Satire14.Jun 2018

Sparkassen-Werbung: Wo bleibt meine Kohle?

Die Sparkassen haben ein gutes Image. Sie unterstützen die regionale Wirtschaft und haben nette Berater. Doch wer sein Geld dorthin trägt, muss das Kleingedruckte genau lesen – sonst werden mit den Ersparnissen Kriegsgeräte und Kohlekraftwerke finanziert. Das Greenpeace Magazin hat deshalb eine aktuelle Werbeanzeige mit einem neuen Text versehen: „Pass auf, dass dein Geld sauber bleibt!“

„Die Menschen in diesem Land können viel mehr, als wir manchmal glauben“, heißt es in einer Annonce der Sparkassen, die seit Monaten in zahlreichen Zeitschriften erscheint. Den holprigen Text („Kein Schritt ist zu groß, wenn ihn alle gemeinsam gehen“) wird allerdings kaum einer lesen, denn er dient in erster Linie als grafisches Element und bildet den Umriss von Deutschland. Für alle Fälle sind ein paar Schlüsselwörter („gemeinsam“, „Mittelständler“, „Zukunft“, „Vereine“) in großer Schrift hervorgehoben. Die Botschaft: Die sympathischen Sparkassen sind regional verwurzelt, das Geld der Kunden ist dort immer gut aufgehoben – wodurch sich die kommunalen Finanzinstitute von den Großbanken unterscheiden.

„Keine Anzeige“ von den Sparkassen aus dem Greenpeace Magazin 4.18

Dennoch sind Sparer, denen Frieden, Umwelt und Klimaschutz am Herzen liegen, nicht immer gut beraten, ihr Geld bei den Sparkassen zu lassen. Ansonsten könnten damit nämlich zum Beispiel Waffenschmieden oder Braunkohlekonzerne finanziert werden – bei der Stadtsparkasse Düsseldorf ist sogar beides der Fall. „Sparkassen und Genossenschaftsbanken: Einzeln überprüfen“, warnen deshalb die Organisationen Facing Finance und Urgewald in ihrem Report „Die Waffen meiner Bank“. Besondere Vorsicht ist bei Geldanlagen geboten: Die Fondsprodukte der Deka, der Investitionsbank der Sparkassen, enthalten mehrere Rüstungsunternehmen und finanzieren überdies noch Kohle-, Öl- und Gasprodukte. Dabei ist klar, dass der Kampf gegen den Klimawandel nur gewonnen werden kann, wenn Investitionen schnell aus den fossilen Industrien abgezogen werden.

Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich von der Werbung der Sparkassen nicht einlullen lassen und wirklich genau darauf achten, wem Sie Ihr Geld anvertrauen, haben wir eine aktuelle Annonce stark überarbeitet – und empfehlen, den Text in unserer „Fake-Anzeige“ wirklich komplett zu lesen. Es gibt nämlich Alternativen. Und wenn Sie bei Ihrer regionalen Sparkasse bleiben wollen – dann pochen sie auf wirklich ökologische und soziale Geldanlageprodukte.

„Uns allen wird alles glücken, wenn jeder mitmacht“, heißt es in der Original-Anzeige. „Warum nicht auch Sie?“

Ja, warum nicht auch Sie?

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 4.18 „Ich ess' Blumen“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 19. Juni am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Veganer – 4.18
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In eigener Sache14.Jun 2018

Michael Pauli: Brief an die Leser

Michael Pauli stellt sich als vorläufiger Chefredakteur und Geschäftsführer des Greenpeace Magazins vor. Er versichert, dass die journalistische und thematische Unabhängigkeit des Magazins erhalten bleibe.

Lieber Leser des Greenpeace Magazins, liebe Besucher der Website,

an dieser Stelle möchte ich Sie über zwei Personalien informieren.

