biologische Herstellungsweise umzustellen. „Viele Bauern rechnen gar nicht durch, was es ihnen bringen würde auf Ökolandbau umzustellen“, sagt er.

In seiner Zukunftsvision wünscht er sich eine „Landwirtschaft, die ohne Krücken“ auskommt. In der Pflanzen nicht gespritzt werden müssen und Tiere nicht mit Medikamenten vollgepumpt werden. Robustere Pflanzensorten und Tierrassen müssten her. Dass weniger produziert werden würde, ist für Löwenstein kein Problem. Der Markt würde die Nachfrage regeln. „Wenn Fleisch teurer wäre, würden die Leute weniger davon essen“, sagt er. Auch Hubert Weiger, Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sagte bei der Vorstellung des „Fleischatlas 2018“ letzte Woche in Berlin: „Weniger und dafür besser ist die Losung“. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland liegt derzeit bei etwa 59 Kilogramm Fleisch.

Samentüten und Blühstreifen für mehr Artenvielfalt

Konventionelle Landwirte und Gegendemonstranten haben im letzten Jahr mit der Demonstration „Wir machen euch satt“ auf die Frage der Versorgungssicherheit hingewiesen. In diesem Jahr planen sie deutschlandweit Aktionen, um die Artenvielfalt zu schützen. Unter dem Titel „Deutschland blüht auf“ verschenken sie zum Beispiel Samentüten und Bauern sähen neue Blühstreifen an ihren Äckern.

Marcus Holtkötter, der konventionelle Bauer, ist sich sicher, dass es auch in Zukunft einen Markt für herkömmlich hergestelltes Fleisch und Gemüse geben wird. „Viele Leute sagen, sie seien bereit mehr Geld für Bio-Lebensmittel auszugeben“, sagt er, „doch an der Kasse sieht das bislang nicht so aus.“

Technologische Fortschritte als Chance für Biobauern und konventionelle Landwirte

Holtkötter geht außerdem davon aus, dass sich die konventionelle und biologische Landwirtschaft immer weiter angleichen werden. Große Chancen sieht er im technologischen Fortschritt. „Wenn Bauern in Zukunft Maschinen einsetzen können, die gezielt Unkraut vernichten, bräuchten wir weniger zu Pflanzenschutzmittel greifen und hätten gleichzeitig keine Einbußen bei der Produktion“, sagt er.

Bei der Grünen Woche in den Berliner Messehallen sind die Bio-Landwirte entsprechend der Agrarflächenverteilung eindeutig in der Unterzahl – sie sind alle in einem kleinen Bereich in Halle 1.2 zu finden. Außerhalb des Gebäudes hingegen wird die Demo „Wir haben es satt“ umso lauter sein.

Hanna Gieffers

Aufmacherbild: picture alliance/JOKER

Lesen Sie auch: GPS-Steuerung, Roboter, Massenproduktion. Wie viel Technik braucht die Biobranche? Wie viel verträgt sie? Ein Besuch auf einem der größten ökologischen Betriebe Deutschlands. Der Text „Biomasse“ ist im Greenpeace Magazin 6.17 erschienen.

Außerdem zum Thema Tierwohl: Was macht Huhn, Schwein und Rind zufrieden? Das wollen nun auch konventionelle Landwirte wissen. In unserem Report „Tierwohl gibt es nicht im Sonderangebot“ zeigen wir die Vorreiter, erschienen im Greenpeace Magazin 3.17.

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plastikmüll15.Jan 2018

Deutsche Recycling-Wirtschaft profitiert von Chinas Müllimport-Verbot

Die Entscheidung löste zunächst Panik in Deutschland aus: Wo sollen die rund 800.000 Tonnen Kunststoffabfall hin, die jedes Jahr ins Reich der Mitte verschifft werden? Dabei ist es besser, den Müll als Rohstoff zu betrachten und ihn nicht zu exportieren. Das ist ökologisch sinnvoll und stärkt die Kreislaufindustrie – wenn der Gesetzgeber mitspielt.   

Es gibt nichts zu sehen. Immer wieder musste Michael Schneider in den letzten Tagen TV-Teams vertrösten. Schneider ist Pressesprecher des Recycling-Unternehmens Remondis und hat aus seinem Bürofenster einen guten Blick über die gesamte Anlage – eines der größten Recylingwerke Europas. Doch trotz des von China ausgesprochenen Importverbots von 24 verschiedenen Müllarten aus Europa, darunter unsortierte und gemischte Kunststoffabfälle, sind auf dem Gelände in Lünen (NRW) keine Müllberge in Sicht. Große Enttäuschung, kein Müllskandal, Deutschland wird trotz der Entscheidung Chinas nicht im Müll versinken. Das lässt sich jetzt schon sagen, auch wenn das Importverbot erst seit knapp zwei Wochen besteht und Anfang März weitere Reststoffsorten hinzukommen, zum Beispiel Holzabfälle, verschiedene Schrotte, aber auch sortierte Kunststoffabfälle und Altpapier.

Doch die Auswirkungen des Verbots sind natürlich spürbar: 800.000 Tonnen Kunststoffabfälle verschiffte Deutschland im vergangenen Jahr ins Reich der Mitte, ein Sechstel seiner gesamten Plastikreste. Kein Wunder, dass nach der Meldung, China wolle diesen Müll aus Umweltschutzgründen nun nicht mehr haben, kurz Panik aufkam – und die Frage: Was passiert mit dieser Riesenmenge Abfall? Die Antwort enthält ein paar schlechte Nachrichten: Es müssen kurzfristig Absatzmärkte zum Beispiel in Osteuropa, Indien oder Vietnam gefunden werden. „Die kompensieren aber nicht annähernd die gleichen Mengen“, sagt Michael Schneider. Ein Teil muss deshalb wohl auch eingelagert, ein anderer Teil vermutlich – ökologisch sehr bedenklich – verbrannt werden. Zudem werden die Preise für Plastikverpackungen leicht steigen, für den Verbraucher allerdings kaum merklich.

Plastikmüll, Recycling, Importverbot, China

Riesige Mengen Plastikmüll importierte China bis Anfang des Jahres aus ganz Europa. Damit ist jetzt Schluss, der Umwelt zuliebe, wie es aus China heißt. Foto: dpa

Die Vertreter der Kreislaufwirtschaft bleiben dennoch gelassen, weil sie mittelfristig profitieren könnten. Michael Wiener, Geschäftsführer des Grünen Punkts, dem führenden Sekundärrohstofflieferant in Deutschland, ist davon überzeugt: „Der chinesische Importstopp für Papier- und Kunststoffabfälle ist eine Chance für die Kreislaufwirtschaft in Deutschland und Europa“, sagt er. Der Grund: Für Recyclingunternehmen wie den Grünen Punkt oder Remondis ist Plastikmüll Rohstoff. Und der bleibt nun im Land statt nach China exportiert zu werden. Dadurch verbessert sich womöglich sogar die deutsche Ökobilanz und es führt dazu, dass insgesamt weniger Plastik produziert wird. Zwar muss die gesamte Branche neue Lösungen finden und es kommt mehr Arbeit auf die Verwerter zu, aber es steigen – unter bestimmten Bedingungen – auch die Wachstumschancen.

Die Qualität des Plastikgranulats könnte sich durch den Ausfuhrstopp verbessern

Damit die Kreislaufwirtschaft die zusätzlich anfallende Müllmenge verarbeiten und davon profitieren kann, muss die Politik handeln. Im vergangenen Jahr passierte bereits das neue Verpackungsgesetz den Bundesrat. Damit soll ein Anstieg der Kunststoffrecyclingquote von derzeit 36 Prozent auf zunächst 58,5 im kommenden Jahr und danach sogar auf 63 Prozent im Jahr 2022 erreicht werden. „Das Gesetz ist nur umsetzbar, wenn ein Umdenken hin zu optimierter Kreislaufwirtschaft beschleunigt wird“, sagt Jörg Lacher vom Bundesverband für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). „China könnte mit seiner Entscheidung positiv darauf einwirken.“

Zusätzlich müssten nach der Vorstellung der Recycling-Branche noch bessere Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass aus Kunststoffmüll häufiger neue Produkte mit weniger Primärrohstoffen werden können. „Die Erhöhung der Qualität ist auf allen Ebenen die Lösung“, sagt Lacher. „Dann werden die operativ im Recycling tätigen Unternehmen profitieren, denn sie können sich aus einer größer werdenden Menge Müll die beste Qualität heraussuchen und bessere Rezyklate herstellen.“ Rezyklate sind das Endprodukt des Recycelvorgangs. Die Reste werden zu „Fluff“ verarbeitet, einer halbflüssigen Kunststoffmasse, die einen höheren Brennwert als Braunkohle hat, und energiegewinnend verbrannt.

Um optimal recyceln zu können und hochwertigere Kunststoffgranulate herzustellen, sind allerdings bessere und leistungsfähigere Sortieranlagen nötig, sagt Remondis-Sprecher Schneider. Das Unternehmen plane bereist den Bau neuer Anlagen. „Das kostet im ersten Moment natürlich Geld – und deswegen erhoffen wir uns dann auch entsprechende Unterstützung vom Gesetzgeber, wenn es um den Absatzmarkt für Rezyklate in Deutschland geht.“

Schneider plädiert für eine gesetzlich festgelegte Quote an recyceltem Material in neuen Plastikprodukten. Der Widerstand der Industrie gegen Sekundärrohstoffe ist derzeit jedoch noch recht hoch. Es gibt nur wenige Unternehmen, die Verpackungen oder andere Kunststoffprodukte komplett aus recyceltem Material herstellen. Nach einer aktuellen Untersuchung des Bundesumweltministeriums sind nur rund 14 Prozent der eingesetzten Rohstoffe in den Produktionsketten recycelt. Ein Grund: ein niedriger Ölpreis ermöglicht die günstige Plastikproduktion, häufig ist Sekundärrohstoff nach den vielen Verarbeitungsschritten teurer.

Ein weiteres Argument betrifft den Verbraucher: „Die Industrie ist auch deswegen so zurückhaltend, weil sie noch immer davon ausgeht, dass die Konsumenten keine Recyclingprodukte wollen“, sagt Schneider. Deshalb müsse der Gesetzgeber einschreiten, den Herstellern Vorgaben machen und so einen größeren Absatzmarkt für Rezyklate schaffen. Letztlich würde das nicht nur das Müllproblem lösen. Wenn insgesamt weniger Plastik hergestellt und weniger Plastikmüll verbrannt werden müsste, hätte das auch positive Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

„Auf lange Sicht“, so Schneider, „kommen wir in Deutschland nicht um eine Ökodesign-Richtlinie herum, die vorschreibt, Produkte so zu produzieren, dass sie zu hundert Prozent wiederverwertbar sind.“ Dazu wäre allerdings nicht nur ein Umdenken, sondern ein kompletter Wandel der Industrie und der Produktionsweisen nötig. „Das werde ich wohl nicht mehr erleben“, sagt Schneider. Die nächsten Schritte dahin könnten aber jetzt gemacht werden.

Bastian Henrichs

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Sondierungsgespräche 201812.Jan 2018

Sondierungsergebnis: „Bei den Umweltthemen ist viel auf der Strecke geblieben“

SPD und Unionsparteien bekennen sich zwar weiterhin zu den Klimazielen, wie sie diese aber erreichen wollen, bleibt unklar. Auch sonst dominieren Absichtserklärungen das Ergebnispapier der Sondierungen, reale Lösungsvorschläge fehlen.

