Internationaler Weltbienentag18.Mai 2018

„Man müsste alle synthetischen Pflanzenschutzmittel ächten, so wie Landminen“

Sonntag ist der erste Weltbienentag der Vereinten Nationen – und viele Menschen sorgen sich um die fleißigen Tiere. Die Honigbiene ist zwar nicht bedroht, ihren wilden Verwandten und vielen anderen Insekten geht es aber an den Kragen. Deshalb ist es erforderlich, den Lebensraum der Bienen zu schützen, denn das hilft auch Libellen, Schmetterlingen und Heuschrecken.

Den Schluss ihrer viel beachteten knapp einstündigen Rede zur Haushaltsdebatte im Bundestag widmete Angela Merkel einem an dieser Stelle eher ungewöhnlichen Thema: den Bienen. „Bienen stehen Pars pro Toto für das, was wir unter Artenvielfalt verstehen“, sagte sie und hob die Bedeutung des Weltbienentags der Vereinten Nationen hervor, der am Sonntag auf Initiative von Slowenien, einem Land mit langer Imkertradition, zum ersten Mal begangen wird. Immerhin, könnte man sagen, hat die Bundeskanzlerin mal die Aufmerksamkeit auf die für das Leben so wichtigen Tiere gelenkt. Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, nutze allerdings die Gelegenheit, um auf die verfehlte Politik der letzten Jahre hinzuweisen, die wenig bis gar nichts dafür tut, dass es den Wildbienen – und mit ihnen vielen wild lebenden Insekten – wieder besser geht. „Wenn Angela Merkel den Bienenschutz glaubhaft zur Chefsache machen will, muss ihre Regierung viel mehr tun als einmal im Jahr an die Artenvielfalt denken“, sagte der Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik seiner Fraktion. „Ohne echten Kurswechsel in der Agrarpolitik werden wir den dramatischen Verlust von Vielfalt, Bienen und anderen Insekten nicht stoppen können.“

Die Biene ist zum Symbol des allgemeinen Insektensterbens geworden, nicht nur für die Bundeskanzlerin. Wie dramatisch die Situation wild lebender Insekten ist, hat die bekannte Langzeitstudie der Krefelder Entomologen aus dem vergangenen Jahr gezeigt: Seit Ende der achtziger Jahre gab in manchen Regionen Deutschlands einen Verlust von achtzig Prozent der Biomasse von Insekten. Indessen sind sich die meisten Imker und Wissenschaftler einig: Ein Aussterben der Honigbiene ist eher unwahrscheinlich, solange es Imker gibt. Lenkt sie also nur vom eigentlichen Problem ab oder hilft es vielleicht doch, die Biene als Sympathieträger zu nutzen, um auf die Bedrohung aller Insekten Aufmerksam zu machen: die intensive Landwirtschaft mit giftigen Pflanzenschutzmitteln? 

Aha-Effekt und bunte Wiesen

Selbst Discounter, deren Lebensmittel nicht gerade dafür bekannt sind, besonders umweltverträglich zu sein, schenken den Bienen Aufmerksamkeit. Letztlich handelt es sich zwar auch um PR-Aktionen, doch der Aha-Effekt für die Besucher der Penny-Filiale in Hannover-Langenhagen dürfte groß gewesen sein. Penny hatte in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) alle Produkte aus den Regalen geräumt, die direkt oder indirekt abhängig sind von der Bestäubung durch Bienen. In der Filiale gab es also fast kein Obst mehr (Bananen und Ananas zum Beispiel werden nicht von Bienen bestäubt), keinen Kakao und kaum mehr Kosmetikprodukte. Insgesamt räumten die Mitarbeiter über die Hälfte der 2.500 Artikel des Sortiments aus.

Penny Rewe Bienen Hannover

Biene weg, Regal leer. Verschwinden alle „Bienen-Produkte" aus dem Supermarkt, bleibt nicht mehr viel übrig. Foto: Penny/REWE Group

Und Aldi Süd hat sich einem Projekt angeschlossen, dem das Greenpeace Magazin schon seit Jahren verbunden ist: dem Netzwerk Blühende Landschaft, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Honig- und Wildbienen sowie allen anderen nektar- und pollensammelnden Insekten wieder mehr Nahrung zu verschaffen und eine Umwelt zu gestalten, in der Tiere sich wohlfühlen. Aldi Süd kündigte im April an, gemeinsam mit dem Netzwerk immerhin 500 mal 500 Meter Blühflächen anzulegen und Filialdächer zu bepflanzen.

Zurück in die Stadt

Die „ausgeräumten Landschaften“ auf dem Land gleichen grünen Wüsten, wo nach dem Raps nichts mehr blüht. Längst ist die Stadt mit ihren Parks und Kleingärten zum El Dorado der Imkerei geworden. Dabei warnen Experten bereits vor zu vielen Honigbienen in der Stadt. Denn während die Wildbienen immer weniger werden und es insgesamt viel zu wenig Imker und damit auch zu wenig Honig aus Deutschland gibt, nimmt die Anzahl der Imker in Großstädten immer weiter zu. Ob Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München, auf Dächern, Brachflächen oder im heimischen Garten – überall liegt es im Trend, Bienenvölker zu halten. In Köln und in der Hauptstadt soll die sich die Zahl der Imker in den letzten zehn Jahren jeweils verdreifacht haben. Das führt jedoch nicht dazu, dass es deutschlandweit mehr Bienenvölker gibt, teilte der Deutsche Imkerbund mit. Die neuen Imker in der Stadt halten tendenziell weniger Völker.

Blumenwiese Abo Enver Hirsch Biene

Diese Wiese haben Sie gepflanzt! Für jedes neu abgeschlossene Abo lassen wir 20 Quadratmeter Vielfalt pflanzen. Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Land­schaft“ und der Landwirt Hauke Hintz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe. Foto: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Trotzdem kann das innerstädtische Imkern zum Problem werden. Melanie von Orlow, Wildbienenexpertin beim Nabu Berlin und Vorsitzende des Imkervereins Reinickendorf, weist darauf hin, dass zu viele Bienenvölker pro Quadratmeter nicht gesund für die Stadtnatur sind. „Die Grenzen sind überschritten“, sagte sie im Deutschlandradio. Eine hohe Bienendichte kann dazu führen, dass sich Krankheiten der Bienen auf andere Insekten ausbreiten. In Berlin leben mittlerweile über sechs Völker auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind es beispielsweise nur 0,6 Völker pro Quadratkilometer.

Was können wir also tun, was ist richtig, was vielleicht nicht so gut? Anruf bei Timm Koch. Koch ist Imker, baut sein eigenes Gemüse an, und er hat ein sehr persönliches, literarisches Buch über die Biene geschrieben („Herr Bien und seine Feinde“), das im März erschienen ist. Darin erzählt er die Geschichte der Imkerei, die Faszination des Menschen für die Biene und kommt am Ende auch auf die Feinde zu sprechen: die Pestizidhersteller.

Herr Koch, Sie sind selbst Imker. Sterben ihnen die Bienen unter den Handschuhen weg?

Nein, natürlich nicht. Ich habe vor 15 Jahren angefangen zu imkern und ich habe immer mal wieder Völker verloren. Das ist normal. Was mir aber aufgefallen ist: Ich habe zwei Standorte, einen im Rheintal, wo Landwirtschaft kaum stattfindet, und einen im Siebengebirge, wo durchaus Landwirtschaft betrieben und auch mit Pflanzenschutzmitteln gearbeitet wird. Wenn ich aus ungeklärten Gründen Völker verloren habe, dann dort oben. Es ist vorgekommen, dass ich noch 200 tote Bienen vorfand, es hätten aber eher 7000 sein müssen. Dieses unerklärliche Verschwinden der Bienen habe ich dort oben tatsächlich erlebt. Das ist aber nicht mehr oder weniger geworden in den letzten Jahren.

Was hat es mit diesem „unerklärlichen Verschwinden“ auf sich?

Ich hatte für die Recherchen zu meinem Buch Kontakt zu Professor Randolf Menzel, einem Neurowissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Dessen langjährige Forschung hat dazu beigetragen, dass kürzlich die drei Neonicotinoide verboten wurden. Er dressiert Bienen und setzt dann eine Vergleichsgruppe den Pflanzenschutzmitteln aus. Dabei hat er festgestellt, dass die Bienen danach wie auf Koks sind. Die schlafen nicht mehr und haben am nächsten Morgen vergessen, was sie am Abend zuvor gelernt haben. Deswegen finden sie nicht zurück in den Stock. Daran geht der Schwarm letztlich zugrunde: Die Tiere sind verwirrt und finden nicht zurück. Für mich ist diese Erklärung plausibel.

Bringt das Verbot der drei Neonicotinoide etwas?

Ich begrüße das natürlich, es ist aber kein Verbot, sondern nur eine Einschränkung, da die Mittel in Gewächshäusern weiterhin erlaubt sind. Genauso wie drei andere Neonics weiterhin erlaubt sind. Ich muss bei diesem Thema immer an den Satz eines Professors von Bayer denken, den ich in meinem Buch nicht drucken durfte. Der sagte: „Wenn die Neonics verboten werden, nehmen wir eben die synthetischen Pyrethroide.“ Fünfzig Gramm davon reichen aus, um auf einem Hektar Land alle Insekten zu töten. Und diese Mittel sind in Deutschland zugelassen. Eigentlich müsste man alle synthetischen Pflanzenschutzmittel in der Gesamtheit ächten, so wie Landminen geächtet werden.

Die Krefeld-Studie im vergangenen Jahr hat viel Aufmerksamkeit erregt. Ändert sich jetzt was?

Es würde sich nur etwas ändern, wenn man den Ökozid juristisch verfolgen und die für mich kriminellen Kartelle der Pestizidhersteller und Saatgutverwalter zerschlagen würde.
Blumenwiese Abo Enver Hirsch Schmetterling Insekten

Bienen neuen Lebensraum zu verschaffen, das hilft auch anderen Insekten. Foto: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Viele Menschen sorgen sich um die Biene – und tun etwas, um sie zu schützen. Hilft das nicht?

Jeder kann es Bienen und anderen Insekten in seiner nächsten Umgebung so angenehm wie möglich machen. Urbane Zentren sind mittlerweile zu Rückzugszentren der Natur geworden. Man muss halt mal weg vom englischen Rasen und stattdessen Wiesen wachsen und blühen lassen. Man kann Wildbienenhotels aufstellen. Jeder kann seinen kleinen Beitrag leisten. Das ist wichtig, denn wir dürfen nicht auf diejenigen reinfallen, die sagen: die Honigbiene wird es immer geben, solange es Imker gibt. Da ist zwar etwas dran, es verkürzt aber das Problem. Wir können durch Imkerei die Verluste ausgleichen, aber es suggeriert den Menschen: ah, die Biene wird gerettet, dann ist ja alles gut. Dass wir aber seit Ende der achtziger Jahre fast 80 Prozent an Biomasse der Insekten verloren haben, wird dann oft unterschlagen.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Schon in der Ausgabe 4/11 haben wir der Biene die Titelgeschichte gewidmet. Lesen sie hier den Text über die Gefahren für die Bienen und ihre Unentbehrlichkeit. Von unseren Autorinnen Kerstin Eitner und Katja Morgenthaler ist zudem 2015 ein Buch erschienen, das Katja Morgenthaler Ihnen persönlich vorstellt: „Die Biene - eine Liebeserklärung“ ist hier erhältlich.

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Atommülllager16.Mai 2018

„Viele wissen gar nicht, dass wir ein Endlager für Atommüll suchen“

Das „Nationales Begleitgremium“ aus Experten und Bürgern soll dafür sorgen, dass die Suche nach einem Endlager für Atommüll fair und transparent abläuft. In seinem ersten Tätigkeitsbericht empfiehlt das Gremium dem Bundestag mehr Bürgerbeteiligung und mahnt die Verabschiedung eines neuen Gesetzes an.

Bis 2031 soll in Deutschland ein Ort gefunden sein, ein Schacht vielmehr, tief unter der Erde und weit weg von jedweder vulkanischen Aktivität und Erdbebengefahr. Ein Ort, an dem etwa 30.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll lagern können. Trocken und sicher für die nächsten eine Million Jahre, so die Vorgabe. Diesen Ort zu finden ist keine leichte Aufgabe – und der Prozess ein konfliktreicher. 

Deshalb hat der Bundestag das „Nationale Begleitgremium“ eingesetzt, das die Bundesregierung neben der neu gegründeten Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) und des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) bei der Suche unterstützt. Es setzt sich zusammen aus sechs „anerkannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ wie dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer und der Klimawissenschaftlerin Miranda Schreurs, sowie drei zufällig ausgewählten Bürgern. Seine Aufgabe besteht darin, die Nähe und den Austausch mit der Öffentlichkeit zu suchen und Vertrauen aufzubauen, die Bevölkerung einzubinden und so das Konfliktpotenzial möglichst gering zu halten. Einmal im Monat trifft sich das Gremium zu öffentlichen Sitzungen in Berlin, es organisiert Informationsveranstaltungen, hat an der Überarbeitung des Standortauswahlgesetzes mitgearbeitet und Gutachten in Auftrag gegeben.

