Wackersdorf-Film19.Sep 2018

„Wie eine griechische Tragödie“

„Wie eine griechische Tragödie“

In der Oberpfalz spielten sich in den Achtzigerjahren bürgerkriegsähnliche Szenen ab: Die Proteste am Bauzaun der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf veränderten die Bundesrepublik. Nun startet der Spielfilm „Wackersdorf“ in den Kinos, der die Geschichte des Widerstands aus Sicht eines Landrats erzählt. Im Interview mit dem Greenpeace Magazin spricht Regisseur Oliver Haffner darüber, warum es heute so schwer ist, Menschen zum Protest zu mobilisieren.

Anfang der Achtzigerjahre ist die Oberpfalz am Ende: Mit der Einstellung des Braunkohleabbaus verliert die Region ihren wirtschaftlichen Motor, Tausende Arbeitsplätze gehen verloren. Der SPD-Landrat Hans Schuierer, im Wackersdorf-Film gespielt von Johannes Zeiler, ist verzweifelt – bis ihm die bayerische CSU-Staatsregierung Pläne für die erste kommerzielle atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Deutschland vorlegt. Im kleinen Wackersdorf soll sie stehen und Arbeit und Wohlstand bringen. Eine Art Recyclingstelle für Atommüll, umweltfreundlich und sicher, so heißt es. Der Landrat ist zunächst begeistert. Doch als er erkennt, wie gefährlich die Atomfabrik werden kann, verweigert Schuierer der Staatsregierung die Gefolgschaft. Und wird wider Willen zum Helden der Widerstandsbewegung.

So zeichnet ihn jedenfalls der beeindruckende neue Spielfilm „Wackersdorf“ von Oliver Haffner. Mit Feingefühl und genauen Beobachtungen fängt er die beklemmende Stimmung ein, die damals über dem Land lag – auch wenn manches vereinfacht dargestellt wird und einige zentrale Figuren der Geschichte fehlen. Ein wütender Film, der überraschend leise daherkommt. Wir haben mit dem Regisseur Oliver Haffner darüber gesprochen, warum dieser Film so gut in die heutige Zeit passt.

Herr Haffner, Sie sind 1974 geboren und waren noch ein Kind, als die Proteste um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackerdorf eskalierten. Wie haben Sie die Zeit selbst miterlebt?

Die Geschichte hat meine Kindheit und Jugend geprägt, sie war das bestimmende Thema. Ich bin in einem recht politisierten Münchner Elternhaus groß geworden, da wurde dauernd darüber geredet. Schon damals habe ich die Ereignisse als eine Art Wendepunkt erlebt. Heute würde ich sagen: Sie waren wie die Geburtsstunde der bayerischen Zivilgesellschaft in der Nachkriegszeit.

Haben Sie selbst mit demonstriert?

Ich war zu jung, aber meine ältere Schwester ist immer zum Demonstrieren nach Wackersdorf gefahren. Meine Eltern und ich haben uns natürlich extreme Sorgen gemacht. Was man aus den Medien vom Bauzaun mitbekommen hat, war ja Krieg: mit Wasserwerfern, Gasgranaten. Mein Jahrgang ist ohnehin stark von Angst geprägt, vor der Atombombe, dem Kalten Krieg, staatlichen Repressalien. Die Bilder aus Wackersdorf passten einfach in die allgemeine Endzeitstimmung.

Der Kern der Widerstandsbewegung um Wackersdorf entstammte einem sehr bodenständigen Milieu. Wie konnten die Proteste solche Ausmaße annehmen, gerade im konservativen Bayern?

Die Oberpfalz ist ja eine sehr industrieerfahrene Region. Sie entspricht nicht diesem Oberbayernbild mit Geranien und grünen Wiesen. Die bayerische Staatsregierung hat die Menschen dort unterschätzt. Es ging gar nicht so stark um Atomkraft, sondern um die Arroganz der Macht. Dass die Politiker aus der Großstadt dachten: „Diesen Deppen aus der Oberpfalz können wir so eine Anlage unterjubeln, da wehrt sich eh keiner.“ Diese Selbstherrlichkeit ist der Staatsregierung um Franz Josef Strauß zum Verhängnis geworden.

Wackersdorf-Regisseur Oliver Haffner

Regisseur Oliver Haffner (rechts) am Drehset für seinen Film „Wackersdorf“, der am 20. September in die Kinos kommt. Foto: if…Productions / Erik Mosoni

Ist „Wackersdorf" für Sie auch ein Heimatfilm?

Ich bin in München groß geworden und habe mich immer schon gefragt: Was ist das für ein Ort – meine Heimat? Ich habe mit dem Volkstümelnden nichts am Hut, aber Süddeutschland bleibt immer mein Sehnsuchtsort. Dieses Marketingkonzept, dass Bayern gleich CSU sei, das ist ja erschlagend – und es stimmt eben nicht. Nichts hat das so eindrucksvoll gezeigt wie der Widerstand gegen die WAA.

Es gibt schon viele Bücher und Filme über die Geschichte. Warum haben Sie jetzt noch einen Kinofilm daraus gemacht?

Es gab eben nie einen Spielfilm. Die Inititalzündung war der Atomunfall in Fukushima vor sieben Jahren. Auf einmal ging das so schnell mit dem Atomausstieg, worum wir vorher so lange und verbissen gekämpft hatten – ich habe gespürt, dass es da noch etwas zu erzählen gibt. Mein Produzent hat mich dann auf den Landrat Schuierer aufmerksam gemacht, und ich dachte: Hier haben wir unseren Helden.

Wieso taugt ein kleiner SPD-Lokalpolitiker wie Hans Schuierer für Sie zur Heldenfigur? Letztlich hat er einfach nur den Bauplänen seine Unterschrift verweigert.

Ja, und damit hat er alles aufs Spiel gesetzt. Er war Teil eines politischen Systems, gegen das er sich gewendet hat. Er ist nie Agitator oder Umweltaktivist gewesen, am Anfang hat er die WAA ja auch befürwortet. Noch Anfang der Achtzigerjahre hat er eine Müllverbrennungsanlage in der Region genehmigt, die bis heute riesige Mengen an Schadstoffen ausstößt. Er konnte aber nicht glauben, dass die Staatsregierung anfängt, den Rechtsstaat zu demontieren, um politische Ziele durchzusetzen. Das hat ihn wahnsinnig gemacht. Und er hatte die Größe zuzugeben, dass er sich geirrt hatte, als er sich anfangs noch für die WAA ausgesprochen hatte. Das ist eine Riesenleistung für einen Politiker.

Außer Schuierer und seinem Mitstreiter Claus Bößenecker taucht im Film niemand mit echtem Namen auf. Warum nicht?

Mit diesen zwei Figuren haben wir uns am meisten ausgetauscht, die beiden kommen in ihrer Komplexität den Originalen am nächsten. Die anderen sind eher Stellvertreter. Die Figur der Aktivistin Monika Gegenfurtner etwa: Die ist natürlich stark Irene Maria Sturm nachempfunden, der Gründerin der Bürgerinitiative – noch dazu weil sie von Sturms Tochter Anna Maria gespielt wird. In der Figur tauchen aber auch Aspekte anderer Charaktere auf, die sich über die Jahre engagiert haben. Deswegen haben wir uns hier zur Namensänderung entschlossen.

Warum werden aber Politiker wie der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick oder der Staatssekretär Peter Gauweiler im Film nicht mit Namen genannt?

Die Figur des Staatssekretärs orientiert sich schon stark an Gauweiler, auch ohne Namensnennung. Für mich ging es aber darum, den Blick zu erweitern, statt die damaligen Akteure genau abzubilden. Es ist wie in einer griechischen Tragödie: Man hat eine zentrale Figur und drumherum oszillieren die Mächte – der Minister, der Pfarrer, so etwas. Es geht nicht darum, wer die wirklich sind, sondern wie sich der Held zwischen all diesen Positionen bewegt.

Seit dem Ende der Pläne für die WAA in Wackersdorf haben nur wenige Bürgerproteste in Deutschland solche Ausmaße angenommen. Gibt es diesen Willen zum Widerstand nicht mehr?

Der Wille ist da. Was fehlt, ist die Bereitschaft, ihn zum gemeinschaftlichen Erlebnis zu machen. Das ist das Fatale an den sozialen Medien. Da können die Leute ihren Unmut mit einem einem Klick ausdrücken: gefällt mir, gefällt mir nicht. Manche unterschreiben vielleicht noch eine virtuelle Petition. Das hält uns aber davon ab, uns mit anderen Menschen zusammenzutun und gemeinsam vor Ort Stärke zu zeigen. Manchmal blitzt es noch auf. Erst im Mai sind zum Beispiel in München Zehntausende gegen das Polizeiaufgabengesetz auf die Straße gegangen. Wer dabei war, war extrem überrascht von dieser riesigen gemeinsamen Lebenserfahrung. Wenn wir den Leuten beweisen, dass der gemeinsame Kampf für eine Sache lohnt, dann ist die Kraft einer Bürgerbewegung wieder voll da. Sie ist im Moment nur verschüttet.

Interview: Daniel Sander

Aufmacherbild: if…Productions / Erik Mosoni

Der Autor Daniel Sander hat für einen Wackersdorf-Rückblick im neuen Greenpeace Magazin auch die realen Vorbilder der Filmfiguren, Hans Schuierer und Irene Maria Sturm besucht. Lesen Sie seine Reportage in der nächsten Ausgabe des Greenpeace Magazins „Bloß nicht hinwerfen!“, die Anfang Oktober erscheint.

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Verkehrswende15.Sep 2018

Europa auf dem Sprung: eine Woche Zukunfts-Mobilität

Europa auf dem Sprung: eine Woche Zukunfts-Mobilität

Für sieben Tage legen sich Städte und Gemeinden in Europa ins Zeug, um zu zeigen, wie man Verkehr alternativ gestalten kann: Neben kreativen Aktionen für eine Umnutzung des öffentlichen Raums geht es dabei vor allem um Werbung fürs Radfahren, für Elektromobilität und digitale Verkehrsvernetzung.

Kaum etwas anderes prägt das Bild moderner Städte so wie ihre Verkehrswege – allen voran natürlich jene fürs Auto. Straßen, Brücken und Tunnel durchziehen die deutschen und europäischen Metropolen, und die Suche nach Alternativen erscheint beinahe wie eine Utopie: Wie klingt eine Stadt, in der keine Autos mit Verbrennungsmotoren den Ton angeben? Wie lebt es sich in einer Stadt, in der Fußgänger und Radfahrer Vorrang haben? Wie könnte der Stadtverkehr der Zukunft aussehen?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Europäischen Mobilitätswoche, die vom 16. bis zum 22. September stattfindet. Kommunen aus ganz Europa nehmen an der Kampagne der Europäischen Kommission teil, um ihren Bürgerinnen und Bürgern alternative Verkehrskonzepte nahe zu bringen. Seit 2002 werden in dieser Woche neue Fuß- und Radwege eingeweiht, Elektrofahrzeuge probegefahren, Aktionen mit Schulen und Unternehmen durchgeführt und Initiativen für mehr Klimaschutz im Verkehr angestoßen. In Deutschland nehmen, kordiniert vom Umweltbundesamt, rund fünfzig Kommunen mit unterschiedlichsten Aktionen teil:

  • Allein in Berlin wird am 21. September in sieben Bezirken Straßenraum „umgenutzt“: Aus Parkbuchten werden Spielflächen, Anwohner errichten mit Rollrasen und Blumentöpfen Gärten vor ihrer Haustür, dazu gibt es Musik, Kaffee und mancherorts auch Minigolf. „Parking-Days“ wie diese finden außerdem in Aachen, Bad Kreuznach, Bremen, Dresden, Erfurt, Kassel, Leipzig, Lindau, Magdeburg, Osnabrück, Ratingen, Stuttgart und Würzburg statt.
  • In Köln zieht am 23. September der „Fancy Women's Bikeride“ durch die Stadt: Eine Fahrradparade von festlich angezogenen Frauen, die damit sowohl für das Radfahren werben als auch für mehr Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum.
  • In Chemnitz, das zuletzt vor alle wegen der rechtsextremen Ausschreitungen im Fokus der Medien stand, wird am 22. September der Bahnhof zum Kulturbahnhof: In Lesungen, Ausstellungen und Konzerten wird er als Ort der Begegnung gefeiert – in der Autostadt Chemnitz ist das der Versuch, sowohl für den öffentlichen Nahverkehr als auch für ein offenes Miteinander zu werben.
  • In Mönchengladbach findet am gleich Tag ein Mobility-Slam statt: Ein Team von ortsansässigen Wortakrobaten lädt zu einer Poetry-Slam-Tour ein. Gemeinsam mit dem Publikum reisen sie per Fahrrad und zu Fuß quer durch die Stadt, von einer öffentlichen Bühne zur nächsten, um mit einfachsten Mitteln eine mobile Straßenperformance zu inszenieren.
  • Zwischen dem 13. und dem 16. September findet zwischen Freilassing und Laufen in Bayern sowie Salzburg in Österreich ein Musikfestival über Grenzen hinweg statt – hier ist Verkehr nicht eine Notwendigkeit, sondern eine Kunstform. Das „Take the A-Train“-Festival bietet entlang der Bahnstrecken des EuRegio-Raums mehr als vierzig Konzerte an rund 25 Spielstätten in Österreich und Deutschland an.
  • Viele Kommunen kooperieren mit Nachbarstädten im europäischen Ausland. Sie alle müssen ähnliche Verkehrsprobleme lösen – da liegen gemeinsame Aktionen während der Mobilitätswoche nahe. Die hessische Stadt Rosbach vor der Höhe organisiert mit ihrer polnischen Partnerstadt Ciechanowiec am 16. September einen großen Aktionstag, bei dem Teilnehmer geführter Fahrradtouren am Ende des Tages E-Bikes gewinnen können. Und Dresden tritt in den Austausch mit seiner tschechischen Partnerstadt Litoměřice: Am 16. September treffen sich Bürgermeister, Stadträte und Mitarbeiter beider Städte zum Austausch über Luftreinhaltung, erneuerbare Energien und Elektromobilität. Ein schönes Zeichen für erfolgreiche europäische Kooperation!

Auch in anderen europäischen Ländern wird in dieser Woche viel „Verkehr“ sein: In Österreich kann, wer mindestens vier Tage zur Arbeit geradelt ist, Kurzurlaube gewinnen. In Frankreich, genauer in Paris, findet ein Hackaton statt: ein Wettbewerb, bei dem Softwareentwickler an klugen Lösungen arbeiten, die die digitale Vernetzung verschiedener Verkehrsanbieter vorantreiben. Und in den Niederlanden wird erstmals die kostenlose App Klokan vorgestellt, die Menschen zusammenbringt, die – wortwörtlich – das gleiche Ziel haben: sicheres Trampen in digitalen Zeiten. Hinter all diesen Aktionen steht die Idee, dass Erfahrungen mit positiven Mobilitätsalternativen Lust darauf machen, Teil der Veränderung zu werden.

Ihren Anfang nahm die Europäische Mobilitätswoche in den autofreien Tagen, die während der Ölkrise in den Siebzigerjahren stattfanden. Davon inspiriert, veranstaltete das französische Ministerium für Umwelt und Raumordnung am 22. September 1998 die Aktion „Mobil – ohne eigenes Auto!“ 35 Städte nahmen teil, viele Einwohner machten begeistert mit. Die Europäische Kommission entwickelte diese Idee weiter – denn für eine Verkehrswende braucht es mehr als nur weniger Autos. Darum wurden der „autofreie Tag“ auf eine ganze Woche ausgeweitet und um weitere Aktionen ergänzt. Im ersten Jahr engagierten sich 1732 Kommunen bei der Europäischen Mobilitätswoche, 2016 waren es 2427 Kommunen aus 51 Ländern.