Übernächtigt aber glücklich – so präsentierten sich die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der SPD-Vorsitzende Martin Schulz und CSU-Vorsitzender Horst Seehofer auf der Pressekonferenz am Freitagvormittag. Bis in die Morgenstunden hatten die Sondierungsspitzen um eine Einigung gerungen und legten diese nun als 28-seitiges Papier vor, das sie als „Durchbruch und Erfolg“ feierten. Aber längst nicht alle sehen das so. An der SPD-Basis sei die Stimmung laut Juso-Chef Kevin Kühnert „verheerend“. „Das riecht für mich leider sehr stark nach einer Fortsetzung des Regierungsstils, den wir schon von der letzten Großen Koalition kennen, und der hat nichts Gutes bedeutet – weder für die Gesellschaft, noch für die SPD,“ so Kühnert.

Auch bei Umwelt- und Klimaschützern hält sich die Euphorie über die erzielte Einigung in Grenzen. „Dass SPD und die Union die Sondierungsergebnisse so schwammig gehalten haben, ist Strategie“, sagt Pieter de Pous dem Greenpeace Magazin. Beim Naturschutzbund Nabu ist er für umweltpolitische Fragen zuständig. „Und das Erreichen der Klimaziele 2020 bleibt damit hochgefährdet“, so de Pous weiter. Für ihn haben sich die Befürchtungen zu Beginn der Sondierungen bestätigt, dass die Klima- und Umweltthemen als Verlierer aus den Verhandlungen gehen. „Fokus des Ergebnispapiers liegt auf Europa, Forschung, Innovation – kein konkretes Wort zu Nachhaltigkeit oder Umweltwirtschaft.“

Die Parteien bekennen sich zwar zu den ursprünglichen Klimazielen, im Folgenden lassen sie aber viel Raum für Interpretationen: „Die Handlungslücke zur Erreichung des Klimaziels 2020 wollen wir so schnell wie möglich schließen“, heißt es da. Dennoch sieht de Pous das allgemeine Bekenntnis schon als Fortschritt. Noch zu Beginn der Woche war ein Zwischenstand der Verhandlungen durchgesickert, in dem die Umwelt-Arbeitsgruppe das Klimaziel 2020 ganz kippen wollte.

Allerdings sei entscheidend, mit welchen konkreten Maßnahmen die möglichen Regierungspartner den CO2-Ausstoß reduzieren wollen, so de Pous. Auch darüber erfährt man wenig. Bis Ende 2018 soll eine Kommission ein Aktionsprogramm erarbeiten, das unter anderem ein Enddatum für die Kohleverstromung und einen Plan für die Finanzierung enthält. 2019 wollen die Parteien dann ein Klimaschutzgesetz verabschieden, das wenigstens das Klimaziel 2030 garantieren kann. Außerdem streben sie einen Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2030 an. Das ist ein Fortschritt – bislang waren 50 Prozent vorgesehen. Olaf Brandt, Geschäftsführer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sieht selbst das kritisch: „Beim Ausbau der Erneuerbaren Energien darf es keinen Deckel geben – aber genau das sind die 65 Prozent. Das führt nur dazu, dass verlangsamt ausgebaut wird.“

Politik entzieht sich der Verantwortung

Für Pieter de Pous ist es unverständlich, dass eine Kommission aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Umweltverbänden, Ländern und Kommunen über das Enddatum der Kohleverstromung entscheiden soll. Er fordert, dass die Parteien die Verantwortung übernehmen und einen Kohleausstieg bis spätestens 2030 festlegen: „Je länger sich das verzögert, umso schwieriger wird es, die Klimaziele noch zu erreichen.“ Die Parteien sollten in möglichen Koalitionsverhandlungen nachliefern, was sie in den Sondierungen versäumt hätten, so de Pous.

Auch in anderen Bereichen bleibt das Sondierungspapier kryptisch: So sollen „Fahrverbote vermieden“ und gleichzeitig „die Luftreinhaltung verbessert werden“. Die widersprüchliche Forderung interpretiert de Pous wieder als politisches Kalkül. „Die Fahrverbote kommen sowieso, denn die Luftwerte müssen eingehalten werden“, sagt er. Hier hätte die Politik einfach den Gerichten die Verantwortung zugeschoben, die jetzt auf kommunaler Ebene entscheiden, welche Fahrzeuge in Innenstädten fahren dürfen. „Hier war Jamaika deutlich weiter.“

Merkel Schulz Seehofer bei Sondierungabschluss

Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (links), der SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz (rechts) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Pressekonferenz zum Abschluss der Sondierungsgespräche. Die Spitzen von CDU, CSU und SPD streben eine Neuauflage der Großen Koalition an. Foto: dpa

Parteien erkennen Insektensterben als Problem an

Einen Lichtblick sieht der Nabu-Experte in der Argarpolitik. „Insektenschutz steht da immerhin drin“, sagt er. Das bedeute, dass die Parteien das Problem als solches anerkennen. Aber auch hier bleiben die konkreten Maßnahmen vage. Den „Einsatz glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel“ wollen die Verhandler „deutlich einschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden“. Glyphosat hatte schon vor den Sondierungen für Streit zwischen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt gesorgt. Schmidt hatte bei einem EU-Beschluss für eine fünfjährige Verlängerung gestimmt, obwohl Hendricks sich dagegen ausgesprochen hatte.

Im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin hatte Olaf Lies, Umweltminister von Niedersachsen, schon zu Beginn der Sondierungen ein klares Signal aus Berlin gefordert. „Was von Christian Schmidt vollkommen falsch und gegen die Koalition entschieden wurde, muss bei Fortsetzung einer Großen Koalition dringend korrigiert werden. Das Signal, das wir jetzt von den Sondierungsgesprächen brauchen, ist eine nationale Regelung, die den Einsatz von Glyphosat zügig reduziert und gleichzeitig Alternativen schafft“, hatte Lies gesagt.

Umweltthemen haben für SPD, CDU und CSU keine Priorität

Olaf Brandt (BUND) vermisst bei den Aussagen zu Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln genauso die klaren Termine und Zahlen wie beim Kohleausstieg. „Beim Abbau des Solidaritätszuschlags gibt es ein klares Programm, da sieht man, wo die Prioritäten der Parteien liegen“, so Brandt gegenüber dem Greenpeace Magazin. Mit den unkonkreten Zusagen im Klima- und Umweltbereich wollten die Sondierungsparteien verschleiern, dass sie eigentlich kaum etwas beschlossen hätten.

Positiv sei es allerdings, dass es konkrete Geldzusagen für den Strukturwandel beim Kohleausstieg gebe. 1,5 Milliarden stehen hier laut Sondierungspapier für Länder und Kommunen bereit. „Damit kann man viel machen, aber hier lässt sich auch gleich die Handschrift der SPD erkennen, für die Arbeitsverhältnisse und sozialen Folgen eine Priorität haben“, sagte Brandt.

Die Ergebnisse in dem 28-seitigen Papier, auf das sich SPD, CDU und CSU am Freitagmorgen geeinigt hatten, sind nur vorläufig. Erst am 21. Januar entscheidet ein SPD-Parteitag, ob die Sozialdemokraten in konkrete Koalitionsgespräche einsteigen. Bis dahin sind die Sondierungsergebnisse erst einmal ein Stück Papier – das nach dem Stichtag Ende nächster Woche im Papierkorb landen könnte. 

Nora Kusche

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Antarktis10.Jan 2018

Forschen am Südpol: „Es fühlt sich gar nicht so abgeschnitten an“

Die globale Erwärmung gefährdet die Eismassen in der Ostantarktis stärker, als bislang angenommen. Der aktuelle Leiter der größten deutschen Forschungsstation in der Antarktis hat uns erzählt, wie er und sein Team dort zum Klimawandel forschen und was sie über die Feiertage im Eis erlebt haben.  

Schaut Tim Heitland aus dem Fenster, sieht er nichts als Eis und Schnee. „Die Antarktis schaut dennoch nicht immer gleich aus“, sagt der Leiter der südlichsten Forschungseinrichtung Deutschlands; der Neumayer-III-Station. Eine große Veränderung bringt der Wechsel der Jahreszeiten mit sich: Gerade ist Sommer auf der Südhalbkugel, es ist immer hell, tagsüber und auch nachts. Wie lebt und arbeitet Heitland dort, während für die meisten Deutschen viel Schnee im Winter eine Seltenheit ist?   

heitland

Bevor Tim Heitland in die Antarktis gegangen ist, hat er als Chirurg in München gearbeitet. Foto: Privat

Über 13 Monate dauert Heitlands Mission, acht Monate davon forschen der Arzt und seine Crew in der völligen Abgeschiedenheit. Die Schneestürme sind im antarktischen Winter zu stark, als dass irgendjemand sie besuchen könnte. Niemand kann den Wissenschaftlern in dieser Zeit zu Hilfe eilen, wenn es Probleme gibt. Die Überwinterungs-Crew ist deshalb möglichst breit aufgestellt und besteht aus einem Arzt, einem Koch, einem Betriebsingenieur, einem Elektrotechniker, einem IT-Experten sowie aus vier Wissenschaftlern, welche die Langzeit-Observatorien der Station betreuen.

Heitland untersucht hier, wie sich Abgeschiedenheit auf den Körper und die Psyche auswirkt

Während sie im Winter normalerweise nur zu neunt sind, wächst das Team im Sommer auf fünfzig Personen an. Nur zu dieser milderen Jahreszeit, zwischen November und Februar, können weitere Wissenschaftler die – zumindest von Deutschland aus – tagelange Reise antreten. Das ist auch die Zeit, in der die Vorräte aufgefüllt werden. Trotz dieses kleinen Fensters, das für den physischen Kontakt mit der Außenwelt bleibt, sei das Leben auf der Station nicht eintönig. „Es fühlt sich nicht so abgeschnitten an, wie es sich anhört“, sagt Heitland. Er verschicke regelmäßig Whats-App-Bilder mit Pinguinen an seine Familie und kann auch skypen. Über die Telefonleitung hört er sich so klar an, als säße er an einem Schreibtisch im Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven – und nicht am südlichsten Forschungsposten Deutschlands am anderen Ende der Welt. Heitland untersucht hier, wie sich Abgeschiedenheit auf den Körper und die Psyche der Missionsteilnehmer auswirkt. Andere Wissenschaftler der Station forschen zu Klimaphänomenen.

Das Eis ist an vielen Stellen dünner als gedacht

Der Klimawandel ist auch hier immer stärker zu spüren. Forscher der Universität Texas und der Universität von South Florida haben aktuell entdeckt, dass das Eis im Osten der Antarktis an vielen Stellen gefährdeter ist als gedacht. Dies belegten sie mit einer neuen Studie, die im Fachmagazin Nature erschienen ist. Bislang galt das bis zu 3,5 Kilometer dicke Eis in der Region als stabiler als zum Beispiel das Eis in der Westantarktis.

Doch auch aus dieser Region kommt eine Schreckensmeldung: Satellitenbilder haben gezeigt, dass sich offenbar ein riesiger Kanal unter dem Dotson-Eisschelf gebildet hat, der die gesamte Region destabilisieren könnte. Wissenschaftler der Universität Edinburgh haben herausgefunden, dass der Kanal das darüber liegende Eis jedes Jahr um rund sieben Meter aushöhlt. An einigen Stellen sei das Eis sogar nur noch halb so dick für es einmal war, schreiben die Wissenschaftler im Fachjournal „Geophysical Research Letters“.