Seit dieser Woche bin ich Interims-Chefredakteur des Greenpeace Magazins. Zudem, ebenfalls vorläufig, habe ich die Position des Geschäftsführers der Greenpeace Media GmbH übernommen, die das Magazin herausgibt. Kerstin Leesch, seit 2015 Geschäftsführerin und Chefredakteurin der Media GmbH, verlässt ihren Posten im Juni 2018. Der Chefredakteur Kurt Stukenberg ist bereits letzte Woche auf eigenen Wunsch, in Absprache mit Frau Leesch, ausgeschieden. Ich danke Kerstin Leesch und Kurt Stukenberg dafür, das Greenpeace Magazin mit erstklassigem Journalismus zu einem unabhängigen Navigator in einer zunehmend unübersichtlichen Welt gemacht zu haben. Nun gab es Pressemeldungen, nach denen die Freiheit und Unabhängigkeit des Magazins gefährdet sei. Dazu kann ich Ihnen folgendes versichern: Zwar teilt die Greenpeace Media GmbH die Werte und Grundpositionen des Greenpeace e.V., der für Klimagerechtigkeit und Umweltschutz eintritt. Allerdings finanziert sich das Greenpeace Magazin ohne Anzeigen oder Fördermittel allein über den Magazinverkauf. Die journalistische und thematische Unabhängigkeit des Magazins war nie in Frage gestellt. Das soll auch so bleiben.

Ich war seit 2009 Bereichsleiter Kommunikation bei Greenpeace Deutschland. Und ich bin seit fast 30 Jahren ein leidenschaftlicher Journalist. Dabei war ich nicht nur für viele Reportagen weltweit unterwegs, sondern auch in leitenden Funktionen bei Verlagen und TV-Sendern tätig. Am wichtigsten war mir immer wahrhaftig und authentisch zu berichten. Dabei soll es bleiben! Mit dem Redaktionsteam und den Mitarbeitern bei Greenpeace Media treffe ich auf Kollegen, die einen sehr hohen Qualitätsanspruch haben. Ich bin froh, mit ihnen jetzt jeden Tag zusammenarbeiten zu können.

Herzliche Grüße

Michael Pauli

 

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Neue Ausgabe14.Jun 2018

Ich ess' Blumen: Eine Ausgabe über die Sehnsucht nach der richtigen Ernährung

Was auf den Tellern landet, ist politisch. Was wir essen, wirkt sich darauf aus, wie unsere Landschaften aussehen, wie es der Artenvielfalt und dem Klima ergeht – und natürlich uns selbst. Und: Es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die besten Karten im Poker um den nachhaltigsten Speiseplan haben, so heißt es, die Veganer. Höchste Zeit also, sich die reine Pflanzenküche genauer anzusehen. Ein Essen Spezial über Veganismus.

„Für mich macht niemand Tiere tot, ich leg' mir Löwenzahn aufs Brot!“ Das sangen „Die Ärzte“ Ende der Achtzigerjahre und zogen damit die beginnende Politisierung von Speiseplänen durch den Kakao. Doch das ist lange her. Heute weiß man: Sänger Farin Urlaub lebt selbst pesketarisch, isst also zwar noch Fisch, aber kein anderes Fleisch. Der Vormarsch der Küchenpolitik hat auch vor den Spöttern nicht halt gemacht. Und obwohl die reinen Zahlen keinen Anlass bieten, eine Ernährungswende zu diagnostizieren – nicht einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland bezeichnen sich selbst als vegan –, gibt es derzeit keine Diät, die so grün, so nachhaltig, so politisch korrekt daherkommt wie die rein pflanzliche. Kann man für Umwelt- und Klimaschutz und Menschenrechte einstehen, ohne die Herkunft und Auswirkungen des Schnitzels in Frage zu stellen? Wie weit her ist es noch mit dem nachhaltigen Image des Vegetarismus? Und wohin jetzt mit der Fleischeslust? In unserer aktuellen Ausgabe nehmen wir die vegane Weltrettung in den Blick.

Wir starten in die Erkundungstour mit einem Streitgespräch. Die Köchin Sarah Wiener ist überzeugt, dass auch Biofleisch einen Platz in der nachhaltigen Küche hat – Jan Bredack, der vegane Fertigprodukte verkauft, hält das für zu kurz gedacht. Der eine will den ökologischen Fußabdruck der Menschen verkleinern, die andere will Schönheit und Ursprünglichkeit erhalten. Auf Wieners Bauernhof in der Uckermark geht es darum richtig zur Sache. Wer hat die besseren Würstchen?