2018 steht die Europäische Mobilitätswoche unter dem Motto „Mix and Move“ – die Aktionen beschäftigen sich mit der sogenannten multimodalen Mobilität. Was hochtrabend klingt bedeutet einfach, dass sich für verschiedene Wege unterschiedliche Verkehrsmittel anbieten: Für kurze Strecken kann man zu Fuß gehen, innerhalb der Stadt bieten sich Fahrrad, Elektrofahrrad, Teilautos und Teilräder oder öffentliche Verkehrsmittel an – und für lange Strecken der Bus, die Bahn oder auch mal das (Teil-)Auto. Was selbstverständlich klingt, ist es bis heute in vielen Fällen nicht. Denn die Flexibilität in der Wahl der Verkehrsmittel ist auch eine Frage der Einstellung: Wer jahrelang ausschließlich mit dem Auto zur Arbeit gefahren ist, dem muss man die Hand reichen, um ihn von Bus und Bahn zu überzeugen. Und wer es noch nie ausprobiert hat, für den mag das Carsharing eine große Hürde sein. Multimodale Verkehrsnutzung fängt da an, wo Menschen neue Arten der Fortbewegung ausprobieren – und die Kommunen die Möglichkeiten dafür bieten. Mit der Europäischen Mobilitätswoche will die Kommission für dieses „Ausprobieren“ eine Plattform schaffen.

Dieses Forum nutzen derweil auch Organisationen wie das entwicklungspolitische Netzwerk Inkota, um vor einer einseitigen Verkehrswende zu warnen. „Der Abbau von Lithium, auf das wir für unsere Batterien angewiesen sind, raubt Minderheiten in Chile, Argentinien und Bolivien ihre Lebensgrundlage“, sagt Beate Schurath, Referentin für Ressourcengerechtigkeit des Netzwerkes. So beanspruche der Lithiumabbau in der Atacama-Wüste täglich tonnenweise Wasser, in der Folge falle der Grundwasserpiegel – mit schwerwiegenden Folgen für die indigene Bevölkerung vor Ort. Während hierzulande der Elektroantrieb von Klimaschützern und der deutschen Automobilindustrie als Lösung gepriesen wird, sind Menschenrechtsaktivisten wie Schurath skeptisch: „Die Rechnung greift zu kurz“, sagt Schurath. „Für eine nachhaltige Mobilitätswende muss die Achtung von Menschenrechten und Umweltstandards an erster Stelle stehen.“ Die Vielfalt der Aktionen bei der Europäischen Mobilitätswoche weist dafür sicher den Weg in die richtige Richtung.

Julia Lauter

Aufmacherbild: Green City e.V.

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Interview mit Thomas Kuczynski14.Sep 2018

„Marx beschrieb die zerstörerische Kraft des Kapitals – für Mensch und Natur“

„Marx beschrieb die zerstörerische Kraft des Kapitals – für Mensch und Natur“

Ein Marx-Jahr geht zu Ende. Am 5. Mai dieses Jahres hätte Karl Marx seinen 200. Geburtstag gefeiert, am 14. September vor einem Jahr ist sein Hauptwerk „Das Kapital“ 150 Jahre alt geworden. Marx-Experte Thomas Kuczynski zieht ein Resümee des Hypes und erklärt, warum wir Marx‘ Ideen brauchen, um die ökologische Krise unseres Planeten zu bekämpfen.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ Dieser Satz des deutschen Philosophen und Revolutionärs Karl Marx ist weltberühmt und wurde gerade in diesem Jubiläumsjahr rauf- und runterzitiert. Weitaus seltener Thema waren seine Thesen über Naturzerstörung und Umwelt, die er in seinen Überlegungen zu „Erde“ und „Stoffwechsel“ entwickelt hat. Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski findet das schade. Denn auch wenn Marx seine Gedanken zur Kritik der politischen Ökonomie bereits im 19. Jahrhundert niederschrieb, erklären sie nicht nur aktuelle Phänomene wie Globalisierung oder die sich verschärfende Ungleichheit sehr präzise, sondern zeigen auch, inwiefern die Ausbeutung von Mensch, Natur und Umwelt einer kapitalistischen Notwendigkeit folgt.

In der ehemaligen DDR war Kuczynski Wirtschaftsprofessor, die letzten zwanzig Jahre hat er sich intensiv mit dem ersten Band des Kapitals auseinandergesetzt. Seine Neuausgabe ist dieses Jahr im VSA-Verlag erschienen. Im Interview mit dem Greenpeace Magazin erzählt der Wirtschaftsexperte, welche Relevanz Marx' Thesen gerade für die aktuelle ökologische Krise und die anhaltende Naturzerstörung haben.

Herr Kuczynski, wegen der beiden Jubiläen – Band 1 des Kapitals wurde vor einem Jahr 150 und Karl Marx wäre diesen Mai 200 Jahre alt geworden – war der deutsche Philosoph in Medien, Ausstellungen und auf Konferenzen so gegenwärtig wie lange nicht. Gibt es denn auch gesellschaftspolitische Entwicklungen, die den Marx-Hype befeuert haben könnten?

Es sind sicherlich vor allem, aber nicht nur die Jubiläen, die eine Rolle bei der ungewöhlich hohen Marx-Rezeption in letzter Zeit gespielt haben. Andere Gründe für eine neue Relevanz von Marx' Denken wären zum einen die Problematik der Ungleichheit, die sich immer weiter verschärft. Während vor fünfzig Jahren das Gehalt eines einfachen Angestellten in einem Verhältnis von 1:20 zu dem eines Vorstandsvorsitzenden stand, liegt es heute bei 1:100. Zum anderen haben die Kapitalisten schon vor zwanzig Jahren gemerkt, dass Marx bestimmte wirtschaftliche Entwicklungen wie die Globalisierung antizipiert hatte. Im kommunistischen Manifest beschreibt er, wie die Bourgeoisie sich die Welt nach ihrem Bild baut und mit ihren wohlfeilen Preisen als Artillerie selbst die chinesichen Mauern zu Fall bringen wird. Im Prinzip hat sich das 1989 bewahrheitet: Die Mauer ist gefallen und die sozialistische Wirtschaft hat den Wettlauf verloren. In der Analyse des Systemuntergangs zeigt sich die aktuelle Relevanz der Marxschen Thesen.

Portrait Thomas Kuczynski

Marx-Experte Thomas Kuczynski stellt seine neue Textausgabe von „Das Kapital“ im Museum der Arbeit in Hamburg vor. Foto: Heinz Winter

Gibt es weitere aktuelle Bezüge zu Marx' Gedanken?

Meiner Meinung nach brauchen wir Marx, um die derzeitige ökologische Krise sinnvoll analysieren zu können. Die tieferen Ursachen für die andauernde weltweite Umweltzerstörung zu erkennen, wird ohne seine Wirtschaftstheorie ebenso wenig gehen wie die Entwicklung ökonomisch effektiver Strategien gegen die Umweltzerstörung. Es wird zwar immer behauptet, die Ökologie spiele bei Marx keine Rolle. Das stimmt aber nicht. Zwar lag sein Schwerpunkt bei der Analyse von Kapital und Lohnarbeit. Aber auch wenn die Natur eine untergeordnete Rolle spielte, war Marx natürlich klar, dass ohne sie nichts geht. Und so war Natur bei Marx durchaus ein Thema – nur mit anderen Begrifflichkeiten und nicht so extensiv.

Mit welchen Begriffen von Natur und Umwelt arbeitete Marx?

Natur war für ihn ein philosophischer Begriff. Und was wir heute unter Natur verstehen, das nennt er Erde. Weshalb er auch an einer Stelle im Kapital schreibt, dass die kapitalistische Wirtschaft die Quellen allen Reichtums zerstört – den Arbeiter und die Erde.

Was meint Marx, wenn er vom Stoffwechselprozess zwischen Natur und Gesellschaft redet?

Da orientiert er sich an einer Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert, die besagt, dass Individuen mit ihrer Umwelt in einem Austausch stehen. In dieser Logik produziert und konsumiert der Mensch Güter und Lebensmittel und verbraucht dabei natürliche Ressourcen, die er dann wiederum reproduzieren sollte.

Welche Rolle spielt die Erde, also die natürliche Ressourcen und die Umwelt, bei Marx' Kritik der politischen Ökonomie?

Nehmen Sie zum Beispiel die Regenwälder in Brasilien, die wir immer weiter abholzen. Im klassisch marxistischen Sinn zählen sie ökonomisch nicht. Marx schreibt sogar explizit im ersten Kapitel des Kapitals, dass wildwachsendes Holz keinen Wert hat. Wenn allerdings der Baumstand weltweit so gering wird, dass der Nachschub fehlt und die Regenwälder aufgeforstet werden müssen, dann kostet das Arbeit, die bezahlt werden muss. Und da die Arbeitszeit den Wert einer Ware bestimmt, muss in eine rationale Aufwandsrechnung mit eingerechnet werden, wieviel Arbeitszeit in der Wiederaufforstung des Waldes oder der Reproduktion anderer natürlicher Ressourcen steckt.

Und wie ließe sich der Wert einer Ware bestimmen, wenn wir der Umwelt oder der Reproduktion natürlicher Ressourcen einen ökonomischen Wert beimessen würden – so wie Sie das für eine aktuelle Interpretation des Kapitals anregen?

Bei Marx bestimmt die Arbeitszeit, die in die Produktion einer Ware gesteckt werden muss, den Wert dieser Ware. Das Entscheidende ist, dass nicht vergegenständlichte Arbeit den Wert bildet, sondern aktuell notwendige Arbeit. Lassen Sie mich versuchen, das zu erklären: Heute können wir das wildwachsende Holz nicht mehr als gegeben hinnehmen. Sondern in der aktuellen Situation, 150 Jahre später, sind die natürlichen Ressourcen knapp. Also müssen wir ihnen einen ökonomischen Wert beimessen und der wäre dann nach Marx eben die Arbeitszeit, die wir brauchen, um die natürlichen Ressourcen wiederherzustellen. Also für jeden Baum, dessen Holz wir verbrauchen, müssen wir berechnen, wieviel Arbeitszeit es kostet, solch einen Baum wieder anzupflanzen. Und diese dann zum Wert der Ware addieren. Ich glaube, wenn Marx heute das Kapital noch einmal neu schreiben müsste, würde er ein noch viel größeres Augenmerk auf Umweltaspekte legen.

Was sagen Sie zur These, dass Marx' Glauben daran, dass die Geschichte sich durch Fortschritt und Technik positiv weiterentwickelt, gegen den Umweltschutz arbeitet? 

Die Kritik zielt im Grunde nicht auf Marx' Fortschrittsgläubigkeit. Dahinter steht die Unterstellung, dass Marx die zerstörerischen Wirkungen der kapitalistischen Wirtschaft und der Technik übersehen hat. Das stimmt so aber nicht. Er hat sehr wohl das Zerstörungspotential des Kapitals erkannt. Und dessen Folgen für Mensch und Natur. In seinem Kapitel über den Kampf um die Länge des Arbeitstags hat er analysiert, dass sich Arbeitsrechte in einem kapitalistischen System danach richten, was aus kapitalistischer Logik opportun ist: Ob Menschen sterben oder Umwelt zerstört wird, ist hierbei nicht relevant, solange diese nicht für den Produktionsprozess gebraucht werden. Damit hat Marx die zerstörerische Kraft des Kapitals beschrieben – für Mensch und Natur.

Sie haben sich in ihrem Leben intensiv mit Marx' und Engels auseinandergesetzt und kürzlich eine Neuausgabe des Kapitals herausgebracht, an der Sie zwanzig Jahre gearbeitet haben. Was fasziniert sie an Marx‘ Werk?

Abgesehen von den vielen interessanten Passagen in seinem Werk, fand ich das Faszinierendste an Marx immer, wie er sich im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik bewegt hat. Er war Ökonom und Revolutionär in Personalunion. Und ich glaube, dass seine politische Tätigkeit ihn in seiner wissenschaftlichen Arbeit stimuliert hat – auch wenn er sich immer wieder darüber beschwert hat, dass die Politik ihm die Zeit für sein Werk stehle.

Was an ihrer Neuausgabe der Kritik der politischen Ökonomie ist anders als bei vorherigen Fassungen?

Ich habe insbesondere Marx' Änderungen für die französische Auflage in die deutsche eingearbeitet, denn da hatte er wichtige Verbesserungen umgesetzt. Zum einen hat er die Verständlichkeit durch einen logischeren Aufbau erhöht. Zum anderen neue wichtige Begriffe eingeführt und differenziert, wie zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Konzentration – es gibt immer mehr Kapital – und Zentralisation – es gibt immer weniger Kapitalisten. Aus beidem folgt einer der Gründe für Marx' aktuelle Relevanz: die Zunahme der weltweiten Ungleichheit. Denn wenn immer größerer Reichtum sich in immer weniger Händen zentralisiert, dann verstärkt das die Ungleichheit zwischen Besitzenden und Arbeitenden.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Bildagentur-online

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Anti-Kohle-Bewegung13.Sep 2018

Hambacher Forst: „Es besteht Gefahr für Leib und Leben"

Hambacher Forst: „Es besteht Gefahr für Leib und Leben"

Die Polizei beginnt mit der Räumung des Hambacher Forsts. Hier im Braunkohlerevier leben Aktivisten seit Jahren in hohen Baumhäusern, um eine Rodung des Waldes zu verhindern. Nun hat die Stadt Kerpen Tatsachen geschaffen und sich dabei eines juristischen Tricks bedient.

„Es besteht Gefahr für Leib und Leben. Es liegen schwerwiegende Verstöße gegen geltendes Bauordnungsrecht vor.“ So hat ein Mitarbeiter der Stadt Kerpen an diesem Donnerstagvormittag den Baumbesetzern im Hambacher Forst per Megafon den Räumungsbeschluss verkündet.

Das nordrhein-westfälische Bauministerium hatte die Stadt am Mittwochabend angewiesen, die Baumhäuser unverzüglich zu räumen. „Die Weisung wird jetzt umgesetzt“, sagte eine Sprecherin der zuständigen Stadt Kerpen auf Anfrage. In der Nähe des Waldgebietes, das zu einem Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle geworden ist, formierte die Polizei am Donnerstagmorgen massive Kräfte.

Als Grundlage für die Räumung bediente sich das Bauministerium eines juristischen Tricks, wie die taz heute berichtete. So sind die Baumhäuser, obwohl illegal auf Privatgrund errichtet, als Wohnraum besonders geschützt. Daher hat sich die Behörde auf Brandschutzgründe berufen, um die Räumung trotzdem sofort vollziehen zu können: Es sei „Gefahr im Verzug für Leib und Leben der Baumhausbewohner aus Brandschutzgründen“, heißt es im Erlass. Stutzig macht, dass diese Befürchtung gerade jetzt kommt, denn im vergangenen Hitzesommer war davon noch keine Rede. Außerdem hat die Polizei laut taz-Bericht vor zwei Wochen bei einem Einsatz am Boden zahlreiche Feuerlöscher beschlagnahmt und damit das nun angeführte Risiko selbst geschaffen.

Gesche Jürgens von Greenpeace sagt dazu: „Es ist unglaublich, dass sich die Landesregierung zum Erfüllungsgehilfen von RWE macht und Fakten schafft. Während in Berlin die Kohlekommission über einen Kompromiss zum sozialverträglichen Kohleausstieg diskutiert, sieht die Bundesregierung tatenlos zu, wie RWE im Hambacher Forst einen sozialen Konflikt maximal anheizt." Waldbesetzer im Hambacher Forst haben gewaltlosen Widerstand gegen die Räumung ihrer Baumhäuser angekündigt. „Für viele ist das ihr Zuhause. Es gibt Menschen, die hier seit sechs Jahren wohnen“, sagte Freddy, der am Donnerstag auf einem Baumstamm in etwa zehn Metern Höhe ausharrte. Die Baumhäuser seien ein europaweit bekanntes Symbol geworden.

Die Stadt Kerpen hatte angekündigt, mit Hilfe der Polizei die Baumhäuser zu räumen, wenn die Baumbesitzer „nicht freiwillig runterkommen“. Auf diese Weise werde man sich bei den 50 bis 60 Baumhäusern Schritt für Schritt vorarbeiten. „Anschließend werden die Baumhäuser unbrauchbar gemacht“, sagte der Sprecher.

Der Einsatz gegen die Baumbesetzer im Braunkohlerevier Hambacher Forst gilt bei der Polizei als einer der größten in der jüngeren nordrhein-westfälischen Geschichte. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur stehen für die Räumung der Baumhütten sogenannte Höheninterventionsteams bereit, die für derartige Einsätze ausgebildet sind. Aus dem gesamten Bundesgebiet wurden Einsatzkräfte zur Verstärkung in den Hambacher Forst geholt. Wasserwerfer und schweres Räumgerät sind im Einsatz. Eine konkrete Zahl der Einsatzkräfte nennt die Polizei bisher nicht.