Das Eis unter der Neumayer-III-Station ist jedoch fest, eine Straße gibt es trotzdem nicht. Möchte man die Station im Sommer erreichen, muss man ein Flugzeug oder ein Schiff nehmen. Und diese Koordinaten eingeben: -08° 16.5' Breitengrad und -70° 40.4' Längengrad. Wie ein UFO liegt die Station im weißen Eis der Antarktis, auf dem Ekström-Schelfeis, einer auf dem Ozean schwimmenden Gletscherzunge. Hydraulisch lässt sich die Station nach oben schrauben, um nicht während der Winterstürme komplett von Eis- und Schneemassen umweht zu werden. Sie ist eine von knapp dreißig permanent besetzten Forschungseinrichtungen in der Antarktis.    

pinguin

Ein Kaiserpinguin besucht die Neumayer-III-Station in der Antarktis. Seine Kolonie lebt nur ein paar Kilometer von der deutschen Forschungsbasis entfernt. Foto: dpa

Auf der Station messen Wissenschaftler seit Jahren in regelmäßigen Abständen die Lufttemperatur und untersuchen die großen Veränderungen der Erdatmosphäre. Das Forschungsgebiet der Meteorologen liegt zirka 200 Meter südlich der Station. Instrumente an einem Mast messen die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Windstärke und Richtung. Einmal die Woche lassen sie einen Ballon steigen, mit dem sie die Ozonwerte bestimmen. So liefern sie wichtige Rohdaten, die Vorhersagen über den Klimawandel möglich machen. Geophysiker gehen jeden zweiten Tag vor die Tür, um zum Beispiel das Erdmagnetfeld routinemäßig zu vermessen. Außerdem beobachten die Wissenschaftler die Dicke des sogenannten Plättcheneises, welches sich unter dem Meereis sammelt. Denn das gibt wiederum Aufschlüsse auf die Auswirkungen des Klimawandels in der Antarktis.     

Der Stationsarzt ist für die Gesundheit des gesamten Teams zuständig

Damit die Wissenschaftler auch in der Abgeschiedenheit an diesen wichtigen Fragen forschen können, kümmert sich der Stationsarzt Heitland darum, dass sie fit bleiben. „Zum Glück gab es bis jetzt nichts Schlimmes“, sagt er. Kleine Erfrierungen, Karies oder Schnupfen hat er bereits behandelt. Doch auch für Notfälle ist die Station ausgestattet – es gibt einen OP-Saal, groß wie in einem Kleinstadtkrankenhaus und sogar ein Röntgengerät. Dank einer Telemedizinausrüstung kann Heitland im Fall einer komplizierten Operation fast in Echtzeit Hilfestellung von Ärzten aus Deutschland bekommen.

polar

Die Station liegt mehrere Monate im Jahr im Dunkeln. Foto: Privat

Neben der medizinischen Versorgung ist es Heitlands Aufgabe, die Geräte in Schuss zu halten. Und eine Langzeitforschung der Station weiterzuführen: Er beobachtet, wie der Körper und die Psyche der Missionsteilnehmer auf die Abgeschiedenheit in der Antarktis reagieren. Dafür untersucht er regelmäßig ihr Blut auf Anomalitäten. Die Bewohner der Station messen außerdem mit Computerspielen und Fragebögen, wie sehr ihnen die Dunkelheit und Isolation auf das Gemüt schlägt. Zur Not bewahrt Heitland auch Antidepressiva in seinem Apothekerschrank auf. Die NASA finanziert diese Experimente mit, denn die Erkenntnisse sind auch für die Weltraumforschung relevant.    

Schnitzeljagd im Schnee war das schönste Weihnachtsgeschenk    

Vor seiner Zeit auf der Antarktis-Station war Heitland eigentlich Chirurg in München. Er las die Stellenausschreibung für die Neumayer-III-Forschungseinrichtung schon einige Male, vorletztes Jahr bewarb er sich dann. Und bekam den Job. Seit fast genau einem Jahr lebt und arbeitet er nun in der Antarktis. Auch Weihnachten und Silvester hat er hier gefeiert.     

Und zwar recht klassisch: Mit einem Weihnachtsessen aus Rotkohl, Gans und Knödeln. Nur der Weihnachtsbaum war aus Plastik – eine richtige Tanne durften die Forscher hier nicht aufstellen. Es ist streng verboten, invasive Arten in die Gegend zu bringen. Auch beschenkt haben sich die Forscher. Statt Bücher oder CDs gab es jedoch Immaterielles. Seine Kollegen haben Heitland eine Schnitzeljagd im Schnee geschenkt. Er musste anhand von Rätseln bestimmte Koordinaten finden. Das habe ihn sehr gefreut. „Es war bestimmt viel Arbeit, das vorzubereiten“, sagt er. Silvester haben die Missionsteilnehmer mit Sekt angestoßen und im Keller der Station sogar gegrillt. Nur Böller hatten sie nicht, wegen der Umweltverschmutzung. Außerdem ist es zurzeit auch nachts hell – auf Grund der Mitternachtssonne, die knapp drei Monate durchgängig zu sehen ist.

Heitland plant nach seiner Rückkehr einen Urlaub in der Wärme

Im Winter, wenn die Sonne gar nicht mehr aufgehen will, haben Heitland der Sternenhimmel und die Polarlichter am meisten beeindruckt. „So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen“, sagt er. Es gab Nächte, in denen er mit dem halben Team dick eingepackt draußen vor der Station im Schnee stand, Kopf in den Nacken, um die grün wehenden Bänder am Himmel zu beobachten.

Doch auf diese Himmelsphänomene wird er bald verzichten müssen. Anfang Februar wird Heitland als Stationsleiter und Arzt abgelöst. Danach wird er erstmal Urlaub machen. „Und zwar irgendwo, wo es warm ist“, sagt er.

Hanna Gieffers

Hier können Sie mit einer Webcam die Forschungsstation Neumayer III anschauen. Die Mitglieder des Forschungsteams schreiben auf diesem Blog über ihren Alltag.

In unserem aktuellen Heft „Einzelkämpfer“ stellen wir weitere Wissenschaftler, Politiker oder Aktivisten vor: Wie Andreas Pawelzig im niedersächsischen Güllegürtel für mehr Umweltschutz kämpft. Warum Hartmut Liebermann seit 30 Jahren gegen Atomkraft demonstriert. Oder was die scheidende Umweltministerin Barbara Hendricks von der fehlenden Rückendeckung der Kanzlerin hält.

Die neue Ausgabe erhalten Sie im Warenhaus, am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Klimaschutz09.Jan 2018

Das Klimaziel für 2020 ist den Sondierungsparteien nichts mehr wert

Den CO2-Ausstoß bis Ende des Jahrzehnts um 40 Prozent reduzieren, sei nicht mehr realistisch. CDU und SPD begründen eine Absage an vereinbarte Klimaziele mit „physikalischen und ökonomischen Notwendigkeiten“. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.

Vergangene Woche hatte sich der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) noch kämpferisch gezeigt: „Gemeinsam mit meinem Ministerpräsidenten Stephan Weil, der Umwelt-Themen in Berlin für die SPD sondiert, werde ich darum kämpfen und dafür sorgen, dass Umwelt, Klimaschutz und Energie einen hohen Stellenwert in einem möglichen Koalitionsvertrag haben,“ sagte Lies im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin.

Dass sein Kampf wenig erfolgreich war, zeigte sich schon am zweiten Tag der Sondierungsgespräche in Berlin. Union und SPD wollen in einer neuen großen Koalition die Klimaziele für 2020 offiziell aufgeben. Das sieht nach Informationen aus Sondierungskreisen die Einigung der Arbeitsgruppe „Energie, Klimaschutz, Umwelt“ vor, in der neben NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und dem Fraktionsvorsitzenden der CSU im bayerischen Landtag, Thomas Kreuzer, auch Niedersachsens Ministerpräsident Weil sitzt. Grüne, Linke und Umweltverbände reagierten mit einem Aufschrei auf die Absage der Umwelt-Arbeitsgruppe an die Klimaziele, während die FDP sich positiv überrascht zeigte.

Grüne reagieren entsetzt, FDP erfreut auf den Vorschlag

So warf der Grünen-Politiker Robert Habeck Union und SPD vor, den Klimaschutz zu vernachlässigen. „Wer kämpft in der großen Koalition für den Kohleausstieg oder für eine wirkliche Verringerung des CO2-Ausstoßes, auch im Verkehr? Da ist niemand, den ich kenne“, sagte der schleswig-holsteinische Umweltminister, „da wird mir angst und bange.“ Sigmar Gabriel (SPD) tue Klimaschutz als grünen Firlefanz ab, Armin Laschet und Thomas Bareiß (CDU) seien noch nie als Klimaschützer aufgefallen. Sie wollten das Gegenteil. „Insofern erwarte ich da gar nichts“, hatte Habeck bereits vor Bekanntwerden des Vorschlags gesagt.

Die FDP hingegen begrüßt den überraschenden Richtungswandel und bedauert, dass es nicht schon während der Jamaika-Gespräche dazu gekommen war: „Das ist ein erstaunliches Rendezvous mit der Realität“, sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. „Wir hätten uns gewünscht, dass der Unionsteil in den Jamaika-Gesprächen schon vor Wochen bereit gewesen wäre, das einzugestehen.“ Vielleicht hätte dies auch zu einer anderen Diskussion in der Klimapolitik mit Grünen und FDP führen können. Die FDP habe darauf gedrungen, „dass man sich ehrlich macht“.

Die Arbeitsgruppe zur Energiepolitik hatte sich am Montag, dem zweiten Tag der Sondierungsgespräche, geeinigt. „Ich kann Ihnen berichten, dass wir mit den Sozialdemokraten innerhalb von zwei Sitzungen das Thema Energiepolitik abgeschlossen haben“, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Montagabend in Düsseldorf. Bei den letztlich gescheiterten Jamaika-Sondierungen hätten Union, Grüne und FDP noch zäh über die Energiepolitik verhandelt, mit der SPD sei dies nun kein Streitthema gewesen. Weitere Details nannte Laschet nicht.

Kraftwerk Niederaußem von der RWE

Nach dem Ergebnispapier der Klima-AG soll eine Kommission einen Aktionsplan zum schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung erarbeiten. Das Bild zeigt das Kraftwerk Niederaußem. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress

Es sei noch nichts entschieden

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Grosse-Brömer (CDU), sagte in Berlin, es habe insgesamt deutliche Fortschritte gegeben, die Arbeitsgruppen hätten aber Zwischen- und nicht Endergebnisse vorgelegt. „Es ist nichts vereinbart, solange nicht alles vereinbart ist.“ Dies betreffe auch den Klimaschutz, der für alle Seiten hohe Bedeutung habe. Ein endgültiges Sondierungspapier soll Donnerstag abschließend beraten werden.

Nach dem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Ergebnispapier der Klima-AG soll eine Kommission einen Aktionsplan zum schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung erarbeiten. Darauf hatte sich die geschäftsführende große Koalition nach langem Hin und Her bereits im November 2016 geeinigt, als Teil des Klimaschutzplans 2050. Die Unterhändler streben zudem einen Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2030 an. Das wäre ein Fortschritt – bislang waren 50 Prozent vorgesehen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte im Wahlkampf zugesichert, Deutschland werde sein Klimaschutzziel für 2020 schaffen und dafür Wege finden. „Das verspreche ich Ihnen“, hatte sie gesagt. In Verhandlungskreisen wurde jetzt betont, Union und SPD gäben nicht die politischen Klimaziele auf, sondern reagierten angesichts des mit dem Wirtschaftswachstum verbundenen Energiebedarfs auf physikalische und ökonomische Notwendigkeiten. Das Ziel ist nicht im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens vereinbart, sondern wurde 2007 von der damaligen großen Koalition national gesetzt.

Klimaschutz als erster Verlierer der Sondierungsgespräche

Anders als bisher soll der Klimaschutz nun gesetzlich festgeschrieben und damit auch sanktionierbar werden. Ein solches Klimaschutzgesetz hatte die SPD bisher nicht gegen die Union durchsetzen können. Die Nennung eines Enddatums für deutschen Kohlestrom wollen die Sondierer zwar noch herauszögern, aber „Ende 2018“ soll das Bekenntnis fällig werden.

Insbesondere CDU und SPD tun sich schwer, Kohleverstromung zugunsten des Klimaschutzes massiv zurückzufahren. Sie fürchten einen massiven Verlust von Arbeitsplätzen an den Kohlestandorten in West- und Ostdeutschland.

Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sahen den Klimaschutz als erstes Opfer einer neuen GroKo. „Der erste Verlierer ist der #Klimaschutz“, twitterte Linken-Vorsitzende Katja Kipping. Und auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt äußerte sich auf Twitter: „Das 40-Prozent-Klimaziel für 2020 wird zum ersten Opfer der neuen & alten #GroKo.“

dpa/nk

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Sondierungsgespräche 201808.Jan 2018

SPD-Umweltminister fordert klaren Glyphosat-Stopp aus Berlin

Der Streit zwischen Union und SPD über das Pflanzenschutzmittel Glyphosat erreicht nun die Sondierungsgespräche. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) will nach dem umstrittenen EU-Beschluss die Verwendung auf nationaler Ebene verbieten. Er hofft auf ein klares Signal aus Berlin.​

Die umweltpolitischen Streitthemen stehen auf der Agenda der Sondierungsgespräche eher am unteren Ende der Liste. Am Sonntag ging es zum Auftakt zunächst um die Finanzlage, am nächsten Tag hauptsächlich um Europapolitik. Und etwas überraschend erteilte die Umwelt-Arbeitsgruppe dem deutschen Klimaziel für 2020 eine Absage. Die SPD will eben mit sozialer Gerechtigkeit punkten und die Union legt die Schwerpunkte auf innere Sicherheit und Flüchtlingspolitik. Die Glyphosatzulassung, die Agrarwende oder der Kohleausstieg spielen keine so entscheidende Rolle mehr wie noch zu Ende des vergangenen Jahres, als die Grünen Teil der Jamaika-Sondierungen waren. Dabei steckt insbesondere in der Frage nach der Verwendung des Pflanzenschutzmittels noch immer viel Konfliktpotenzial – und eine Chance für die SPD. 

Bereits bei Vorverhandlungen und einem Spitzentreffen letzte Woche hatten die Politiker versucht, den Glyphosat-Einsatz in Deutschland zu klären. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die im Fokus der Glyphosat-Debatte standen, nahmen an den Treffen teil. Was bei den Gesprächen herausgekommen ist, wollten die Bundesministerien auch auf Anfrage nicht sagen.       

Glyphosat-Konflikt eskalierte auf Bundesebene

Ende November des vergangenen Jahres hatte die EU-Kommission die Verwendung von Glyphosat für weitere fünf Jahre erlaubt, jetzt überlegen deutsche Politiker, wie Bauern das Mittel in Deutschland anwenden dürfen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte für die Verlängerung gestimmt – gegen das ausdrückliche Votum der sozialdemokratischen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Für die SPD ein Affront, der zum großen Streit mit der Union geführt hat.

Bauern verwenden das günstige Unkrautvernichtungsmittel weltweit, es ist der am meisten genutzte Herbizidwirkstoff. Inwiefern glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel auch für Menschen gesundheitsgefährdend sind, ist umstritten. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft, klassifiziert das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) es als „nicht krebserregend“. Das Umweltbundesamt warnt jedoch vor schädlichen Folgen für Biodiversität und Artenvielfalt.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) ist unzufrieden mit der Glyphosat-Verlängerung aus Brüssel. Von den Berliner Sondierungsgesprächen erhofft er sich eine Kurskorrektur und ein Verbot auf nationaler Ebene. Foto: dpa

Kein „Weiter so!“ aus Niedersachen

Olaf Lies, SPD-Umweltminister aus Niedersachen, kritisiert die Entscheidung, das Mittel weitere fünf Jahre zu verwenden: „Es muss ein klares ‚Stopp’ aus Berlin kommen“, sagt er. Er befürchtet, dass niemand an umweltfreundlichen Alternativen arbeitet, solange der Einsatz von Glyphosat die billigste Lösung für Landwirte ist. „Deshalb geht es derzeit nur mit Verboten", so Lies. Der Bundes-Eklat vergangenes Jahr hatte auch auf Länderebene in Niedersachsen zum Konflikt zwischen dem SPD-geführten Umwelt- und dem von CDU-Politikerin Barbara Otte-Kinast geleiteten Agrarministerium geführt. Allerdings haben sich die Wogen inzwischen geglättet. Lies und Otte-Kinast konnten sich darauf einigen, ein Ausstiegsszenario gemeinsam mit den Landwirten zu planen. Lies ist überzeugt, dass ein Zeitraum von drei, maximal fünf Jahre ausreicht, um den Glyphosat-Ausstieg vorzubereiten.

Zwischen Umweltminister und Landwirtschaftsministerin besteht heute Konsens. „Das Signal, das wir jetzt von den Sondierungsgesprächen brauchen, ist eine nationale Regelung, die den Einsatz von Glyphosat zügig reduziert und gleichzeitig Alternativen schafft“, sagt Lies. „Ein ‚Weiter so!‘ die nächsten fünf Jahre, das geht auf gar keinen Fall!“

Versöhnung auf Bundesebene steht noch aus

Auf Bundesebene bleibt der Dissens zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium bestehen. Während Barbara Hendricks das Problem auf nationaler Ebene angehen und die Anwendung von Glyphosat in Deutschland verbieten möchte, bleibt die Position von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt unverändert. Er fordert zwar eine strengere und sachgerechtere Anwendung von Glyphosat und ein Verbot im Haus- und Kleingartenbereich. Bauern sollen aber weiterhin das Pflanzengift auf ihren Feldern spritzen dürfen. Spannend bleibt, welche Richtung die Debatte bei den Sondierungsgesprächen zwischen SPD und Union nimmt – und ob die SPD Kapital schlagen kann aus der Vorgehensweise von Agrarminister Schmidt, die auch die Bundeskanzlerin missbilligt hatte.

Nachdem die Gespräche zwischen CDU/CSU, der FDP und den Grünen im November gescheitert sind, wirkte die Atmosphäre, die die neuen Gespräche begleitet, klandestin. Die Spitzen von Union und SPD haben sich vorgenommen, anders als bei den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen, in der Öffentlichkeit zurückhaltender zu sein und nur wenig nach außen dringen zu lassen.

Kameras und keine Politiker, klandestine Sondierungsgespräche SPD und Unionsparteien

Politiker verordnen sich Medienabstinenz – bei den Sondierungsgesprächen haben sich SPD und Unionsparteien auf möglichst wenig Öffentlichkeit geeinigt. Foto: dpa

Olaf Lies ist selbst nicht bei den Gesprächen dabei, setzt seine Hoffnungen jedoch auf Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der einer der Unterhändler ist. „Ich habe die glückliche Situation, dass zu den Bereichen Klimaschutz, Umwelt und Energie mein Ministerpräsident die Sondierungsgespräche leitet“, so Lies. „Das ist ein guter Weg.“ In der Sondierungsgruppe zu Umweltfragen sitzt Weil mit dem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU und Landtagsfraktionschef Thomas Kreuzer von der CSU zusammen. Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) haben die Unterhändler der Umwelt-Arbeitsgruppe in einem Ergebnispapier am zweiten Verhandlungstag bezweifelt, dass das deutsche Klimaziel noch realistisch sei: „Das kurzfristige Ziel für 2020 wird aus heutiger Sicht nicht mehr erreicht werden“, hieße es dort. Allerdings schlage die Arbeitsgruppe vor, zumindest an dem Ziel festzuhalten, die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren. Gleichzeitig sei die Bildung einer Kommission geplant, die einen Aktionsplan zum schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung erarbeiten solle.

Inwieweit die SPD den Glyphosat-Eklat bei den Unionsparteien als Druckmittel nutzen will, um eigene Positionen durchzusetzen, wollte im Vorfeld kein Politiker kommentieren. Barbara Hendricks hatte aber schon angekündigt, dass einiges an Vertrauen verloren gegangen ist. Das müssen die Unionsparteien sich erst wieder erarbeiten.

SPD- und Unionspolitiker sprechen hinter den Kulissen Klartext zum Thema Glyphosat

Olaf Lies ist sich sicher, dass hinter den Kulissen der nötige Klartext zur Glyphosat-Affäre gesprochen wurde und dass die SPD ihren Standpunkt klar machen konnte. Nun erhofft er sich von den aktuellen Verhandlungen eine Kurskorrektur: „Was von Christian Schmidt vollkommen falsch und gegen die Koalition entschieden wurde, muss bei Fortsetzung einer Großen Koalition dringend korrigiert werden.“

Anders als die Grünen bei den Jamaika-Verhandlungen, hat bei den aktuellen Gesprächen keine der Parteien Umweltschutz als programmatischen Fokus ausgerufen. So sehr sich die SPD mit Bildung und Sozialem rehabilitieren will, so stark stürzt sich die CSU in Hinblick auf die Landtagswahlen in Bayern im Herbst dieses Jahres auf die Flüchtlingspolitik. Während die CDU-Vorsitzende Angela Merkel vor allem auf eine stabile Regierung hinarbeitet und sich unkonkret und optimistisch gibt. „Ich glaube, es kann gelingen“, sagte sie zu Beginn der Sondierungsgespräche.

Umweltthemen sollen in Debatte nicht hinten runterfallen

Die bisherigen Regierungspartner wollen bis Ende der Woche ausloten, ob es zu einer neuen Großen Koalition kommen kann. Bis Donnerstag sollen erste Ergebnisse der Sondierungsgespräche vorliegen. Um die Koalitionsverhandlungen wirklich starten zu können, muss sich die SPD-Spitze die Zustimmung eines Parteitags holen, der für den 21. Januar geplant ist.

„Wenn es zu einer Koalition käme, müssten die Themen Klimawandel, Energiewende und Umweltschutz einen großen Schwerpunkt bilden und sich mit konkreten Maßnahmen und genügend Geld in einem Koalitionsvertrag wiederfinden“, sagt Lies. Allerdings hält der niedersächsische Umweltminister die Sorge für berechtigt, dass gerade diese Themen in der Debatte hinten runterfallen. „Aber ich werde mich gemeinsam mit meinem Ministerpräsidenten Stephan Weil dafür einsetzen, dass die zentralen Umweltthemen bei den Sondierungsgesprächen nicht vergessen, sondern auch Schwerpunkt werden“, so Lies.

Nora Kusche

In unserem aktuellen Heft „Einzelkämpfer“ zieht die scheidende Umweltministerin Barbara Hendricks Bilanz und erklärt, warum sie mit dem Klimaschutz unter Merkel nicht wirklich voran gekommen ist.

Außerdem fragen wir in unserer Spezial-Ausgabe zu Essen „Reicht satt und lecker?" Und haben uns damit beschäftigt, wieviel Glyphosat in unseren Lebensmitteln steckt und wie sich das auf die Gesundheit auswirkt.

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Tag des Vogels04.Jan 2018

Ohren auf: Es lohnt sich, Kälte und Regen zu trotzen und den Wintervögeln zuzuhören

Am Freitag ist der nationale Tag des Vogels und Startschuss für die jährliche Aktion „Stunde der Wintervögel“, der größten Vogelzählung in Deutschland. Bürger helfen dabei mit herauszufinden, warum die Vogelbestände schwinden und was das mit Klimawandel und Landwirtschaft zu tun hat. Unsere Autorin hat sich vorab auf die Lauer gelegt.

Burglind ist schuld. Ohne sie hätte alles so schön werden können. Stattdessen stehe ich mit Gummistiefeln im Matsch und friere. Denn obwohl das Tiefdruckgebiet in Hamburg keinen schweren Sturm gebracht hat, ist hier dank Burglind der Himmel grau und es regnet unablässig. Da helfen auch Regenschirm, Wollsocken und warmer Tee nicht viel. Keine optimalen Bedingungen, um Vögel zu beobachten. Dennoch: Eine Stunde lang observiere und zähle ich die gefiederten Gäste in meinem Garten.

