Gesundheit20.Feb 2020

Arzneimittel im Trinkwasser: Wie schützen wir uns und unsere Flüsse?

Arzneimittel im Trinkwasser: Wie schützen wir uns und unsere Flüsse?

Arzneimittel gehören nicht in die Umwelt. Trotzdem finden sich in Gewässern immer mehr Spuren von Antibiotika, Blutdrucksenkern und Hormonpräparaten. Auch unser Trinkwasser ist betroffen. Was muss jetzt passieren?

Bei Kopfschmerzen nehmen viele Menschen Medikamente. Schmerzmittel sind frei verkäuflich in der Apotheke zu haben und machen die Betroffenen rasch wieder leistungsfähig. Doch was das Leiden der Patienten lindert, verursacht Ökologen Kopfzerbrechen. Denn: Arzneimittel gelangen massenweise in die Umwelt. Schätzungen des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge verwenden die Menschen in Deutschland jedes Jahr rund 8100 Tonnen Medikamente. Diese enthalten etwa 2300 verschiedene Wirkstoffe, von denen das UBA bereits 269 in Bächen, Flüssen und Seen im ganzen Land nachweisen konnte.

Was bedeutet das für den Lebensraum Wasser und die Trinkwasserqualität in Deutschland? Wie kann man das Grundwasser davor bewahren, zu einem gefährlichen Medikamentencocktail zu werden? Diesen Fragen ist der Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung nachgegangen und hat das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestags mit einem entsprechenden Bericht beauftragt. Der ist Anfang Januar erschienen und zeigt: Es gibt viel zu tun.

Für ein umfassendes Bild der Lage fehlt den Experten zufolge bislang zwar ein flächendeckendes Monitoring, die Datenlage sei unübersichtlich. Doch: „Aus Laborversuchen und ersten Felduntersuchungen gibt es interpretationsbedürftige Hinweise, dass Gewässerökosysteme durch Arzneimittelrückstände in Kombination mit anderen Mikroverunreinigungen beeinträchtigt werden können.“ Hinweise auf eine akute oder chronische Gesundheitsgefährdung von Menschen durch Arzneistoffe im Trinkwasser gebe es aktuell nicht – aber man wisse eben auch noch sehr wenig darüber, wie es im Hinblick auf Medikamentenrückstände wirklich in den Gewässern Deutschlands aussehe. 

Klar ist: Weil ein großer Teil der Medikamente den Körper unverändert durchwandert und viele Kläranlagen Arzneiwirkstoffe nicht aus dem Abwasser herausfiltern, finden sich in Gewässern Rückstände von Schmerzmitteln, aber auch Arzneien gegen Epilepsie, Antibiotika, Blutdrucksenker, Betablocker und Antidepressiva. Konzentrationen im Bereich von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter sind häufig. Das UBA konnte in seltenen Fällen auch mehreren Mikrogramm pro Liter nachweisen.

Obwohl die Medikamente bisher stark verdünnt sind, ist das ein Problem. Denn es ist die Aufgabe von Arzneistoffen, schon in geringen Mengen wirksam zu sein. Gleichzeitig bauen sich viele nur sehr langsam in der Umwelt ab. Wissenschaftler fanden in Freilandversuchen heraus, dass von synthetischen Hormonen wie etwa dem Wirkstoff der Anti-Baby-Pille schon wenige Nanogramm pro Liter Wasser ausreichen, um die Reproduktion von Fischen zu beeinträchtigen. Das frei verkäufliche Schmerzmittel Diclofenac schädige auch in geringen Dosen bei Fischen innere Organe wie Leber und Niere. Ähnliches gelte für Antibiotika, die im Wasser nicht nur Bakterien töten und das Wachstum von Algen und Pflanzen hemmen, sondern auch multiresistente Mikroorganismen hervorbringen – eine große Gefahr auch für die menschliche Gesundheit, da Antibiotika gegen solche Keime machtlos sind.

Auch im Trinkwasser werden bei Stichprobenanalysen bereits vereinzelt Spuren von Arzneimitteln gefunden. Allerdings bisher in so geringen Mengen, dass sie für Menschen noch kein Risiko bergen. Aus dieser Tatsache dürfe aber nicht der Schluss gezogen werden, dass es keinen Handlungsbedarf gebe – die Trinkwassertoxikologen des Umweltbundesamtes warnen bereits seit Jahren davor, dass es unverantwortlich wäre zu warten, bis womöglich doch Gesundheitsschäden nachweisbar sind. Denn das Problem wächst mit der Zeit: Experten des Instituts für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe prognostizieren, dass in einer alternden Bevölkerung mehr Menschen regelmäßig Medikamente nehmen und sich dann umso mehr Arzneimittelreste auch in der Umwelt und im Trinkwasser finden lassen werden.