Der Energiekonzern und Waldbesitzer RWE will im Herbst mehr als die Hälfte des noch verbliebenen Waldstücks roden, um weiter Braunkohle baggern zu können. Dagegen gibt es seit Langem Proteste. Aktivisten haben Baumhäuser in großer Höhe errichtet und halten den Wald damit besetzt. Bevor gerodet werden kann, muss daher geräumt werden. Das gilt wegen der Höhe der Hütten und des erwarteten Widerstands als äußerst schwierig.

Bei der nun geplanten Räumung geht es juristisch gesehen gar nicht um RWE und die Braunkohle. Vielmehr argumentiert das Ministerium nach Angaben der Stadt Kerpen und des ebenfalls betroffenen Kreises Düren unter anderem mit dem fehlenden Brandschutz in den Baumhäusern. Nach einem Vor-Ort-Termin sei das Ministerium zu der Überzeugung gelangt, dass es sich bei den Hütten um bauliche Anlagen im Sinne der NRW-Bauordnung handele.

Nach der Bauordnung müssten die Baumhäuser etwa über Rettungstreppen und über Geländer verfügen. Außerdem müssten Rettungswege für Feuerwehr und Krankenwagen verfügbar sein. Weil das nicht gegeben ist, ergäben sich „konkrete Gefahren“ für die Bewohner. Daher müssten die Bauämter der Stadt Kerpen und des Kreises Düren die Baumhäuser ohne zeitlichen Aufschub räumen, argumentiert das Ministerium.

Umsetzen müssen das die Bauämter der Stadt Kerpen und des Kreises Düren, auf deren Gebiet der Hambacher Forst liegt. Sie haben bei der Aachener Polizei dafür um Vollzugshilfe gebeten, um die Häuser räumen und beseitigen zu können.

Schon am Mittwochabend hatten Aktivisten in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, den Protest im Hambacher Forst zu unterstützen. Zuletzt waren am vergangenen Samstag und Sonntag Hunderte Menschen dem Aufruf zu einem „Wochenende des Widerstands“ in dem Waldstück gefolgt.

Der Forst gilt als Symbol des Kampfes um Klimaschutz und des Widerstands gegen die Kohle. In ihm stehen Jahrhunderte alten Buchen und Eichen. Zudem gibt es Vorkommen geschützter Arten wie der Bechsteinfledermaus. Mehrere Organisationen wollen seine Rodung unter anderem aus diesen Gründen verhindern. Aus Sicht von RWE ist die Abholzung unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Frühestens im Oktober darf der Konzern mit der Rodung beginnen.

Immer wieder hat die Polizei von Angriffen auf Polizisten an dem Waldstück berichtet. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warnte, dass man es mit „extrem gewaltbereiten Linksextremen“ zu tun habe, die aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland anreisten.

Der Streit um den Hambacher Forst könnte auch die Arbeit der sogenannten Kohlekommission stören, obwohl das Thema dort offiziell nicht auf der Tagesordnung steht. Wirtschaft, Klimaschützer, Politik und Betroffene sollen bis Ende des Jahres gemeinsam einen Weg aus der Kohlestrom-Produktion vereinbaren. Die beteiligten Umweltverbände fordern einen Aufschub der Rodung, bis das erledigt ist – ihrer Ansicht nach könnte der Wald vielleicht stehen bleiben, wenn ältere Kraftwerke abgeschaltet werden.

Die Umweltverbände in der Kommission haben symbolische Baumpatenschaften im Hambacher Forst übernommen. Denkbar ist, dass ein oder mehrere Umwelt-Vertreter die Kommission verlassen, falls RWE rodet. Ein breiter gesellschaftlicher Konsens wäre dann gefährdet.

dpa/nk

Aufmacherbild: Christophe Gateau/dpa

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Hitzesommer12.Sep 2018

War das noch Wetter oder ist das schon Klima?

War das noch Wetter oder ist das schon Klima?

Dieser Sommer hat sich nicht nur außerordentlich heiß angefühlt, die Statistik bestätigt: Er war der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen in Deutschland. Wir werden uns an derlei Extreme gewöhnen müssen – an die lauen Sommernächte wie auch die Ernteausfälle.

Terrassenplatten so heiß, dass man sie mit den Füßen kaum berühren mochte. Wasserstände so niedrig, dass Flüsse zu Rinnsalen vertrockneten. Nächte so warm, dass sie Schlafen beinah unmöglich machten. Dieser Sommer hatte es in sich, und auch wenn es im Süden noch einmal heiß werden soll: Meteorologisch gesehen herrscht nun Herbst. In eben diesem verlieh nun der Deutsche Wetterdienst dem gerade zu Ende gegangenen Sommer das Prädikat „außergewöhnlich“.

Schon der April, der in manchen Jahren eine nie enden wollende Durststrecke Richtung Wärme sein kann, läutete in diesem Jahr den Sommer ein. Er war der wärmste April seit Beginn der Aufzeichnungen 1881, also seit 137 Jahren. Mai: ebenfalls der wärmste seit 137 Jahren. Der Juni schaffte es nur auf Platz sieben, Juli auf den vierten Platz, der August wurde wieder deutlich heißer und landete auf Platz zwei. Bundesweit war das insgesamt mit einer Durchschnittstemperatur von 19,3 Grad der zweitwärmste Sommer, im Norden und Osten sogar der wärmste Sommer überhaupt. Bernburg in Sachsen-Anhalt verzeichnete am letzten Julitag ein Temperaturhoch von 39,5 Grad, Frankfurt am Main und die Ostseeinsel Greifswalder Oie durchschwitzten 13 und 14 sogenannte Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter zwanzig Grad sank. Wer also glaubt, so einen Hitzesommer in Deutschland noch nie erlebt zu haben, der hat damit absolut Recht.

Als solcher brachte dieser nicht nur Temperaturrekorde, noch nie hat es seit Beginn der Aufzeichnungen weniger geregnet, mit Ausnahme von 1911. Von April bis August fiel vierzig Prozent weniger Regen als sonst durchschnittlich zu dieser Zeit. Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt erlebten den trockensten Sommer seit 1881 – nie hatte es in diesem Zeitraum in der Mitte Deutschlands weniger geregnet als 2018. Das trocknete nicht nur ganze Flüsse und Seen aus – und tötete zusammen mit der Hitze tausende Fische –, sondern verwandelte auch blühende Landschaften in staubige Steppen.

Hitze und Trockenheit sorgen für Ernteausfälle

Mit am härtesten traf das die Bauern: Ihre Felder verdorrten und ihrem Vieh fehlte das Futter. Für die meisten Pflanzen wird es kritisch, wenn die Bodenfeuchtigkeit unter vierzig Prozent fällt – im Osten Deutschlands sank sie unter zehn Prozent. Schon im Juli hatte Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, massive Ernteausfälle prophezeit und von der Regierung eine Milliarde Euro Soforthilfe gefordert. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte sich zwar besorgt gezeigt, wollte vor dem offiziellen Erntebericht aber keine Zusagen machen. In diesem war dann am 24. August zu lesen: „Auf den Punkt gebracht sind die diesjährigen Ernteergebnisse sowohl bei Getreide als auch bei Raps weit unterdurchschnittlich.“ Es war die niedrigste Getreideernte seit 1994, auch die Kartoffelernte wird schlecht werden, die Äpfel bleiben klein. Jeder 25. landwirtschaftliche Betrieb ist nach Einschätzung der Länder in seiner Existenz bedroht.

Klöckner erklärte die Trockenheit daraufhin zu einem Witterungsereignis von „nationalem Ausmaß“ und sagte zwar nicht die gewünschte Milliarde Soforthilfe zu, aber immerhin 340 Millionen Euro. Damit sollen kleine und mittlere Unternehmen unterstützt werden, deren Existenz durch die Dürre bedroht ist. Definiert wird das wie folgt: Die Ernte muss mindestens dreißig Prozent geringer ausfallen als normalerweise und der Schaden muss größer sein als das Kapital, das für Investitionen oder Schuldentilgung bereitsteht. Dann werden aber auch nur fünfzig Prozent des Schadens gedeckt, mehr als 500.000 Euro soll kein Betrieb bekommen.

„Die aktuellen Ernterückgänge und vertrockneten Wiesen sollten alle wachrütteln. Wir müssen die Treibhausgasemissionen viel schneller reduzieren als bisher vorgesehen“, sagte Martin Schulz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), als Reaktion auf den Ausnahmezustand. „Wir Bauern brauchen den Klimaschutz und deshalb auch eine Landwirtschaft und eine Agrarpolitik, die das Klima schont und schützt“, pflichtete ihm AbL-Geschäftsführer Georg Janßen bei. Es bleibt die Frage: Lässt sich die Hitze tatsächlich auf den Klimawandel zurückführen oder waren die Herren voreilig?

Wissenschaftliche Studien bestätigen die Befürchtungen

Eine Antwort darauf hat die Klimaforscherin Friederike Otto. So erlebte nicht nur Deutschland einen extremen Sommer, sondern die ganze Nordhalbkugel. Dafür verantwortlich sei aber nicht eine große Hitzewelle, sagt die Wissenschaftlerin: „All diese individuellen Hitzewellen haben einen Faktor, der sie verbindet, und das ist der Klimawandel.“ Die Berechnungen von ihr und ihren Kollegen ergaben, dass der Klimawandel die Hitzewelle an vielen Orten Nordeuropas mehr als zweimal so wahrscheinlich machte als ohne ihn. Das war also nicht nur Wetter, das ist schon Klima.

„Durch den Klimawandel bedingte Risiken durch Extremereignisse wie Hitzewellen, extreme Niederschläge und Küstenüberschwemmungen sind jetzt schon moderat und wären bei weiterer Erwärmung um ein Grad hoch“, schrieb der Weltklimarat in seinem aktuellsten Bericht 2014. „Der Klimawandel ist eine der größten weltweiten Bedrohungen für die Gesundheit der Menschen im 21. Jahrhundert“, mahnte Giovanni Forzieri vom Forschungszentrum der EU-Kommission letztes Jahr. Da hatte er eine Studie vorgestellt die ergab, dass Extremwetter in Europa künftig jährlich 152.000 Menschen das Leben kosten könnten. Aktuell diskutieren Vertreter von Städten, Regionen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure vom 12.-14. September in San Francisco darüber, wie Klimaschutz auf allen politischen Eben verstärkt werden kann. Zum sogenannten Global Climate Action Summit 2018 hatte der kalifornische Gouverneur Jerry Brown geladen, der Gipfel ist eine weitere Etappe auf dem Weg zum Weltklimagipfel im Dezember dieses Jahres in Katowice. 

Begleitende Maßnahmen zum Klimawandel stehen verstärkt auf der politischen Agenda. Auch Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, schließt sich dem Diskurs an: „Wir erwarten in der Zukunft eine Zunahme von solchen extremen Perioden mit all ihren Konsequenzen für unsere Gesellschaft. Dies erfordert von uns allen intensivere Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen.“ Das bedeutet für Städte weniger versiegelte Flächen, dafür mehr Grünanlagen und mehr Wasser. Für die Landwirtschaft bedeutet das mehr Vielfalt, um den Ausfall einiger Ernten besser verkraften zu können. Für die Küsten bedeutet das höhere Deiche und für die Wälder mehr naturnahe Rein- und Mischwälder als leicht brennbare Kiefer- und Fichtenwälder.

Und was bedeutet das für uns? Eine ausführliche Antwort darauf hat die New York Times. Auf einer interaktiven Plattform beantwortet die Zeitung die Frage, wie viel wärmer es in der eigenen Heimatstadt im Vergleich zu dem Jahr geworden ist, in dem man geboren wurde, zeigt wie viel stärker die Temperaturen noch ansteigen und stellt das in einen globalen Zusammenhang. Knapp zusammengefasst: Es wird heiß.

Svenja Beller

Aufmacherbild: picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa

Redaktionsanmerkung: Den Hinweis auf den Global Climate Action Summit 2018 haben wir nachträglich, am 12.09.18 um 16:40 Uhr, hinzugefügt.

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Karriere in grün10.Sep 2018

Serie: Wie in der mongolischen Wildnis langsam so etwas wie Alltag einkehrt

Serie: Wie in der mongolischen Wildnis langsam so etwas wie Alltag einkehrt

Zwei Monate in der Einöde überleben und forschen: Drei junge Wissenschaftlerinnen zählen bedrohtes Rotwild in der Mongolei. Damit wollen sie überprüfen, ob die Population sich erholt. Nach drei Wochen können sie endlich in ihre Hütte am Fluss ziehen. Das hilft dabei sich einzuleben und mehr Zeit in die Forschung zu investieren.

In unserer Serie „Karriere in grün“ stellen wir junge Menschen vor, die ihr Engagement für Umwelt, Natur und Gesellschaft zum Beruf machen. Die Reihe startet mit Meike Becker, die Ökosystemmanagement an der Universität Göttingen studiert. In den ersten Folgen hat die 24-Jährige erzählt, wie sie und zwei Kolleginnen in der Mongolei angekommen sind, um die Rotwild-Population vor Ort zu bestimmen und wie schwer es ihnen gefallen ist, überhaupt mit der Forschung beginnen zu können. In der vierten Folge beginnen die drei Frauen so etwas wie einen Alltag zu leben.

Ich erwache von einem knarzenden Geräusch. An der Stelle, wo der Boden und der Baumstamm der Blockhüttenwand aneinandergrenzen, pfeift eiskalter Wind durch kleine Freiräume, direkt in meine Schlafsackkapuze. Doch der kalte Wind reicht schon seit Wochen nicht mehr aus, um mich zum Aufstehen zu bewegen. Was mich geweckt hatte war Christina, die bereits vor dem kleinen Ofen saß, dessen Tür beim Öffnen knarzt. „Schön“, denke ich, „gleich gibt’s Kaffee“ und ziehe die Kapuze noch ein letztes Mal über’s Gesicht, um noch ein bisschen zu dösen.

Da sind wir also. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und Zweifeln am Projekt, scheint sich nun, drei Wochen nach unserer Ankunft in der Mongolei, alles zu fügen: Nach knapp zwei Wochen der Ungewissheit folgte das erleichternde Gespräch mit dem Ranger Sodof, der versprach, uns bald mit einem Ochsenwagen von der Jurte, in unser eigenes Heim zu bringen. Nun sind wir endlich Bewohnerinnen der kleinen Blockhütte am Fluss, in der zu Beginn ein zerschlagenes Fenster unseren Einzug verzögert hat. Schnell wurde ein mitgebrachtes Fenster – man ist hier ja vorbereitet – in die klaffende Lücke an der Hüttenwand genagelt und voilà: das Haus ist bewohnbar!

Knapp elf Quadratmeter misst unser neues Heim. Wir haben einen Schreibtisch am (neuen) Fenster und einen Vorratsschrank, neben der Tür. Die „Betten“ bestehen aus übriggebliebenen Kartons, Isomatten und unseren Schlafsäcken. Ein Klappspaten, der 200 Meter entfernte Lärchenwald und der dahinterliegende Fluss, werden für die nächste Zeit unsere Sanitäranlagen ersetzen – bei schlechtem Wetter überlegt man sich zweimal, ob der Gang es wirklich wert ist. Vor unserem Zuhause stehen tagsüber die Solaranlagen, die 120 Watt produzieren und damit eine Autobatterie speisen. Es fühlt sich wahnsinnig gut an zu wissen, dass aller Strom, den wir zum Laden unserer Technik benötigen, aus reiner Sonnenenergie stammt.

Die Aufgaben sind klar verteilt

Auch an Haustieren fehlt es nicht: unter unserem Dach hat sich eine kleine Dohlenfamilie ein Nest gebaut, in dem fünf kleine Küken krakeelen. Außerdem ziehen jeden Tag Herden aus Yaks, Rindern oder Wildpferden durch unseren „Vorgarten“.