Die Idee dazu kommt vom Naturschutzbund Nabu. Zweimal im Jahr ruft er alle Menschen in Deutschland dazu auf, ihre Gärten, Hinterhöfe oder nahegelegene Parks genauer unter die Lupe zu nehmen und Vögel zu zählen. So sollen die Trends der Vogelwelt erfasst werden. Ziel ist es herauszufinden, welchen Arten es gut geht – und welchen schlecht. Aus diesen Ergebnissen können die Naturschützer dann weitere Maßnahmen ableiten und politischen Druck aufbauen. Das ist wichtig, denn die Vögel in Deutschland werden immer weniger. „Zwischen 1998 und 2009 sind knapp 13 Millionen Brutpaare verloren gegangen, ein Minus von 15 Prozent“, sagt Lars Lachmann, Vogelschutzexperte beim Nabu. Das gehe aus den Bestandszahlen der Bundesregierung von 2013 hervor. Neuere Datensätze liegen noch nicht vor. Ein Grund mehr, sich an der Aktion des Nabu zu beteiligen. Im vergangenen Jahr machten bei der Stunde der Wintervögel 124.000 Menschen mit, rund 85.000 Probeflächen – Gärten, Parks und Hinterhöfe – wurden untersucht, am meisten in Thüringen und in Bayern. So viel Vogel-Enthusiasmus und das im Winter. Da kann Burglind noch so viel Regen bringen, ich gehe auf die Pirsch.

US-Umweltpolitik: „Das ist kein Witz, sondern wirklich gefährlich!“

Der Garten der Autorin, in dem sich die Vögel gut verstecken können. Foto: Julia Lauter

Im Garten ist es ganz ruhig. Einzig der nasse Boden schmatzt unter meinen Gummisohlen. Ich setze mich auf den Gartenstuhl nahe des Rhododendrons, schaue in den Regen und warte. Es dauert ein paar Minuten, da höre ich trotz des prasselnden Regens auf meinem Schirm den ersten Vogel. Doch wo sitzt er? Ich beobachte die Gebüsche, aus denen es immer lauter schimpft, aber ich sehe: nichts. Nur nasses Grün. Ist das der Ruf der Amsel? Ich nutze die Bestimmungshilfe auf der Internetseite des Nabu und höre mir dort den Amselgesang an. Ja, es scheint als wettere hier die gemeine Amsel gegen meine Observation an. Doch blicken lässt sie sich weiterhin nicht. Zögernd mache ich ein Kreuz auf dem ausgedruckten Zählhilfe-Blatt. Mit Bleistift. Beobachtet habe ich streng genommen ja noch nichts. Erst mal einen Schluck heißen Tee trinken und weiter warten.

Vergangenes Jahr, so erzählte mir Lars Lachmann, beobachteten die Teilnehmer der „Stunde der Wintervögel“ durchschnittlich 17 Prozent weniger Vögel als im Jahr zuvor. Besonders die Meisenarten machten sich rar, sie wurden nur halb so häufig wie sonst entdeckt. Was war los mit den Meisen? Ein neuer Virus? Der Klimwandel? Die Windräder? Lars Lachmann mahnt zur Besonnenheit bei der Interpretation dieser Ergebnisse: „Im Winter kommen üblicherweise Meisengäste aus Russland und Skandinavien nach Deutschland – weil aber der letzte Winter recht mild war, fanden sie wohl auch in ihren heimischen Gefilden genug Futter und hatten keinen Grund herzukommen“, sagt er. Erst wenn auch die Zahl der Vögel bei der Zählung im Mai („Stunde der Gartenvögel“) signifikant abnehme, gebe es Anlass zur Sorge. Mit den Daten aus Frühsommer und Winter ließen sich Veränderungen in den Wanderungsbewegungen der Vögel offenlegen – erste Boten des Klimawandels in unserem Ökosystem.

Ob meine Beobachtungen zur Erhellung der Umweltentwicklung beitragen können, beginne ich zu bezweifeln. Noch immer kommen die Vögel nicht aus ihren Verstecken. Sie sitzen, geschützt vor Wind und Regen, in den Tannen und Hecken des Nachbarn. Ihre kecken Rufe klingen für mich schon, als lachten sie über das große Tier, das da so ungeschützt von Burglind durchnässt wird. Und dann doch: Zwei Kohlmeisen wagen sich aus dem Schutz der Tannenzweige hervor, sie fliegen blitzschnell vorbei – und verschwinden im Geäst der großen Fichte. Schnell mache ich zwei Haken auf dem Zählblatt. Puh.

Tiermonitoring ermöglicht uns einen Blick in den Maschinenraum des Ökosystems. Doch was folgt aus dem, was wir dort entdecken? Im Oktober sorgte ein Studie der Radboud University im niederländischen Nijmegen für Furore, die Monitorings von Fluginsekten aus den letzten 27 Jahren in 63 Schutzgebieten in Nordwest-Deutschland auswertete. Das Ergebnis: Die Gesamtmasse der Insekten hat um 75 Prozent abgenommen. Ein Schock. Und plötzlich diskutierte die ganze Republik über das Insektensterben. Blöd nur, dass die Studie keinen Grund für den dramatischen Rückgang nannte – dafür war das Forschungsdesign nicht angelegt. Der Streit ging also nur in eine weitere Runde: Naturschützern scheint der Zusammenhang zwischen der Intensivierung der Landwirtschaft und dem Artenrückgang offenbar, doch eindeutig beweisen konnten sie das bisher nicht. Und so lange das nicht der Fall ist, wird die Agrarlobby „business as usual“ machen. So weit, so kompliziert. Doch was hat das mit Vögeln zu tun? Nun, wo Insekten aussterben, da wird es auch für Amsel, Drossel und Meise eng. Denn die meisten Vögel ernähren sich ganz oder zumindest teilweise von Insekten. Es liegt also nahe, dass das Aussterben vieler Käfer, Fliegen, Schmetterlinge und Spinnen mit für den Rückgang der absoluten Vogelzahlen verantwortlich ist. Lars Lachmann sagt: „Weniger Insekten sind auf jeden Fall schlecht für die Vogelpopulationen. Aber das Ökosystem ist komplex und einfache Antworten Mangelware.“

Denn es gibt auch insektenfressende Vogelarten, die in den letzten Jahren häufiger vorkommen. Zum Beispiel der Bienenfresser. Der lebt eigentlich in wärmeren Gefilden, kommt aber heutzutage immer häufiger in Deutschland vor. Ein Hinweis auf den Klimawandel. Und darauf, wie schwer Kausalitäten – wie der Grund für das Vogelsterben – belegt werden können. Ein kurzer Blick in den Maschinenraum reicht leider oft nicht aus, um die Gründe zu finden. Die Stärke von Monitorings wie die „Stunde der Wintervögel“ liegt darum auch nicht in den einzelnen Zählungen, sondern in der Gesamtheit der Ergebnisse im Verlauf der Jahre.

Blaumeise, Winter, Tag des Vogels

Meisen sind in Deutschland häufig zu beobachten, hier eine Blaumeise auf einem Erlenzweig. Foto: picture alliance / blickwinkel

Das kann ich leicht nachvollziehen: Nähme man nur meine Vogelzählung zur Grundlage, müsste man den bundesweiten Vogelnotstand ausrufen. In meinem Garten, den ich sonst als sehr vogelreich wahrnehme, sehe ich heute noch ein Rotkehlchen und glaube den Ruf eines Grünfinks zu erkennen. Die zwei Kohlmeisen traversieren immer mal wieder, von Tanne zu Fichte und wieder zurück, aber ansonsten lässt sich niemand blicken. Dennoch meine ich während der Stunde im Garten eine Veränderung wahrzunehmen: es ist, als würde er an Tiefenschärfe gewinnen. Ich sehe plötzlich, wie wichtig die ungeliebten, dunklen Tannen für die Gartenbewohner zu sein scheinen. Und erkenne, dass der Rohdodendron, der Bambusstrauch und der Kirschlorbeer für die Tiere völlig uninteressant sind. Nicht mal zum Schutz vor Regen greifen sie auf diese Zierpflanzen zurück. Lars Lachmann wäre mit dieser Beobachtung sicher zufrieden. „Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Aktion: Wir möchten das Interesse der Menschen für die Natur vor ihrer Haustür wecken.“ Bei vielen Teilnehmern springe nach der ersten Beobachtung ein Wettbewerbsgedanke an. Sie möchten mehr Vögel anlocken, um beim nächsten Mal mehr zu zählen, sagt Lachmann. „Diesen Enthusiasmus nutzen wir, um das Wissen über vogelfreundliche Gärten und die richtige Fütterung weiterzugeben.“

Siedlungsgebiete sind für viele Vogelarten ein Rückzugsort. In absoluten Zahlen kommen die meisten Vögel in Wäldern vor, danach kommt direkt der Siedlungsraum und dann weit abgeschlagen das Land mit seinen Agrarflächen. Klar, die Stadt kann nicht mit dem Wald mithalten. Doch der urbane Lebensraum ist vielfältig, es gibt relativ viele Bäume und ein breites Futterangebot. Das zeigt sich auch an den Bestandszahlen: Arten, die in Siedlungsräumen leben, Lachmann nennt sie „Allerweltsvögel“, haben in der Regel stabile Populationen. Richtig schlecht geht es dagegen den Vogelarten, die auf Feldern und Wiesen heimisch sind. Sie werden immer seltener und vielen droht das Aussterben. Zu ihnen zählen etwa die Feldlerche, der Kiebitz, die Goldammer oder das Rebhuhn. Wer hat Letzteres je schon mal in freier Wildbahn gesehen? Eben.

Es braucht also beides: Den Strukturwandel, der die Arten auf dem Land schützt und eine Landwirtschaft befördert, die die Biodiversität nicht gefährdet. Und die wachsamen Vogelschützer in den Siedlungsgebieten, die ihre Gärten zu Vogelrefugien umbauen. Ich packe meine Notizen und meine leere Thermoskanne zusammen. Mein Mitgefühl gilt den Vögeln, die die kalten Wintermonate noch vor sich haben. Mit schmatzenden Schritten gehe ich über den regennassen Rasen zurück ins Haus. Bis zum 15. Januar kann man Sichtungsergebnisse noch beim Nabu einreichen – ich komme wieder, wenn Burglind sich verzogen hat.

Julia Lauter

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Ausblick 201803.Jan 2018

Engagieren, mitmachen, auf die Straße gehen – Ideen für’s neue Jahr

Hackt für eine gerechtere Welt, fahrt massenhaft mit Rädern durch urbane Zentren, nehmt teil am Staffellauf gegen Waffenexporte – es gibt 2018 viele Aufrufe und Möglichkeiten, sich politisch und sozial zu engagieren. Einige stellen wir hier vor.