Unser Reporter Dirk Gieselmann ist für uns auf Spurensuche gegangen und hat eine kleine Kulturgeschichte des Veganismus aufgeschrieben. In einer rasanten Reise durch die Jahrtausende folgt er den moralphilosophischen Anfängen der rein pflanzlichen Ernährung bis zu den Lifestyle-Blüten der Jetztzeit, führt uns von Pythagoras bis zum Detox-Croissant.

Um zu sehen wie sich der vegane Wandel vollzieht, lohnt ein Blick in den Nahen Osten: Rund fünf Prozent der Israelis bezeichnete sich 2015 in Umfragen als Veganerinnen und Veganer. In den meisten Ländern – Deutschland eingeschlossen – sind es höchstens zwei. Grund genug für Katja Morgenthaler, das Land zu besuchen, und sich in ihrer kulinarischen Reportage „Salat Schalom“ die veganen Pioniere und ihre Kreationen aus der Nähe anzusehen.

Eine ungewöhnliche Geschichte hat uns Vito Avantario aus Großbritannien mitgebracht: Veganismus und Fußball – das passt doch eigentlich nicht zusammen. Aber das stimmt nicht, wie der veganste Profi-Fußballverein der Welt aus Nailsworth im Westen Englands zeigt. Er hat sich Tierwohl und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben. Der Stadionrasen wird nur noch ökologisch gedüngt, der Strom kommt von den vereinseigenen Solarpaneelen, die Toiletten werden mit Regenwasser vom Stadiondach gespeist – und Spielern und Fans wird ausschließlich veganes Essen serviert. Eine Reportage vom Wandel in der Fußballwelt.

Wie eine Welt ohne Tierhaltung aussehen könnte, darüber hat sich unser Autor Christopher Piltz Gedanken gemacht. Er hat eine Utopie im Naturschutzgebiet „Taubergießen“ in der Rheinaue besucht. Hier wird experimentiert, was mit der Natur passiert, wenn der Mensch sich nicht einfach komplett aus ihr zurückzieht, sondern seinen Nutztieren das Kommando über Weide und Wald gibt. Eine Geschichte von Rindern als Schützer der Artenvielfalt.

Welche Kleidung ist vegan? Und ist diese gleichzeitig umweltfreundlicher? Darf man als Veganer in den Zoo gehen? Und wäre Fleisch aus der Petrischale vegan? Alles, was Sie schon immer über vegane Ernährung wissen wollten (aber nicht zu fragen wagten), beantwortet Ihnen Kathrin Burger. Und der Fotograf Cédric Widmer geht in seiner Fotostrecke augenzwinkernd der Frage nach, wie das Leben in einer veganen Zukunft aussehen könnte.

Auch abseits von Tisch und Teller hat Ihnen unsere aktuelle Ausgabe vieles zu bieten: In unserem „Elementarteil“, den regelmäßigen Rubriken im Greenpeace Magazin, berichtet der Binnenfischer Peter Meng über ein „biologisches Wunderwerk“ – den Aal. Außerdem erfahren Sie mehr über das Ende des Steinkohleabbaus in Deutschland, über die enorme politische Wirkung von „Klimaklagen“ gegen Regierungen und Unternehmen und darüber, warum Tigerhaie die Insel Maui so lieben. Und unser fotografisches Portfolio zeigt Ihnen, was eine australische Forscherin „aus Federn liest“.

Unsere aktuelle Ausgabe steckt voller Geschichten und Berichte darüber, wie man selbst als Einzelner die Welt ein bisschen besser machen kann. Sei es mit einer speziellen Diät, mit Leidenschaft für Tiere oder mit der Freude am Essen und Kochen. Wir zeigen: Was wir essen, macht den Unterschied – und soll Spaß machen. Wir freuen uns, wenn wir Sie in diesem Sinne inspirieren können. Vielleicht essen Sie in Zukunft ja auch öfter mal Blumen?