„Guten Morgen“, wünscht mir Christina und streckt mir eine dampfende Tasse Kaffee entgegen, wobei sie sich mühevoll über unser Schlaflager beugt, welches nachts den gesamten Innenraum unserer kleinen Hütte ausfüllt. Wir haben hier alle unsere Aufgaben: Christina steht morgens um fünf Uhr auf, um Kaffee zu kochen, Susi geht abends „Endspülen“ im Fluss. Sie reinigt alles, was wir an Küchenutensilien besitzen und benutzt haben. Meine Aufgabe ist es den Zwanzig-Liter-Kanister einmal täglich am Fluss mit Wasser zu füllen, damit wir trinken, zwischenspülen und kochen können. Feuerholz und Yakfladen (die brennen ganz hervorragend) sammeln wir alle immer mal zwischendurch, während Kochen und Backen auf die Person fällt, die zuhause bleibt, wenn die anderen auf den Hängen der Umgebung nach Spuren des Rotwilds suchen.

Nach all den anfänglichen Schwierigkeiten hat sich auch bei unserer Arbeit, dem eigentlich Grund weshalb wir hier sind, ein gewisser Ablauf eingestellt: Gegen sieben Uhr erscheint die Silhouette von Ihrhim, unserem jungen Assistenten, der uns mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen ist, an der Furt. Er bringt uns stets zwei Pferde aus der Herde des Rangers mit, die uns für die Strecken, die wir bis zu den Untersuchungsflächen zurücklegen müssen, zur Verfügung gestellt werden.

Konversation mit den Einheimischen ist nicht ganz einfach

Die Wege führen durch die umliegenden Täler, durch mehrere Flüsse und an fremden Jurten vorbei, aus denen Rauch in die kühle Morgenluft aufsteigt. Da wir jeden Tag ein anderes Gebiet bearbeiten, sind auch die Wege stets sehr verschieden. Immer dann, wenn die Knie vom Reiten müde werden und schon weh tun, sorgt Christina mit einem Blick auf das GPS-Gerät für Erleichterung: „Stopp, wir sind da“. Ihrhim legt sich daraufhin ins Gras, um bei den Pferden auf uns zu warten und wir beginnen mit dem Aufstieg. Die Drohne, die uns zu Anfang abgestürzt war, hat seither glücklicherweise fast alles gemeistert.

Jeden dritten Tag machen wir frei. Wenn das Wetter sonnig ist und die Laune entsprechend, gehen wir oft gemeinsam in unseren Wellnesstempel: eine kleine Badestelle am Fluss, der uns mit seinen eisigen Temperaturen Gehirnfrost verpasst und daran erinnert, dass es noch nicht Sommer ist und wir nicht im Badeurlaub sind. Für Abwechselung unseres ansonsten ziemlich geregelten Tagesablaufes sorgt der fast tägliche Besuch verschiedener Leute aus dem Dorf. Egal, ob wir die Menschen kennen oder nicht, nach mongolischer Sitte werden erstmal Tee und Kekse angeboten. Sogar der Parkdirektor ist manchmal da. In seinem Anzug und stark parfümiert, wirkt er völlig deplatziert in unserer winzigen Hütte, wo wir auf dem Fußboden schlafen und ihn mit verschmierten Gesichtern und nach Feuer riechend begrüßen.

Und obwohl unsere Besucher nicht recht verstehen, was wir drei deutschen Forscherinnen eigentlich genau hier machen, gibt es regelmäßig zaghafte Versuche der mongolischen Konversation – sehr zur Erheiterung aller.

Christina hatte, in weiser Voraussicht, einen Sprachkurs besucht, wohingegen Susi und ich eher nach dem Motto „learning by doing“ arbeiten. Ein typisches Gespräch auf der Türschwelle: Eine von uns sagt: „Tee trinken?“
„Okay. Teetrinken.“
„Heute ist es kalt“
„Ja“
„Ich arbeite heute nicht“‘
„Ah“
„Wo ist der Ranger?“
„Der arbeitet viel. Danke für den Tee.“

Und weg ist der Besuch. Manchmal wird gewunken, aber meistens ziehen die Leute wortlos von dannen. Mir gefällt das. Es lässt außer Frage, dass man sich bald wiedersieht. Abends, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt, hören wir oft die Wölfe heulen, die mich noch bei unserer Ankunft etwas beunruhigt haben. Dann fällt mein Blick auf die Pferdeherden, die in unserem „Vorgarten“ weiden und die bei dem schaurigen Geräusch nicht einmal die Köpfe heben. Ihre Ruhe färbt auf mich ab. In Frieden trinke ich meinen letzten Tee, ehe ich mit schweren Beinen in den Schlafsack auf der Pappunterlage schlüpfe und solange schlummere, bis Christina mich erneut mit dem Knarzen der Ofentür weckt.

Text: Meike Becker

Wie es mit den drei Forscherinnen in der Wildnis weitergeht, können Sie in zwei Wochen an dieser Stelle nachlesen. Weitere Reisegeschichten von Meike Becker gibt es auch in ihrem Blog.

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Plastikmüll06.Sep 2018

Reinemachen im Meer – System 001 von The Ocean Cleanup startet

Reinemachen im Meer – System 001 von The Ocean Cleanup startet

Vor sechs Jahren hatte der niederländische Teenager Boyan Slat eine Idee: Ein gigantischer Staubsauger solle die Weltmeere von Plastik befreien. Übermorgen sticht das erste System des Erfinders von San Francisco aus in See. Doch wird es das Müllproblem lösen?

Es ist ein beachtliches Projekt, das von Samstag an auf die Probe gestellt wird: Mehr als siebzig Expertinnen und Experten haben an dem Säuberungssystem gefeilt, die Technik hundertfach in Modellen simuliert, sechs Prototypen auf dem Meer getestet und den Ort, an dem das System starten soll, mit Booten und einem Flugzeug ausgemessen. Auf der Webseite von The Ocean Cleanup läuft seit Wochen der Countdown zum 8. September, dem Start des Projekts. Er besteht darin, dass ein Schiff System 001 aus der Bucht von San Francisco auf den Pazifik zieht. 250 Kilometer vor der Küste werden weitere Tests durchgeführt. Sind sie erfolgreich, geht es Ende September weitere tausend Kilometer aufs offene Meer hinaus. Denn dort, auf halber Strecke zwischen Kalifornien und Hawaii, befindet sich der größte bekannte Müllstrudel: der Great Pacific Garbage Patch. 1.800.000.000.000 Plastikteile schwimmen laut The Ocean Project in diesem Strudel – 1,8 Billionen. Zum Vergleich: Die Anzahl der Fische in allen Meeren zusammen wird auf etwa 3,5 Billionen geschätzt. Und der Pazifische Müllstrudel ist nur einer von vielen.

Jedes Jahr geraten etwa sieben Millionen Tonnen Plastik in die Weltmeere. Die Strömung zieht es von Küsten und Flussmündungen aufs offene Wasser, wo es in riesigen Strudeln um sich selbst rotiert und zersetzt. Eine Plastikflasche löst sich mit der Zeit in Millionen Partikel Mikroplastik auf, die von Meeresorganismen aufgenommen werden und so irgendwann wieder in der menschlichen Nahrungskette landen.

Mehr Plastik im Meer als Fische

Der 16-jährige Boyan Slat hatte bei einem Tauch-Urlaub in Griechenland den Eindruck, es schwimme mehr Plastik im Meer als Fische. Zurück in den Niederlanden begann er, eine Lösung zu entwickeln und stellte sie bei einem TEDx-Vortrag in seiner Heimatstadt Delft vor. Das Video dieses Vortrags erhielt im Internet überraschend viel Aufmerksamkeit. Mit 18 Jahren gründete Slat die Stiftung The Ocean Cleanup, um seine Idee umzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit sammelte er per Crowdfunding 1,8 Millionen Euro von Menschen aus aller Welt. Seither hat die Stiftung nach eigener Auskunft insgesamt mehr als 25 Millionen Euro Spenden aus Europa und dem Silicon Valley erhalten.

Boyan Slat ist heute 24 Jahre alt und pendelt als Chef von über siebzig Mitarbeitern zwischen den Niederlanden und den USA. Bei der Lösung von Umweltproblemen setzt er auf Technologie: „Sie ist die wirksamste Kraft für Veränderung. Sie verstärkt unsere menschlichen Fähigkeiten. Während andere transformative Kräfte die Grundfeste unserer Gesellschaft umgestalten müssen, schafft Technologie neue Grundfeste“, schrieb Slat vor einem Jahr in der britischen Wochenzeitung The Economist.

So funktioniert System 001

Die Technologie, die am Samstag lanciert wird, ist auf den ersten Blick simpel: Sie imitiert eine Küste, wo es keine gibt. Ein langes Rohr treibt in U-Form auf dem Meer. Darunter hängt eine undurchlässige, drei Meter breite Plane. Die Plastikteile können weder über noch unter dem System entweichen.

Doch mitten auf dem Pazifik gibt es hohen Wellengang, Wind und starke Strömungen. Damit das System unter diesen Bedingungen funktioniert, haben Boyan Slats Ingenieure lange an den technischen Details gearbeitet. Damit die gigantischen Rohr-Arme das Plastik einfangen und nicht nur hinter ihm hertreiben, nutzt das System die Energie von Wind und Wellen. Das Rohr bewegt sich dadurch etwas schneller auf der Wasseroberfläche und schließt das Plastik in dem großen U, das es bildet, ein. Ein aktives Saugen, wie der Kosename Meeresstaubsauger suggeriert, findet nicht statt.

Damit das System rund um die Uhr kontrolliert werden kann und nicht mit Schiffen zusammenstößt, auf zehn kleinen Plattformen, die wie Klammern auf dem Rohr sitzen, solarbetriebene Lampen, Anti-Kollisions-Systeme, Kameras, Sensoren und Satelliten-Antennen befestigt. Von Zeit zu Zeit soll ein Frachtschiff den gesammelten Müll abholen und an Land bringen. Dort sollen Unternehmen das Plastik kaufen und recyceln. Einige Firmen hätten Interesse, konkrete Kooperationen gebe es aber noch nicht, sagt ein Sprecher von The Ocean Cleanup.

System 001 ist das erste von sechzig geplanten Systemen. Wenn die gesamte Flotte in Betrieb ist, schätzen die Initiatoren, dass sie in fünf Jahren die Hälfte des Pazifischen Plastikstrudels entfernen können.

Eine Lösung für das Meeresmüll-Problem?

In den Augen des Meeresbiologen Mark Lenz betreiben Boyan Slat und seine Mitarbeiter einen unglaublich großen Aufwand mit vergleichsweise kleinem Effekt: „Die Hälfte des Pazifischen Plastikstrudels in fünf Jahren, das sind nur 0,1 Prozent der Menge Plastik, die im gleichen Zeitraum in den Weltmeeren landet.“ Mark Lenz arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. 2012 begann er, die biologischen Auswirkungen von Mikroplastik auf Meeresorganismen zu erforschen – in dem Jahr, in dem Boyan Slats Vortrag im Internet millionenfach geklickt wurde. Lenz wurde öfter auf das Projekt von Slat angesprochen. Also fing er an, sich damit zu beschäftigen und kam bald zu dem Schluss, dass das Problem eigentlich in der Abfallwirtschaft an Land läge: „Der Meeresmüll kommt heute hauptsächlich aus Asien. Konsum und Wirtschaftsleistung sind dort in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegen, doch die Müllinfrastruktur ist nicht mitgewachsen. So landet der Müll im Meer. Das müssen wir ändern.“ Das Plastik aus dem Ozean zu holen, mildert Lenz zufolge ein Symptom, bekämpfe jedoch nicht die Ursache des Problems. Schlimmer noch: „Das Projekt suggeriert den Menschen, dass es jetzt eine Lösung für das Plastikproblem gibt und dass sie sich nicht mehr kümmern müssen.“

The Ocean Cleanup weist diesen Vorwurf zurück. „Das Problem ist nur zur Hälfte gelöst, wenn wir an Land weniger Plastik produzieren und verhindern, dass es in die Ozeane gelangt”, sagt ein Sprecher. „Es wurde bereits über sechzig Jahre lang Plastik in den Ozeanen versenkt. Das müssen wir wieder rausholen, bevor es zu Mikroplastik wird.”  

Mark Lenz zufolge würde es mehr Sinn machen, ein Säuberungs-System wie 001 in Flussmündungen einzusetzen. Dort sei das Plastik höher konzentriert und weniger zerfallen als in den Strudeln auf dem offenen Meer. Lenz hat aber auch ökologische Bedenken: Er vermutet, dass fragile Meeresorganismen wie Quallen oder die quallenähnlichen Salpen von der Plastikplane beschädigt werden. Per Mail sprach er eine meeresbiologische Beraterin des Projekts darauf an. Die verwies ihn an Boyan Slat persönlich. Doch der habe seine Bedenken nicht geteilt, sagt Lenz.

Dabei verweist Slats eigene Pressestelle in dieser Frage auf eine über 500 Seiten lange Machbarkeitsstudie. Darin wird unter anderem diskutiert, welche Folgen die Anlage für das Leben im Pazifik hat – angefangen bei den kleinsten Mikroorganismen bis zu größeren Fischen. Das Worst-Case-Szenario geht sehr wohl davon aus, dass alle Quallen und kleinere Zooplankton-Lebewesen sterben, wenn sie mit der Plane oder den Plattformen zusammenstoßen.

Neben all der Kritik ist Mark Lenz jedoch auch dankbar, dass The Ocean Cleanup dem Thema Meeresmüll Aufmerksamkeit verschafft. Das Projekt postet neben Videos von Boyan Slat und System 001 auch regelmäßig Forschungsergebnisse in den Sozialen Medien. Auf Facebook verfolgen 300.000 Menschen das Projekt. Für alle, die am Samstag nicht auf der Golden Gate Bridge stehen, um die Abreise der Plastikfalle in den Pazifik zu beobachten, wird das Spektakel live auf der Webseite übertragen.

Text: Leonie Sontheimer

Aufmacherbild: theoceancleanup.com

The Ocean Cleanup ist nicht das einzige seiner Art. Im Greenpeace Magazin 3.18 „Wir Seeleute“ haben wir dieses und weitere Müllsammelprojekte im Meer vorgestellt.

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Gletscherschmelze03.Sep 2018

„Von manchen Gletschern können wir uns schon jetzt verabschieden“

„Von manchen Gletschern können wir uns schon jetzt verabschieden“

Wie sich das Klima wandelt, lässt sich am einfachsten am Schmelzen des Eises ablesen. Während immer wieder mit Schrecken auf das Schrumpfen der Polkappen geschaut wird, tropfen auch die Gebirgsgletscher still vor sich hin. Doch beim Anstieg des Meeresspiegels kommt ihnen eine entscheidende Rolle zu, erklärt Klimaforscher Ben Marzeion im Interview.

Die Gletscher der Alpen verloren allein im Jahrhundertsommer 2003 fünf bis zehn Prozent ihres Gesamtvolumens. Es folgten viele Jahre mit weiteren Temperaturrekorden – und die diesjährige Hitzewelle. Während in den Alpen immer wieder versucht wird, das verbliebene Eis mit Folien vor der Sonneneinstrahlung zu schützen, schmolz in Schweden der höchste Punkt ab. Anfang des Jahres kam eine Studie zu dem Schluss, dass die Gletscherschmelze nicht mehr abwendbar ist. Auch dann nicht, wenn wir von jetzt an keine Treibhausgase mehr emittieren würden. Ben Marzeion, Professor für Klimageographie an der Universität Bremen, hat an dieser Studie mitgearbeitet. Im Interview erklärt er, wie es um die Zukunft der Gletscher bestellt ist und welche Probleme mit ihrem Abschmelzen auf die Menschen und die Natur zukommen.

Herr Marzeion, ein Drittel des Gletschereises ist bereits verloren. Das ist das Ergebnis ihrer jüngsten Studie. Die Temperaturen brechen immer neue Rekorde. Ist das Ende der Gletscher schon besiegelt?

Von manchen Gletschern können wir uns tatsächlich schon verabschieden. Man muss sich das so vorstellen: Gletscher verhalten sich bei wärmeren Temperaturen nicht wesentlich anders als ein Eiswürfel, den man aus dem Gefrierfach nimmt. Wenn sich die Umgebungstemperatur erhöht, setzt die Schmelze ein. Mit unserer Studie haben wir untersucht, was passiert, wenn wir die heutigen klimatischen Bedingungen konstant halten. In manchen Regionen wird irgendwann nur noch sehr wenig Eis übrig sein, in anderen noch etwas mehr. Nur wenn wir das Klima irgendwie wieder kälter bekämen, wären die Gletscher noch zu retten.