REGELMÄSSIGER TERMIN

Jeden Monat, bundesweit: „Critical Mass“

Die Massen-Fahrradtour findet regelmäßig in verschiedenen deutschen Städten statt, um auf Belange des Radverkehrs aufmerksam zu machen das macht gleichzeitig Spaß und Eindruck. So trifft sich zum Beispiel die Critical Mass Hamburg immer am letzten Freitag im Monat gegen 19 Uhr. Die nächste Tour in Hamburg startet am 26. Januar am Domplatz/Alter Fischmarkt. criticalmass.hamburg

JANUAR

20. Januar, Berlin: Demonstration „Wir haben es satt“

Am Rande der weltgrößten Agrarmesse, der „Internationalen Grünen Woche“, demonstriert in Berlin ein Bündnis aus Bauern, NGOs und Bürgern für eine ökologischere Landwirtschaft. Um elf Uhr startet der Zug, angeführt von Traktoren, am Hauptbahnhof. wir-haben-es-satt.de

26./27. Januar, Berlin: Faircamp

Beim Faircamp, das unter dem Motto „Let’s do it“ läuft, soll es darum gehen herauszufinden, was die Teilnehmenden glücklich und stark macht und das Leben mit Sinn erfüllt. Workshops, Vorträge und Diskussionen kreisen um die Suche nach Orientierung und Veränderung. Mit Greta Taubert ist auch eine Autorin des Greenpeace Magazin dabei. faircamp.de

FEBRUAR

3./4. Februar, Hamburg: Nachhaltigskeitsmesse „Heldenmarkt“

In Hamburg stellen nachhaltige Unternehmen und Initiativen ihre ökologischen Produkte und Ideen vor. Später im Jahr macht die Messe auch in Nürnberg, München, Stuttgart und Berlin halt. heldenmarkt.de

Heldenmarkt Hamburg Veranstaltung

Im Februar können sich Konsumenten über nachhaltige Produkte auf dem Heldenmarkt in Hamburg informieren. Foto: Heldenmarkt / Forum Futura UG

17. Februar, München: Demonstration „Frieden statt Aufrüstung! Nein zum Krieg“

Um 13 Uhr startet der Protestzug gegen die vom 16. bis 18. Februar stattfindende Münchner Sicherheitskonferenz 2018 im Bayrischen Hof, wo Vertreter vor allem aus NATO-Ländern sicherheitspolitische Fragen besprechen. Ausrichter der Gegenveranstaltung ist das Aktionsbündnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz. sicherheitskonferenz.de

MÄRZ

8. März, weltweit: Demonstrationen zum internationalen Frauentag

Den Tag hatten ursprünglich sozialistische Organisationen im Kampf um Gleichberechtigung und Frauenwahlrecht initiiert, der 8. März erinnert an den Textilarbeiterinnen-Streik in Petersburg im Jahr 1917. Später haben die Vereinten Nationen den Welttag als „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und des Weltfriedens“ übernommen. Eine Übersicht der Aktionen in verschiedenen Städten bietet die Heinricht-Böll-Stiftung.

21.März, europaweit: Einsendeschluss Europawettbewerb On y va – auf geht's – let's go!

Mit Ideen, wie Europa sich weiterentwickeln sollte, kann man sich bei diesem Ideenwettbewerb der Robert-Bosch-Stiftung bewerben. Ausgewählte Projekte werden mit jeweils bis zu 5000 Euro unterstützt. Einsendeschluss ist der 21. März.

31. März – 2. April, bundesweit: Ostermärsche

Eine traditionelle Möglichkeit, sich zu engagieren, bieten die Ostermärsche der Friedensbewegung. Seit sechzig Jahren finden von Karfreitag bis Ostermontag bundesweit Demonstrationen, Mahnwachen, Friedensgebete oder Fahrradtouren statt. Mehrere zehntausend Menschen werden auf die Straße gehen, um für friedliche Lösungen in den Kriegsgebieten zu demonstrieren. friedenskooperative.de

APRIL

2.–14. April, Begegnungstage in Büchel

Das Jugendnetzwerk für politische Aktionen (Junepa) trifft sich auch dieses Jahr wieder am Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Dort sind seit 1958 zwanzig Atombomben stationiert, die der Bundeswehr im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO zugeordnet sind. junepa.blogsport.eu

22. April, Berlin: Messe für Klimaschutz

Beim Berliner Klimatag präsentieren sich viele regionale Klimaschutzinitiativen. Start-ups und Kiezprojekte zeigen, wie jeder ganz einfach CO2-Emission sparen kann. berliner-klimatag.de

MAI

21. Mai – 2. Juni, bundesweit: Staffellauf „Frieden geht“

Die Aktion richtet sich gegen Waffenexporte und startet in Oberndorf, dem Sitz des Handfeuerwaffenherstellers Heckler&Koch. Die Route geht über Freiburg, Offenburg, Rastatt, Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt, Fulda, Kassel, Eisenach, Erfurt, Halle, Magdeburg und Potsdam nach Berlin. Der Koordinationskreis Staffellauf 2018 und weitere veranstalten die Aktion. frieden-geht.de

30. Mai – 5. Juni, europaweit: Woche der Nachhaltigkeit

In dieser Zeit finden über 4000 Aktivitäten zu ökologischem Konsum und nachhaltigem Leben statt. Ab Februar werden die deutschen Aktionen hier gelistet.

Camp for future

Im August kommen Aktivisten beim Camp for future im Rheinland für Musik, veganes Essen, Workshops und Protestaktionen zusammen. Foto: Camp for future

JUNI

3. Juni, Brandenburger Tor, Berlin: Umweltfestival

Auf der Straße des 17. Juni veranstaltet die Grüne Liga Berlin von 11-19 Uhr das Umweltfestival – mit rund 250 Ausstellern, die Essen aus ökologischem Landbau und artgerechter Tierhaltung anbieten und über nachhaltigen Konsum, umweltfreundliche Mobilität und sanften Tourismus informieren. umweltfestival.de

9.–10. Juni, Bayern: Festival der Utopie in Traunstein

Beim Festival der Utopie herrscht ein Wochenende lang ein kreativer Ausnahmezustand für innovative Ideen, unkonventionelle Gedanken und ansteckende Geistesblitze. Es wurde von zwanzig Initiativen aus der Region entwickelt und gestaltet, die sich mit nachhaltigen Lebensentwürfen beschäftigen. Nun sollen noch viele weitere Ideen hinzukommen, die realistisch dazu beitragen, eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. festival-der-utopie.jimdo.com

JULI

19.–22. Juli, Ludwigsburg: NaturVision Filmfestival

Beim größten deutschen Filmfestival zu den Themen Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit können sie in verschiedenen Kinos der Stadt Kurzfilme, Naturfilme oder Kinderfilme schauen. Das Highlight ist das große Open-Air-Kino ab dem 20. Juli. festival.natur-vision.de

AUGUST

17.–26. August, Rheinland: Camp for future

Das Camp for future ist seit dem vergangenen Jahr Teil des Klimacamps im Rheinland. Es ist eine Art Festival der Klimaaktivisten. Es gibt Musik, veganes Essen, Workshops und Protestaktionen. campforfuture.de

21.–25. August, Malmö: Degrowth Konferenz

Unter dem Titel „Dialoge in turbulenten Zeiten“ sollen Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten ihre Arbeit auf der 6. Internationalen Degrowth-Konferenz im schwedischen Malmö vorstellen. Organisiert wird sie vom Institute for Degrowth Studies. Außerdem finden zwei Partnerkonferenzen in Mexico City, Mexico (4.– 6. September) und am Europäischen Parlament in Brüssel, Belgien (etwa 17.21. September) statt.

SEPTEMBER

16.–22. September, bundesweit: Europäische Mobilitätswoche

Die Europäische Mobilitätswoche ist eine Kampagne der Europäischen Kommission, die in Deutschland vom Umweltbundesamt koordiniert wird. Kommunen sind aufgerufen, über innovative Verkehrskonzepte und kreative Ideen den Bürgern die Vorteile nachhaltiger Mobilität nahezubringen. So werden Parkplätze oder Straßen zu autofreien Zonen, neue Radwege eingeweiht, Elektro-Fahrzeuge getestet oder Schulwettbewerbe ins Leben gerufen. In diesem Jahr können sich auch Unternehmen und Organisationen aus Deutschland registrieren und sich für nachhaltige Mobilität engagieren.

NOVEMBER

Jugend hackt in Berlin

Im November können Jugendliche auf der Hackerkonferenz in Berlin zusammen an Projekten zu Codes und Open Source arbeiten. Foto: flickr/Jugend hackt

24.–26. November, betahaus, Berlin: Jugend hackt

120 Coder und Bastler zwischen 12 und 18 Jahren werden hier Projekte zu Themen wie Fake News oder Open Source entwickeln und sich an der Frage „Was sind gute Programme“ abarbeiten. Seit 2013 wird „Jugend hackt“ von der Open Knowledge Foundation Deutschland und mediale pfade veranstaltet. jugendhackt.org/events

DEZEMBER

3.–14. Dezember, Katowice: COP24

Die nächste UN-Klimakonferenz COP 24 findet in Katowice, Polen statt. Dort soll die Umsetzung der nationalen Klimaziele verbindlich verhandelt werden. cop24.katowice.eu

Aufmacherbild: picture alliance / NurPhoto

hg/bh/nk

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aktuelle ausgabe26.Dez 2017

Einzelkämpfer: Wo ein Mensch allein reicht, um Veränderungen anzustoßen

Die Welt steuert in die falsche Richtung, und allein kann man nichts dagegen tun – so fühlt es sich oft an. Aber stimmt das? Ob auf der Straße, im Knast oder am Kabinettstisch: Wir zeigen in unserer aktuellen Ausgabe Menschen, die ihren Weg gehen und etwas verändern. Lassen Sie sich mitreißen!

Das Rumoren ist bis in den letzten Winkel der Erde zu hören: Wir erleben gerade eine Zeit des Umbruchs. Angesichts von Klimawandel, dem Auseinanderfallen politischer Bündnisse und dem Vormarsch des Populismus fühlt man sich als Individuum oft klein und machtlos.

Doch stimmt das auch? Sind uns wirklich die Hände gebunden? Können nicht aus Millionen scheinbar ohnmächtigen Individuen Millionen Weltverbesserer werden? Für unsere aktuelle Ausgabe haben wir Menschen besucht, die eine Mission haben. Die ihre Ideen und Vorstellungen in Kabinettssitzungen, im Knast, in der Wildnis und auf der Straße vertreten – mal leise und beharrlich, mal lautstark und handfest. Sie sind Lautsprecher und leise Mahner, treibende Kräfte und Getriebene, Jäger und Gejagte. Ihnen allen haben wir uns in dieser Ausgabe gewidmet. 

Erstmals widmen wir auch dem Klimawandel eine eigene Rubrik. In unserem neuen „Wasserstandsmelder“ halten wir Sie ab jetzt in jeder Ausgabe über das spannendste Wettrennen unserer Zeit auf dem Laufenden: das um die Rettung der Erde. Diesmal geht es um Neuigkeiten aus der Antarktis, wo sich die Anzeichen für ein beschleunigtes Abschmelzen mehren – und darum, was das mit dem Zeitplan für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu tun hat. Bei der Klimakonferenz in Bonn hat sich jedenfalls gezeigt, dass US-Präsident Donald Trump mit seiner sturen Position zunehmend isoliert dasteht.

Was es bedeutet, auf sich allein gestellt, einsam, eingesperrt zu sein, das weiß Albert Woodfox zu erzählen. Niemand saß in den USA länger in Einzelhaft als er, 44 Jahre lebte er in einer Zelle, die kaum größer war als die Kingsize-Matratze in seinem heutigen Schlafzimmer. Im vergangenen Jahr wurde Woodfox aus der Haft entlassen. Zwei Drittel seines Lebens musste er in Einsamkeit verbringen, als Strafe für ein Verbrechen, das ihm nie nachgewiesen werden konnte. Die Basis seines Überlebens, sagt Woodfox heute, sei Auflehnung gewesen, „Widerstand gegen meine eigene Verurteilung, gegen die Rassendiskriminierung, gegen das Prinzip der Einzelhaft“. Und sein Widerstand dauert auch nach der Haftentlassung an. Denn: „Amerika ist immer noch dasselbe alte Amerika, rassistisch und ungerecht“, wie Woodfox kämpferisch sagt. Unser Autor Christian Schmidt hat ihn besucht.

Wie man politischen Widerstand in die Instanzen trägt, davon erzählt die Geschichte von Andreas Pawelzik. Seit zwanzig Jahren stellt er sich im Stadtrat der norddeutschen Gemeinde Diepholz quer und geht den Vertretern von CDU, SPD und FDP damit mächtig auf die Nerven. Für viele ist Pawelzik der Querulant vom Dienst – eine Rolle, die ihn und seine Familie zu Außenseitern machte. Doch trotz des bitteren Beigeschmacks hält Pawelzik an seinem Credo fest: „Bleib auf dem Lande und wehre dich redlich.“

Auch in der großen Politik braucht es unnachgiebige Köpfe. Deutschland will Vorreiter bei der Bekämpfung des Klimawandels sein, scheitert aber an den eigenen Klimazielen. Braucht es mehr Kampfgeist? Mehr Alleingänge? Das fragten Chefredakteur Kurt Stukenberg und Reporter Dirk Gieselmann die zuständige Umweltministerin Barbara Hendricks, SPD. Ihr Fazit der vergangenen vier Jahre im Klimaschutz: „Das Kanzleramt hätte schon öfter sagen können: Jetzt mal Butter bei die Fische!“ Ein Gespräch über Politik, Lobbyismus und die Angst vor Veränderung.