Am Dienstag hat das Gremium dem Bundestag seinen ersten Tätigkeitsbericht samt Empfehlungen vorgelegt. Darin mahnt es mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung beim Auswahlverfahren an – und fordert die zügige Verabschiedung des Geowissenschaftsdatengesetzes. Ein solches Gesetz sei „unerlässlich“, heißt es im Gremiumsbericht, um ein von Anfang an transparentes Standortauswahlverfahren überhaupt zu ermöglichen. Hintergrund: Die Endlagersuche findet im ersten Schritt „ergebnisoffen“ und nach dem Prinzip der „weißen Landkarte“ statt. Es gibt also kein Gebiet, das nicht als Standort in Erwägung gezogen wird. Geologische Daten werden gesammelt und nach und nach Regionen ausgeschlossen. Die Rechte an den geologischen Daten liegen jedoch teilweise bei Dritten und können nicht so einfach veröffentlicht werden. Das neue Gesetz soll dem Transparenzgebot Vorrang vor dem Interesse Dritter einräumen.

Das Geowissenschaftsdatengesetz ist bereist in Planung

Im Koalitionsvertrag hatten die Regierungsparteien bereits die „rasche Verabschiedung“ des Geowissenschaftsdatengesetzes vereinbart. Ursula Heinen-Esser, Vorsitzende der Geschäftsführung der BGE begrüßte den Dringlichkeitsappell des Nationalen Begleitgremiums. „Wir benötigen das Geowissenschaftsdatengesetz dringend, um unsere Arbeit transparent und öffentlich gestalten zu können“, sagte sie.

Jorina Suckow, 25, ist eine der drei zufällig ausgewählten Bürgervertreter im Nationalen Begleitgremium und Vertreterin der jungen Generation. „Die Zusammenarbeit mit den anderen beiden beteiligten Stellen, BfE und BGE, läuft gut. Es sind immer Vertreter von ihnen auf unseren Sitzungen dabei. Allerdings ist es ein schleppender Prozess und vieles ist sehr bürokratisch“, sagt sie. Insgesamt zieht sie aber eine positive Bilanz der ersten eineinhalb Jahre ihres Ehrenamts. „Rückblickend hätte ich gedacht, dass es deutlich weniger Arbeit sein würde. Aber ich halte es für eine sehr sinnvolle Aufgabe“, sagt sie und ist sich ihrer Verantwortung bewusst, denn schließlich ist es ihre Generation, die die meisten Folgen der Atomwirtschaft zu tragen hat.

suckow

Jorina Suckow ist das jüngste Mitglied im Gremium – und hofft in Zukunft auf weniger bürokratische Hürden. Foto: Inga Kjer/photothek.net

Suckow war zufällig ausgewählt und – nachdem sie sich bereit erklärt hatte – in einem Beteiligungsverfahren in das Gremium gewählt worden. Ganz nebenbei hat sie ihr Staatsexamen gemacht und in einer Kanzlei gearbeitet. In ihrer Freizeit las sie Studien zur Endlagerung, geologische Berichte und bereitete Veranstaltungen zur Bürgerbeteiligung vor. „Ich lerne ganz viel“, sagt die Juristin, „gleichzeitig will ich aber gar nicht Expertin für alles Mögliche sein. Ich versuche eher mir die Bürgersicht zu bewahren.“

Darin besteht die zentrale Aufgabe des Gremiums: Die Bürgersicht berücksichtigen und der Öffentlichkeit umfassende Einsicht in das laufende Auswahlverfahren gewähren. Daher nun auch die Empfehlungen an den Bundestag, bereits den ersten Arbeitsschritt, den Ausschluss von Gebieten, transparent zu vollziehen und schon die Zwischenergebnisse des Auswahlverfahrens zu veröffentlichen. In öffentlichen Dialogforen sollten die Ausschlusskriterien zur Diskussion gestellt werden.

Begleitgremium mahnt mehr Transparenz an, das Interesse der Bürger sei groß

Die Öffentlichkeitsarbeit könne durchaus intensiviert werden, findet Jorina Suckow: „Ich denke, dass die Bürger durchaus mehr Interesse hätten, wenn sie denn besser informiert würden.“ Zu den Veranstaltungen, die das Begleitgremium zum Beispiel im vergangenen Jahr an den Zwischenlagerstandorten organisiert hat, kamen regelmäßig um die zweihundert Leute. „Viele wissen aber auch noch gar nicht, dass wir überhaupt ein Endlager suchen“, sagt sie.

Die Zeit drängt, jetzt schon. Denn insbesondere in den Regionen, in denen sich atomare Zwischenlager befinden, ist die Sorge groß, dass diese faktisch zu Endlagern werden könnten. Auch hier mahnt das nationale Begleitgremium ein Konzept an, das die Bürger in die Entscheidung mit einbezieht und das ausreichend Zeit für die Auswahl des Endlagerstandortes einräumt. Zudem solle es „klären, welcher Weg bei einer notwendigen Verlängerung der Zwischenlagerung beschritten wird“, heißt es im Gremiumsbericht. Die Verzögerungen sind also bereits einkalkuliert, die Konflikte vorprogrammiert.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: dpa

In unserer Ausgabe 1/18 über „Einzelkämpfer“ haben wir einen Mann portraitiert, der seit über 40 Jahren gegen das Atommüll-Zwischenlager in seiner Stadt mobil macht. Lesen Sie die ganze Geschichte hier.

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New York 214014.Mai 2018

Wie der Kapitalismus New York unter Wasser setzt

Kim Stanley Robinson schildert in seinem neuen Roman New York 2140 eine überraschend heitere Zukunft, in der Kapitalismus und Klimawandel ihren Zenit erreicht haben. Die US-Metropole steht zu großen Teilen unter Wasser und der Mensch probt den Aufstand gegen das ökonomische System.

Wo sich vorher die tiefen, staubigen Straßenschluchten durch Manhattans Hochhäuser gruben, fließen nun reißende Wasserströme. Anstelle von U-Bahn oder Auto fahren die Großstadtbewohner mit Booten zur Arbeit. Ebbe und Flut der Gezeiten bestimmen den Alltag. Das alles sind Spätfolgen vom durch kapitalistische Profitorientierung angeheizten Klimawandel. Nach Ewigkeiten des Raubbaus an der Natur brachen irgendwann sämtliche Dämme: Die Polkappen schmolzen, der Meeresspiegel stieg und Wassermassen strömten unaufhaltsam in die Straßen von New York.

Hier beginnt die Geschichte von Kim Stanley Robinsons neustem Roman New York 2140, der diesen Montag in deutscher Übersetzung erscheint und von dem ein Vorabdruck im Greenpeace Magazin 6.17 zu lesen war. Wir befinden uns 122 Jahre in der Zukunft. Während die New Yorker Eliten sich in die höher liegenden Gebiete in Upper Manhattan verzogen haben, haust im südlicheren Teil der Insel die arme Bevölkerung. Sie hat sich in die oberen Etagen von halb im Wasser versunkenen Hochhäusern gerettet – oder lebt gleich auf Dächern. So heißt es im Buch über zwei Hacker, die ihr Zelt auf dem alten Met Life Tower in Midtown aufgeschlagen haben: „Wie ein Supervenedig liegt das überflutete Lower Manhattan zu ihren Füßen, ehrfurchtsgebietend, wasserglitzernd, großartig. Ihre Stadt.“

Die Chance, die jedem Chaos innewohnt

Das klingt so romantisch, wie es für die Beschreibung eines abgesoffenen Stadtteils eben möglich ist. Und das ist Programm bei Kim Stanley Robinson, dem mehrfach ausgezeichneten, humanistischen Science-Fiction-Profi. Denn trotz des Untergangsszenarios, das der Buchautor zeichnet, wehrt er sich gegen die Klassifikation als Dystopie. „Zwar hat eine Dystopie auch eine soziale Funktion, aber die Utopie ist wichtig für die Hoffnung. Und darauf kam es mir an“, so Robinson gegenüber dem Greenpeace Magazin. Beharrlich betont er das utopische Moment seiner antizipierten Zivil- und Öko-Katastrophe. Er will mit seiner Erzählung zeigen, wie Menschen es geschafft haben, sich einer radikal neuen Situation anzupassen – eine „comedy of coping“, wie er das nennt. Außerdem geht es ihm um die Chance, die jedem Chaos innewohnt.

Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern des Buchs: Kapitalismuskritik. Denn mit dem fängt das ganze Drama an. Wir leben, so lässt sich Robinson verstehen, in einem Wirtschaftssystem, in dem Umwelt- und Klimaschutz keinen zusätzlichen Profit bringen, ergo gemäß der Systemlogik keinen Sinn machen. Notwendige Veränderungen, die das Überleben der Menschheit gewährleisten würden, werden nicht umgesetzt – einfach nur, weil diese Veränderungen nicht kosteneffektiv sind. „Der Weltmarkt zeigt das Systemversagen: Alles wird zu niedrig bepreist, Umweltkosten nicht einberechnet“, sagt Robinson und fährt fort: „So überkonsumieren wir die Ressourcen unseres Planeten.“

Cover NY 2140 und Buchautor Robinson

Die Collage zeigt links das Buchcover von NY 2140 und rechts seinen Autor Kim Stanley Robinson. Foto: Stephan Martiniere / Sean Curtin

Seine Kritik richtet der Autor explizit gegen die Strukturen des kapitalistischen Systems. „Die Menschen sind okay, aber sie agieren innerhalb eines schlechten Systems. Sie werden zu Kapitalisten erzogen und sollen sich an die gesetzlichen Regeln eines Systems halten, das auf Ausbeutung angelegt ist“, sagt er. Diese Haltung zieht sich als roter Faden durch das Buch. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Profite fließen, das Kohlendioxid strömt, die Wälder sterben, das Wasser steigt uns bis zum Hals. Aber in der Krise kommen einem ja bekanntlich die besten Ideen.

Nachdem in 2100 die Wassermassen alles geflutet haben, Menschen starben, flüchteten und ertranken – gibt es in Robinsons Zukunftsvision 40 Jahre später eine neue Art der Gemeinschaftlichkeit. Zwar ist das Wirtschaftssystem immer noch von neoliberalem Denken dominiert, aber durch die Enge des Lebensraums haben sich die sozialen Beziehungen verändert. Das Zusammenleben der Menschen ist solidarischer, kollektiver, lokaler geworden. Robinson veranschaulicht das am Zusammenspiel seiner Protagonisten, die zusammen im Met Life Tower leben.

Die Dystopie, die im doppelten Sinn keine ist

Die Sprache, die Robinson dabei gebraucht, beschreibt Situationen und Settings präzise, schweift zu historischen, architektonischen Fakten über New York oder das Funktionieren der Finanzmärkte ab, um einen sogleich wieder in die Handlung zu werfen. Und zeichnet so ein gut nachvollziehbares Bild einer in giftig-glitzernden Wassermassen versunkenen und dennoch lebendigen Urbanität. Umso irritierender sind die Textstellen, die einen aus dem Lesefluss abrupt herausreißen. So gerät die einführende Beschreibung weiblicher Romanfiguren an manchen Stellen so sachlich detailliert, dass es wie eine Produktbeschreibung anmutet. Und bei der ersten Flirtszene des Finanzmarkt-Spekulanten Franklin gleitet die deutsche Übersetzung unnötigerweise in Vulgärsprache ab.

Doch bevor man sich’s versieht, trägt einen der Erzählstrang weiter – zurück zur Gruppendynamik der Met-Life-Tower-Bewohner. Und von dieser kommt der Autor zum eigentlich utopischen Moment der Geschichte. Alles läuft auf die Frage hinaus: Was passiert, wenn die Menschen in einen fiskalen Streik treten, sich der kapitalistischen Systemlogik verweigern? Die Antwort findet sich als Plot in Robinsons Roman. Und wir müssen uns fragen, ob wir auch warten wollen, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. Denn New York 2140 ist in doppelter Hinsicht keine Dystopie. Zum einen durch den utopischen Ausblick auf eine bessere Welt. Zum anderen ist das Setting eines überfluteten New York nicht so fiktional, wie man im ersten Moment denkt. Denn der Meeresspiegel steigt – und diese Bedrohung ist real.

Nora Kusche

Aufmacherbild: Ausschnitt des Covers, Foto: Stephan Martiniere

Mehr Geschichten, wie Mensch und Meer zusammenspielen, gibt es im aktuellen Greenpeace Magazin 3.18 „Wir Seeleute“. Einen Auszug des Romans können Sie in unserer Klimaausgabe 6.17 „Hitzefrei“ lesen, in der wir einen Vorabdruck der deutschen Übersetzung veröffentlicht hatten. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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klimakonferenz11.Mai 2018

Verhandlungen über das Klima: Bloß keine Verpflichtungen

In Bonn ist gerade eine Zwischenverhandlung zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu Ende gegangen. Dabei wurde deutlich: Wenn es um die Finanzierung von globalen Klimaschutzmaßnahmen geht, schwinden die Ambitionen der Industrieländer. Auch Deutschland scheut sich vor klaren Bekenntnissen.  

Die Präsidentschaft der Fidschi-Inseln hallt noch nach. Im Dezember, wenn die 24. Klimaschutzkonferenz (COP24) im polnischen Kattowitz stattfindet, geht sie zwar zu Ende, doch der Pazifik-Staat hat der internationalen Klimadiplomatie seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt: die Emotionen. Die Delegierten, Abgesandte der Regierungen aus 193 Ländern, die hier in Bonn zusammenkommen, um die Umsetzung des Pariser Abkommens weiter zu verhandeln, lernen ein neues Format kennen, den Talanoa-Dialog. Es soll in diesen Runden lockerer zugehen, es wird mehr auf gegenseitigen Respekt und Verständnis gesetzt. Es werden Geschichten vom Klimawandel erzählt, von Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind, von Menschen, die hungern, weil die Dürren immer unausstehlicher werden oder von Menschen, die alles Hab und Gut verloren haben, weil es von einem Unwetter vernichtet wurde. Das funktioniert, aber nur bedingt. Denn wenn es in die Verhandlungen geht, wenn Geld und wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen, spielen Emotionen keine Rolle mehr.