Welches Klimaziel müssten wir denn ausrufen und einhalten, um die Gletscher vor der kompletten Schmelze zu bewahren?

Das kann man schlecht verallgemeinern. Einige Gletscher sind auch bei starker Erwärmung relativ stabil, während andere schon bei kleinen Temperaturveränderungen komplett verschwinden werden. Wir haben untersucht, was wir eigentlich machen müssten, um die Gletscher auf dem jetzigen Stand zu halten. Das Ergebnis: Wir müssten zu vorindustriellen Temperaturen zurückkehren. Da kommt dann schnell die Frage auf, wie das denn sein könne. Denn immerhin waren die Gletscher damals größer. Diese Größe geht allerdings auf natürliche Einflüsse zurück. Das bedeutet: Der Mensch ist nicht der einzige Grund, weshalb die Gletscher abgeschmolzen sind – inzwischen ist aber überwiegend der Mensch verantwortlich. Für die Schmelze der letzten zwanzig Jahre trägt die Menschheit zu etwa zwei Dritteln die Verantwortung. Aber betrachten wir das 20. Jahrhundert insgesamt, waren die natürlichen Einflüsse auch relativ groß.

Im Rahmen der Studie wurden die Eisschilde und -kappen an den Polen ausgeklammert. Diese machen allerdings 99 Prozent der globalen Eismasse aus. Nur ein Prozent entfällt auf Gebirgsgletscher. Trotzdem kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass die Schmelze dieser Gletscher einen großen Einfluss auf den Anstieg des Meeresspiegels hat. Wie passt das zusammen?

Das passt deshalb zusammen, weil dieses eine Prozent der Eismasse derzeit ungefähr ein Drittel zum gesamten Meeresspiegelanstieg beiträgt. Die Menge ist zwar sehr klein im Vergleich zu Grönland und der Antarktis, aber die Gebirgsgletscher reagieren im Verhältnis wesentlich schneller. Wenn man sich dafür interessiert, was in 300 oder 500 Jahren passiert, sind die Eisschilde an den Polkappen eindeutig wichtiger. Aber wenn wir uns die letzten und kommenden 100 Jahre anschauen, sind die Gletscher mindestens genauso wichtig.

„Wenn alle Gletscher schmelzen, steigt der Meeresspiegel um 40 Zentimeter“, sagt Ben Marzeion, Professor für Klimageographie an der Universität Bremen. Foto: Echo Tirol/Friedle

Welche Folgen hat die Schmelze der Gletscher für Mensch und Natur?

Ein Gletscher speichert im Winter Niederschlag und gibt durch die Schmelze im Sommer Wasser frei. Das ist die normale Funktionsweise. Wenn Gletscher schrumpfen, schmilzt im Sommer mehr Eis als im Winter eingespeichert wird. Dadurch ist zunächst mehr Wasser verfügbar – auf den ersten Blick also etwas Gutes, könnte man meinen. Diese Entwicklung ist allerdings nicht nachhaltig. Denn je mehr der Gletscher schrumpft, desto schwächer wird dieser saisonale Zyklus. Für die Menschen lautet die entscheidende Frage: Ist die Wasserverfügbarkeit auf dem aufsteigenden oder bereits auf dem absteigenden Ast? In der Cordillera Blanca zum Beispiel, einem Gebirgszug in den Anden, sind wir jetzt auf dem Scheitelpunkt. Die Gletscher können nicht immer mehr Wasser liefern, eher weniger. Vor allem in Peru ist zusätzlich die Bevölkerung zuletzt stark gewachsen und der Wasserverbrauch stark gestiegen. Das passt nicht mehr zusammen und es wird dort ein großes Problem mit der Wasserversorgung geben.

Die auffällige Hitze und Trockenheit bestimmen dieses Jahr den Sommer. Der Rekord des Jahrhundertsommers 2003 wird wohl nur knapp verfehlt. Damals waren die Folgen für die Alpengletscher enorm, bis zu zehn Prozent der Eismasse gingen verloren. Ist abzusehen, wie sich der Sommer 2018 auswirkt?

Zu diesem Zweck werden Bilanzmessungen durchgeführt, die Ergebnisse liegen allerdings noch nicht vor. Was man allerdings vorab schon sagen kann: In weiten Teilen der Alpen ist im Winter außergewöhnlich viel Schnee gefallen. Eine frische Schneeauflage ist für Gletscher wichtig, weil sie viel Sonnenlicht reflektiert und die Schmelze verlangsamt. Trotzdem war der Schnee dieses Jahr schon früh wieder weg. Ein Gletscher ohne Schneeauflage ist aber über kurz oder lang verloren. Ihm fehlt Nahrung und er verliert überall an Masse. Man kann auf den Alpengletschern sehen, dass genau das dieses Jahr passiert ist. Auch wenn man für endgültige Aussagen noch die Messdaten abwarten muss, sagen meine Kollegen in den Alpen: Es ist mit bloßem Auge erkennbar, dass es ein deutlich negatives Jahr für die Gletscher wird.

Was käme eigentlich auf die Menschheit zu, wenn alle Gletscher geschmolzen sind?

Durch die geschmolzenen Gletscher wäre der Meeresspiegel um 40 Zentimeter höher als heute. Ansonsten führt natürlich die Wasserknappheit zu Problemen. Dafür müssten dann Lösungen gefunden werden, zum Beispiel der Bau von Wasserspeichern oder Änderungen im Nutzungsverhalten. Auch in der Landwirtschaft könnte man ansetzen. Verschiedene Gewächse benötigen zum Teil zu unterschiedlichen Jahreszeiten Wasser, sodass man sich an die Verfügbarkeit anpassen kann. Die Schmelze birgt zusätzlich auch Geogefahren: Gletschereis stabilisiert auch die Hänge, auf denen es liegt. Schmilzt das Eis, fehlt dieser Effekt. Hinzu kommt der Permafrost, der das Gestein von innen heraus stabil hält. Außerdem staut sich das Schmelzwasser häufig hinter alten Moränen und bildet Gletscherseen. Hält der natürliche Damm dann nicht mehr stand, rauscht eine Lawine aus Wasser, Schlamm und Geröll ins Tal.

Kürzlich haben Wissenschaftler ein Langzeitprojekt ausgewertet, dass sich mit „künstlichen Gletschern“ beschäftigt. Können solche Ansätze eine Lösung für die Probleme des Gletscherschwindens sein?

Ich kann mir vorstellen, dass das für einzelne kleine Dorfgemeinschaften durchaus funktionieren kann. Ich denke dabei vor allem an Dörfer in hochgelegenen Gebirgsregionen Asiens, wo es im Sommer sehr trocken sein kann. Auf größerer Ebene, zum Beispiel im Einzugsbereich des Indus, wäre das aber nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das lässt sich gut vergleichen mit Maßnahmen zum Gletscherschutz in den Alpen. Die Abdeckung des Eises kann sich vielleicht vor Ort für Skiliftbetreiber lohnen, hat aber keinen Effekt auf den Meeresspiegelanstieg.

Ist ein Szenario denkbar, in dem Gletscher in diesem Jahrhundert nochmal zunehmen könnten?

Ich halte es für fast ausgeschlossen, zumindest global gesehen. Klar, es gibt aus einer natürlichen Klimavariabilität immer einzelne Gletscher, die wachsen. Aber damit die Gletscher wieder wachsen, müssten wir zu noch kühleren Temperaturen kommen als zur vorindustriellen Zeit. Da würde ich auch ehrlicherweise sagen: Ich bin nicht sicher, ob man das wollte. Denn dann bräuchte man eine globale Abkühlung, die nicht unbedingt positiver wäre als eine globale Erwärmung. Wir Menschen brauchen aber eine Stabilität im Klimasystem.

Text: Simon Neumann

Aufmacherbild: Ben Marzeion

In unserem Alpen Spezial aus dem vergangenen Jahr haben wir den Berner Geographie-Professor Heinz Zumbühl begleitet. Er hat alte Gemälde als Quelle für die Gletscherforschung entdeckt. Die eindrucksvollen Bilder haben wir auch in einem Video festgehalten.

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Karriere in grün27.Aug 2018

Forschungsbericht Mongolei: Wie alles schief geht – und wir dann doch endlich loslegen können

Forschungsbericht Mongolei: Wie alles schief geht – und wir dann doch endlich loslegen können

Zwei Monate in der Wildnis überleben und forschen: Drei junge Wissenschaftlerinnen zählen bedrohtes Rotwild in der Mongolei. Damit wollen sie überprüfen, ob die Population sich erholt. Doch das Gelände ist unwegsam. Nachdem ihre Drohne abgestürzt ist und es einen Unfall gab, kommen die Forscherinnen ins Grübeln. Doch dann schöpfen sie neuen Mut. 

In unserer Serie „Karriere in grün“ stellen wir junge Menschen vor, die ihr Engagement für Umwelt, Natur und Gesellschaft zum Beruf machen. Die Reihe startet mit Meike Becker, die Ökosystemmanagement an der Universität Göttingen studiert. In den ersten beiden Folgen hat die 24-Jährige erzählt, wie sie und zwei Kolleginnen in der Mongolei angekommen sind, um die Rotwild-Population vor Ort zu bestimmen und wie gleich am Anfang etwas schief gelaufen ist. In der dritten Folge schöpfen die drei Frauen neue Kraft, nachdem sie ein erstes Abenteuer überstanden haben.

Wenn man aufbricht in ferne Länder, zu fremden Kulturen, dann erhofft man sich meistens Eines ganz besonders: Abenteuer zu erleben. Und so war es auch die Aussicht auf ein Abenteuer, die mich antrieb, bei der Forschungsreise in die Mongolei zu assistieren. Zwei Monate in der Natur. Um mich herum nur Lebewesen, die mit ihr im Einklang leben, kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Kontakt zur Außenwelt. Die einzige Aufgabe, der ich nachkommen musste, war die intensive Beobachtung der mich umgebenden Natur und die Suche nach den Spuren des gefährdeten Rotwildes. All das klang hervorragend. Herausfordernd, aber nicht lebensbedrohlich. Das ist es doch, was ein Abenteuer ausmacht. Wie schmal jedoch der Grad zwischen Abenteuer und Angst ist, lernte ich in der Zeit in der Mongolei ebenfalls.

Als unsere Drohne, unser Forschungsinstrument, in ein Waldstück gestürzt war, fuhr mir der Schreck durch die Glieder. Mein Magen zog sich zusammen, es fühlte sich an wie ein dumpfer Schlag in den Bauch und dann war alles ganz ruhig. Auch meine Kolleginnen erstarrten. „Was machen wir jetzt?“, brachte ich als Erste heraus. Christina starrte ungläubig auf das iPad, auf dem nun der Wald von unten zu sehen war, die Drohne war auf dem Rücken gelandet. Susi stand nur da, den Mund offen. „Ich habe hier die Koordinaten, die sie sendet. Wir gehen sie holen“, sagte Christina schließlich.

Angst macht sich breit

Der Weg war beschwerlich und uns begleitete die Angst, das Gerät könnte für immer verloren und unsere Studie damit dem Ende nahe sein, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Zwar hatten wir eine Ersatzdrohne dabei, der Absturz beim allerersten Einsatz machte uns allerdings deutlich, wie fragil unser System war. Noch dazu war der Absturz ein Programmierfehler gewesen. Er war also einem Denkfehler unsererseits geschuldet. Wir fanden die Drohne erst nach mehreren Stunden Suche, leicht ramponiert unter einer Lärche liegend, an einem steilen Hang. Nachdem wir die Rotorblätter ausgetauscht hatten, war das kleine Ding wieder flugfähig. Wir hatten großes Glück.

Dennoch waren wir niedergeschlagen. Nicht nur der Absturz hatte Zweifel an unserem Vorgehen hinterlassen, auch das Gelände, durch das wir uns schlagen mussten, war nicht gerade einladend: Die Steilhänge, die letzten Ausläufer des Chentii-Gebirges, waren stellenweise völlig unbewachsen und bestanden nur riesigen losen Gesteinsblöcken. Die Steigung betrug oft über fünfzig Prozent. Jedes Mal, wenn eine von uns auf einen Block trat, der sich unter ihr bewegte, schoss uns ein heftiger Adrenalinstoß durch die Glieder, an Rotwildzählung war nicht mehr zu denken. Sollte einer dieser Steine sich lösen, könnte sich schnell eine Lawine in Gang setzen. Durch die steile Neigung würden wir uns kaum halten können. Und unter uns ging es einige hundert Meter steil bergab. Noch dazu dämmerte es bereits und es würde uns niemand helfen können, wenn etwas passierte. Unsere einzige Chance wäre das Notfunkgerät, Rettung wäre aber erst innerhalb von Stunden zu erwarten. Ich schauderte bei dem Gedanken an einen Unfall in dieser Gegend. Da war sie, die Angst.

Wir beschlossen, die gefährlichsten Teile der Strecken zu umgehen. Wir waren hier im Dienste der Wissenschaft und ganz sicher nicht bereit, dafür unser Leben auf‘s Spiel zu setzen. Leider sollte es in den nächsten Wochen kaum einen Tag geben, an dem wir nicht an ähnlich gefährliche Stellen im Gelände kamen. Umgangen haben wir sie eigentlich nie. „Wenn wir schon mal hier sind, probieren wir es aus“, lautete stets unser letzter Satz, dem verängstigtes Schweigen und Schweißausbrüche folgten. Wer abenteuerlustig ist, lehnt Herausforderungen eben nur ungern ab.

Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt – doch dann gibt es einen Lichtblick

Die Tage unmittelbar nach dem Drohnenabsturz verbrachte Christina damit, die Routen neu zu programmieren, was schwierig war, ohne Internetverbindung. Zum Glück hatte sie einige Karten gespeichert, die auch offline zur Verfügung standen. Susi und ich dachten viel über die Durchführbarkeit des Projektes nach. Irgendwie schien alles schiefzugehen: noch immer wussten wir nicht, wo wir eigentlich wohnen konnten für die nächsten sechs Wochen, eigene Pferde hatten wir auch noch keine. Und als der Tag kam, an dem uns die nette Familie, in deren Gästejurte wir provisorisch untergekommen waren, eröffnete, dass sie nun weiterziehen würde, und wir kurzerhand in eine unbewohnte Jurte noch weiter das Tal hinauf umgesiedelt wurden, standen wir völlig entmutigt voreinander. Fühlte sich überhaupt jemand für uns verantwortlich? Ohne die Hilfe der hier lebenden Menschen, ohne deren Kenntnis der Umgebung, ohne deren Wachhunde, die jede Nacht anschlugen, wenn sich Wölfe näherten, fühlten wir uns sehr allein und hilflos. Noch dazu hatte sich Christina gleich bei unserem ersten Ausritt mit Irhimbayers Pferden samt Tier überschlagen und dabei ihre Schulter geprellt.

Obwohl wir noch ganz am Anfang standen, hatte die Stimmung bereits ihren Nullpunkt erreicht. Doch wie sagt man da so schön: wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Unser Lichtblick erschien uns in der Form des Parkrangers Sodof. Nachdem wir einige Zeit lang immer wieder nach ihm gefragt hatten, stattete er uns eines Abends, als wir grübelnd in unserer Jurte saßen, endlich einen Besuch ab. Zu unserer Überraschung hatte er eine Frau dabei, die Deutsch sprach. Endlich konnten wir uns erklären, endlich konnten wir alles loswerden, was uns beschäftigte und einen Plan aushecken, wie es weitergehen sollte.

Wir verabredeten mit dem Ranger einen Tag, an dem er uns mit einem Ochsenwagen abholen und uns helfen sollte, nach langer Zeit der Heimatlosigkeit in die Hütte am Fluss umzuziehen. So wie es ursprünglich von uns geplant gewesen war. Wir schöpften wieder Mut und der Drohnenabsturz, die unwegsame Gegend, die Steilhänge und die kaputte Schulter waren plötzlich nur noch kleine Ärgernisse. Jetzt würde es erst richtig losgehen, dachten wir.