Wir sind auf den Spuren der Philosophie des „Friluftsliv“, des Freiluftlebens, in die norwegische Wildnis aufgebrochen. Wir fragten den Demo-Veteranen Hartmut Liebermann, wie man das Feuer des Protestes nach vierzig Jahren am Lodern hält. Wir ließen uns von Techno-DJ Dominik Eulberg erklären, wie man den Zauber der Natur für Großstädter fühlbar macht und sind zwei sehr gegensätzlichen Naturburschen nachts in den Wald gefolgt. Und wir ließen uns von der Klimaforscherin Friederike Otto erklären, wie sie es schaffen will, mit der Analyse von Hurrikans, Hitzewellen oder extremen Regenfällen den gesellschaftlichen Wandel anzustoßen.

Diese Geschichten der Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer erzählen von der Macht des Einzelnen und davon, wie wir schon im Kleinen zu Veränderungen im Großen beitragen können – wenn wir es uns denn zutrauen. Der Einsatz all dieser Menschen zeigt, dass wir mit Geduld und Spucke sehr viel mehr in Bewegung setzen können, als wir gemeinhin glauben. Lassen Sie sich mitreißen! Der Kampf um eine bessere Welt, er beginnt jetzt. Und jetzt. Und jetzt.

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 1.18 „Einzelkämpfer“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 1. Dezember am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Design18.Dez 2017

Ethischer Konsum: „Käufer und Hersteller achten mehr auf Nachhaltigkeit“

Es soll nicht nur gut aussehen, es soll auch gut gemacht sein – ohne Kinderarbeit und umweltschonend. Das fordern immer mehr Käufer von Lebensmitteln, Möbeln und Mode. Wie nachhaltiges Design entsteht und was seine Erfolgsgeschichte mit dem 11. September 2001 zu tun hat, erzählt Karin-Simone Fuhs, Direktorin der Ecosign-Akademie in Köln.

Frau Fuhs, was macht für Sie ein gelungenes nachhaltiges Design aus?

Das beste Beispiel dafür ist der Kaffeehausstuhl von Thonet, ein Klassiker aus dem Jahr 1859. Er ist komplett aus Holz hergestellt. Das Revolutionäre damals war, dass die Firma ein neues Verfahren entwickelt hat, mit dem sie das Holz biegen konnte. Auch anderthalb Jahrhunderte nach seiner Entwicklung sind die Stühle ressourceneffizient, überzeugen mit einer langwährenden Ästhetik und lassen sich platzsparend und in Einzelteilen zerlegt verschicken.

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Aus Holz und schon vor über 100 Jahren in Einzelteile zerlegbar: So sieht der Design-Klassiker von Thonet aus. Foto: Ecosign

Lassen sich aus den Charakteristika dieses Stuhls allgemeingültige Regeln ableiten?

Ein langlebiges Design, das eben nicht morgen schon wieder out ist, ist wichtig. Außerdem sollte sich das Produkt reparieren lassen und Einzelteile sollten ausgetauscht werden können. Ich habe zum Beispiel ein Fairphone. Das ist mir schon einige Male runterfallen, aber ich konnte es immer wieder herstellen lassen.  

Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Welche Gründe hat das?

Als ich die Akademie 1994 eröffnet habe, war die faire Herstellung von Produkten kein großes Thema. Die meisten Unternehmen haben sich nicht um die Natur geschert, allein der Profit und ein neuer Porsche waren wichtig. Dann kamen die Attentate auf das World Trade Center 2001. Von da an hat sich in der Mentalität und im Konsumverhalten vieler Menschen etwas geändert. Viele dachten mehr darüber nach, wie sie arbeiten und leben wollen. Schlimm, dass es so ein schreckliches Ereignis brauchte, um die Leute wachzurütteln. Aber auch durch die Finanzkrise 2008 haben Unternehmen gemerkt, dass sie nicht so weiterarbeiten konnten wie vorher. Verbraucher forderten immer stärker nachhaltige und ethisch vertretbare Produkte. Und plötzlich wurde auch ich nicht mehr als Öko abgestempelt, wenn ich über Nachhaltigkeit sprach.             

FuhsKarin-Simone Fuhs hat die Akademie für Gestaltung in Köln mit dem Namen Ecosign bereits vor über 20 Jahren gegründet. Foto: Ecosign

Wie kam es dazu, dass Sie sich schon damit auseinandergesetzt haben, als sich noch niemand für nachhaltige Produkte interessierte?

Ich bin in Ägypten aufgewachsen und habe dort viele Missstände mit eigenen Augen gesehen. Kinder, die mit Chemikalien arbeiten mussten und davon offene Füße hatten. Kinder, die nicht zur Schule gehen konnten. Das wollte ich mit meinem Konsum nicht unterstützen. Doch als ich später Design studiert habe, waren faire Arbeitsbedingungen und nachhaltig hergestellte Produkte kein Thema. Alle haben mit den Augen gerollt, wenn ich darüber geredet habe. Für mich lassen sich Design und Nachhaltigkeit aber überhaupt nicht trennen. Deshalb wollte ich eine eigene Akademie gründen. Die Banken haben mich zuerst ausgelacht und wollten mir kein Geld geben. Weil ich jung und eine Frau war und dann auch noch so eine Nischenidee hatte. Schließlich habe ich doch noch 200.000 DM Kredit bewilligt bekommen. Mittlerweile bilde ich aktuell über 200 Studenten aus. Und ich habe das Gefühl, dass Kunden und Hersteller immer mehr auf Nachhaltigkeit achten. Das ist eine gute Entwicklung – für die Absolventen der Akademie, aber vor allem für Mensch und Natur.   

Ecosign

Diese Kaffeetasse einer Absolventin soll den Wegwerfmüll von Kaffee-To-Go-Bechern verringern. Foto: Ecosign

In welchen Bereichen steckt das größte Potential für eine nachhaltige Entwicklung?

Die größten ökologischen Sünden passieren im Bauwesen und in der Mobilität. Es ist wichtig, dass wir uns überlegen, wie wir heizen und wie wir uns fortbewegen wollen. Jeder muss bei sich selbst anfangen und sein eigenes Leben durchleuchten. Beim Konsum ist das besonders einfach: Sollte ich wirklich das günstigste Steak aus dem Supermarkt oder nicht doch eher weniger Fleisch essen und es dafür vom Biohof kaufen? Brauche ich die Hose aus der neuen Kollektion wirklich?

Was hemmt uns konsequent nachhaltige Produkte zu kaufen?

Niemand will anderen Leuten durch seinen eigenen Konsum Leid antun. Und trotzdem tun wir es, jeden Tag. Gewohnheiten sind sehr hartnäckig. Weil viele Menschen sich nicht die Zeit nehmen, sich mit ihrem Konsum auseinanderzusetzen und dann eben Produkte kaufen, die von Kindern oder unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurden. Um das zu verhindern, muss es noch attraktiver werden, nachhaltige Produkte zu kaufen. Bioläden müssen ihr muffiges und altbackenes Image endlich komplett abschütteln. Das Einkaufen dort muss Spaß machen.

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Der Pfandring ist eines der bekanntesten Produkte aus der Designakademie. Foto: Ecosign

Und man muss es sich leisten können.

Bei Nahrungsmitteln stimmt das, da gebe ich ihnen recht. Es ist aber eine Illusion, dass nachhaltige Produkte teurer sind. Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren ist günstiger als das Auto zu nehmen. Nachhaltig hergestellte Kleidung hält viel länger als billig produzierte Klamotten. Das rentiert sich auf lange Sicht. Weniger und sinnvoller konsumieren ist nachhaltig, und das kann sich jeder leisten! Einer unserer Studenten hat die Initiative „Trinken statt Tragen“ entwickelt – um das Wasser aus dem Hahn attraktiver zu machen. Auch das Trinken aus der Leitung ist günstiger als im Supermarkt Wasser in Flaschen zu kaufen.  

Was können Unternehmen tun? 

Damit das Wort Nachhaltigkeit in Unternehmen nicht nur als grüne Dekoration eingesetzt wird, müssen Designer diesen Punkt schon in ganz frühen Phasen der Produktentwicklung mitdenken, denn hier entscheidet sich der größte Teil der Auswirkungen eines Produkts oder einer Dienstleistung. Gutes Aussehen und eine faire Herstellung müssen Hand in Hand gehen. Es ist anspruchsvoll, eine Wertschöpfungskette schon in der Entwurfsphase als Ganzes in den Blick zu nehmen. Das lernen die Studierenden an unserer Schule. Doch diese Denkweise in Unternehmen einzubringen ist nicht einfach, denn alle dort sind an die alten Strukturen und Abläufe gewöhnt. Und Innovation erfordert Mut. Diesen Mut und frischen Wind können nachhaltige Designer in Unternehmen einbringen. 

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Alle 14 Tage lädt die Ecosign-Academie in Köln zu Aufnahmegesprächen ein. Die Bewerber können zwischen einem staatlich anerkannten Bachelorstudium und einem privaten Abschluss wählen. Pro Monat kostet das Studium 620 bzw. 420 Euro. Start des Studiums ist zweimal im Jahr – zum 1.4. oder zum 1.10. Die Absolventen arbeiten später in Designagenturen, in der Produktentwicklung oder machen sich als Designer selbständig.   

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Klimaschutz13.Dez 2017

„Ein Marketing-Coup mit Substanz“

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat zum „One Planet Summit“ in Paris geladen. Das Thema: Die wichtige Frage der Finanzierung des Klimaschutzes. Jan Kowalzig, Experte für Finanzfragen von Oxfam, ist mit den Ergebnissen nur bedingt zufrieden.  ​

Zwei Jahre, nachdem sich die Staats- und Regierungschefs aus 195 Ländern auf das Hoffnung weckende Pariser Abkommen geeinigt haben, waren einige von ihnen wieder in Paris. Auf der Tagesordnung dieses außerplanmäßigen Treffens stand die Finanzierung von Klimaschutzprojekten. Wurden beim Gipfel in Paris wirksame Zusagen gemacht oder war das Treffen ein Marketing-Coup, um den französischen Präsidenten als motivierten Klimaretter darzustellen?

Wir haben bei Jan Kowalzig, Klimaexperte der Nichtregierungsorganisation Oxfam, nachgefragt. Er verfolgt die internationale Klimapolitik seit vielen Jahren und hat sich auf Finanzierungsfragen spezialisiert.

Herr Kowalzig, gestern haben sich über 60 Regierungschefs, Unternehmer und NGOs in Paris getroffen. Wie schätzen Sie das Treffen ein?

Es war keine blutleere Veranstaltung, sondern ein Marketing-Coup mit Substanz. Immerhin haben sich wirklich viele Staats- und Regierungschefs getroffen, um über die Finanzierung von Klimaschutzprojekten zu sprechen. Weitere Akteure wie Unternehmen konnten dazu bewegt werden, neue Ankündigungen für den Klimaschutz zu machen.

Der Versicherungskonzern Axa hat angekündigt, drei Milliarden Euro an Investitionen aus CO2-intensiven Energieunternehmen abzuziehen. BNP, die größte europäische Bank, will bis 2020 15 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investieren. Wie beurteilen Sie diese Ankündigungen und wie wichtig sind solche privaten Investitionen bei der Finanzierung von Klimaschutzprojekten generell?