Bei der Zwischenkonferenz zur Umsetzung des Pariser Abkommens, die am Donnerstag in Bonn nach zehn Tagen zu Ende gegangen ist, ging es zwar auch darum, sich über die Beiträge einzelner Länder zum Klimaschutz auszutauschen. Vor allem kamen die über 3000 Delegierten jedoch zusammen, um die Fertigstellung eines verbindlichen Regelbuchs voranzutreiben. Dabei stehen Fragen im Mittelpunkt, wie Klimaschutzziele berechnet und transparent dargestellt werden können, welche weiteren Maßnahmen zum Klimaschutz nötig sind und wie diese umgesetzt und finanziert werden können. Nach der Konferenz ist klar: Insbesondere beim letzten Punkt gibt es weiterhin deutliche Differenzen zwischen den Entwicklungsländern und den Industriestaaten, der Prozess, verbindliche Regeln zu entwickeln, geht nicht schnell genug voran und es mangelt an Bereitschaft, finanzielle Verpflichtungen einzugehen.

Im September gibt es eine weitere Zwischenkonferenz in Bangkok

Anke Herold, Geschäftsführerin des Öko-Instituts, nimmt seit über zwanzig Jahren an den Klimakonferenzen teil und ist EU-Verhandlungsführerin für die Bereiche Transparenz und Anrechnungsregeln. „Vergangenes Jahr waren die Verhandlungen extrem kontrovers und aggressiv“, sagt sie, „das ist jetzt besser geworden. Es war konstruktiv, aber insgesamt haben wir zu wenig geschafft. Wir sind noch sehr weit davon entfernt, das Regelwerk soweit entwickelt zu haben, dass auf Regierungsebene darüber entschieden werden kann.“

Weil die Delegierten nur langsam vorankommen, haben sie vereinbart, sich im September in Bangkok zu einer weiteren Zwischenkonferenz zu treffen. „Es wäre absolut notwendig bis Ende des Jahre Beschlüsse hinzukriegen“, sagt Herold. Die Erstellung des verbindlichen Regelbuches ist von so großer Bedeutung, weil nach aktuellen Erkenntnissen die bisherigen Klimaschutzanstrengungen nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Um die Klimaziele der Situation anzupassen, sollen bis 2020 neue Ziele formuliert und eingereicht werden. Dafür müssen die Länder aber spätestens nächstes Jahr die Regeln kennen.

Auch die Bundesregierung muss dann zeigen, wie wichtig ihr der Klimaschutz eigentlich noch ist. Zuletzt lagen die Prioritäten der Großen Koalition eher in anderen Bereichen. Das Ziel, bis 2020 vierzig Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, ist bereits beerdigt, der Ausbau der erneuerbaren Energien geht derzeit zurück und ein schneller Ausstieg aus der Kohleverstromung ist seit Donnerstag dieser Woche noch unwahrscheinlicher geworden. Da wurde bekannt, dass die Kohlekommission, die den Ausstieg vorbereiten und bis Ende des Jahres Ergebnisse liefern soll, von den ehemaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) aus Brandenburg und Stanislaw Tillich (CDU) aus Sachsen geleitet wird. Diese Bundesländer sind von einem Kohleausstieg strukturell besonders betroffen. Als dritte Vorsitzende hat die Bundesregierung die ehemalige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Ursula Heinen-Esser (CDU) bestimmt. Auch sie stammt aus einem Kohle-Gebiet, nämlich Nordrhein-Westfalen.

Deutschlands Ansehen als Vorreiter im Klimaschutz ist trotz eigener Versäumnisse ungebrochen

Umweltschutzverbände fordern von Deutschland deutlichere Zeichen im Kampf gegen den Klimawandel. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse dafür sorgen, dass endlich auch in Deutschland die Emissionen wieder sinken und Klimaziele eingehalten werden, sagt Rixa Schwarz, Teamleiterin für internationale Klimapolitik bei der NGO Germanwatch.

Deutschlands Rolle im internationalen Klimaschutz stehe jedoch nicht in Frage, betont Anke Herold. „Auf internationaler Ebene hat sich an der Ansicht, dass Deutschland ein Vorreiter im Klimaschutz ist, nichts geändert“, sagt sie. Es sei jedoch auch noch nicht durchgesickert, dass Deutschland seine Ziele für 2020 verfehle. Möglicherweise ändert das dann die Ansicht.

Denn die Leidtragenden sind die Entwicklungsländer, in denen der Klimawandel schon heute sichtbare Schäden anrichtet. Sie sind bei der Anpassung an den Klimawandel auf finanzielle Hilfe angewiesen. Sie fordern von den Geberländern, die den Klimawandel zu großen Teilen durch hohe CO2-Emissionen vorantreiben, verbindliche Zusagen über die Höhe der künftigen Mittel in den nächsten Jahren. Das lehnen die Industrienationen ab.

Durch den angekündigten Ausstieg der USA sorgen sich die Entwicklungsländer um eingeplante Finanzmittel

Verbindliche Zusagen sind auch deshalb schwierig, weil der Finanzhaushalt in fast allen Ländern der Parlamentshoheit unterliegt. Deutschland, das bereits zugesagt hat, das Volumen für den internationalen Klimaschutz von zwei auf vier Milliarden Euro zu verdoppeln, kann demnach zwar Zusagen machen, letztlich ist die Regierung aber auf die Entscheidung des Parlaments angewiesen.

Auch der angekündigte Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen sorgt noch immer für Unsicherheit in den Entwicklungsländern, denen bereits 2009 bei der Klimakonferenz in Kopenhagen ab 2020 jedes Jahr einhundert Milliarden Dollar von der internationalen Gemeinschaft zugesagt wurden. Deutschland und die EU werden ihren Teil der Abmachung erfüllen, heißt es aus Regierungskreisen. Ob und wie der amerikanische Ausfall kompensiert werden kann, bleibt unklar. Wie so vieles andere auch.

Bastian Henrichs

In der Ausgabe 6/17 des Greenpeace Magazin haben wir ein Interview mit der Verhandlungsführerin der Fidschi-Inseln Nazhat Shameem Khan geführt. Sie können es hier nachlesen. 

Aufmacherbild: picture alliance/Photoshot

 

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Meeresverschmutzung09.Mai 2018

Die undurchsichtigen Wege des Mikroplastiks

Mikroplastik gelangt über Flüsse ins Meer, wird von Fischen, Muscheln und Salz aufgenommen und landet so wieder auf unseren Tellern. Wie schädlich das eigentlich für die Menschen ist, darüber wissen wir bisher noch zu wenig.

Die EU plant eine Steuer auf Plastikmüll, diskutiert ein Verbot für Plastikgeschirr und Kunden lassen demonstrativ die Plastikverpackungen ihrer Einkäufe im Supermarkt zurück. Zurzeit ist Plastik in aller Munde – aber nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Denn Plastikpartikel landen auf unterschiedlichen Wegen in Flüssen, gelangen von dort ins Meer und werden von Fischen, Muscheln und Salz aufgenommen. So landet das Mikroplastik wieder auf unseren Tellern. Ob das dem menschlichen Organismus schadet, ist unklar. Und auch sonst sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Verteilungswege und Auswirkungen von Mikroplastik überraschend dünn.

Jörg Oehlmann forscht an der Universität in Frankfurt zu aquatischer Ökotoxikologie und kennt den aktuellen Stand der Mikroplastik-Forschung. „Inzwischen wissen wir, dass der dominante Eintrag über Fließgewässer passiert, also aus Süßwasser-Quellen stammt“, sagt er. Das meiste Mikroplastik – damit sind Partikel gemeint, die kürzer als fünf Millimeter sind – treibt also über Flüsse ins Meer. Darüber hinaus lässt sich mit Sicherheit lediglich sagen, dass die Meere und auch das Eis an den beiden Polen mit Mikroplastik verschmutzt sind und dass die Meeresbewohner die Partikel bereits aufgenommen haben. Und zwar nicht nur Fische, sondern auch Muscheln und Krebse – sogar in Speisesalz finden sich Ablagerungen. Wie genau die Plastik-Partikel ins Meer gelangen und wie stark die Ozeane belastet sind, darüber gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Mikroplastik in Weltmeeren ist das drängendste Problem unserer Zeit

Zuletzt hatte eine aktuelle Studie der Universität Manchester für Aufsehen gesorgt, die im Fachblatt „Nature Geoscience“ erschienen ist. „Die Kontamination der Weltmeere mit Mikroplastik ist das drängendste Problem unserer Zeit“, schreiben die Autoren zu Beginn ihres Papers. Nach aktuellen Schätzungen sollen knapp fünf Billionen Mikroplastikpartikel in unseren Meeren umherschwimmen.

In ihrer Studie fragten die Wissenschaftler, wie Hochwasser sich auf die Wege des Mikroplastiks auswirkt. Dafür untersuchten sie verschiedene britische Flüsse an insgesamt 40 Messpunkten und kamen auf 517.000 Mikroplastik-Teilchen pro Quadratmeter. Das Ergebnis einer erneuten Messung nach einem mehrmonatigen Hochwasser-Ereignis fiel sehr viel geringer aus. Das zeigt, so die Schlussfolgerung, dass ein Großteil der Schmutzpartikel aus den Sedimenten im Flussbett herausgelöst und ins Meer gespült wurde – und zwar in erheblich größerem Ausmaß als bislang angenommen.

Plastikmüll im Meer - Fotoarbeit von Wolf Silveri

Die gezeigte Fotoarbeit ist Teil der Serie „We'll Sea“ des Fotografen Wolf Silveri, der hier auf eine neue Strategie setzt: mit Ästhetik das Grauen von Millionen von Tonnen an Plastikmüll, der in den Weltmeeren treibt, greifbar zu machen. Weitere Arbeiten zeigen wir als Bildstrecke in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.18 „Wir Seeleute“. Foto: Wolf Silveri

Dass die Mikroplastikmenge in den Ozeanen bisher unterschätzt wird, erscheint dem Biologen Martin Wagner von der norwegischen Uni Trondheim plausibel. „Die aktuellen Hochrechnungen der globalen Plastikmengen beruhen auf Daten von der Meeresoberfläche. Wir wissen allerdings, dass vermutlich nur ein Prozent des Plastiks an der Oberfläche schwimmt“, so Wagner, der sich mit den Auswirkungen des Plastiks auf Ökosysteme und den Menschen beschäftigt. Die bisher vermutete Kontamination der Weltmeere wäre dann nur die Spitze des Müllbergs.

Jörg Oehlmann hat allerdings Zweifel an der Methodik der viel diskutierten Studie aus Manchester: „Die Identifikation der Mikroplastik-Partikel beruht überwiegend auf einer optischen Beurteilung unter dem Mikroskop. Diese Methode ist nicht sehr zuverlässig“, sagt der Ökotoxikologe gegenüber dem Greenpeace Magazin. Diese Kritik verweist auf ein Grundproblem des Forschungsgebiets. „Die größte Herausforderung ist es, Mikroplastik als solches zu identifizieren“, so Oehlmann.

Nicht alles, was nach Mikroplastik aussieht, ist wirklich Mikroplastik

So basieren die meisten Studien zum Thema ausschließlich auf optischen Methoden. Nachträgliche Stichproben solcher Studien ergaben, dass bis zu 90 Prozent der unter dem Mikroskop als Mikroplastik identifizierten Teilchen gar keine waren. In Wirklichkeit handelte es sich um Partikel aus natürlichen Fasern von Pflanzen oder Mineralien. Oelmann und seine Fachkollegen haben deshalb vor etwa sechs Jahren begonnen, vereinzelt neue Methoden anzuwenden. Dabei untersuchen sie meist spektroskopisch, also durch Lichtbestrahlung der Proben deren innere Beschaffenheit und Zusammensetzung. Dadurch lasse sich zweifelsfrei feststellen, ob es sich wirklich um Plastikpartikel oder doch eher um natürliche Fasern handele.

Seit zwei Jahren seien diese neuen Verfahren allerdings erst Standard. So hat auch das Forscherteam der Uni Manchester zunächst die optische Methode genutzt, diese dann aber nachträglich mit der sogenannten Raman-Spektroskopie überprüft. Dabei kam heraus, dass die Forscher die meisten Partikel richtigerweise als Mikroplastik identifiziert hatten. Jörg Oehlmann warnt dennoch davor, voreilige Schlüsse aus den Ergebnissen zu ziehen. Eine konkrete Zahl für die Mikroplastik-Belastung der Weltmeere gäben die Ergebnisse der Studie nicht her. Dafür seien die ausgewählten Messpunkte zu wenig repräsentativ.

Bei Erkenntnissen zu toxischen Effekten von Mikroplastik hinkt die Forschung hinterher

Auch bei den Auswirkungen der winzigen Kunststoffpartikel auf den Menschen, stößt die Wissenschaft an ihre Grenzen. Was passiert, wenn Menschen Mikroplastik zu sich nehmen? Scheiden sie es aus? Oder dringen die Partikel ins Gewebe vor?  Bisher gibt es keine wissenschaftlich verifizierten Erkenntnisse, inwieweit die aufgenommenen Plastikpartikel den Organismus schädigen können, nachdem sie im Verdauungstrakt gelandet sind. Auf viele Fragen gibt es demnach noch keine endgültigen Antworten – und die Wissenschaft hinkt der öffentlichen Wahrnehmung hinterher.