Text: Meike Becker

Aufmacherbild: Christina Stinn

Wie es mit den drei Forscherinnen in der Wildnis weitergeht, können Sie in zwei Wochen an dieser Stelle nachlesen. Weitere Reisegeschichten von Meike Becker gibt es auch in ihrem Blog.

 

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Vegan23.Aug 2018

Sommerfest in Berlin: Veganer Lifestyle für Jedermann

Sommerfest in Berlin: Veganer Lifestyle für Jedermann

Schlemmen, shoppen, informieren: Am kommenden Wochenende wird der Berliner Alexanderplatz zum Zentrum der veganen Szene. Bereits zum 11. Mal steigt das größte Vegane Sommerfest Europas. Die Organisatoren setzen dabei auf Genuss, Austausch und Mitmach-Angebote.

Von den neuesten veganen Food-Trends über Kochshows bis hin zum Tattoo – natürlich gestochen mit veganer Tinte: Auf dem Veganen Sommerfest in Berlin können Besucher die pflanzenbasierte Lebensweise in all ihren Facetten entdecken. Neben verschiedenen NGOs und Anbietern aus dem Ernährungsbereich sind auch Aussteller aus der Kosmetik- und Modebranche vor Ort. Mabel Killinger, Projektmanagerin bei der Ernährungsorganisation ProVeg, ist mit der Planung des Festes betraut. Im Interview erklärt sie, was die Besucher auf dem Fest im Herzen Berlins erwartet – und wie man auch mit Kritikern des Veganismus ins Gespräch kommen will.

Frau Killinger, ist jemand, der ab und zu Fleisch isst, am Wochenende auf dem Berliner Alexanderplatz gut aufgehoben?

Absolut. Das Vegane Sommerfest ist eine sehr positive Veranstaltung, auf der jeder vorbeischauen kann – egal ob Veggie-Neuling, -Skeptiker oder -Kritiker. Wir haben für den Austausch ein Zelt geplant, in dem  Interessierte auf alte Hasen der Szene treffen, die für Fragen zur Verfügung stehen. Da kommen immer wieder Leute, die zum Beispiel Bedenken haben, dass die Umstellung auf eine vegane Lebensweise zu kompliziert ist. Hier bekommen sie Antworten. Das Schöne ist, dass wir mit dem Alexanderplatz in Berlin eine sehr zentrale Location haben. Da kommen oft Leute ganz zufällig vorbei und zum ersten Mal mit veganen Produkten in Berührung.

Was gibt es für die Besucher zu entdecken?

Wir haben natürlich ganz viele Aussteller aus der Food-Branche, aber auch Handelsstände für Mode und Kosmetik sind vertreten. Tierrechtsorganisationen und NGOs aus dem Umweltbereich informieren über ihre Themen, es gibt Kochshows mit Leuten wie der veganen Bloggerin Anna-Lena Klapp oder Kochbuchautorin Sophia Hoffmann, eine Kunstversteigerung, ein Workshop-Zelt, in dem man selbst veganen Käse oder Energie-Bällchen herstellen kann. Für die Kleinsten haben wir ein Kinderzelt und für die Älteren erstmals einen Loungebereich zum Entspannen. Und wer Interesse an einem kleinen Souvenir für die Ewigkeit hat, für den gibt es ein Tattoo-Zelt. Dort wird natürlich mit veganer Tinte und veganen Materialien gearbeitet. 2017 kamen 65.000 Besucher. Es dürfen gerne noch mehr werden.

Wenn Fleischesser auf Veganer treffen, gibt es häufig sehr emotionale Diskussionen. Haben Sie auf dem Fest schon hitzige Momente erlebt?

Bislang hatten wir noch keinen Moment, der unangenehm gewesen wäre. Die Leute, die vorbeischauen, sind eher interessiert und fragen nach, wie und wo man sich genauer informieren kann. Wir haben beispielsweise einen Milch-Stand, an dem nur über pflanzliche Milch informiert wird. Da fragen immer sehr viele Leute nach den Vor- und Nachteilen der einzelnen Alternativen.

A propos Nachteile: In unserer letzten Ausgabe zum Veganismus stritten Köchin Sarah Wiener und Veganz-Gründer Jan Bredack leidenschaftlich über die Bessere Ernährungsform. Sarah Wiener kritisierte vor allem, dass „vegan“ häufig einher geht mit vielen Zusatzstoffen. Wie handhaben Sie das? Haben Sie spezielle Kriterien für die Aussteller?

Wir schauen vor allem darauf, dass das Produkt vegan ist. In Sachen Zusatzstoffe ist schon ein wachsendes Bedürfnis erkennbar, die Listen der zugesetzten Stoffe zu verkürzen. Aber wir schließen keinen Hersteller wegen seiner verwendeten Menge an Zusatzstoffen aus. Meistens sind es bei veganen Produkten ohnehin nicht so viele. Es ist allerdings kein allzu großes Thema bei uns. Auch bei den Besuchern nicht.

Auch Unternehmen wie Wiesenhof und Rügenwalder Mühle bieten seit einiger Zeit Fleischalternativen an. Hatten Sie Anfragen aus dieser Branche?

Nein. Es kommen zwei Unternehmen, die Tofu-Produkte herstellen, die aber nicht als „Veggie-Wurst“ oder ähnlich deklariert werden. Aber selbst wenn: Das ist eben Bestandteil der Bewegung. Man sollte jeder Richtung Raum geben, sobald dieser Raum gewünscht ist. Manche Besucher sind sehr auf möglichst gesunde Ernährung aus und wollen nur das Produkt an sich, die Pflanze selbst genießen. Andere sind Fan von Fast Food. Ich finde das nicht schlimm. Jeder hat seine eigene Art und Weise, wie er sich ernähren möchte. Da machen wir keine Vorschriften.

Vegane Ernährung ist zwar oft gesund und immer tierfreundlicher, aber nicht automatisch bio und fair. Ein populäres Beispiel ist die Avocado, für deren Produktion in südamerikanischen Ländern Menschen dursten müssen, ehe die Früchte CO2-intensiv durch die halbe Welt geschickt werden. Wie gehen Sie auf dem Fest mit solchen Widersprüchen um?

Die Entscheidung für vegane Ernährung wird aus unterschiedlichen Gründen getroffen. Ob Umweltgründe, ethische oder gesundheitliche Gründe überwiegen, ist sehr individuell. Und das Vegane Sommerfest soll auch eine Plattform sein für Leute, die sich ganz neu mit dem Thema beschäftigen möchten. Entsprechend gehen wir damit um. Wir haben unsere fünf Pro-Argumente, mit denen wir arbeiten und versuchen, vonseiten ProVeg jeden Bereich abzudecken. Wir sind grundsätzlich offen für alles und jeden, der sich bei uns anmeldet und ausstellen möchte. Vielen Ausstellern ist es ohnehin ein Anliegen, auf den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte zu achten. Wir entscheiden dann nach bestem Gewissen, was zu dem Charakter des Festes und zu den Wünschen unserer Besucher passt. Wir gehen auch darauf ein, wenn Besucher auf unserer Facebook-Seite schreiben, dass ihnen etwas nicht gefallen hat. Zum Beispiel gab es einigen Besuchern zu viel Einweggeschirr auf dem Fest. Deswegen haben wir dieses Jahr die Aussteller stärker sensibilisiert, Mehrweg-Geschirr zu verwenden und die Besucher animiert zum Beispiel eine Tupperdose oder einen eigenen Becher für Getränke mitzubringen, damit kein zusätzlicher Müll entsteht.

Interview: Simon Neumann

Aufmacherbild: Björn Fehl

Mehr Informationen zum 11. Veganen Sommerfest auf dem Alexanderplatz in Berlin gibt es hier. Der Eintritt ist frei.

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postwachstum21.Aug 2018

Degrowth-Konferenz in Malmö: Was kommt nach dem Wachstum?

Degrowth-Konferenz in Malmö: Was kommt nach dem Wachstum?

Was soziale und grüne Politik angeht, gelten die Länder Nordeuropas vielen als vorbildlich. Doch auch hier kann von einem entschiedenen Wandel zur Nachhaltigkeit nicht die Rede sein. Das thematisiert die 6. Internationale Degrowth-Konferenz diese Woche in Malmö.

Die Umweltphilosophin Barbara Muraca veranschaulicht das Problem mit dem Wachstum gern mit einer Fahrrad-Metapher: „Stellen Sie sich ein Fahrrad in voller Fahrt vor. Damit es nicht umkippt, muss man immer weiterfahren. Und wenn man nun nicht nur weiterfahren müsste, sondern sogar immer schneller treten, damit das Fahrrad nicht umfällt – das wäre doch verrückt?“

Unsere Gesellschaft strampelt sich auf solch einem verrückten Fahrrad ab. Wir haben es uns selbst gebaut. Es ist unser Wirtschaftssystem, das Wachstum braucht und noch mehr Wachstum, um stabil zu bleiben. Gleich schnell fahren, ebenso viel produzieren und konsumieren wie in der Vergangenheit – das nennen wir Stagnation, eine Krise. Bremsen? Wäre in unserem System fatal.

Aber die Ressourcen unseres Planeten sind endlich. Und Zahlen bestätigen den intuitiven Verdacht, dass das ein Problem ist. Der Earth Overshoot Day, also jener Tag, an dem rechnerisch die Ressourcen „aufgebraucht“ sind, die uns jährlich zur Verfügung stehen, kommt jedes Jahr früher. Im laufenden Jahr überzieht die Menschheit ihr „Budget“ bereits ab dem 1. August, lebt also ressourcenmäßig auf Pump. Wenn wir so weitermachen wie bisher, hinterlassen wir unseren Enkelinnen und Enkeln eine Welt nicht nur mit zerstörten Umweltsystemen, sondern auch mit mangelnden Ressourcen.

Schweden und Deutschland wollen Vorreiter sein – sind aber noch lange nicht nachhaltig

Doch wie kommen wir weg vom Wachstumszwang? Genau das ist die Frage, die mehr als 700 Menschen diese Woche auf der 6. Internationalen Degrowth-Konferenz in Malmö diskutieren. Barbara Muraca ist eine von ihnen. „Dialoge in turbulenten Zeiten“ haben die Veranstalter vom Institute for Degrowth Studies, also dem Institut für Postwachstums-Studien, im Jahr 2018 als Motto gewählt. Denn selbst die skandinavischen Länder, die vom Rest der Welt gern als Vorbilder in Sachen grüne und inklusive Politik dargestellt werden, sind vom notwendigen Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise noch weit entfernt. „Die CO2-Emissionen, die durch unseren Konsum entstehen, sind zu hoch. Seit Anfang der Neunzigerjahre sind sie nicht gesunken, denn was durch Effizienz gewonnen wurde, haben wir durch Mehrkonsum wettgemacht“, sagt Ellie Cijvat, Vorsitzende der Umweltorganisation Friends of the Earth in Schweden und Leiterin des Instituts für Physik und Elektrotechnik an der Linné-Universität in Småland. „Die Politiker sprechen stolz von einer Reduktion der Treibhausemissionen. Die aber betrifft nur die Produktion im eigenen Land und nicht unseren Konsum, der all das beinhaltet, was wir aus China und anderen Ländern importieren. Das macht viele Schweden selbstzufrieden. Sie halten ihr Land für perfekt.“

Rauchwolken ziehen Mitte Juli nahe dem Ort Ljusdal über Schweden, das in diesem Sommer die schwersten Waldbrände der letzten Jahrzehnte erlebte: Auch Skandinavien ist von den Folgend des Klimawandels betroffen.   Foto: picture alliance/AP photo

Ähnlich sieht es in Deutschland aus. Man ist stolz auf die Energiewende und darauf, dass der Müll besser getrennt wird als anderswo. Gleichzeitig verbrennt die Bundesrepublik noch immer mehr klimaschädliche Braunkohle als jedes andere Land der Welt und liegt beim Abfallaufkommen europaweit an der Spitze. Nach Berechnungen des Global Footprint Networks würden wir drei Planeten brauchen, wenn alle Welt so konsumieren würde wie die Deutschen – und um den schwedischen Lebensstil aufrechtzuerhalten, wären sogar 3,8 Planeten nötig. Doch solche Zahlen werden leicht verdrängt, auch, weil sich die Politiker nicht trauen, die Industrie tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen. Sie bangt um Wohlstand, Arbeitsplätze, Steueraufkommen – eben ums Wachstum. Wenn Umweltpolitik all das infrage stellte, wer würde dann noch dafür stimmen? Diese Frage ist in Schweden im Moment besonders relevant, denn dem Land stehen im September Parlamentswahlen bevor. Die Hitze und die anhaltenden Waldbrände dieses Sommers haben das Interesse der Bevölkerung für Klimawandel und -schutz immerhin vergrößert. In einer Umfrage der Beratungsagentur Demoskop nannten die Schweden das Klima nach der Migration am zweithäufigsten als wichtigstes politisches Thema.

Degrowth fordert radikale Veränderung

Auf der Konferenz in Malmö werden die beiden Fragen in Zusammenhang gebracht. Durch die Erderwärmung gehen der Menschheit Siedlungsräume verloren. Gleichzeitig ist die ökonomische Ungleichheit ist eine zentrale Ursache für Migration. Für Degrowth stellt sich deshalb die Frage: Wie können wir weltweit gut miteinander leben? Dabei sind die Forscherinnen und Aktivisten der Bewegung darauf bedacht, nicht die Fehler der kolonialen Vergangenheit zu wiederholen. Es geht nicht darum, dass die Industrieländer dem globalen Süden erklären, was ein guter Lebensstil ist – sondern darum, hier bei uns anzusetzen, um die Strukturen zu verändern, die uns an Wachstum und die damit einhergehende Ausbeutung von Mensch und Natur binden.

Ein Blick ins Programm zeigt, wie viele Bereiche die notwendige Veränderung betrifft. Es wird um Arbeitszeitverkürzung gehen und um die Frage, wem natürliche Ressourcen gehören und gehören sollten. Um Rechtssysteme und darum, welchen Platz die Umwelt darin einnimmt. Um die Rolle technologischer Fortschritte im Wandel: Erlaubt uns zum Beispiel die Digitalisierung vieler Jobs mehr Freiheit, oder macht sie uns noch abhängiger von großen Konzernen, seltenen Materialen und immer mehr Energie? Auch feministische Fragen werden diskutiert: Warum wird Sorge-Arbeit wie Kindererziehung und Pflege im Moment so gering geschätzt – und wie könnte man diese wichtigen sozialen Aufgaben anders gewährleisten als durch die jetzigen nationalen Sozialsysteme, die auf Steuergeld angewiesen sind und die bedroht sind, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst?

Die Fragen sind zahlreich und komplex, die Antworten oft noch bruchstückhaft. Umso wichtiger ist es für die Anhänger der Degrowth-Bewegung, sich auf Konferenzen wie dieser auszutauschen und zu vernetzen. „Um die Umwelt zu retten, brauchen wir vor allem eine neue Vision“, sagt Ellie Cijvat. „Wir müssen es schaffen, Alternativen aufzuzeigen, die viele Menschen einbezieht. Gerechtigkeit, Verteilung und Umwelt müssen zusammen gedacht werden.“

Degrowth-Rednerin Ellie Cijvat von Friends of the Earth Schweden   Foto: Olof Holmgren

Die Postwachstumsidee setzt dem Bild des rücksichtslosen Homo oeconomicus, der stets auf den eigenen Vorteil in einem immerwährenden Wettbewerb bedacht ist, ein Menschenbild entgegen, das auf gegenseitigem Respekt und Solidarität basiert, auf der Möglichkeit, auf manche Annehmlichkeit zu verzichten, damit genug für alle da ist. Zum Beispiel auf Flugreisen. Degrowth stellt das „schneller, besser, größer“ unserer Gesellschaft infrage und setzt auf Entschleunigung – das Symbol der Bewegung ist eine Schnecke. Aber den Anhängern ist auch bewusst, dass individuelle Entscheidungen nicht ausreichen, um den Wandel herbeizuführen, der zur Rettung von Umwelt und Klima nötig ist. Sie sind der Ansicht, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen ändern müssen, damit sich eine nachhaltige Lebensweise im großen Stil durchsetzen kann.