Der neue Bericht aus dem Bundestag empfiehlt daher dringend Maßnahmen, um dem wachsenden Problem Einhalt zu gebieten. Dazu gehören neben einer Ausweitung des Gewässer-Monitorings vor allem die Nachrüstung von Kläranlagen, sodass sie außer grobem Schmutz, biologischen Verunreinigungen und auch Medikamentenreste filtern können. Aber auch die Prävention spielt eine große Rolle: Damit Ärzte und Apotheker Patienten besser beraten und diese lernen ihre abgelaufenen Tabletten und Tinkturen nicht in der Toilette zu entsorgen. Damit eine bundesweit einheitliche Handhabung von Medikamentenabfällen die Entsorgung einfacher macht. Und damit letztlich auch umweltfreundlichere Arzneimittel entwickelt werden. 

Um Prozesse zur Problemlösung anzustoßen startete das Bundesumweltministerium im Dezember den ersten von zahlreichen geplanten Runden Tischen mit Vertretern von Industrie, Wasserwirtschaft, Umweltverbänden und aus dem Gesundheitssektor. Dort wurde über den künftigen Umgang mit Röntgenkontrastmitteln wie etwa der Seltenen Erde Gandolinium gesprochen. Das ist besonders wichtig, weil dieses Metall in hoher Konzentration sehr giftig ist und weil der Trend zu mehr MRT-Untersuchungen seine Konzentrationen im Trinkwasser weiter ansteigen lassen könnte. Der Runde Tisch soll in einer einjährigen Pilotphase auch erste Maßnahmen dagegen entwickeln und testweise umsetzen.

Doch Runde Tische sind geduldig und das Problem drängend. Die Bundestagsfraktion der Grünen hatte deshalb schon im Frühjahr 2019 einen Antrag eingereicht, der in der Frage von sauberem, medikamentenfreiem Trinkwasser Ross und Reiter nennt: Durch die  Nachrüstung von Kläranlagen „könnten jedes Jahr zusätzliche Kosten von mindestens 1,2 Milliarden Euro entstehen“, heißt es dort. „Die Wasserpreise würden dadurch um weitere 14 Prozent in die Höhe klettern.“ Statt Kläranlagen auf Kosten der Allgemeinheit aufzurüsten forderten die Grünen die Einrichtung eines Verursacher-Fonds, aus dem zusätzliche Kosten für die Wasseraufbereitung gezahlt werden sollen. Demnach sollten unter anderem Pharmaunternehmen steigende Wasserpreise abpuffern. Der Antrag wurde von der Regierung abgelehnt.

„Der Arzneimittel-Verbrauch steigt in Deutschland kontinuierlich an“, erklärt Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltpolitik der Grünen im Bundestag. „Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, die Wasserwirtschaft erwartet sogar eine Zunahme um siebzig Prozent bis 2045.“ Darum sei der Handlungsdruck riesig und Gesprächskreise wie der Runde Tisch des Bundesumweltministeriums ihrer Auffassung nach nicht ausreichend. „Die Bundesregierung muss das Vorsorgeprinzip stärken“, sagt Hoffmann. Dafür sei es unerlässlich, dass diejenigen, die den Großteil der Wasserschadstoffe produzierten und emittierten an den Kosten der Wasseraufbereitung beteiligt würden.

So wichtig die Rolle der Industrie ist, so wichtig ist die Rolle der rahmengebenden Politik. Und auch der Einzelne kann zur Verringerung des Problems beitragen. Doch es ist kompliziert: Bisher gibt es in Deutschland keine einheitliche Regelung zur Entsorgung von Medikamenten und Arzneimitteln. So werden beispielsweise in Hamburg und Stuttgart alte Medikamente über den Hausmüll entsorgt, in Berlin und Leipzig über Schadstoffmobile, Apotheken oder Recyclinghöfe. Um die Umwelt und Gewässer nachhaltig zu schützen und gleichzeitig die Wirksamkeit von Medikamenten zu erhalten, können Sie auf der Webseite arzneimittelentsorgung.de nachschlagen, wie Sie in ihrer Gemeinde Arzneimittel korrekt entsorgen können.

Und wer das Problem kennt, kann zudem seinen Medikamenten-Konsum anpassen: So sollten Sie nach der Anwendung einer schmerzstillenden Salbe – zum Beispiel mit dem Wirkstoff Diclofenac – einige Stunden lang nicht duschen, um den Wirkstoff nicht direkt von der Haut in die Umwelt zu schwemmen. Die Fische leben besser ohne das Schmerzmittel und werden es Ihnen danken.

Julia Lauter

Aufmacherbild: Der Staffelsee in Bayern – Naturschönheiten wie diese sind von  Arzneimittelrückständen bedroht. Foto: picture alliance / Westend61/ Martin Siepmann

Drucken
Arktis – 2.20
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

Wöchentlichen Newsletter bestellen?

Hier klicken! Jede Woche der ganz besondere Blick auf aktuelle Umweltereignisse – direkt ins Postfach