Normalerweise sei es die Wissenschaft, die Risiken erkenne und sich dann bemühen müsse, um ihren Warnungen Gehör zu verschaffen, sagt Jörg Oehlmann. Bei Mikroplastik sei das Gegenteil der Fall: „Sowohl in Politik wie auch in der Gesellschaft – alle sind überzeugt, dass Mikroplastik gefährlich ist", so der Ökotoxikologe von der Uni Frankfurt. „Aber die Forschung hinkt mit Belegen dafür hinterher.“ Mit den bisherigen Befunden ließe sich nicht seriös sagen, ob negative toxische Effekte für den Menschen auftreten, also ob Mikroplastik Organismen direkt schädigt. Hierfür sei noch erheblich mehr Forschungsvorlauf notwendig.

Nora Kusche

Mehr Meeresgeschichten können Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.18 „Wir Seeleute“ lesen. Hier finden Sie auch die weiteren Fotoarbeiten der Serie „We'll Sea“ des Fotografen Wolf Silveri. Das Magazin erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Artenvielfalt04.Mai 2018

Das trügerische Grün der Städte

Bepflanzte Bahntrassen finden sich von New York bis Paris. Und das zusammenlaufende Schienennetz des Berliner Gleisdreiecks ist heute eine Mischung aus Park und Wildnis. Wir betrachten, wie sich die Menschen die Natur zurück in die Städte holen – und warum nicht jedes Grün gleich Artenvielfalt heißt.

Der Mensch schlägt sich begrünte Schneisen durch seine Innenstädte. Ein wenig erinnert das an die grünen Schleichwege für Wildkatzen, die Umweltschützer durch ganz Europa pflanzen. Nur die angelegten Flanierwege für Menschen auf alten Bahntrassen sind kürzer und urbaner. Sie gleichen auch eher Parkanlagen zum Spazierengehen, als Unterholz zum Durchstreifen – und sie verbinden auch keine Waldstücke wie bei den Wildkatzen, sondern die Wohn- und Einkaufsviertel der urbanen Bevölkerung.

Vorzeigeprojekt dieser Entwicklung ist der New Yorker High Line Park, der sich auf neun Metern Höhe durch den Westen Manhattans schlängelt. Ursprünglich war die Hochbahntrasse 1934 gebaut worden, damit Güterzüge ihre Ware direkt in die oberen Stockwerke von Fabriken und Lagerhäusern liefern konnten. Allerdings kamen Güterzüge aus der Mode, immer mehr übernahmen Lastwagen den Job. Die Bahnstrecke wurde kaum noch genutzt und schließlich 1980 geschlossen. Die Hochschienen blieben sich selbst überlassen.

Wenn die Natur sich Brachflächen zurückholt

In den Jahren danach holte sich die Natur die Brachfläche zurück. Der Wind wehte Samen herbei, Vögel brachten andere dazu. Wildblumen, Gräser, Gestrüpp, Obstbäume, Insekten und Kleintiere siedelten sich an. Und auch Obdachlose flüchteten sich von den staubigen und hektischen Großstadtfluchten unter die stillgelegte Bahntrasse. Ein Stück Wildnis und Anarchie zwischen den Wolkenkratzern Manhattans entstand. 2006 bereitete die Stadt dem ein Ende.

Ursprünglich wollte die Stadtregierung die alten Schienen abreißen, doch nach Protesten von Anwohnern ließ sie dort einen Park für Touristen, Jogger und Flaneure anlegen. Und auch für die bereits angesiedelten Pflanzen und Tiere sollte Raum bleiben, wenn auch ordentlich angeordnet und abgezäunt.

Auf das „Wie“ kommt es an

Die Art der Bepflanzung entscheidet darüber, ob das Begrünungsprojekt mehr ist als nur ein Touristen-Magnet. „Für die Insektenvielfalt ist es wichtig, dass man nahezu ausschließlich heimische Pflanzen verwendet“, sagt Heinrich Reck, der an der Kieler Uni zur Selbstorganisation biologischer Vielfalt forscht. Denn nur heimische oder vor langer Zeit angesiedelte Pflanzen bieten vielen einheimischen Insekten einen Lebensraum. „Die Eiche kann als Begleitpflanze in Deutschland Lebensort für mehr als 500 Arten sein, das schaffen fremdländische Gehölze nicht – und ähnlich verhält es sich bei Kräutern“, so Reck.

Auch müsse man bei bestimmten Arten aufpassen und die monotone Ansiedlung invasiver Gewächse wie beispielsweise des japanischen Knöterichs verhindern. Weiter sei es für mehr Artenvielfalt sinnvoll, nährstoffarmes Substrat zu verwenden und viele Blumen und niedrigstehende Gräser anzusäen, die auch Licht bis zum Boden durchlassen. Zwar wachsen bestimmte Pflanzen gerade bei nährstoffreichen Böden sehr gut. „Und das sieht dann alles sehr schnell sehr grün aus – ist aber ein Fehler“, sagt Reck dem Greenpeace Magazin. Denn gerade der dichte, hohe Bewuchs kann andere Pflanzen verdrängen und so Monokulturen fördern. Merke: Nicht alles, was grün aussieht, ist auch gut für die Artenvielfalt.

Der Mensch muss auch das Vertrocknete aushalten

Im Gegenteil: „Die Pflanze wird braun, wenn sie aussamt. Und das ist nicht hübsch, aber sinnvoll“, sagt Heinrich Reck. Denn nur, wenn Pflanzen ihren Samen verstreuen, ist garantiert, dass sie nächstes Jahr wieder blühen können. Wenn alles Vertrocknete sofort ausgerissen wird, unterbricht das den Lebenszyklus der Natur. Also müsse der Mensch auch das Braune mal aushalten, findet Reck. „Die Linde duftet ja auch nicht jeden Tag“, so der Ökologe. Für die Stadtplaner ergibt sich dadurch eine besondere Herausforderung. Auf der einen Seite müssen die urbanen Parkwege hübsch genug für die Touristen sein und gleichzeitig soll alles möglichst natürlich gehalten werden – und das heißt dann eben auch: Nicht immer hübsch grün, sondern manchmal braun und vertrocknet.  

 

Aber nicht nur in New York, sondern weltweit müssen Stadtplaner den Spagat zwischen hübsch und natürlich meistern. Denn neben der High Line hat es die Natur auch in andere Städten zurück in die urbanen Zentren geschafft – zumindest in domestizierter Form. So gibt es inzwischen auch in Kopenhagen, Barcelona und Seoul ähnliche Projekte. In Paris verwandelten Stadtplaner sogar bereits in den 1990er Jahren eine stillgelegte Hochbahntrasse in einen 4,5 km langen erhöhten Parkwanderweg. Das Projekt „Coulée verte René-Dumont“ gilt als Vorbild für die New Yorker Highline und durchzieht das 12. Arrondissement von Paris, vorbei an Galerien, Kunstboutiquen und Parks. Auch im 16. Arrondissement gibt es mittlerweile eine vergleichbare Promenade.

Wildnis in Berlin, Wohnungsbau in Hamburg

Zwar keine Hochbahntrasse, aber aus einem alten Schienenkreuz entstanden ist der Gleisdreieck-Park in Berlin-Kreuzberg. Im ursprünglichen Güter- und Postbahnhof hat sich in seinen Jahrzehnten als wilde Brachfläche eine große Artenvielfalt angesiedelt, die in dem neuen Konzept-Park seit 2006 zumindest zum Teil erhalten bleibt. Das 26 Hektar große Gelände teilt sich heute in angelegte Parkflächen, Spazierwege und Sportplätze, sowie verwilderte Flächen.

Während die deutsche Hauptstadt beim Bepflanzen alter Bahngleise auf einer Trend-Welle mit Metropolen weltweit schwimmt, steht diese Entwicklung dem Hamburger Bahnhof in Altona nicht bevor. Die Deutsche Bahn plant, den bisherigen Fern- und Regionalbahnhof in fünf Jahren durch einen neuen Bahnhof an der heutigen S-Bahn-Station Diebsteich zu ersetzen. Laut der Bahn-Sprecherin Kerstin Eckstein sollen die dann freiwerdenden Flächen in Altona für den Wohnungsbau genutzt werden. Schienen und den Bauschutt des Bahnhofsgebäudes will die Bahn recyceln. Eine Brachflächen-Nutzung oder Bepflanzung des „teuren, innerstädtischen Geländes“ sei nicht geplant. So geht der Trend zur urbanen Wildnis an Hamburg wohl vorbei.

Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/robertharding

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Tag der Arbeit30.Apr 2018

„Es geht darum, Eigentum, Geld und Arbeit voneinander zu entkoppeln“

Die Digitalisierung bedroht die Arbeitswelt, wie wir sie kennen. Oder ist es gar keine Bedrohung, sondern eine Befreiung? Das Bedingungslose Grundeinkommen verspricht einen positiven gesellschaftlichen Wandel. Das Problem: niemand weiß, ob es funktioniert.

Am 1. Mai des Jahres 1886 begann die nordamerikanische Arbeiterbewegung mit einem mehrtägigen Generalstreik für humanere Arbeitszeiten. Acht statt zwölf Stunden pro Tag. Es gab Ausschreitungen und Tote. Doch die Menschen, die für ihre Rechte kämpften, hatten es satt, ihr Leben der Arbeit zu opfern. Die Idee vom Achtstundentag – acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit – verbreitete sich in der westlichen Welt. Es dauerte dann noch 32 Jahre bis der Achtstunden-Arbeitstag 1918 in Deutschland gesetzlich festgeschrieben wurde. Ein Meilenstein.

Ähnlich tiefgreifende Veränderungen der Arbeit, wie sie damals durch die Industrialisierung der Weltwirtschaft hervorgerufen wurden, stehen uns auch heute, im Zeitalter der Digitalisierung bevor. Eine Studie des McKinsey Global Institutes, die Anfang des Jahres erschien, sagte voraus, dass bis 2055 die Hälfte aller Arbeitsstunden durch Automatisierung wegfallen könnte, knapp ein Viertel schon bis 2030. Deutschland sei davon besonders betroffen, da die hiesigen hohen Löhne mehr Anreiz böten, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Hundert Jahre nach der hart erkämpften Einführung des Achtstundentags müssen die Menschen nun also befürchten, dass sie gar nicht mehr gebraucht werden. Aber wäre das wirklich so schlimm?

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens ist bereits in höchsten Politikerkreisen angekommen

Auf den ersten Blick ist die Vorstellung beängstigend. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedroht die Existenz und den sozialen Status. Das gilt jedoch nur solange, wie die Erwerbsarbeit das Hauptkriterium für gesellschaftliche Anerkennung und Prestige bleibt. Arbeit ist eine Instanz unserer Identität geworden: Ich arbeite, also bin ich. Was, wenn dieses Paradigma keinen Bestand mehr hätte?

Richard David Precht, Deutschlands medienwirksamster Philosoph, entwirft in seinem neuesten Buch die Utopie einer zukunftsfähigen digitalen Gesellschaft. Für ihn gibt es nur eine Lösung, um den vielfältigen Problemen, die eine Ablösung der menschlichen Arbeitskraft durch Automatisierung mit sich bringen wird, zu begegnen: das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Nur ein Grundeinkommen, sagte er vergangene Woche in der TV-Sendung von Markus Lanz, könne die soziale Wohlstandsgesellschaft erhalten. 

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens, einer vom Staat ausgezahlten Existenzsicherung von 1000 Euro (die meisten Experten rechnen mit 1500 Euro) gibt den Bürgern die Freiheit, selbst zu entscheiden, mit welchen Tätigkeiten sie ihre Zeit verbingen möchten. Auch aus marktwirtschaftlicher Sicht birgt das Modell Vorteile: Denn wer ein sicheres Einkommen hat, der kann konsumieren. 

Seit einigen Jahren wird hartnäckig darüber diskutiert – mittlerweile auch in höchsten Politikerkreisen. Die neue SPD-Vorsitzende Andrea Nahles sagte diese Woche im Gespräch mit dem „Spiegel“, dass Deutschland eine „Sozialstaatsreform“ brauche und dass „gedanklich kein Stein auf dem anderen“ bleiben müsse. Gute Voraussetzungen ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren, Andrea Nahles lehnt es jedoch kategorisch ab. „Ich halte nichts davon, Arbeit und Sozialleistungen zu entkoppeln“, sagte sie. „Die Idee passt nicht in unsere Arbeitsgesellschaft.“

Die Unabhängigkeit von Lohnarbeit bringt vor allem eines: Zeit, sich sinnvoll zu betätigen

Die Hoffnung der Befürworter eines Grundeinkommens besteht jedoch genau darin: dass sich die Arbeitsgesellschaft wandelt. Dass ein Grundeinkommen die Bedeutung von Arbeit und das Verhältnis zwischen Mensch und Arbeit verändert und dass die Bedrohung der Lohnarbeit wie wir sie kennen, gar keine Bedrohung ist, sondern eine Befreiung.

„Es geht darum, Eigentum, Geld und Arbeit radikal zu hinterfragen“, sagt Tobi Rosswog, der gerade an einem Buch schreibt, in dem er „radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit“ entwickelt. Rosswog lebt selbst seit einigen Jahren „geldfreier“, wie er es nennt. Er geht keiner geregelten Lohnarbeit nach, ist aber nicht untätig. Im Gegenteil, er hält Vorträge, hat einige Initiativen gegründet, engagiert sich für einen sozial-ökologischen Wandel. „Wer unabhängiger von Geld wird, wird automatisch unabhängig von Lohnarbeit und hat dadurch mehr Zeit, sich Gedanken zu machen, welche Tätigkeiten vielleicht sinnvoll und erfüllend sind.“

Die Hoffnung, dass die meisten Menschen handeln würden wie Rosswog, wenn sie durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen existenziell abgesichert wären, ist groß. Das Problem: niemand weiß, ob es wirklich funktioniert. Niemand hat es ausreichend erprobt und es lassen sich keine eindeutigen Voraussagen treffen, wie Menschen ihr Verhalten und ihr Verhältnis zu Arbeit verändern, wenn sie ein Grundeinkommen erhalten würden und welche Auswirkungen ein Grundeinkommen dann tatsächlich auf die Gesellschaft und auf das Wirtschaftssystem hätte.