Und langsam, aber stetig, wächst die Bewegung. Postwachstum wird inzwischen in Universitäten und Sommerschulen diskutiert. Im September veranstalten Abgeordnete des Europäischen Parlaments aus den sechs großen Fraktionen zu diesem Thema eine Konferenz in Brüssel. Wie können wir gut miteinander leben? Wie können wir das Fahrrad, das niemals langsamer werden darf, neu konstruieren, wie können wir die Wirtschaft so gestalten, dass sie Mensch und Natur nützt, statt ihnen zu schaden? Diese Fragen haben das Potenzial, viele Menschen anzusprechen. Auch – oder gerade – in turbulenten Zeiten wie unseren.

Ruth Fulterer

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Artenschutz20.Aug 2018

Eine Stadt für Schmetterlinge: So setzen sich Hamburger für Falter ein

Eine Stadt für Schmetterlinge: So setzen sich Hamburger für Falter ein

Freiwillige arbeiten daran, die Hansestadt in eine falterfreundliche Metropole zu verwandeln. Wir haben eine Gruppe für einen Tag dabei begleitet. Folgen Sie uns auf die Schmetterlingswiese!

Über das Insektensterben kann man jammern, man kann lamentieren und daran verzweifeln – oder selbst etwas tun. Die 15 Menschen, die an diesem Samstag im August bei strahlend blauem Himmel auf einer Wiese im Nordosten von Hamburg stehen, haben sich entschieden. Über ihnen kreist ein Mäusebussard-Pärchen und vor ihnen breitet sich eine weite, leicht gewellte Fläche aus, die von einer dichten, trockenen Grasdecke überzogen ist, lediglich unterbrochen von kleinen Teichen und einigen Erlen- und Birkenhainen. Ein Paradies für Schmetterlinge.

Aurorafalter, Kohlweißlinge, Hauhechelbläulinge und Ochsenfalter, sie alle lieben die sandigen Böden hier in der Osdorfer Altmark, die Trockenwiesen sind ihr zuhause. Die dünenartige Landschaft, durch die sich ein kleiner Bach schlängelt, lockt zudem Rehe, Hasen und Füchse an, auch Amphibien wie Erdkröten und Wasserfrösche fühlen sich hier wohl. „Allein an den Schlehen leben 110 Insektenarten, die da Nahrung finden, Eier ablegen und dort leben“, erklärt Andreas Lampe, Mitarbeiter des Naturschutzbundes (Nabu), der die heutige Aktion begleitet. Er lugt unter seinem Strohhut hervor und lässt den Blick über das Naturschutzgebiet schweifen. Es ist ein guter Ort, nicht nur, aber auch für Schmetterlinge. Damit das so bleibt, wollen 15 Freiwilligen heute hier die Ärmel hochkrempeln und einen Teil des hüfthohen Grases mähen. Die wilden Wiesen zu stutzen, das nützt den Schmetterlingen.

Aber beginnen wir von vorn: Hamburg soll eine Stadt der Schmetterlinge werden – dieses Ziel hat der Nabu 2017 ausgerufen. Vor einem Jahr legte er gemeinsam mit der Stadtverwaltung und anderen Partnern den Grundstein für mehr Falterschutz. Denn auch in Hamburg ist der Bestand der Schmetterlinge in den letzten 50 bis 100 Jahren erheblich zurückgegangen. Ein Großteil der Tagfalterarten steht auf der Roten Liste und gilt als gefährdet, etwa die Hälfte der vor 100 Jahren in Hamburg vorkommenden Arten ist verschwunden.

Andreas Lampe (rechts), Leiter der Nabu-Aktion zum Schutz der Schmetterlinge, zeigt einem Teilnehmer aus Hamburg, wie die „Mahd“ funktioniert. Foto: Julia Lauter

Das Projekt ist nach dem Aurora-Falter benannt. Der Schmetterling ist ein Frühlingsbote, im Frühjahr kann er bis heute überall in der Stadt beobachtet werden (charakteristisch sind die weißen Flügel, die beim Männchen mit einem orange leuchtenden Punkt versehen sind; die Flügelunterseite ist grün-weiß gefleckt). Der Aurora-Falter ist in Hamburg zwar nicht gefährdet, die Bestände werden jedoch kleiner. Er gilt als ein guter Indikator für den Zustand der biologischen Vielfalt in den dichter besiedelten Stadtbereichen. Denn wie alle Schmetterlinge ist auch er sehr sensibel und reagiert schnell auf Umweltveränderungen. In der Stadt gibt es noch relativ viel Biodiversität im Gegensatz zu weiten Teil der „vermaisten“ und „verrapsten“ Agrarlandschaft. Im urbanen Raum machen den Insekten vor allem vier Dinge zu schaffen: das Verschwinden von freien Flächen, der Einsatz von Pestiziden, und dass die wenigen freie Flächen überdüngt und zu oft gemäht werden.

Zugegeben, es den Schmetterlingen recht zu machen, ist nicht einfach: Die Tiere haben einen komplexen Lebenszyklus. Ei, Raupe, Puppe und erwachsene Tiere haben jeweils unterschiedliche und oft sehr spezifische Ansprüche an ihre Umwelt. Helfen kann man ihnen nur, indem man die Natur auch in der Stadt vielfältig hält, mal eine Wiese länger stehen lässt, dichte Hecken kultiviert, nicht jeden Tümpel trockenlegt und Platz schafft für ein bisschen Wildnis im Garten, auf dem Balkon oder im Park.

Die Schmetterlingsschutz-Maßnahme des Nabu heißt an diesem August-Samstag: Sensen schwingen. Lars Panzer, ein ehrenamtlicher Nabu-Mitarbeiter, der bei der Durchführung der heutigen Aktion hilft, erklärt der Gruppe, wie man mit der Handsense umgeht. Bis auf zwei Frauen sind heute fast nur Männer gekommen. Viele sind Anwohner und haben schon als Kinder an der Düpenau, dem kleinen Bach, der sich durch die Trockenwiese schlängelt, gespielt. Einige engagieren sich schon seit Jahren für den Erhalt des Naturschutzgebietes, andere sind extra aus anderen Stadtteilen angereist. Eine Gruppe sechs Geflüchteter ist auch gekommen, sie wollen sich für den Umweltschutz engagieren, mal raus aus der Stadt, in der Natur arbeiten und dabei ihr Deutsch erproben, so erzählt es einer von Ihnen. Eine bunte, motivierte Truppe, die heute dem Wildwuchs des Naturschutzgebietes zu Leibe rückt.

Für die Wiesenbewohner ist das in jedem Fall ein starker Eingriff: Gerade die Raupen und Puppen der Falter sind den Sensenblättern schutzlos ausgeliefert. Und die bereits geschlüpften Falter finden auf einer frisch gemähten Wiese zunächt keine Nahrung. „Bei jedem Mähvorgang wird mindestens 1/10 bis 1/3 der auf einer Wiese lebenden Tiere getötet“, erklärt Frank Röbbelen, Gründer der Fachgruppe Entomologie Nabu Hamburg. Warum dann überhaupt mähen? Ganz ohne die sogenannte „Mahd“ werden die Wiesen zur Brache und die Falter verlieren auf lange Sicht ihr Zuhause. Das Mähen ist also für die Wiesen bewohnenden Insekten eine unverzichtbare Voraussetzung für ihre Existenz und gleichzeitig eine elementare Bedrohung. Die Lösung des Dilemmas: so spät wie möglich mähen, so dass weniger Eier, Raupen und Puppen betroffen sind. Und auf die Teilmahd setzen: Wenn ungemähte Ausweichflächen zur Verfügung stehen, erklärt Frank Röbbelen, können sich die betroffenen Tiere während der Mahd dorthin flüchten und die Schäden hielten sich in Grenzen.

„Was wir hier machen kommt natürlich nicht nur den Schmetterlingen zugute“, erklärt der ausgebildete Forstwirt Andreas Lampe, „das ganze Naturschutzgebiet profitiert von diesen Maßnahmen.“ Nicht der Erhalt einer Art, sondern die Pflege ganzer Lebensräume müsse im Mittelpunkt des Engagements stehen. Während Rechen, Sensen und Arbeitshandschuhe verteilt werden, begrüßen die Teilnehmer freudig vorbeifliegende Schmetterlinge, einige können sie sogar bestimmen (ein Kohlweißling, ein Kleiner Feuerfalter). Die meisten der Anwesenden sind jedoch nicht nur wegen der Tagfalter hier, es geht ihnen um mehr: Sie wollen mithelfen, die Artenvielfalt zu erhalten – und einen schönen Sommertag in der Natur verbringen.

Obwohl hier mit viel Energie gearbeitet wird, braucht es mehr als eine Gruppe Freiwillige, um eine Stadt schmetterlingsfreundlich zu machen. „Der Nabu allein kann den Bestand der Schmetterlinge in Hamburg nicht retten“, erklärt auch Tobias Hinsch, Geschäftsführer des Nabu Hamburg. „Dank des fachlichen Know-hows unserer Insektenexperten können wir jedoch Firmen und Verwaltungen beraten und mithelfen, schmetterlingsgerechte Mahdkonzepte für Betriebsgelände oder Grünflächen zu erstellen.“ Seit dem Start des Projekte 2017 konnten die Naturschützer zwei Unternehmen für ihr Vorhaben gewinnen, darunter auch der Trinkwasserversorgunger „Hamburg Wasser“ und die „Hamburger Friedhöfe“, die unter anderem die größten Parkfriedhöfe Ohlsdorf und Öjendorf betreiben. Die Flächen dieser Unternehmen werden nun insektenfreundlich zu unterschiedlichen Zeiten gemäht. Das verursacht den Firmen keinen betrieblichen Mehraufwand und lässt den Nabu hoffen, sich mit kleinen Schritten der Vision der „Stadt der Schmetterlinge“ zu nähern.

Nach knapp fünf Stunden Arbeit hat sich das Naturschutzgebiet sichtbar verändert: Ein Teil des hohen Grases ist abgemäht, am Rand des Feldes liegen hohe Berge von Mahdgut. Alle Naturschützer sind verschwitzt, die letzten Wasserflaschen werden geleert, Aufbruchstimmung macht sich breit. „Das Blatt, auf dem die Raupe lebt, ist für sie eine Welt, ein unendlicher Raum“, schrieb der Philosoph Ludwig Feuerbach Mitte des 19. Jahrhunderts, und jetzt, wo die Freiwilligen alle Ecken des Naturschutzgebietes durchkämmt haben, fühlt sich der Falter-Kosmos wohl auch für sie ein bisschen mehr nach Unendlichkeit an. Zumindest machen alle einen ziemlich erschöpften Eindruck. Viel Arbeit für so ein paar Insekten, könnte man denken. Aber wenn zum Abschied ein paar Hauhechelbläulinge über die Wiese tänzeln, hat sich die Mühe vielleicht doch gelohnt.

Text und Aufmacherbild: Julia Lauter

Wenn Sie mehr über Artenschutz und Biodiversität erfahren möchten, werrfen Sie doch ein Blick in die aktuelle Ausgabe des Greenpeace Magazins. Ein Jahr nachdem Krefelder Forscher weltweit Schlagzeilen mit dem Nachweis gemacht haben, dass die Zahl der Fluginsekten dramatisch sinkt, gehen wir der Frage nach, was „Wahrer Reichtum“ ist – und wie wir ihn erhalten können.

 

 

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Künftig besser leben17.Aug 2018

Nachhaltigkeitsforscher Paech: „Wir brauchen die Rückkehr zum menschlichen Maß“

Nachhaltigkeitsforscher Paech: „Wir brauchen die Rückkehr zum menschlichen Maß“

Angesichts von schleppendem Klima- und Umweltschutz haben wir den Wissenschaftler Niko Paech gefragt, wie wir in Zukunft leben sollen. Vor allem genügsamer, antwortet dieser – und erteilt damit der Vorstellung eine Absage, technische Innovationen könnten unsere Umweltprobleme lösen. Stattdessen schlägt der Ökonom das Modell einer schrumpfenden Wirtschaft vor. Samt Zwanzig-Stunden-Arbeitswoche.

„Wie wollen wir 2025 leben?“, fragt die Auftaktveranstaltung der Utopie-Konferenz, die am Montag, den 20. August, an der Universität Lüneburg beginnt. Gemeinsam mit Studierenden und interessierten Bürgern diskutieren Niko Paech und andere Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber, wo wir als Gesellschaft hinmöchten und wie wir unsere Ziele erreichen. Zumindest Paech hat schon die Antworten parat. Im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin erzählt der Ökonom, wie Genügsamkeit zum Ziel führt – und warum sein eigener Zukunftsentwurf gar nicht utopisch ist.

Herr Paech, Sie sollen auf der Utopie-Konferenz über schöne neue Welten diskutieren. Wie sieht für Sie eine utopische Gesellschaft aus?

Ich selbst glaube nicht an Utopien. Mir geht es um nachhaltige und humane Zukunftsentwürfe. Und dafür bedarf es keiner neuen Ideen, denn wir haben schon alles, was wir brauchen, um unser Leben verantwortbar zu gestalten. Daher ist der von mir entwickelte Entwurf einer Postwachstumsökonomie ganz und gar nicht utopisch. Er orientiert sich an Lebensstilen und Versorgungssystemen, deren Elemente längst bekannt sind und früher bereits praktiziert wurden. Utopien sind zumeist moderne Versprechungen, denen gegenüber ich ein gewisses Unbehagen verspüre.

Was bereitet Ihnen da Unbehagen?

Dass wir brutal über unsere Verhältnisse leben. Und durch unseren Lebensstil, den wir als modernen Fortschritt verklären, das Überleben der menschlichen Zivilisation gefährden. In der aktuellen Situation zu sagen, wir müssten noch moderner werden, um die Folgen der vorangegangenen Modernisierung zu tilgen, ist absurd. Das ist wie Benzin ins Feuer zu gießen. Deshalb ist das Konzept der Postwachstumsökonomie nicht utopisch, sondern eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Viele als Modernisierung verklärte Vorstellungen wären rückgängig zu machen. Das betrifft die Mobilität, die Nutzung von Technik und den Konsum. Würden wir an den Ursachen ansetzen, müssten wir einfach nur genügsamer leben. Aber die Vorstellung, dass politische und technische Innovationen unsere Probleme lösen, ist bequemer, denn sie wälzt die Verantwortung ab – auf die Ebene einer Utopie. Und damit sind wir fein raus, denn die Utopie tritt per definitionem nie ein.  

Wie sollte es die neue bessere Gesellschaft mit der Umwelt halten?

Die Ökonomie wieder in die Ökosphäre einzubetten bedeutet, materielle Ansprüche zu senken. Nachhaltigkeit heißt, die Wirtschaft kleiner werden zu lassen und Handlungsmuster zu entwickeln, durch die Menschen befähigt werden, diese Situation zu meistern. Manche der notwendigen Alltagspraktiken haben wir früher beherrscht, aber im Modernisierungswahn verdrängt. Wenn ich mir überlege, was meine Eltern und Großeltern alles repariert haben, wie sorgfältig sie mit Gebrauchsgütern umgegangen sind und wie sesshaft sie waren. Das ist zwar nicht utopisch oder innovativ, aber dafür umso wirksamer. Zusätzlich bedarf eine Postwachstumsökonomie einer sozialpolitischen Flankierung: Das heißt, die verbleibende Arbeitszeit in einer nur noch halb so großen Wirtschaft, muss gerecht verteilt werden.

Niko Paech Portrait

Niko Paech forscht zur Postwachstumsökonomie und plädiert im Interview für Genügsamkeit, wenn wir unsere Ökosphäre noch retten wollen. Foto: Kay Michalak

Wie lebt es sich denn in einer Postwachstumsökonomie?

Das 40-Stunden-Arbeitsmodell wäre allmählich durch eine 20-Stunden-Woche zu ersetzen, um in einer schrumpfenden Wirtschaft Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die Menschen würden dann über eine geringere reale Kaufkraft verfügen, weil weniger produziert wird und weil sie weniger Einkommen haben. Dafür wird eine andere Ressource verfügbar, nämlich zwanzig Stunden an zusätzlicher Zeit. Und damit lassen sich deindustrialisierte und deglobalisierte Versorgungsstrukturen gestalten.

Das müssen Sie erklären. Was sind deindustrialisierte und deglobalisierte Versorgungsstrukturen?