Lesen Sie mehr in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.18 „Ich ess' Blumen“. Diese erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 19. Juni am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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Triennale der Photographie Hamburg13.Jun 2018

Kunst macht Politik, auch Umweltpolitik – so wie die Triennale-Ausstellungen Enter und Escape

Auf der „Triennale der Photographie Hamburg“ ist Ökologie eines der zentralen Themen. Wir zeigen an ausgewählten Werken der Einführungsausstellung „Enter“ und des Umweltschwerpunkts „Escape“, wie sich Fragen zu Natur und Nachhaltigkeit künstlerisch verarbeiten lassen. Die beiden Ausstellungen sind noch bis zum 17. Juni in Hamburg zu sehen.

Unter dem Motto „Breaking Point. Searching for Change“ startete vergangene Woche die Triennale in Hamburg. Als Auftakt unserer Artikelreihe zu dem Fotofestival erzählte der Kurator Krzysztof Candrowicz im Interview, warum er glaubt, dass bei der Umweltzerstörung der Breaking Point bereits erreicht ist – und wie die Kunst beim Wandel helfen kann. Da es dabei vor allem um Fotografien und weniger um Worte geht, zeigen wir ausgewählte Werke aus verschiedenen Ausstellungen. Den Anfang machen die beiden Schwerpunkte „Enter“ und „Escape“, welche nur bis zum 17. Juni in Hamburg zu sehen sind. Welchen Bezug ihre Werke zu Umweltfragen haben, erzählen die Kuratoren und Künstler selbst.

ENTER

Klimawandel, Geflüchtetenbewegungen, Cyberattacken – „Enter“ setzt den visuellen Fokus auf globale Krisen und Umbrüche. Die Kuratoren und Künstler hinterfragen mit ihren Arbeiten gesellschaftliche Strukturen und deren Machtmissbrauch. „Wir sehen das Festival insgesamt als Ort für eine breite Debatte, in der aktuelle Verhaltensweisen diskutiert und herausgefordert werden können“, sagt Emma Bowkett, Kuratorin der Enter-Ausstellung. „Lucas Foglia, als einer der in ,Enter' ausgestellten Künstler, widmet sich in seinen Arbeiten einer komplexen und häufig unerwarteten Interaktion zwischen Mensch und Natur.“

Esme Swimming – von Lucas Foglia

„Die beiden ausgewählten Fotografien zeigen die Anpassung des Menschen an den Klimawandel. Sie sind positive Beispiele, wie die Menscheit auf die Notwendigkeit des Wandels reagiert. Das erste Bild ist eine Aufnahme aus Singapore, wo der ,Singapore Green Plan' die ,wilde' Natur zurück in den urbanen Raum trägt. Hier schwimmen die Grünflächen in Balkonpools, während in den Straßen darunter der Rushhour-Verkehr vorbeifließt“, so Foglia.

Esme Swimming, Parkroyal on Pickering, Singapore. Foto: Lucas Foglia. Courtesy of Michael Hoppen Gallery

New Crop Varieties for Extreme Weather – von Lucas Foglia

„Neue Varianten von Trauben, Paprika und Brombeeren werden in der ,Agricultural Experiment Station' im Staate New York angebaut und getestet werden. Die Wissenschaftler liefern sich einen Wettlauf mit der Zeit, um gegen den Klimawandel resistente Arten zu züchten. Dafür kreuzen sie Kulturpflanzen mit ihren wilden Vorfahren und erzeugen sehr robuste Sorten, die Hitzewellen, Frost und Dürren überleben. Da sich unberechenbare Wetterphänomene häufen, brauchen Farmer Nutzpflanzen, die solche Belastungen aushalten“, sagt der Künstler.

New Crop Varieties for Extreme Weather, Geneva Greenhouses, New York State Agricultural Experiment Station, New York. Foto: Lucas Foglia. Courtesy of Michael Hoppen Gallery

ESCAPE

Parallel zu „Enter“ läuft die Ausstellung zum Umweltschwerpunkt „Escape“ im Museum für Völkerkunde Hamburg. Der Kurator Virgílio Ferreira will zusammen mit den ausgestellten Künstlern Umweltveränderungen und ökologische Notlagen künstlerisch verarbeiten und setzt an verschiedenen gesellschaftlichen Schnittstellen an. Das Spektrum reicht von utopischen und dystopischen Narrativen, den Auswirkungen menschlichen Handelns und der Beziehung von der Menschheit zu unserem Planeten bis hin zu ökologischem Ego- und Altruismus. „Ziel der Escape-Ausstellung war es, experimentelle und gesamtheitliche Projekte anzuregen. Wir wollen Politik mit Kunst, Fühlen mit Denken und Fotografie mit unterschiedlichen Aspekten von Kunst, Sozialwissenschaften und Umweltfragen zusammenbringen“, so Ferreira.