Das Potenzial entfaltet sich erst durch die Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Einkommen 

Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass ein Experiment in Finnland – es war der erste Feldversuch zum BGE in Europa – nach zwei Jahren nicht fortgesetzt wird. Die Begründung: zu hohe Kosten und fehlender Glaube an das Experiment. Die Regierung kündigte an, andere Instrumente der sozialen Absicherung auszuprobieren, zum Beispiel ein Kreditsystem. 

Die Meldung machte Schlagzeilen. An das finnische Experiment, bei dem 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose ein monatliches Grundeinkommen von 560 Euro bekommen, das auch fortgesetzt wird, wenn die Teilnehmer einen Job finden und Geld verdienen, waren hohe Erwartungen geknüpft. Nun war zu lesen, dass das Bedingungslose Grundeinkommen „gescheitert“ sei. Dabei gibt es noch gar keine Auswertung des zweijährigen Versuchs, der noch bis Ende des Jahres läuft. Er wird lediglich nicht verlängert.

Ursprünglich ist die Idee des Grundeinkommens aus der sozialen, linken Perspektive gedacht und mit der Hoffnung auf das Ende von Armut und Ungleichheit verbunden. Die rechtsliberale finnische Regierung wollte jedoch vor allem herausfinden, ob ein Grundeinkommen einen positiven Beschäftigungseffekt hat. Sie erhoffte sich geringere bürokratische Kosten und dass die Arbeitslosen wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Die Finanzierung könnte ökologische Effekte haben

Eine ähnliche Hoffnung äußerte auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, als er sein „solidarisches Grundeinkommen“ vorstellte und den Begriff instrumentalisierte, um Arbeitslosen eine schlecht bezahlte kommunale Tätigkeit als tolle Perspektive zu verkaufen. „Das solidarische Grundeinkommen hat mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen nichts zu tun“, sagt Michael Bohmeyer, der mit seiner Initiative „Mein Grundeinkommen“ seit 2014 Spendengeld einsammelt, um damit monatliche Auszahlungen von tausend Euro zu verlosen. „Ein echtes Grundeinkommen muss existenzsichernd, individuell, ohne Bedarfsprüfung und ohne Gegenleistung zur Verfügung gestellt werden“, heißt es in einer Erläuterung der Initiative. „Das Potential der Idee entfaltet sich erst durch die Entkopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen. Nur dadurch entsteht die Brücke zwischen Freiheit und Sicherheit.“

Was bleibt, ist die ewige Frage nach der Finanzierung. Wenn jeder deutsche Bürger 1000 bis 1500 Euro bekommen soll, wer bezahlt das? Es gibt verschiedene Rechenmodelle, in denen Besteuerungen und die Minderkosten des gesunkenen Verwaltungsaufwands gegeneinander gerechnet werden. Richard David Precht brachte zuletzt eine Finanztransaktionssteuer ins Spiel, die den Nebeneffekt hätte, dass auf den globalen Märkten weniger mit Finanzprodukten spekuliert würde. Auch eine Steuer auf den Ausstoß von CO2 hätte sinnvolle Effekte, um neben der Finanzierung eines Bedingungslosen Grundeinkommens auch den Klimawandel einzudämmen.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: Generation Grundeinkommen / CCBY2.0 / flickr

Einige Pilotprojekte zum Bedingungslosen Grundeinkommen haben wir in der Ausgabe 1.16 vorgestellt. Hier lesen Sie den Artikel „Existenz ohne Druck“. 

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Insektizide27.Apr 2018

EU-Staaten verbieten bienenschädliche Pflanzenschutzmittel

Der Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmitteln auf Äckern ist in Zukunft europaweit verboten. Die drei Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonicotinoide werden für das Bienensterben verantwortlich gemacht. Deutsche Spitzenpolitiker zeigen sich zufrieden, Wissenschaftler und Grüne plädieren für ein Umdenken in der Landwirtschaft.

Die EU-Staaten haben am Freitag einem Freilandverbot für einige bienenschädliche Insektengifte zugestimmt. In dem zuständigen Ausschuss in Brüssel sprach sich eine qualifizierte Mehrheit für den Vorschlag der Kommission aus, den Einsatz von sogenannten Neonicotinoiden auf Äckern zu verbieten und auf Gewächshäuser zu beschränken. „Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung, weil sie Artenvielfalt, Lebensmittelproduktion und Umwelt betrifft“, sagte Vytenis Andriukaitis, der EU-Kommissar für Lebensmittelsicherheit. Neonicotinoide sind für Insekten deutlich giftiger als für Säugetiere oder Vögel. Sie greifen das zentrale Nervensystem an, können lähmen oder zum Tode führen.

Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) freute sich über das Verbot für die Stoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. „Heute ist ein guter Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa“, sagte sie. Bereits vor dem Votum hatte sie mitgeteilt, dass Deutschland mit einer „klaren Haltung abstimmen“ und dem Vorschlag der Kommission folgen werde. „Was der Biene schade, muss weg vom Markt“. Andere EU-Länder hatten ihre Entscheidung zunächst offen gelassen.

Bereits am Freitagmorgen hatte sich auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im „Morgenmagazin“ des ZDF zu Wort gemeldet und auf die Folgen der Gifte hingewiesen: „Das Insektensterben ist jetzt wirklich dramatisch“, sagte sie. Sollte sich die EU für ein Verbot der sogenannten Neonikotinoide entscheiden, müsste deren Einsatz unter freiem Himmel innerhalb von drei Monaten beendet werden, erklärte Schulze. Andernfalls wolle die Bundesregierung auch alleine gegen die Insektizide vorgehen: „Wir haben uns in Deutschland vorgenommen, dass wir eine andere Pflanzenschutzpolitik machen wollen“, sagte sie.

Auch Wissenschaftler sind sich einig, dass die Entscheidung positiv ist. „Es ist nicht gelungen, die schädlichen Auswirkungen der Neonicotinoide auf Bienen und andere Insekten zu entkräften. Daher führte an dieser Entscheidung kein Weg vorbei“, sagte Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung der Universität Göttingen. „Landwirte haben in der Vergangenheit zu sehr auf die hohe Wirksamkeit der Insektizide gesetzt und diese zu häufig verwendet. Das hat mittlerweile dazu geführt, dass vielfach Insekten gegen die Mittel resistent geworden sind. Wenn die Landwirte in Zukunft nicht mit leeren Händen dastehen wollen, müssen sie sich schnellstens wieder mit Ackerbauverfahren befassen, die den Insektenbefall mindern.“ Das seien Fruchtfolgen, angepasste Saattermine, Randstreifen und mechanische Verfahren. Das alles wirke deutlich schlechter als hoch wirksame Insektizide, aber gegen resistente Insekten blieben kaum andere Möglichkeiten übrig.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA im Europaparlament und Mitglied im EU-Umweltausschuss sagte, dass das Verbot nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer weitgehend chemiefreien Landwirtschaft sein könne. „Das Anwendungsverbot war überfällig. Es hätte früher kommen müssen, denn die Aussaat der Zuckerrüben wird es in diesem Jahr nicht mehr betreffen.“ Mit der Entscheidung sei das „Roulette für die Artenvielfalt“ allerdings noch nicht beendet. Es werde, da die Gifte im Boden nur schwer abbaubar sind, einen Langzeiteffekt geben. Zudem sei der Einsatz im Gewächshaus weiterhin möglich. Das sei überflüssig und bedenklich. „Wir wollen keinen stummen Frühling“, sagte Häusling. „Deshalb führt langfristig kein Weg an einer ökologisierten, mindestens weitgehend chemiefreien Landwirtschaft vorbei.“

Doch die Industrie hat bereits neue Mittel in der Schublade. Zum Beispiel die Wirkstoffe Sulfoxaflor aus der Gruppe der Sulfoximine oder Flupyradifuron aus der Gruppe der Butenolide. Zwar keine Neonicotinoide, aber die Stoffe weisen eine verdächtige Ähnlichkeit auf. Auch sie binden sich an die Rezeptoren der Nervenzellen von Insekten und stören dadurch die Weiterleitung von Nervenreizen. Durch die EU sind beide Mittel bereits zugelassen. Flupyradifuron ist auch bereits in einigen Mitgliedsstaaten zugelassen, allerdings nicht in Deutschland.

„Irgendwann wird sich immer zeigen, dass sie gefährlicher für unsere Natur sind als zunächst behauptet“, sagt Häusling. „Was wir brauchen, ist ein Umdenken, um grundsätzlich einen Landbau zu etablieren, der ohne risikoreiche Chemie besteht.“

dpa/bh

Aufmacherbild: dpa

Was Bienen so besonders und unersetzlich macht, hat das Greenpeace Magazin schon vielfach beschrieben. Im Magazin oder auch in unserem Buch „Die Biene – eine Liebeserklärung“, das sie hier bestellen können.  

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Luftreinhaltung25.Apr 2018

Fahrverbote in Hamburg: Es ist alles vorbereitet

Hamburg plant als erste deutsche Stadt, Fahrverbote in der Innenstadt umzusetzen. Seit im Februar das Grundsatzurteil fiel, haben die Behörden Ausweichrouten festgelegt, Löcher gebuddelt und Schilder aufgestellt. Doch eine entscheidende Information fehlt noch.

In der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße, zwei zentralen Verkehrsachsen im Hamburger Westen, graben Bauarbeiter Löcher in den Boden und setzen neue Masten und Verkehrsschilder ein, die über mögliche Ausweichrouten informieren. Die Schilder, auf denen explizite Fahrverbote angezeigt werden, sind bestellt. Sie sollen erst im Mai aufgestellt werden – und sind auch dann erst einmal mit Streifen durchgestrichen. Hamburg ist zwar vorbereitet auf die Umsetzung der Fahrverbote für ältere Diesel im Innenstadtbereich. Doch es fehlt noch die entscheidende Information vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

„Die Verbotsschilder sind zunächst noch als ungültig markiert. Zu einem bestimmten Stichtag werden sie dann an allen Stellen gleichzeitig in Kraft gesetzt“, sagt Jan Dube, Sprecher der Hamburger Umweltbehörde. Der genaue Stichtag steht noch nicht fest, aber der Senat peilt die Woche nach Pfingsten an. Dann sollen zwei Streckenabschnitte auf der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße für bestimmte Dieselmodelle nicht mehr befahrbar sein. Das genaue Datum hängt davon ab, wann das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig seine schriftliche Urteilsbegründung nachreicht.

Ende Februar dieses Jahres hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass Fahrverbote für Dieselfahrzeuge rechtlich zulässig sind. Das Grundsatzurteil fiel zwar für die Städte Düsseldorf und Stuttgart, es ist aber richtungsweisend für alle folgenden Urteile. Dadurch machte Leipzig den Weg für Kommunen in Deutschland frei, um ältere Dieselfahrzeuge von hochbelasteten Straßen zu verbannen. Denn die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid, die seit dem Jahr 2010 gelten, werden in vielen deutschen Großstädten jedes Jahr überschritten. Deshalb hatte die Umweltorganisation „Deutsche Umwelthilfe“ gegen 19 Städte im ganzen Bundesgebiet geklagt.

Hamburg ist gezwungenermaßen in der Vorreiterrolle

Hamburg gehörte nicht zu den aktuell 19 beklagten Städten. Das liegt allerdings nicht an der Luftqualität, denn die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschreitet Hamburg regelmäßig. Es liegt vielmehr an Hamburgs Vorgeschichte: Die Stadt hat schon ein Gerichtsverfahren wegen seiner schlechten Luftwerte hinter sich und ist daher gezwungenermaßen so gut auf Fahrverbote vorbereitet wie wenige andere Kommunen. „Hamburg ist meines Wissens die erste Stadt, die solch eine Durchfahrtsbeschränkung für bestimmte Diesel-Fahrzeuge verhängt. Wir haben schon letztes Jahr alle Schritte geplant und somit Pionierarbeit geleistet“, sagt Jan Dube gegenüber dem Greenpeace Magazin.

Schon 2014 hatte der „Bund für Umwelt und Naturschutz“ (BUND) wegen zu hoher Stickstoffdioxid-Belastung gegen Hamburg geklagt. Daraufhin schrieb das Verwaltungsgericht der Kommune vor, bis zum Sommer 2017 einen fundierten Luftreinhalteplan vorzulegen. „Da mussten wir genau berechnen, welche Maßnahme welche Verbesserung für die Luftqualität bringt. Und das haben wir getan“, so Dube. Vergangenes Jahr im Sommer legte die Umweltbehörde dann – in Zusammenarbeit mit der Wirtschafts- und Verkehrsbehörde sowie der Innenbehörde – einen Luftreinhalteplan mit zehn großen und einigen kleineren lokalen Maßnahmen vor. „Seit dem Leipziger Urteil sind schon einige andere Kommunen auf uns zugekommen und haben sich nach unseren Maßnahmen und Berechnungen erkundigt“, sagt Jan Dube.

Unter anderem verspricht die Stadt, den Radverkehr und das U- und S-Bahn-Netz auszubauen, über 200 saubere Busse anzuschaffen, über tausend Ladepunkte für E-Fahrzeuge zu bauen und einen Fuhrpark fast ausschließlich schadstoffarmer Autos anzulegen. Außerdem sieht der Maßnahmenkatalog vor, die Schadstoffbelastung am nördlichen Hafenrand zu senken und mehr Landstrom- und Flüssiggas-Versorgung für Schiffe am Kai anzubieten.