Es geht um Selbstversorgung: Familien, Nachbarschaften, Gemeinden oder Kommunen könnten Güter selbst erzeugen und gemeinschaftlich nutzen. Und noch wichtiger ist es, das Bildungssystem und die Erziehung so zu verändern, dass jungen Menschen wieder handwerkliche Kompetenzen und materielles Improvisationsgeschick vermittelt werden. Dies ist nötig, um die Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen zu verlängern. Dazu trägt bei, Dinge zu pflegen, instand zu halten und zu reparieren. Wenn damit die Nutzungsdauer verdreifacht wird und zugleich viele Dinge wie Waschmaschinen, Werkzeuge und Autos gemeinschaftlich genutzt werden, lässt sich so viel Geld sparen, dass mit dem Einkommen einer 20-Stunden-Woche ein gutes Leben möglich ist. Wenn dann zusätzlich die Mobilität, insbesondere der Flugverkehr reduziert wird, kann es gelingen, die derzeit jährlich zwölf Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf um vier Fünftel zu senken – denn nur so kann die Ökosphäre noch gerettet werden.

Aber wie sollen denn alle Menschen lernen, sich künftig ihre Schuhe zu reparieren, ihre Kleidung zu nähen und ihr Essen anzubauen?

Es sollte nicht mehr so viel Geld in die Akademisierung fließen. Wir müssen jungen Leuten vermitteln, dass ein befriedigendes Leben auch als Handwerker möglich ist. Es kann nicht sein, dass inzwischen fünfzig Prozent aller Menschen akademisiert sind, die zumeist nichts mehr können, außer zu reden, zu schreiben, digitale Medien zu bedienen und unterwegs zu sein. Aber wenn sie ein Hemd oder Fahrradreifen reparieren sollen, sind sie überfordert. Da Akademiker selbst nichts herstellen können, müssen sie alles kaufen. Und so steigt in den Industrieländern nicht nur der Einkommens- und Konsumbedarf, sondern die Abhängig vom Weltmarkt, also die Absturzgefahr der Ökonomie. Wir benötigen ein anderes Gleichgewicht zwischen arbeits- und wissensintensiven Beschäftigungen.

Sind Sie selbst denn handwerklich geschickt?

Ich bin kein Handwerker, aber mein zehn bis zwölf Jahre altes Notebook habe ich immerhin gerade selbst repariert. Das war eine Fummelei von zwei bis drei Stunden und ich musste mich mit einigen Youtube-Tutorials weiterbilden. Aber immerhin konnte ich herausfinden, warum der Rechner nicht mehr startet, und den Fehler beheben. Jetzt läuft er wieder einwandfrei.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Johannes Schmitt-Tegge/dpa

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Plastikmüll15.Aug 2018

Wie Sie beim Picknick auf Plastik verzichten können

Wie Sie beim Picknick auf Plastik verzichten können

Laut UN-Generalsekretär António Guterres hat Plastik das Potenzial, langfristig eine globale Katastrophe auszulösen. Die EU-Kommission will Einwegplastik wie Strohhalme und Rührstäbchen verbieten. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie beim nächsten Picknick schon jetzt den überflüssigen Plastikmüll vermeiden können.

Die Sonne scheint und hat offenbar nicht vor, so schnell wieder damit aufzuhören. Es ist die perfekte Zeit für Grillpartys und Picknicks im Park. Das sieht man den Grünanlagen leider auch ziemlich schnell an: rußige Einweggrills, Plastikmesser, Pappteller und bunte Strohhalme quellen im Bestfall aus den Mülleimern, sprenkeln aber oft auch die Wiesen. Selbst wer seinen Abfall in eigens dafür mitgeführten Müllbeuteln wieder mit nach Hause nimmt, hat am Ende einen Haufen Müll produziert.

Und dieser gelangt über Flüsse, Strände, Schiffe und das Abwasser ins Meer. Mindestens acht Millionen Tonnen sind das jedes Jahr, haben Forscher der britischen Ellen MacArthur Foundation berechnet. Geht das so weiter, könnte das Plastik in den Ozeanen im Jahr 2050 mehr wiegen als alle Fische zusammen. Angesichts dessen rief der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, im vergangenen Jahr die Staatengemeinschaft dazu auf, „kurzfristige nationale Gewinne“ zurückzustellen, um eine langfristige globale Katastrophe zu verhindern. Und siehe da, die EU-Kommission reagierte und stellte Ende Mai ihre Pläne vor, immerhin kleine Wegwerfartikel wie Strohhalme, Luftballonhalter und Rührstäbchen zu verbieten. Das muss erstmal mit dem EU-Parlament und den Mitgliedsstaaten verhandelt werden, aus Deutschland kommt aber schon mal Zustimmung: „Da, wo man Plastik heute schon gut ersetzen kann, also bei den Einwegartikeln, da sollte man das auf europäischer Ebene regeln und schrittweise aus dem Verkehr nehmen“, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Deutschland gehört mit 37 Kilogramm pro Kopf und Jahr zu den Spitzenreitern der Plastikmüllverursacher.

Es gibt jetzt schon nachhaltige Alternativen zu Plastikstrohhalmen, Alufolie & co

Aber warum langwierige EU-Verhandlungen abwarten? Langlebige und biologisch abbaubare Alternativen für Einwegplastik sind längst auf dem Markt. Essen außerhalb der eigenen vier Wände muss nicht zwangsläufig in Einwegverpackungen stecken und auf Wegwerftellern liegen. Der Sommer ist (hoffentlich) noch lang, es könnte glatt passieren, dass Sie nochmal picknicken werden. Da wollen Sie doch nicht wieder bei null anfangen! Dass es Grills, Teller und Besteck in einer Form zu kaufen gibt, dass man sie beliebig wiederverwenden kann, sollte niemanden mehr überraschen. Wie sieht es mit dem anderen Plastikkram aus, der da so unschön zwischen den Grashalmen am Boden liegt?

Nehmen wir etwa den Strohhalm: Nach Berechnungen der Umweltorganisation „Seas at Risk“ verbraucht jeder EU-Bürger davon durchschnittlich 70 Stück im Jahr. Klingt nicht so viel? Insgesamt sind das 36 Milliarden Plastikhalme. Dieser Müll wäre einfach zu vermeiden, denn es gibt Trinkhalme längst in der Mehrwegvariante aus Edelstahl oder Glas – stabil, spülmaschinenfest, in unterschiedlichen Größen, mit und ohne Knick. Wer seinen Halm trotzdem lieber wegwerfen will, kann auf biologisch abbaubare Produkte zurückgreifen, zum Beispiel auf den Klassiker aus Stroh. Hersteller bieten solche Exemplare zum Beispiel schon aus in Deutschland biologisch angebautem Stroh an. Nur: Weil das Stroh wächst wie es will, variiert der Durchmesser von Halm zu Halm.

Das Eishörnchen als nachhaltiger Klassiker

Gut, müllfrei trinken ist schon mal kein Problem. Aber was ist mit den Frischhalte- und Alufolien, die daheim zubereitete Nudelsalate und geschmierte Brote schützen? Nun, auch die lassen sich durch eine mehrfach verwendbare Alternative ersetzen: Wachstücher. Allerdings nicht die Meterware, die auch auf dem Gartentisch liegt, die ist nämlich meist aus mit PVC beschichtetem Gewebe, und dessen Weichmacher hält man besser von seinem Essen fern. Unbedenklich ist hingegen Bienenwachs. Solche Wachstücher kann man entweder fertig kaufen, oder ganz einfach selber machen: Baumwollstoff zuschneiden, auf Backpapier ausbreiten, Bienenwachs darauf verteilen (als Granulat oder mit der Käsereibe gerieben), nochmal Backpapier oben drauf, bügeln, fertig.

Allerdings gibt es eine Methode auf Müll zu verzichten, die schon ein Klassiker ist: das Eishörnchen aus Waffelteig. Hier isst man die Verpackung einfach mit.

Svenja Beller

Aufmacherbild: picture alliance/imageBROKER

 

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Karriere in grün13.Aug 2018

Wie wir mit Hightech in der mongolischen Wildnis forschen – und die Technik versagt

Wie wir mit Hightech in der mongolischen Wildnis forschen – und die Technik versagt

Zwei Monate in der Wildnis überleben und forschen: Drei junge Wissenschaftlerinnen zählen bedrohtes Rotwild in der Mongolei. Damit wollen sie überprüfen, ob die Population sich erholt. Doch das Gelände ist unwegsam, die Möglichkeiten des Forschungsteams sind begrenzt. Da ist es gut, eine Drohne für Luftaufnahmen der Tiere dabeizuhaben. Doch dann stürzt das Fluggerät ab.

In unserer Serie „Karriere in grün“ stellen wir junge Menschen vor, die ihr Engagement für Umwelt, Natur und Gesellschaft zum Beruf machen. Die Reihe startet mit Meike Becker, die Ökosystemmanagement an der Universität Göttingen studiert. In der ersten Folge hat die 24-Jährige erzählt, wie sie und zwei Kolleginnen in der Mongolei angekommen sind, um die Rotwild-Population vor Ort zu bestimmen. In der zweiten Folge wird es ernst. Meike Becker berichtet, wie gleich zu Beginn der Studie etwas schiefgeht.

Ein scharfes Zischen zerschnitt die kalte Luft. Die Hunde sprangen bellend auf. Sie stürzten sich auf den Punkt, an dem eben noch ein kleines silbernes Gerät im Gras gestanden hatte. Doch nun war das funkelnde Etwas aufgestiegen und schwebte über unseren Köpfen. Es war die Drohne – unser Arbeitsgerät, mit dem wir den Rotwildbestand zählen wollten. Ich befand mich mit meinen Kolleginnen in einem Tal des Gorchi-Tereldsch-Nationalparks in der Mongolei. Hier wollten wir die ersten Luftbildaufnahmen für unsere Studie machen.

Christina starrte auf das iPad, welches sie zusammen mit dem Controller der Drohne in ihren Händen hielt. Die Stirn in Falten gelegt, blickte sie auf das Bild, das die Drohne an das iPad sendete: eine weite beige-grüne Ebene, durch die sich ein Fluss schlängelte. Links und rechts des Laufs kleine, braune Weidenbüsche. Ansonsten keine Strukturen, außer des Trampelpfads, auf dem wir gekommen waren. Außerdem sahen wir auf dem Bildschirm des iPads uns selbst oder besser gesagt unsere Köpfe, die nach oben schauten: Das waren meine Kollegin Susanne und ich. Ein Kopf allerdings war gesenkt. Die Projektleiterin Christina samt Schlapphut schaute immer noch nach unten, auf das iPad und verfolgte die Route des Fluggeräts, das mit seinem Surren und Brummen die Idylle des Tals störte – und in der einsamen, unberührten Natur fehl am Platze wirkte. Endlich tippte Christina auf das Display, es war der Befehl zum Durchstarten: ein letztes lautes Summen und die Drohne verschwand in die kühle Berglandschaft – auf ihre tägliche Mission.

Eine Woche waren wir nun schon auf Forschungsreise im Gorchi-Tereldsch-Nationalpark und immer noch mussten wir darauf warten, uns zuhause zu fühlen. Denn die kleine Hütte, in der wir lange geplant hatten zu leben, war „unbewohnbar“, wie uns der Ranger auf Mongolisch mitgeteilt hatte. Der Grund: Ein Fenster war kaputt. Zumindest hatte Christina das so verstanden. Sie hatte im Vorfeld der Forschungsreise einen Mongolischkurs belegt und dadurch wenigstens eine leise Ahnung, was unseren Einzug ins mongolische Zuhause verhinderte. Bisher lebten wir provisorisch in einer Jurte, also einem traditionellen runden Zelt, in dem die Nomaden der Mongolei bis heute wohnen.

Forscherinnen um Meike Becker

Die drei Forscherinnen am Lagerfeuer (von links nach rechts): Christina Stinn (Projektleiterin), Meike Becker (Feldassistentin), Susanne Kandert (Feldassistentin). Foto: Oliver Donnerhack

Der Parkdirektor hatte uns bei einer hier lebenden Familie abgeladen und uns per Handzeichen deutlich gemacht, dass wir bei ihnen willkommen seien. Für wie lange und zu welchen Konditionen wussten wir nicht. Die kleine Familie lebte nebenan, während wir die Gästejurte bezogen. Klein, aber heimelig und mit richtigen Betten darin, gewöhnten wir uns an das provisorische Zuhause und vergaßen zwischendurch immer wieder die Sorgen um die ungewisse Wohnsituation.

Mit der Arbeit hatten wir trotz allem schon einmal begonnen. Insgesamt hatten wir 47 Wegstrecken im Gelände des Nationalparks vorbereitet, jede von ihnen bestand aus einem Dreieck, bei dem jeder Schenkel zwei Kilometer Luftlinie maß. Insgesamt also sechs Kilometer Strecke über Stock und Stein. Einige dieser Gebiete waren recht nah an unserer Jurte gelegen, sodass wir deren Startpunkt zu Fuß erreichen konnten. Andere lagen weiter das Tal hinauf, sodass wir mit Pferden zunächst sechs bis zwölf Kilometer zurücklegen mussten, bis wir an den Startpunkt gelangten, den uns das GPS-Gerät anzeigte. Zu unserer Ausrüstung gehörten außer diesem Gerät, die Drohne samt Steuerausrüstung, eine Kamera, Ferngläser, Entfernungsmesser und ein Notizbuch mit Bleistift. Am Startpunkt eines Teilgebietes ließen wir zunächst die Drohne die Strecke abfliegen, wobei sie Luftbilder aufnahm. Danach liefen wir zu Fuß das schwierige Gelände ab, um eine gute Vergleichsmöglichkeit der Drohnendaten mit den am Boden gezählten Spuren von Rothirschen zu schaffen.

Reiterinnen in Mongolei

Um zu den Startpunkten ihrer Forschungsrouten zu gelangen, müssen die Frauen teilweise lange Strecken zu Pferd zurücklegen. Foto: Drohnenaufnahme von Christina Stinn

Hierbei gab es keine Wege und nicht mal dem, im Vergleich zur Umgebung so erholsamen Trampelpfaden der Tiere, konnten wir folgen. Die Herausforderung war, dass wir für einen aussagekräftigen Vergleich der Methoden stets auf der Linie bleiben mussten, die uns das GPS-Gerät anzeigte. Während die Drohne für uns Luftbilder als Daten für die Zählung des Rotwildes sammelte, vergnügten wir uns am Boden mit der Aufnahme von sogenannten Losungsdaten: Das heißt, sollten wir auf unserem Weg durchs Unterholz irgendwo den Dunghaufen eines Rothirsches sehen, dann mussten wir alles feinsäuberlich, wie einen Tatort, dokumentieren und ein Foto schießen. Erst dann konnten wir unseren Streifzug fortsetzen – bis zum nächsten Kothaufen.

Nach und nach entwickelten wir ein Gefühl dafür, wo sich die Hirsche aufhielten, wenn wir sie selbst auch nur sehr selten zu Gesicht bekamen. Gerade als wir uns unserer bevorstehenden Arbeit sicher waren und der Verlaufsplan stand, passierte etwas, das wir nicht eingeplant hatten. Kurz nachdem Christina die kleine Drohne auf ihre Mission geschickt hatte, begann das Bild auf dem iPad unruhig zu werden. Die Gipfel der Bäume schienen näher zu kommen, das Bild ruckelte und Christina sah mit einem Mal den Himmel durch das dichte Kronendach: die Drohne lag rücklings am Boden.

Wir waren kurz starr vor Schreck und zunächst ratlos, was nun zu tun sei. Aber der Absturz sollte nicht das Ende unserer Reise bedeuten, auch wenn es für die nächsten Stunden so schien. Mühsam krackselten wir über Steine, durch Senken und schlugen uns durch das Gebüsch, um die verunglückte Drohne zu retten. Schließlich fanden wir sie an dem Fuß einer Lärche.

Text: Meike Becker / Redaktion: Nora Kusche

Aufmacherbild: Projektleiterin Christina Stinn mit Drohne; Foto von Meike Becker

Wie es mit den drei Forscherinnen in der Wildnis weitergeht, können Sie in zwei Wochen an dieser Stelle nachlesen. Weitere Reisegeschichten von Meike Becker gibt es auch in ihrem Blog.

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