Besos: A Noble Ecosystem – von Duae Collective

„Unser Kunstprojekt zeigt Blätter, Erde, Steine und andere Materialien, die wir im Besòs-Fluss gefunden haben. Der Flusslauf trennt Barcelona von seinen Vororten und ist ein positives Beispiel dafür, wie Menschen ihre Städte lebens- und umweltfreundlicher gestalten können. War das Gewässer einst das am meisten verschmutzte in Europa, wird es heute als ökologische Ressource im urbanen Raum genutzt“, sagt Luna Coppola vom Künstlerkollektiv Duae Collective.

02 Collecting the Species / Besos: A Noble Ecosystem. Foto: Duae Collective (Luna Coppola and Silvia Campidelli)

Some star dust matter – von Lisa Hoffmann

„Meine Bilder sind nur auf den ersten Blick schön, denn wenn man genauer hinsieht, offenbaren sie die Absurdität und deformierte Realität, in der wir leben“, sagt die Künstlerin über ihr Werk. Wir zeigen ein Standbild von Hoffmanns Video-Installation „Some star dust matter”.

Some star dust matter. Foto: Lisa Hoffmann

Die thematischen Schwerpunkte der Triennale sind in Befehle einer Computertastatur geordnet – also in Enter, Home, Control, Space, Shift, Return, Delete und Escape. Laut Kurator Candrowicz täuschen diese klassischen Computerbefehle uns Simplizität vor, wo Komplexität herrscht. Denn genauso wenig wie die digitale, sei die analoge Welt durch klar definierte Steueroptionen beherrschbar. Im Gegenteil: Alle gesellschaftlichen Bereiche sind miteinander verwoben. So wirken sich bestimmte politische Entscheidungen direkt auf unsere Umwelt aus und hängen wiederum von Lobbyismus und teils undurchsichtigen Wirtschaftsinteressen ab. Diesem komplexen Beziehungsgeflecht will das Ausstellungskonzept der Triennale gerecht werden.

Weitere Ausstellungen der 7. „Triennale der Photographie Hamburg“, die noch bis in den Spätsommer oder Herbst dieses Jahres laufen werden, stellen wir in den folgenden Wochen in unseren Nachrichten auf greenpeace-magazin.de vor.

Nora Kusche

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Triennale der Photographie Hamburg06.Jun 2018

Triennale-Kurator: „Wenn es um die Umwelt geht, brauchen wir ein radikales Umdenken“

Am Donnerstagabend öffnet das Kunstfestival „Triennale der Photographie Hamburg“ seine Tore. Damit starten vier Monate an Fotografie-Ausstellungen, Künstlergesprächen und mehr – alles unter dem Motto „Breaking Point. Searching for Change.“ Der Kurator Krzysztof Candrowicz erzählt im Interview, warum er glaubt, dass bei der Umweltzerstörung der Breaking Point erreicht ist – und wie Kunst beim Wandel helfen kann.

Seit 1999 zeigen internationale Künstler und Fotografen alle drei Jahre ihre Werke an Orten überall in Hamburg. Neben zahlreichen Ausstellungen ergänzen Künstlergespräche, Vorträge und weitere Events traditionell das Programm der „Triennale der Photographie Hamburg". Im Interview erzählt der Kurator Krzysztof Candrowicz, wie er mit dem diesjährigen Ausstellungsmotto explizit auf Umweltzerstörung und ihre Folgen hinweisen will – und warum Kunst per se politisch ist.

Herr Candrowicz, wofür steht „Breaking Point“ im Motto der 7. Triennale der Photographie Hamburg?