Fahrverbote sind die Maßnahmen, über die alle reden

„Und zwei dieser Maßnahmen sind die, über die jetzt alle reden: die Durchfahrtsbeschränkungen an der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße“, so Dube. Am 30. Juni 2017 nahm der Hamburger Senat den Luftreinhalteplan an und steht seitdem in den Startlöchern. Denn bis zum Grundsatzurteil im Februar 2018 in Leipzig war unklar, ob Kommunen überhaupt berechtigt sind, Fahrverbote als Maßnahme umzusetzen. „Sobald es grünes Licht vom Bundesverwaltungsgericht gab, haben wir losgelegt. Wenige Tage nach dem Urteil haben wir die Verkehrsschilder und Masten bestellt“, sagt Umweltbehördensprecher Dube. Die Bauarbeiten sind mittlerweile in vollem Gang. Nur der letzte Schritt fehlt noch.

Von der ausstehenden schriftlichen Urteilsbegründung erhoffen Jan Dube und Kollegen sich nun Hinweise, für welche Diesel-Typen die Verbote genau gelten sollen. „In unserer bisherigen Planung sollen Typen mit der Norm Euro sechs nicht betroffen sein. Die Beschränkungen gelten zunächst nur für Diesel mit der Abgasnorm Euro fünf und älter“, so Dube. Für solche Lkw und Diesel-Pkw soll ein 600 Meter langer Abschnitt auf der Max-Brauer-Allee gesperrt werden und etwa 1,7 Kilometer der Stresemannstraße nur für Lkw. Anlieger seien von der Beschränkung ausgenommen.

Ob die Autofahrer sich an die Verbote halten, wird die Polizei zunächst mit Schwerpunkt- und dann mit Stichprobenkontrollen überprüfen. Dass dafür mehr Polizeibeamte eingestellt werden müssen, sieht Jan Dube nicht. Die Fahrverbote sollen ganzjährig gelten – und so lange gültig bleiben, bis die Stickstoffdioxid-Werte auch ohne die Maßnahmen unter dem EU-Grenzwert bleiben würden. Der Sprecher der Umweltbehörde ist zuversichtlich, dass Hamburg mit den bisher geplanten Maßnahmen künftig die EU-Grenzwerte einhalten kann. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Denn wenn das Gericht in seiner Urteilsbegründung andere Auflagen macht, muss die Stadt ihre Fahrverbotsschilder danach ausrichten. Und so wartet Hamburg weiter auf die alles entscheidende Information aus Leipzig.

nk

Aufmacherbild: dpa

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Datenschutz20.Apr 2018

Microsoft, Amazon und „Smart Citys“: Wo die digitale Privatsphäre besonders gefährdet ist

Die schlimmsten Datenkraken des Jahres stehen fest. „Digitalcourage“ vergibt den Negativpreis an Weltkonzerne wie Microsoft und Amazon und an kleine Firmen wie Cevisio oder Soma Analytics – und an die Fraktionen von CDU und Grünen im hessischen Landtag. Gemeinsam ist den Preisträgern, dass sie nach Ansicht des Vereins besonders rücksichtslos mit sensiblen Daten umgehen.​

Ein Chip erlaubt die Totalüberwachung von Geflüchteten: Er speichert, unter welchen Krankheiten sie leiden, wer zur Familie gehört oder wo sie sich wann in ihrer Unterkunft aufhalten. Die Software ermögliche die „direkte Verwaltung und Abrechnung der Flüchtlinge“, wirbt die Firma, die den Chip entwickelt hat, in einer Produktbroschüre. Für diese fragwürdige Errungenschaft hat der Bürgerrechtsverein Digitalcourage der Firma Cevisio Software und Systeme GmbH aus Torgau am Freitag den BigBrotherAward 2018 in der Kategorie Verwaltung verliehen.

Die Jurymitglieder des Negativpreises kritisieren, Menschen würden wie Dinge behandelt: „Die Software ist nicht nur preiswürdig wegen der mit ihr möglichen Datenschutzverstöße, sondern vor allem wegen des Menschenbildes, das dahintersteht.“ Der Chip zeige, „auf wie vielen Ebenen Privatsphäre verletzt werden kann“, so Laudator Dr. Thilo Weichert, Jurist und ehemaliger Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz.

Seit 2000 verleiht Digitalcourage jährlich die BigBrotherAwards an Firmen und Institutionen, die besonders rücksichtslos mit Daten umgehen, in der Kritik standen bereits Rabattkarten, Mautkameras, Farbkopierer und Handyüberwachung. Die Mitglieder des Vereins wollen so auf Verstöße aufmerksam machen und die Preisträger zum Umdenken auffordern – allerdings bleiben diese der Preisverleihung meist fern, ignorieren die Vorwürfe oder wiegeln ab. In diesem Jahr findet die Veranstaltung im Bielefelder Stadttheater statt, außerdem kann jeder sie im Internet als Livestream verfolgen.

Der Verein hat mittlerweile über 2000 Mitglieder

„Am Anfang dachten wir, dass wir den Preis fünf Jahre lang verleihen würden und dann alles abgehandelt ist“, sagt Rena Tangens, Vorstandsmitglied im Verein Digitalcourage und Jurymitglied. „Doch wir haben gemerkt, dass Engagement für Datensicherheit und Privatsphäre immer wichtiger wird“. Mittlerweile werde der Verein bekniet, mit der Preisverleihung weiterzumachen – nicht nur von Aktivisten, sondern auch von Datenschutzbeauftragten in Firmen und Verwaltungen. „Sie können sammelwütige Personal- oder Marketingabteilungen eindämmen, indem sie auf den Preis verweisen“, sagt Tangens. Am Anfang hatte Digitalcourage 65 Mitglieder, mittlerweile sind es 2000. Elf Mitarbeiter arbeiten für den Verein, der sich ausschließlich durch private Spenden und Fördermitgliedschaften finanziert.

Tangens schrieb im Digitalcourage-Jahrbuch 2018, dass der eigentliche Erfolg der BigBrotherAwards am Verhalten der Menschen zu sehen ist: „Datenschutz ist als Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dass in den letzten eineinhalb Jahren so viele Datenschutzvergehen aufgeflogen sind, hat auch mit dem gestiegenen Bewusstsein zu tun, dass da Unrecht geschieht, und dass wir dagegen vorgehen müssen.“

Unter den diesjährigen Preisträgern sind bekannte Namen

Ein weiterer Preisträger ist in diesem Jahr das Unternehmen Soma Analytics UG aus München in der Kategorie Arbeitswelt. Es erhielt den Negativpreis für eine App, die „anhand der Aufgeregtheit der Stimme beim Telefonieren den Gesundheits- und Vitalzustand des Nutzers“ misst, so die Begründung der Jury. Arbeitgeber können daraus Rückschlüsse auf die seelische Verfassung ihrer Mitarbeiter ziehen. 

In der Kategorie Technik ist Microsoft Deutschland wegen der „kaum deaktivierbaren Übermittlung von Diagnose-Daten im Betriebssystem Windows 10“ der Gewinner des Negativ-Awards. Und mit Amazon steht in der Kategorie Verbraucherschutz ein weiterer Branchenriese auf der Liste der Preisträger, und zwar für sein „neugieriges, vorlautes, neunmalkluges und geschwätziges Lauschangriffdöschen namens Alexa.“ Die Jury begründet die Wahl so: „Preiswürdig ist, dass diese Abhördaten in der Cloud auch gespeichert werden und man sie auch nach Monaten noch abspielen kann. Damit können Haushaltsmitglieder überwacht werden und es ist unklar, wer noch alles darauf zugreifen kann.“ 

Tangens zitiert gerne den Zauberer Albus Dumbledore: „Es wird die Zeit kommen, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist, und dem was bequem ist.“

Auch Parteien werden dieses Jahr gerügt: Digitalcourage kritisiert ein geplantes neues Verfassungsschutzgesetz in Hessen als „schweren Angriff auf Demokratie, Rechtsstaat und Bürgerrechte“, weshalb die Fraktionen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen im Wiesbadener Landtag den Award erhalten: „Der schwarz-grüne Gesetzentwurf enthält eine gefährliche Anhäufung schwerwiegender Überwachungsbefugnisse, mit denen tief in Grundrechte eingriffen werden kann. Mit sogenannten Staatstrojanern sollen ‚verdächtige‘ Computer heimlich infiziert und ausgeforscht werden.“ 

In der Kategorie PR & Marketing würdigen die Jurymitglieder dagegen schlicht den Modebegriff „Smart City“, der ihrer Ansicht nach hochproblematisch ist: „Mit dem Werbebegriff ‚Smart City‘ versuchen Technikfirmen, der Kommunalpolitik die ‚Safe City‘ zu verkaufen: eine mit Sensoren gepflasterte, total überwachte, ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt“, so die Begründung. Neben dem Überwachungs-Chip für Geflüchtete findet Jurymitglied Tangens diese Auszeichung besonders wichtig: Sie hofft, dass Zivilgesellschaft und Medien noch gegensteuern können, um die Überwachung unter dem Deckmantel von Sicherheit zu verhindern. Tangens muss dabei an ein Zitat des weisen, weißbärtigen Schulleiters Albus Dumbledore in einem Harry-Potter-Film denken: „Es wird die Zeit kommen, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist, und dem was bequem ist.“ Und diese Zeit sei jetzt. 

hg

Aufmacherbild: picture alliance/Photoshot

Auf Twitter können die Diskussionen zum Award unter diesen Hashtags verfolgt werden: #BBA18 und #BigBrotherAwards 

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Meeresprodukte18.Apr 2018

Algen als Superfood – wichtige Nährstoffquelle oder riskante Jodschleuder?

Während Firmen schon mit nährstoffreichen Limonaden aus dem „ältesten Superfood der Welt“ werben, testen Forscher Algen als Alternative zum Fischkonsum. Sogar ein Algenbier soll im Juni auf den Markt kommen. Allerdings warnen Verbraucherschützer, dass zu viel des Guten gesundheitsschädlich sein kann.

Algen sind ein ständig nachwachsender Rohstoff. Viele Arten brauchen keine Agrarfläche, keinen Dünger, kein Süßwasser, sondern lediglich das Meer, in dem sie wachsen und gedeihen können. Umweltschützer preisen Algen angesichts fortschreitender Überfischung als Alternative zu tierischen Meeresprodukten an. Die Genügsamkeit der Wasserpflanzen macht sie auch für Wirtschaft und Forschung attraktiv. Gerade testen sowohl Firmen wie auch Forschungsinstitute, zu welchen Lebensmitteln außer Sushi Algen passen könnten. Gleichzeitig warnen Verbraucherschützer, dass man algenhaltige Produkte wegen ihres hohen Jod-Gehalts nur in Maßen konsumieren sollte.

„Meeresalgenprodukte können gesundheitsschädliche Mengen an Jod enthalten“, sagt Gudrun Köster, Referentin für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Die Verbraucherzentralen empfehlen, höchstens 0,5 Milligramm Jod pro Tag einzunehmen – und diese Menge könne schon in ein bis zehn Gramm getrockneten Algen stecken. „Der Jod-Gehalt von Algen variiert erheblich. Deshalb sollten Konsumenten nur solche Meeresalgenprodukte kaufen, bei denen auf dem Etikett klar steht, wieviel Jod enthalten ist und was die maximale Verzehrmenge ist“, so Köster.

Elke Böhme forscht zu allem, was im Meer schwimmt und wächst

Elke Böhme lässt sich von den Sorgen der Verbraucherschützer nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Seit einem Jahr forscht sie an der Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie und Zelltechnik in Lübeck zu „allem, was im Meer schwimmt und wächst“ und prophezeit Algen eine glänzende Zukunft. „Unser Algen-Bier kommt im Juni auf den Markt, an der Algen-Limo sind wir dran und als nächstes könnte dann eventuell Brot mit Algen oder vegane Wurst kommen. Was genau, bleibt vorerst unser Geheimnis“, so die Lebensmittelingenieurin. „Zwei Flaschen von unserem Algen-Bier decken den Tagesbedarf an Vitamin B12.“ Das ist gerade für vegan lebende Menschen interessant, denn laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist Vitamin B12 der „kritischste Nährstoff“ für Veganer. Mangelerscheinungen äußern sich in Müdigkeit und Depression.

Dabei sei der geschmackliche Einfluss der Algen im Bier nur ganz dezent. „Es schmeckt nicht so herb wie Pils, eher mild-süßlich und hat eben eine milde Salznote wegen der Algen“, sagt Elke Böhme. Gebraut wird das Bier wie jedes andere auch, mit Malz, Hopfen, Wasser und Hefe – und Algenextrakt als Zugabe. Intern im Forschungsinstitut haben die Wissenschaftler das Bier schon verköstigt, das sei „sehr gut angekommen“. Und auch schon die Konkurrenz, also verschiedene Craft-Beer-Brauer, durften probieren. „Aber da scheiden sich die Geschmäcker. Ich würde sagen, wir konnten rund achtzig Prozent überzeugen“, so Böhme.

Sind Algen übertrieben gehyptes Superfood oder sinnvolle Fisch-Alternativen?

