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Klimaaktivisten08.Nov 2018

Neue Aktivistengruppe rebelliert gegen Klimapolitik

Neue Aktivistengruppe rebelliert gegen Klimapolitik

Die neue britische Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ ruft zu massenhaftem zivilem Ungehorsam auf, um die Regierung zu einer konsequenten Klimapolitik zu zwingen. Dabei erhält sie prominente Unterstützung. Aber sind ihre Forderungen überhaupt realistisch?

„Wir sind hier um das Leben auf der Erde zu verteidigen, das andere nicht verteidigt haben“, ruft George Monbiot ins Mikrofon, Kolumnist der britischen Zeitung „The Guardian“. Am Mittwoch vergangener Woche hat die neu gegründete Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ ihn eingeladen, um vor dem Parlament in London die Rebellion auszurufen. Und um die Aktivisten einzuschwören auf das, was vor ihnen liegt. „Die Leute verstehen nur dann, dass es ernst ist, wenn Menschen bereit sind, ihre Freiheit zu opfern, um ihre Überzeugungen zu verteidigen“, schreit er ihnen zu. Und dann: „We are those people!“ (übersetzt: „Wir sind diese Menschen!“).

„Extinction Rebellion“ (Rebellion gegen das Aussterben) gründete sich diesen Frühling unter dem Dach der zwei Jahre alten Bewegung „RisingUp“. Angesichts der voranschreitenden Erderwärmung fordert die Gruppe reale politische Konsequenzen von der britischen Regierung. Dafür plant sie eine Reihe von Protestaktionen. Den Anfang bildete die öffentliche Erklärung der Rebellion vergangene Woche vor dem Parlament. Neben dem Guardian-Kolumnisten George Monbiot riefen auch Politiker der „Green Party of England and Wales“ zum Protest auf. „Wenn das Gesetz einem vorschreibt etwas zu unterstützen, gegen das man tief in sich drinnen widerspricht, dann sollte man sich direkt gewaltfrei dagegen wehren“, rief die britische Grünen-Politikerin Molly Scott Cato, die auch als Abgeordnete im Europäischen Parlament sitzt, den rund 1000 Demonstranten zu. An den anschließenden Sitzblockaden beteiligten sich Menschen aller Altersgruppen, neben Familien saßen Senioren und Teenager auf der Straße, wie der Guardian berichtete.

Die gewaltfreien Widerstandsaktionen sollen am 17. November mit einem „Tag der Rebellion“ ihren Höhepunkt finden. Angekündigt sind massenhafter ziviler Ungehorsam, Sitzblockaden vor dem britischen Parlament und Blockaden von Straßen und Brücken mit dem Ziel, große Teile Londons zum Stillstand zu bringen. „Erwarten Sie etwas spektakulär Schönes am 17. November und eine Reihe von öffentlichen Aktionen in den Tagen danach“, kündigt Nils Agger, einer der Organisatoren von „Extinction Rebellion“, gegenüber dem Greenpeace Magazin an. Viele der Demonstranten seien bereit, für ihre Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Vergangene Woche kam es bereits zu 15 Verhaftungen, als die Protestierenden die Straßen vor dem Parlament blockierten.

Die Aktivisten sehen sich in der Tradition historischer Bürgerrechtsbewegungen. „Ziviler Ungehorsam hat sich als erfolgreich erwiesen. Kampagnen wie die 'Freedom Rides' (Anm. d. R.: Busfahrten von Schwarzen und Weißen in den USA, um gegen die Rassentrennung zu protestieren) haben 1963 zu Veränderungen in der nationalen Gesetzgebung geführt, nachdem ein paar hundert Menschen ins Gefängnis gesteckt worden waren, weil sie das Gesetz missachtet hatten“, sagt Nils Agger.

Bei ihrem Protest bekommt die Gruppe prominente Unterstützung: US-Politiker Bernie Sanders sympathisierte mit ihr auf Facebook, rund hundert Wissenschaftler schrieben zu ihrer Unterstützung einen offenen Brief an den Guardian, darunter Rowan Williams, ehemaliger Erzbischof von Canterbury. „Wenn eine Regierung mutwillig ihre Verantwortung aufkündigt, ihre Bürger vor Schaden zu schützen und die Zukunft der kommenden Generationen zu sichern, dann hat sie ihre wichtigste Führungspflicht verfehlt“, schreiben die Wissenschaftler. „Der ,Sozialvertrag' ist gebrochen, und es ist daher nicht nur unser Recht, sondern unsere moralische Pflicht, die Untätigkeit und eklatante Pflichtverletzung der Regierung zu überbrücken und zu rebellieren, um das Leben selbst zu verteidigen.“

Mit der Rebellion macht die Bewegung nicht bei der Politik Halt, sie fordert auch etablierte Nichtregierungsorganisationen auf, resoluter gegen den Klimawandel zu protestieren. Im Oktober besetzten einige der selbst ernannten Rebellen das britische Büro von Greenpeace und überbrachten Blumen und Briefe, um die Umweltorganisation dazu zu bringen, die Aktionen von „Extinction Rebellion“ zu unterstützen. „Wir hatten Greenpeace schon im Vorfeld dazu aufgefordert. Als sie unserer Bitte nicht nachkamen, besetzten wir ihren Hauptsitz, um ihnen einen freundlichen Stupser zu geben“, so Nils Agger gegenüber dem Greenpeace Magazin. Nach rund zwei Stunden „freundlicher“ Diskussionen zogen sie sich wieder zurück, ohne ihr ursprüngliches Ziel erreicht zu haben.

Ein ähnliches Ergebnis könnte ihnen auch auf ganzer Linie drohen, kritisiert Gabrial Carlyle, Autor der gemeinnützigen britischen Zeitung Peace News. So sei die erste Forderung zu vage, wonach die Regierung den Ernst der Lage anerkennen, ihren politischen Kurs daran anpassen und das öffentlich kommunizieren solle. Als „utopisch“ bezeichnet Carlyle hingegen die Forderung von Extinction Rebellion, die CO2-Emissionen bis 2025 auf null zu reduzieren und die Bildung einer Bürgerversammlung, die die politischen Schritte überwachen soll. Das sei alles in allem das „ein Rezept für Misserfolg und Burnout“, so der Autor.

Roger Hallam, Ko-Gründer der Bewegung, begegnete solcher Kritik in einem Blog-Interview: „Wir gründen die Rebellion auf dem, was wir für notwendig halten, um eine große apokalyptische Katastrophe zu vermeiden. Im Grunde geht es nicht nur ums Gewinnen, sondern auch darum, was es bedeutet ein Mensch zu sein, in Zeiten in denen Menschen dabei sind einen Großteil des Lebens auf Erden zu zerstören – einschließlich uns selbst.“

Svenja Beller

Aufmacherbild: extinction rebels/ Kay Michael

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