Wenn es um die Umwelt geht, brauchen wir ein radikales Umdenken – wir sind also an einem Breaking Point. Die Menschen müssen ihr Verhalten ändern, die Politik ihre Strukturen und die Wirtschaft muss auf das Teilen ausgerichtet werden, statt immer weiter auf individuellen Konsum zu setzen. Außerdem müssen wir die Umweltkosten bei allem mitdenken. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es die Menschheit nicht mehr lange geben. Wir haben die Belastungsgrenze erreicht und deshalb müssen wir das Steuer herumreißen – sofort und in jeder gesellschaftlichen Dimension.

Krzysztof Candrowicz hat das diesjährige Kunstfestival „Triennale der Photographie Hamburg“ kuratiert. Umweltschutz ist ihm nicht nur persönlich wichtig, sondern auch in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder zentrales Thema. Foto: Triennale der Photographie Hamburg

Ist eine Kunst-Ausstellung der richtige Ort für dieses politische Anliegen?

Ja, das politische Statement ist inzwischen zentraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit. Es ist jetzt an der Zeit, verstärkt Inhalte zu diskutieren – auch als Künstler. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für die Probleme unserer Welt.

Also ist Kunst politisch?

Auf jeden Fall, denn im Prinzip ist jede Entscheidung, die wir treffen, politisch. Also die Art, wie wir leben, wo wir arbeiten, was wir essen. Unser Lifestyle ist ein politisches Statement – und in diesem Sinne auch unsere künstlerische Arbeit. Es ist also gar nicht möglich, dass Kunst nicht politisch ist.

Das komplette Motto der Phototriennale lautet: „Breaking Point. Searching for Change“. Nach einem gesellschaftlichen Wandel suchen – wie kann Fotografie so etwas leisten?

Indem sie Probleme verarbeitet, thematisiert und zu neuen Gedanken und Ideen anregt. Gerade Fotografie und Film haben einen starken emotionalen Effekt auf Menschen. Wenn wir Fakten über das Abschmelzen der Pole hören, sind das eben nur Fakten. Aber wenn wir anhand von Bildern oder Videos auch sehen können, was da passiert, hat es einen emotionalen Effekt: Dann fühlen wir mit beim Schwinden des ewigen Eises, dem Abholzen der Wälder, der Verdreckung der Meere, dem Aussterben von Tierarten. Natürlich glaube ich nicht, dass wir durch unsere Ausstellungsreihe einen direkten Einfluss auf die konkrete Politik nehmen können. Es werden weder Donald Trump noch Angela Merkel oder Wladimir Putin zu uns kommen, um sich die Ausstellungen anzusehen. Aber dennoch ist Kunst mächtig, wir erreichen die Eliten.

Es geht Ihnen um die Avantgarde?

Es geht auch um deren Einfluss. Im Prinzip geht es uns aber um alle und jeden. Unser räumliches Konzept hat einen besonderen Fokus auf die Menschen, die sonst nicht in Ausstellungen kommen. In der Kunstszene ist das Bewusstsein für Umweltthemen und bestimmte politische und gesellschaftliche Fragen sowieso schon da. Die besondere Herausforderung ist es, Menschen zu erreichen, für die das neu ist. Und das versuchen wir, indem wir die Hemmschwelle zur Hochkultur senken. Wir stellen überall in der Stadt aus – nicht nur in Museen, sondern an allen möglichen Orten im urbanen Raum. Wir haben beispielsweise Container, die auf einer Wiese stehen und so jedem zugänglich sind, da kann man einfach hereinspazieren. Außerdem haben wir extra auch ganz ungewöhnliche Orte gewählt, wie zum Beispiel ein Boot, in dem das Aussterben von Schildkröten im Mittelmeer gezeigt wird. Also, die Menschen müssen nicht in einen klassischen Kulturtempel gehen, um unsere Fotografien zu sehen.

Die Fotoarbeit „SOUP: Bird's Nest“ von Mandy Barker zeigt weggeworfene Angelleinen, die nestartige Bälle geformt haben und spielt mit Bildern von Natur, Universum und Umweltverschmutzung. Barkers Arbeiten sind Teil der Einführungsausstellung „Enter“ der 7. Triennale Photographie Hamburg. Foto: Mandy Barker, Courtesy of East Wing Gallery, Dubai

Wie behält man da die Übersicht?