Der Geschmack aber bereitet Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale keine Sorgen. Neben dem schwer zu kalkulierenden Jodgehalt weist sie auf möglicherweise enthaltene Schadstoffe wie Schwermetalle oder Microcystine sowie auf Hygieneprobleme bei der Algenproduktion hin. Außerdem ärgert sie sich über die pauschale Anpreisung von Algenprodukten als nährstoffreiches „Superfood“: „Nach meiner Einschätzung ist es eher ein Trend, der sich in den Hype um sogenannte Superfoods einreiht.“ Für die in der Werbung oftmals übertrieben angepriesenen Wirkungen gebe es wenig tragfähige Belege, und der Nährstoffgehalt sei meist gering. Auch das Argument, Veganer könnten über Algenprodukte ihren Vitamin B12-Bedarf decken, sieht sie ambivalent: „Das oft angepriesene Vitamin findet sich zwar in vielen Algenprodukten, aber überwiegend in einer für Menschen nicht verwertbaren Form“, so Köster.

Allerdings räumt die Verbraucherschützerin ein, dass Menschen meistens eher zu wenig als zu viel Jod zu sich nehmen. Insbesondere Vegetarier oder Menschen, die keinen Fisch essen, sind betroffen. „Deswegen gibt es ja Jod-Salz in den Supermärkten zu kaufen“, sagt die Lebensmittelexpertin. Und auch andere Inhaltsstoffe machen die Algen in Zeiten der Überfischung der Meere als Alternative zu Fisch interessant. So sind bestimmte Algenprodukte wie Öle aus Mikroalgen besonders reich an Omega-3-Fettsäuren, die für den menschlichen Organismus essentiell sind. Lebensmittelingenieurin Elke Böhme erwartet, dass man in Zukunft Fischmahlzeiten komplett durch Algen ersetzen kann: „Die Fettsäuren der Algenöle sind dabei im Wesentlichen dieselben wie in Fisch und Fischölen – schließlich nehmen auch die Fische sie mit der Nahrung auf“, so Böhme.

nk

Aufmacherbild: picture alliance / blickwinkel

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Menschenrechtspreis17.Apr 2018

Taher Mokhtar zu Amnesty-Menschenrechtspreis: „Die Lage in Ägypten ist heute schlimmer, als sie es vor der Revolution 2011 war.“

Amnesty International in Deutschland verleiht den Menschenrechtspreis 2018 an das Nadeem-Zentrum in Kairo, das sich für Gewalt-, Folter- und Vergewaltigungsopfer einsetzt. Der Arzt Taher Mokhtar nimmt die Auszeichnung entgegen und berichtet im Interview von der Situation in Ägypten.​

Zu Beginn der Woche hat Amnesty International in Deutschland zum neunten Mal seinen Menschenrechtspreis verliehen. Der Preisträger ist das Nadeem-Zentrum in Kairo. Mit der Preisverleihung will Amnesty die Arbeit der Mitarbeiter des Zentrums würdigen, die Überlebende von Folter, Gewalt und Vergewaltigungen medizinisch und psychologisch versorgen sowie die schweren Menschenrechtsverletzungen in Ägypten öffentlich kritisieren. Laut Amnesty befindet sich die Menschenrechtslage in Ägypten auf einem Tiefpunkt. So soll seit der Absetzung von Präsident Mohammed Mursi 2013 die Regierung seines Nachfolgers Abdel Fattah al Sisi systematisch gegen politische Gegner, kritische Journalisten und zivilgesellschaftliche Aktivisten vorgehen.

Amnesty fordert die deutsche Bundesregierung auf, die 2017 geschlossenen Kooperationsabkommen zwischen Deutschland und Ägypten hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen. Bei der Preisverleihung in der Berliner Volksbühne führte die Schauspielerin Katja Riemann durch den Abend. Der ägyptische Arzt Taher Mokhtar nahm den Preis stellvertretend für die vier Direktorinnen des Nadeem-Zentrums entgegen. Im Interview berichtet Mokhtar von der derzeitigen Lage in Ägypten.

Herr Mokhtar, können Sie uns erzählen, wie sich die aktuelle politische Situation in Ägypten auf Ihr Leben auswirkt?

Im Januar 2016 wurde ich festgenommen und beschuldigt, im Besitz von Faltblättern zu sein, die den Sturz des Regimes fordern. In Wahrheit handelte es sich dabei um Informationsmaterialien für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Inhaftierten. Daraufhin saß ich sieben Monate in Haft, bis ich auf Kaution entlassen wurde und meine Arbeit im Nadeem-Zentrum wieder aufnehmen konnte. Allerdings sah es so aus, als ob ich erneut inhaftiert werden sollte. Gegen mich läuft ein Verfahren, das auf einmal die Strafverfolgungsstelle für nationale Sicherheit übernommen hat – und das ist immer ein schlechtes Zeichen. Ich musste nach Frankreich fliehen und bin nun einer von vielen ägyptischen Aktivisten, die wegen der Repression dieses Regimes im Exil leben müssen.  

Nadeem-Zentrum Kairo

Eine Pinnwand im Büro des Nadeem-Zentrums in Kairo im Januar 2018 zeigt Fotos von Menschen, für die sich die Organisation einsetzt. Foto: Dana Smillie/Amnesty International

Und wie ist die Lage des Nadeem-Zentrums, das nun mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde?

Seit 2016 gehen die Behörden massiv gegen uns vor. Die Klinik des Zentrums wurde im Februar 2017 geschlossen. Zwar haben unsere Anwälte noch im selben Monat Rechtsmittel gegen die Schließung eingelegt, aber die Verhandlung zieht sich, denn die Richter vertagen jede Sitzung. Die nächste Verhandlung soll nun im Juli stattfinden. Allerdings arbeiten die Mitarbeiter des Nadeem-Zentrums trotz der Repressionen weiter. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht Verfolgten helfen. Und auch weiterhin veröffentlicht das Zentrum regelmäßig Berichte, die Folter und Menschenrechtsverletzungen in Ägypten dokumentieren.

Was können Sie aus dem Exil zur Menschenrechtsarbeit beitragen?

Zusammen mit anderen Aktivisten, die auch aus dem Land fliehen mussten, arbeite ich an Kampagnen gegen die Menschenrechtsverletzungen in Ägypten – wie Folter, willkürliche Festnahmen, Verschleppungen und Hinrichtungen. Wir kritisieren den Grad an Repression und den Druck, den die Regierung auf die Zivilgesellschaft ausübt. Den Preis nehme ich im Namen der vier Direktorinnen des Nadeem-Zentrums an. Aida Seif al-Dawla, Suzan Fayad, Magda Adly and Mona Hamed konnten selbst – wegen Ausreiseverboten und anderen Restriktionen – nicht zur Preisverleihung nach Berlin kommen.

Wie schätzen Sie die derzeitige politische Situation in Ägypten ein?

Meiner Meinung nach ist Ägypten ein repressiver Staat, der kurz davorsteht, zu einem totalitären Regime zu werden. Die staatlichen Sicherheitskräfte wie Polizei und Militär begehen die Mehrheit an Menschenrechtsverletzungen, das Verschwindenlassen von unliebsamen Personen geschieht in großem Maßstab – genauso wie Folter. Gegen Überlebende werden Fälle vor Gericht konstruiert und manche von ihnen, wie Ashraf Shehata, Amr Ibrahim Metwally und Khaled Hafez, verschwinden einfach und wurden seitdem nicht mehr lebend gesehen.

Was würden Sie sagen, wie hat sich die Menschenrechtslage seit der Umstürze in Folge des Arabischen Frühlings verändert?

Meinungs- und Pressefreiheit existiert in Ägypten nicht mehr. Laut Reporter ohne Grenzen steht Ägypten bei Verhaftungen von Journalisten weltweit an dritter Stelle. Allein seit Dezember 2017 hat das ägyptische Regime mehr als 25 Zivilisten exekutiert – nach völlig intransparenten Militärprozessen. 28 Menschenrechtsverteidiger dürfen nicht mehr ausreisen. Und ein neues Gesetz, das die Rechte der Zivilgesellschaft stark einschränkt, widerspricht nicht nur der ägyptischen Verfassung von 2014, sondern auch internationalen Standards. Die Menschrechtslage in Ägypten ist heute schlimmer, als sie es vor der Revolution von 2011 war.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Amnesty International

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Werbelügen10.Apr 2018

Edekas Beerendienst am Klima

Mitten im Winter wirbt Edeka mit frischen Sommerbeeren in den Händen eines Reklamebauern. Die „Wir lieben Lebensmittel“-Kampagne verspricht Ursprünglichkeit und kurze Wege – wir haben die Werbung an die Realität angepasst.

„Das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse ohne lange und aufwendige Lieferprozesse – dafür steht das Edeka-Fruchtkontor“, erklärt Deutschlands größter Lebensmittelhändler auf seiner Internetseite. Und wirbt im Winter mit Zeitschriften-Annoncen für scheinbar eben erst gepflückte Him-, Brom- und Blaubeeren in den Händen eines Bauern. „Unser frischer Beitrag gegen Beerenhunger“, steht da, und dazu gibt es eine Art Siegel: „Qualität und Frische aus erster Hand“.

Im Supermarkt sind die beworbenen Beeren schnell gefunden, es gibt die drei Sorten im Kunststoff-Kombipack. Auf der Unterseite verrät ein Etikett den Ursprung: Die Brombeeren stammen aus Mexiko, die Himbeeren aus Marokko, die Heidelbeeren aus Chile. Zusammen haben die drei Sorten eine Strecke von 25.000 Kilometern Luftlinie zurückgelegt. Es ist ein faszinierend weitgereistes Produkt.

Viele Verbraucher beteuern heute in Umfragen, regionale und saisonale Waren zu bevorzugen. Die Lebensmittelkonzerne nutzen diesen Trend in ihrer Reklame und vermitteln gern den Eindruck von Ursprünglichkeit und Nähe, zum Beispiel mit rustikaler Holzoptik. Parallel dazu betreiben sie jedoch einen immer größeren Aufwand, um das ganze Jahr über ein nahezu gleichbleibendes Obst- und Gemüsesortiment in die Regale zu bringen. Viele Kunden haben den Bezug zum jahreszeitlichen Angebot längst verloren – was Edeka mit einem Verwirrspiel um die Herkunft seiner Produkte noch fördert.

Im Internet heißt es zum Beispiel: „Edeka liefert Qualität und Frische aus erster Hand – die Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten und direkte Lieferwege machen es möglich.“ Und weiter: „Unser Obst und Gemüse findet immer den kürzesten Weg vom Produzenten zum Edeka-Markt und ist erntefrisch, ganz gleich, ob es sich um regionale Produkte oder Exoten handelt.“ Wie jetzt – Exoten, die erntefrisch den kürzesten Weg in deutsche Supermärkte finden?

Beerenmix

Beerenmix aus einem Hamburger Edeka-Markt. Foto: Cale Garrido/Greenpeace Magazin

Na gut, auch von Chile, Mexiko oder Marokko gibt es einen „kürzesten Weg“. Allerdings haben die Beeren unterwegs mindestens einen Abstecher nach Bornheim bei Köln gemacht, wo sie laut Etikett in einer Kräutergärtnerei abgepackt wurden, bevor sie in den Hamburger Supermarkt gefahren worden sind. Wir wollten gern mehr darüber erfahren, wie die Beeren nach Europa gelangen, und haben bei Edeka nachgefragt. Allerdings zeigte sich das Unternehmen dabei deutlich weniger transparent als es sich im Internet präsentiert.

Zunächst hieß es aus der Hamburger Zentrale, wir sollten die Fragen per Mail stellen. Wir fragten also schriftlich, mit welchen Verkehrsmitteln die Beeren transportiert wurden, welche Zwischenstationen sie dabei gemacht hätten und wie lange sie unterwegs waren. Nach zwei Tagen Funkstille ergab ein Anruf in der Presseabteilung, die Fragen seien „in Bearbeitung“. Fünfmal mussten wir nachhaken – die Kommunikationsabteilung blockte alle Gespräche ab und ließ mehrere Termine verstreichen, bis nach zweieinhalb Wochen eine dünne Antwortmail kam. Blaubeeren, ließ man uns wissen, würden ab November „hauptsächlich in Übersee angebaut und gekühlt im Schiff nach Europa transportiert.“ Die Dauer der Überfahrt könne variieren, vom Hafen würden die Beeren über das Edeka Fruchtkontor in die Logistikzentren der Edeka-Großhandlungen verteilt.

Die Information ist wirklich spannend: Kulturheidelbeeren aus Chile kann man heute auf dem Seeweg um die halbe Welt transportieren, wobei, wie weitere Recherechen ergeben, ein raffiniertes Gas- und Temperaturmanagement im Container ihre Reifung verzögern kann. Zu Brombeeren und Himbeeren, die Edeka ebenfalls oft in Südamerika einkauft, gab es aber trotz ausdrücklicher Bitte keine Informationen. In einem Blog auf der Edeka-Website fanden wir schließlich klein den Hinweis, dass Brombeeren aus Mexiko eingeflogen werden, weil sie so schnell verderben. Das Problem: Laut Schätzungen werden pro Kilogramm Ware und tausend Flugkilometer beim Lufttransport rund ein Kilo CO2 frei.

Das Fruchtkontor importiert also per Schiff, als „Flugobst“ und – aus Marokko – wohl auch mit dem Lkw Sommerbeeren nach Deutschland, die während der Saison in Gärten und Gärtnereien, an Weg- und Waldrändern bestens gedeihen – zum Beispiel am Elbhang, nur ein paar Meter von der Redaktion des Greenpeace Magazins entfernt.

Die Leute merken es kaum – und lassen sich durch die Hände des Blau-, Brom- und Himbeerbauern, der gar nicht existiert, gern zum Kauf der interkontinentalen Beeren verführen. Es sei „eine Sünde, sie nicht zu essen“, heißt es im Originaltext der Anzeige. Das kann man auch anders sehen.