Dass jetzt auch große Investoren wie Banken und Versicherer sagen, wir ziehen unser Geld aus fossilen Energiequellen ab, weil wir eine aktivere Rolle bei der Begrenzung des Klimawandels spielen wollen – das ist ein gutes Signal. Von denen brauchen wir aber noch viel mehr. Wollen wir das Klima schützen, müssen alle an einem Strang ziehen – Regierungen und Unternehmen. Denn zwar setzen Politiker den Rahmen; am Ende aber wird die Weltwirtschaft weitgehend von privaten Unternehmen betrieben. Ohne die funktioniert der Klimaschutz nicht. Auch für das Pariser Abkommen brauchen wir ihr Engagement.

Bisher reichen die Zusagen der Regierungen nicht im Entferntesten, um die Ziele das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens einzuhalten. Sieht es nach diesem Treffen anders aus?

Um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, gibt es zwei Stoßrichtungen. Erstens müssten weltweit Billionen von Dollar an Investitionen weg von den fossilen hin zu den erneuerbaren Energiequellen umgeschichtet werden. Es ist angenehm zu sehen, dass dort erste Schritte gemacht werden, aber ausreichend sind die noch nicht. Zudem subventionieren Staaten immer noch in großem Maße die fossilen Energien.

Zweitens müssten die ärmsten und existentiell vom Klimawandel bedrohten Länder noch stärker von den reicheren Industrieländern unterstützt werden. Das haben die reichen Länder auf dem Gipfel 2015 zwar anerkannt, aber gleichzeitig haben sie sich größtenteils vor konkreten Hilfszusagen gedrückt. 

Paris

Der französische Präsident sprach beim „One Planet Summit“ am Dienstag vor Staats- und Regierungschefs. Foto: picture alliance / AP Photo

Angela Merkel ist nicht selbst nach Paris gereist sondern hat ihre Umweltministerin Barbara Hendricks zum Gipfel geschickt. Wie beurteilen sie das aktuelle Engagement Deutschlands zum Klimaschutz?

Deutschland ist mit leeren Händen angereist. Zwar gab es zusammen mit anderen Ländern eine Initiative, um eine wirksamere Bepreisung von CO2-Emissionen einzuführen. Ich hätte jedoch mehr von der Bundesregierung erwartet. Zusätzlich gehen in Deutschland seit einigen Jahren die Investitionen in die erneuerbaren Energien zurück. Der ehemalige Vorreiter in Sachen Klimaschutz gibt somit international als auch zu Hause ein zunehmend schlechtes Bild ab.

Sind die Staaten auf einem guten Weg, die Details des Pariser Klimaabkommens bei der nächsten COP im polnischen Kattowitz nächstes Jahr zu erfüllen?  

Der Schwung und die Motivation, die durch das Treffen in Paris entstanden sind, sind positiv. Auch die Einigkeit, die die Staats- und Regierungschefs demonstriert haben, ist bemerkenswert. Aber spätestens in Kattowitz werden die Staaten sehen, dass ihre bisherigen Zusagen und Investitionen nicht ausreichen, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten und so den Klimawandel auf ein noch beherrschbares Maß zu begrenzen. Ich hoffe, dass die Regierungen mehr Engagement zeigen. Denn das ist bitter nötig.

hg

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friedensnobelpreis08.Dez 2017

ICAN sieht sich im Kampf gegen Atomwaffen bestärkt

Seit Jahren engagiert sich der Friedensforscher Sascha Hach gegen die Atomkriegsgefahr, mit der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Wir haben die deutsche Gruppe der nun mit dem Nobelpreis geehrten Organisation in ihren Berliner Büros besucht. Auf der Auszeichnung ausruhen wollen sie sich nicht.

Am Sonntag verleiht das Nobelpreiskomitee in Oslo den Friedensnobelpreis. Dieses Jahr geht er an ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Der 33-jährige Sascha Hach ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von ICAN. In einer Reportage im Greenpeace Magazin 2.17 beschreibt er, wie seine Mitstreiter und er die Deutschen wachrütteln wollen: „Wenn man sich die Auswirkungen einer Atomwaffendetonation in ihrer Reichweite und ihren Facetten klarmacht, kann man nur erschrecken“, sagt er. „Diese grenzenlose Zerstörungskraft negiert jede Achtung vor dem Leben.“

Immer wieder suchen die ICAN-Aktivisten den Dialog mit Politikern und Diplomaten. „Fachwissen, Ernsthaftigkeit und ehrliche Gesprächsbereitschaft sind Pfeiler unserer politischen Arbeit“, sagt Hach. Ein kleinen Schritt ist die Weltgemeinschaft weitergekommen, seitdem das Greenpeace Magazin die ICAN-Gruppe besucht hat. Im September haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen verabschiedet. UN-Generalsekretär António Guterres sprach bei der Eröffnung der Zeremonie von einem „Meilenstein“. Denn auch heute existieren weltweit immer noch etwa 15.000 Nuklearwaffen. Guterres bezeichnete sie als „Endzeit-Waffen“. „Es ist, als ob die Generalversammlung mit dieser Resolution eine neue Ära einläuten will“, sagt Hach. Trotzdem ist er noch nicht am Ziel und will weiterkämpfen für eine Welt ohne Atomwaffen. Er sagt: „Unsere stärkste Waffe ist das Wort.“

US-Umweltpolitik: „Das ist kein Witz, sondern wirklich gefährlich!“

Time to go: Die Aktivisten von ICAN protestieren vor dem Atomwaffenlager Büchel. Foto: Wolfgang Schlupp-Hauck

Die Aufmerksamkeit, die der Friedensnobelpreis gebracht hat, möchte ICAN dazu nutzen, die Zustimmung möglichst vieler Staaten zum Verbotsantrag zu erreichen. Denn vor allem die Länder, auf die es ankommt – die Atommächte, auch Deutschland – haben den Vertrag bislang nicht unterschrieben. Die Unterzeichnerstaaten sollten sich darüber hinaus schon jetzt auf die Konsequenzen vorbereiten. „Sobald der internationale Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft tritt, ist den beteiligten Staaten verboten, die Herstellung von Nuklearwaffen zu unterstützen“, erläutert Hach. „Daher sollten die Staaten rechtzeitig Gesetze erlassen, um den Banken in ihren Ländern entsprechende Investitionen zu verbieten.“

Außerdem will ICAN mit der Nobelpreis-Stiftung zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass diese ihr Vermögen nicht in Firmen investiert, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind. „Das Preisgeld sollte in die Arbeit für das Atomwaffenverbot und dessen Umsetzung fließen und damit auch dem Engagement für das Ende der Finanzierung von Atomwaffen zugutekommen“, sagt Xanthe Hall, Mitglied des ICAN-Vorstandes in Deutschland. „Die Atombombenopfer (Hibakusha) sind ein wichtiger Partner in der Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen und nehmen an ihren Aktivitäten, Entscheidungen und Erfolgen aktiv teil.“

Setsuko Thurlow, der den Atombomenabwurf in Hiroshima überlebt hat, nimmt deshalb auch zusammen mit Beatrice Fihn, Internationale ICAN-Geschäftsführerin, diesen Sonntag den Friedensnobelpreis in Oslo entgehen. Wer die Übertragung live mit anschauen möchte, kann dies mit diesem Live-Stream ab 13 Uhr tun. 

Das Porträt von ICAN unseres Autors Dirk Gieselmann erschien im Greenpeace Magazins 2.17. Seitdem haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen verabschiedet.

Wer am Wochenende in Berlin ist und in der Nacht vor der Verleihung mit ICAN feiern möchte, ist ab 22 Uhr im „Mensch Meier“ in der Storkower Str. 121, 10407 Berlin willkommen. Der Eintritt kostet 10 Euro.

hg

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Diesel-Skandal05.Dez 2017

Umwelthilfe: Auch BMW trickst bei der Abgasreinigung

Im Dieselskandal waren dem bayerischen Autokonzern bisher keine Softwaretricksereien nachgewiesen worden. Nun hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die Stickoxid-Emissionen eines BMW gemessen – und wirft dem Autobauer vor, das Abgas nicht korrekt zu reinigen, sodass die Werte deutlich erhöht sind. BMW weist die Vorwürfe zurück.

Immer wieder hatte BMW-Chef Harald Krüger beteuert, dass die Abgasreinigungsanlagen eines BMW nicht abgeschaltet werden können. Zuletzt wiederholte Krüger auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September, dass es bei der BMW-Gruppe keine Abschalteinrichtungen gebe. Doch nun legen Untersuchungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) nahe, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Die DUH testete in Zusammenarbeit mit dem ZDF-Magazin „Wiso“ die Abgaswerte eines BMW 320d Euro 6 und verglich die Messwerte aus dem Prüfstand mit denen aus dem realen Betrieb auf der Straße. Das Ergebnis: die Werte schwanken und unterscheiden sich deutlich. Nur im Labortest hält das Fahrzeug die zulässigen Stickoxid-Grenzwerte (NOx) ein. Auf der Straße waren die Emissionen bis zu siebenmal höher.

Die Ursache sieht die Umwelthilfe vor allem darin, dass die Abgasrückführung bereits ab einer Drehzahl von 2000 Umdrehungen pro Minute reduziert und ab 3500 Umdrehungen komplett abgeschaltet wird. Dies sei in der Software des Wagens so angelegt. Insgesamt teste die DUH den BMW 320d achtmal. Bei allen Messungen lagen die Emissionen über dem EU-NOx-Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer, im Durchschnitt waren es 212 Gramm.

US-Umweltpolitik: „Das ist kein Witz, sondern wirklich gefährlich!“

Bisher stellte sich BMW als Saubermann der Branche dar, jetzt wirft die Deutsche Umwelthilfe dem Bayerischen Konzern ebenfalls Manipulationen vor. Fotomontage: picture alliance/Sven Simon

Dabei präsentierte sich BMW bisher im Dieselskandal als Saubermann. In einer Anzeigenkampagne machte sich der Konzern an die Rehabilitation des Dieselmotors und stilisierte diesen gar zum Klimaretter. Der Beweggrund ist klar: Der Abgasskandal, auch „Dieselgate“ genannt, hat nicht nur das Image zahlreicher Mitbewerber schwer beschädigt, sondern eine ganze Technologie in Verruf gebracht, auf die der Münchner Konzern besonders stark setzt: 2016 fuhren zwei Drittel seiner in Deutschland verkauften Autos mit Dieselmotoren. Deshalb haben wir uns in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazin eine Anzeige des Konzerns etwas genauer angeschaut und sie für die „Fake-Anzeige“ – nun ja – manipuliert. Nun stellt sich heraus, dass die schon zuvor festgestellten starken Grenzwertüberschreitungen von BMW-Modellen womöglich ebenfalls auf bewusste Manipulationen der Abgasreinigung zurückzuführen sind. Das könnte Konsequenzen haben.

DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch forderte bereits eine Überprüfung der Typgenehmigung. „Die vorliegenden Messergebnisse sind sehr klare Indizien dafür, dass hier unzulässige Abschalteinrichtungen in der Motorsteuersoftware vorhanden sind“, sagte er. „Diese müssen komplett entfernt werden. Das Fahrzeug muss in allen normalen Betriebssituationen eine voll funktionstüchtige Abgasreinigung haben. Wir werden den zuständigen Behörden unsere Untersuchungsergebnisse übergeben und fordern gegebenenfalls den Entzug der Typgenehmigung und einen amtlichen Rückruf für alle Fahrzeuge, die über eine illegale Abschalteinrichtung verfügen.“

BMW hat die Vorwürfe der Deutschen Umwelthilfe umgehend zurückgewiesen und beharrt weiterhin auf der Aussage, dass es bei BMW keinerlei Aktivitäten und technische Vorkehrungen gebe, den Prüfmodus zur Erhebung von Emissionen zu beeinflussen. „Grundsätzlich gilt“, so teilte der Konzern mit, „dass BMW-Fahrzeuge den jeweils gültigen gesetzlichen Vorschriften entsprechen und nicht manipuliert sind.“

bh

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