Wir haben die Schwerpunkte der Triennale in Tastaturbefehle geordnet, wie Enter, Home, Control, Delete oder Space. Diese klassischen Computerbefehle täuschen uns Simplizität aber nur vor, wo doch eigentlich Komplexität herrscht. Denn genauso wenig wie die digitale, ist die analoge Welt durch simple, effiziente Steueroptionen beherrschbar. Im Gegenteil: Die Politik hat gravierende Folgen für die Umwelt und diesbezügliche Entscheidungen hängen wieder von den Finanzen und der Wirtschaft ab. Das heißt, ohne politischen Willen und ökonomischen Support wird es keinen ökologischen Wandel geben. Und diese Komplexität – der verschiedenen Dimensionen und ihr Beziehungsgeflecht zueinander – wollen wir mit unserem Ausstellungskonzept gerecht werden. Einen ersten Eindruck geben wir mit der Einführungsausstellung „Enter“, die vom 7. bis zum 17. Juni als Teil des Festivalzentrums den Deichtorhallen-Vorplatz bespielt und von Klimawandel über Flüchtlingskrise bis zu Cyberattacken globale Veränderungen thematisiert.

Sind Umwelt und Umweltschutz überall gleich präsent?

Die Umwelt spielt überall eine Rolle. Aber es gibt auch einen Schwerpunkt zu Umweltthemen im engsten Sinn: „Escape“ ist eine Ausstellung, die sich explizit mit ökologischen Veränderungen und Notlagen beschäftigt. Diese Arbeiten finden sich vom 8. bis 17. Juni im Museum für Völkerkunde. Bei „Home“ hingegen präsentieren wir die Arbeiten hauptsächlich im öffentlichen Raum, und zwar vom 8. Juni bis zum 26. August. Da zeigen wir die Facetten des Zuhauseseins, aber auch Verdrängung, Verdichtung, Verteidigung und Zerstörung. Hier werden auch persönliche Geschichten erzählt, wie die von drei Wohnungslosen, die fotografisch ihren Alltag dokumentierten. Der Kurator dieser Ausstellungsreihe, Nico Baumgarten, lebt selbst mitten in Berlin, aber in einem Baum, in den er sich ein Häuschen gezimmert hat. So setzt er sich nicht nur in seiner Ausstellung kritisch mit dem Ort und Gefühl des „Zuhauseseins“ und dem Zusammenspiel von Urbanität und Umwelt auseinander, sondern auch durch seinen Lebensstil. Und das zeigt wieder die Ausgangsthese der Triennale: Alles ist politisch – und insbesondere die Art, wie wir leben.  

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Courtesy of the artists

In den folgenden Wochen werden wir einige ausgewählte Ausstellungen der Triennale der Photographie Hamburg in unseren Nachrichten auf greenpeace-magazin.de vorstellen.

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Nachhaltigkeit04.Jun 2018

„Wenn niemand Druck macht, dann passiert auch nichts“

Auf der 18. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung geht es in diesem Jahr um Transformation und die Nachhaltigkeitsstrategie Deutschlands. Spötter nannten das Event schon mal das „Klassentreffen der Weltretter mit exzellenten Häppchen“. Ratsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärt im Interview, was da dran ist, wie der Rat eigentlich arbeitet und ob das Konzept Nachhaltigkeit zum Kapitalismus passt.

Thesen, Taten, Transformation – das ist das Motto der diesjährigen Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung, die an diesem Montag in Berlin stattfindet. Doch wer tagt da eigentlich genau? Der Rat wurde 2001 von der Bundesregierung ins Leben gerufen, um auf nationaler Ebene voranzutreiben, worauf sich 178 Staaten auf internationaler Ebene geeinigt hatten: Die Agenda 21, ein 359 Seiten starkes Aktionsprogramm für nachhaltige Entwicklung. Es ging dabei darum, alle Politikbereiche auf den Prüfstand zu stellen: Wird hier so gearbeitet, dass die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können?