Hier kommt unsere Version der Anzeige:

Fake-Anzeige Beeren

WOLFGANG HASSENSTEIN

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 3.18 „Wir Seeleute“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

 

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Neue Ausgabe10.Apr 2018

Wir Seeleute – Eine Ausgabe über das Band zwischen Mensch und Meer

Die Ozeane sind Sehnsuchtsorte, bedrohliche Naturgewalten, weltumspannende Wirtschaftsräume: Wir nutzen, fürchten, bewundern sie. Doch verstehen wir unsere Wirkung auf die Meere, unsere Verantwortung für sie? In unserer aktuellen Ausgabe ergründen wir den fragilen Riesen – und die Meeresnatur in uns selbst.​

Für die meisten Menschen wirkt das Meer weit entfernt. Wer nicht an der Küste wohnt, sondern das Rauschen der Ozeane nur mit Urlaubserinnerungen verbindet, denkt womöglich nicht viel nach über das Band zwischen Mensch und Meer. Vielleicht lesen Sie diese Zeilen, schauen aus dem Fenster auf festen Grund, Häuser, weite Landschaften und denken: Mit den Ozeanen habe ich nichts zu tun. Dann lohnt ein zweiter Blick, denn die Meere sind nicht nur der Ursprung allen Lebens und formten unsere Landschaften, sie prägen unser Leben bis heute und sind zugleich die großen Unbekannten dieses Planeten: 95 Prozent der Weltmeere sind noch völlig unerforscht. Da draußen, vor den Küsten, liegen die letzten großen Geheimnisse und Abenteuer. Dorthin haben wir uns in dieser Ausgabe aufgemacht – stechen Sie mit uns in See!

Die Reise beginnt mit einem eindrucksvollen Gespräch mit Sylvia Earle, der Grande Dame der Meeresforschung. Die US-amerikanische Ozeanografin arbeitete als Forscherin und Politikberaterin und hat in ihrem Leben mehr als 7000 Stunden unter Wasser verbracht. „In dieser Welt, die in der Tiefe immer blauer und blauer wird, versucht man, andere Worte für blau zu finden. Es wird purpurblau, dann blauschwarz, und dann ist es dunkel“, sagt Earle im Interview, und weiter: „Tauchen Sie nachts! Wenn Sie sich unter Wasser auf den Rücken drehen, können Sie die Sterne am Himmel sehen. Und dann drehen Sie sich wieder um und sehen all die Wesen da unten. Oben ein Universum und unten noch eins.“ Die 83-Jährige erzählte im Interview von der zauberhaft Welt unterhalb der Wasseroberfläche: Von der Sprache der Fische, der Freundschaft unter den Meeresbewohnern und von 400 Jahre alten Haien. Ihr Plädoyer für mehr Respekt für die Meeresbewohner ist unmissverständlich: Die Ausbeutung der Meere muss gestoppt werden. Und jeder kann ein Teil des Wandels sein.

Die Meeresgeschichten in unserem Heft führen Sie aber auch zurück zu uns Menschen, uns Seeleuten, wie etwa in Wolfgang Hassensteins Geschichte über die Krabbenfischer im Wattenmeer. Was hat mehr Wert: Die Identität und der Broterwerb der handwerklichen Küstenfischer oder der Schutz der Natur? Kann beides koexistieren? Die Krabbenfischerei bekommt künftig das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei – obwohl der Fang mit Grundschleppnetzen rund um die Ost- und Nordfriesischen Inseln mit der Nationalpark-Idee nach Ansicht von Naturschützern eigentlich nicht zusammenpasst. Wolfgang Hassenstein geht dem Konflikt auf den Grund und hat den Krabbenkrimi für Sie aufgeschrieben.

Auf ganz andere Art ist die Unterwasserwelt der tropischen Meere bedroht: Die Hälfte der Korallenriffe, die im frühen 20. Jahrhundert existierten, sind bereits verschwunden, und angesichts des fortschreitenden Klimawandels läuft uns die Zeit davon. Die Autoren Damian Cave und Justin Gillis haben deshalb Riffexperten auf der ganzen Welt besucht, die das Korallensterben stoppen wollen: Sie vermehren Korallen, denen Meereserwärmung und Versauerung möglichst wenig anhaben, und wollen mit ihrer Hilfe zerstörte Riffe wiederbeleben. „Es ist noch nicht zu spät, entschieden einzugreifen“, sagt Neal Cantin, Leiter des Australian Institute of Marine Science.

Von den Riffrettern führen wir Sie zu den bedrohlichsten Seeungeheuern unserer Zeit: den nuklear bewaffneten Riesen-U-Booten der Royal Navy, die von Schottland aus auf Patrouille fahren, um im Kriegsfall ganze Städte auszulöschen. Das Munitionslager Coulport bei Helensburgh zählt fast 200 Sprengköpfe mit riesiger Zerstörungskraft und macht so den Gare Loch zum potenziell tödlichsten Ort Westeuropas. Johannes Laubmeier hat die Menschen in Schottland gefragt: Was macht das mit euch? Warum glaubt ihr an die friedensstiftende Wirkung der Atom-U-Boote – oder leistet dagegen Widerstand? Die Annäherung an die britischen Atommonster hat der Fotograf Daniel Rosenthal in eindrucksvollen Bildern eingefangen.

In städtischer Umgebung spielt dagegen die Geschichte über das Bremer Seemannsheim, die unser Reporter Dirk Gieselmann aufgeschrieben hat: Ein Ort, der früher Matrosen in der Fremde eine Heimat war, wird nun geschlossen. In Zeiten, in denen die Be- und Entladung riesiger Frachter nur wenige Stunden dauert, gehen die Seeleute nicht mehr von Bord, sondern bleiben für Monate, manchmal Jahre in der abgeschlossenen Welt der Schiffe und des Meeres. Dirk Gieselmann ermöglicht uns einen stimmungsvollen und aufschlussreichen Einblick in die Welt der Seeleute, in die Vergangenheit und die Zukunft ihrer Zunft.

Auch abseits der Weltmeere hat Ihnen unsere aktuelle Ausgabe vieles zu bieten: In unseren regelmäßigen Rubriken berichtet der schwäbische Wanderschäfer Sven de Fries von den ungeahnten Härten seines Jobs, Sie erfahren mehr über „Katzensilber“, das Autos und Kosmetika glitzern lässt, aber von Kindern in indischen Minen abgebaut wird – und können sich über die Rückkehr unserer Reihe „À la Saison“ freuen, in der Sie diesmal lesen, warum ein Leben ohne Erbeeren zwar möglich, aber traurig ist. In der Fotostrecke „Portfolio“ offenbart sich überdies die künstlerische Naturkunde des Finnen Jaakko Kahilaniemi, der auf seine ganz persönliche Weise die Wälder seiner Familie durchstreift.

Unsere aktuelle Ausgabe steckt voller Geschichten, die das Meer, die Menschen und die Beziehung zwischen beiden beleuchten. Vielleicht entdecken Sie die Ozeane von einer ganz neuen Seite, vielleicht überdenken Sie gar Ihren nächsten Fischverzehr? Oder erfinden sich neu als Seemann oder Seefrau? Wir wünschen Ihnen viel Inspiration bei der Lektüre und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen – gerne auch per Flaschenpost.

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.18 „Wir Seeleute“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Globale Ungleichheit06.Apr 2018

Ungleichheitsforscher Lessenich: „Wenn alle gleich viel hätten, würde es uns schlechter gehen – aber auch besser!"

Warum sind manche arm und andere reich? Der Soziologe Stephan Lessenich forscht an der Uni München zur globalen Ungleichheit. Im Interview erklärt er, warum es auf einfache Fragen keine einfachen Antworten gibt und was der Einzelne gegen Ungerechtigkeit tun kann.

Herr Lessenich, gibt es eigentlich etwas Gutes an Ungleichheit?

Die marktökonomische These besagt, dass Ungleichheiten sich leistungsfördernd auswirken. Einfacher gesagt: Wenn mein Kollege mehr verdient als ich, motiviert mich das, mehr zu arbeiten. Die Einkommensschere soll also zu Wirtschaftswachstum führen – und damit auch zur Besserstellung eines Landes in der globalen Ökonomie. Und laut dieser These führt das wiederum dazu, dass die nun Bessergestellten demokratische Reformen und Umverteilung fordern und die Einkommen sich dadurch angleichen. Die Schere schließt sich automatisch wieder.

Ist das auch die Perspektive Ihrer Forschung?

Nein, in unserer Forschung zu „Global Capitalism and the Dynamics of Inequality“ hinterfragen wir diesen Automatismus. Wir untersuchen soziologisch, wie die Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften mit der Ungleichheit zwischen den Ländern dieser Welt verknüpft ist. Und die Politikwissenschaft sagt uns, dass demokratische Entwicklungen von den unterschiedlichsten Sachverhalten abhängen können, also auch davon, wieviel Macht die Reichen innerhalb einer Gesellschaft haben, um ihre privilegierte Stellung zu zementieren.

Also kritisieren Sie den vorherrschenden marktökonomischen Blick der Wirtschaftswissenschaften auf Verteilungsfragen?

Die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien sind ja selbst diverser, als man denkt. Aber was sie doch gemeinsam haben, ist die Ansicht, dass die industriegesellschaftliche Entwicklung der westlichen Länder praktisch in gleicher Weise von den Gesellschaften des globalen Südens nachgeahmt werden kann und sollte. Und diese Perspektive der Wirtschaftswissenschaften wollen wir aufbrechen. Denn die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung im globalen Süden sind ja durch Strukturen ungleichen Tausches im Weltmaßstab bestimmt: Nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch ökologisch hat der industrialisierte Westen anderen Weltregionen über die Zeit schwere Hypotheken aufgeladen.

Stephan Lessenich

Stephan Lessenich forscht an der Uni München zur globen Ungleichheit. Foto: LMU

Woran machen Sie das fest?

Wenn Sie die Wertschöpfungskette von Konsumgütern wie Smartphones nachverfolgen, lässt sich leicht feststellen, unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen diese in den Produktionsländern hergestellt werden. Und das zeigt, dass wir nicht nur die sozialen Kosten unserer Konsumweise auf die ärmeren Länder auslagern – sondern auch die Umweltschäden und die Zerstörung von Lebensgrundlagen. Die Produktion in den reichen Industrieländern kann nur deshalb relativ sauber ablaufen, weil wir den ganzen Schmutz und Dreck im globalen Süden abladen. Nicht nur Einkommen und Kaufkraft sind global ungleich verteilt, sondern auch die Arbeits- und Umweltbedingungen.

Trotzdem nimmt die globale Ungleichheit doch insgesamt ab, oder?

Der aktuelle Stand der einschlägigen Forschung ist, dass in den letzten Jahrzehnten die innergesellschaftliche Ungleichheit zugenommen hat und dafür die zwischengesellschaftliche Ungleichheit weltweit abgenommen hat. Das heißt vereinfacht gesagt: Innerhalb von Gesellschaften geht es heutzutage ungerechter zu, dafür nimmt das Wohlstandsgefälle zwischen westlichen Industrieländern und dem globalen Süden langsam ab. Allerdings liegt das hauptsächlich an den Aufsteigerländern China und Indien: Die haben, gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf, einiges aufgeholt. Vor allem dadurch hat sich die Ungleichheit im globalen Mittel verringert. Ohne diese Entwicklung Chinas und Indiens gäbe es kein Schließen der Schere weltweit. Außerdem gehen in diese Betrachtung soziale Faktoren wie häusliche Sorge- und Erziehungsarbeit eben nicht ein. Und auch andere Dimensionen wie Lebenserwartung, Zugang zu Allgemeinbildung und Gesundheitswesen fallen heraus.

Was kann ich als Bewohnerin eines reichen Industrielands tun, wenn ich mit der fortwährenden Ungleichheit, die Sie festgestellt haben, nicht einverstanden bin?

Sie können natürlich in Ihrer eigenen Lebenswelt das verändern, was Ihnen wichtig und richtig erscheint. Sich also zum Beispiel fleischlos ernähren, auf Flugreisen verzichten oder ähnliches. Aber die wichtigere Dimension ist doch, die globalen Ungleichheitsverhältnisse selbst anzugehen, also politisch aktiv zu werden, um die Strukturbedingungen anzugreifen, die solch ungleiche Lebensverhältnisse überhaupt erst ermöglichen. Das globale Wirtschaftssystem grundlegend umzugestalten, das geht nicht nur durch individuelle Konsumentscheidungen.

Ein Gedankenspiel: Wenn wir auf der ganzen Welt eine absolut gleiche Verteilung an Wohlstand erreicht hätten, wie würden wir dann leben?

Nach den heute bei und für uns gültigen Maßstäben würden wir in Europa mit Sicherheit „schlechter“ leben, zum Beispiel was das gängige Konsumverhalten angeht. Aber auch wenn wir uns dann weniger kaufen könnten, wäre solch ein Leben unter sozialen Gesichtspunkten vermutlich das bessere. Denn das Entscheidende ist meines Erachtens, dass wir uns die Voraussetzungen der eigenen Lebensweise klarer machen – denn dann werden uns auch die Zusammenhänge zwischen Reichtum hier und Armut anderswo klar. Und wenn wir uns hierzulande gemeinsam darüber verständigen müssten, was eigentlich eine sinnvolle und global gerechte Lebensweise ist, dann würden wir dadurch auch unseren Mitmenschen näherkommen. Meine Hoffnung ist, dass die Art zu leben in einer egalitären Weltgesellschaft eine völlig andere und als solche auch attraktiv wäre.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: picture alliance/Bildagentur-online

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Meere – 3.18
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