Seit 2016 wird die Nachfolgeagenda vorangetrieben. Die sogenannte Agenda 2030 kämpft gegen Armut und für die Senkung der Luftbelastung, sie soll für Geschlechtergerechtigkeit sorgen, den Klimaschutz vorantreiben, dem Verschwinden der Artenvielfalt Einhalt gebieten, neue Mobilitätsstrategien entwickeln und der Energiewende und einer nachhaltigen Digitalisierung den Weg bereiten. Man könnte auch sagen: Die Nachhaltigkeitsstrategie soll alles besser machen. Doch wie soll das gehen? Und warum bekommt man von der Arbeit der 15 Expertinnen und Experten (darunter der Präsident des Naturschutzbundes, der Vorsitzenden der Deutschen Telekom Stiftung, und die stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik) nur so wenig mit?

Wir fragen das Ratsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul, die von 1998 an für elf Jahre das Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit leitete. Während dieser Zeit hat die Sozialdemokratin an der Erarbeitung und der Umsetzung der Millennium Development Goals mitgewirkt, und hat mit Ihrem Einsatz für Schuldenerlass für Entwicklungsländer, für friedensstiftende Investitionen in Afghanistan und ihrem Einsatz für die Gesundheit von Frauen und Mädchen starke Akzente in der deutschen Entwicklungspolitik gesetzt.

greenpeace magazin: „Nie war es so einfach, ein besserer Mensch zu sein: Wir trinken für den guten Zweck, wir essen Brot für die Dritte Welt, veranlassen die eigene Krötenwanderung zur nächstgelegenen Sozialbank. Wir sind fair, leben bio, fahren öko. Doch das neue Bewusstsein ist nur eine Fassade, hinter der die alte, schmutzige Konsumwirtschaft quicklebendig ist.“ Das sagte Sina Trinkwalder in ihrer Laudatio, als sie 2001 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung als „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit″ ausgezeichnet wurde. Der Vorwurf: Beim Thema Nachhaltigkeit gehe es mehr um Schein als Sein, Stichwort „Greenwashing“. Hat sich daran in den letzten Jahren etwas geändert?

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Ich kann die Kritik verstehen, bin aber selbst weniger pessimistisch. Es gibt viele, die sich engagieren und die versuchen, ihre Prozesse im Hinblick auf Nachhaltigkeit positiv zu beeinflussen: die ressourcenschonend produzieren, Klimaschutz mitdenken und Gleichstellung in ihren Unternehmen durchsetzen wollen. Das sind alles wichtige Schritte in die richtige Richtung. Nachhaltigkeit ist eine vielschichtige Angelegenheit und eben nicht einfach zu erreichen – es braucht eine tiefgreifende sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft und der Wirtschaft. Weil das so komplex ist, wirken die ersten Schritte manchmal vielleicht zu klein für den ganzen Weg. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Wie erfolgreich die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele in Deutschland voranschreitet, zeigt sich auch auf der anstehenden Konferenz: Eine Gruppe internationaler Expertinnen und Experten hat die Deutsche Nachhaltigkeitspolitik auf den Prüfstand gestellt. Ich will nicht zu viel vorab verraten, aber das Gutachten benennt meiner Meinung nach einen zentralen Kritikpunkt: Es braucht stärkere Kontrollen über die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele, am besten durch das Parlament. Wenn niemand Druck macht, dann passiert auch nichts.

Sie wurden 2016 von der Bundesregierung als Mitglied für den Rat für Nachhaltige Entwicklung vorgeschlagen und arbeiten seitdem dort mit. Was sind die Ziele des Rates und wie setzen Sie sie um?

Ziel der Agenda 2030 ist es, einen Wandlungsprozess in Gang zu setzen. Die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen und die Richtung technologischer Entwicklung müssen so verändert werden, dass den Bedürfnissen heutiger und zukünftiger Generationen entsprochen werden kann. Das klingt sehr komplex, aber die meisten Menschen wissen ja intuitiv, was damit gemeint ist: Man darf nicht mehr ernten, als nachwächst. Sonst bekommt man über kurz oder lang ein Problem. Wir als Rat kontrollieren und beraten die Bundesregierung in der Nachhaltigkeitsstrategie, wir begleiten die Umsetzung und stoßen öffentliche Debatten über nachhaltige Entwicklung an. Ganz konkret schreiben wir Stellungnahmen zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und zu den globalen Nachhaltigkeitszielen. Wir geben Impulse in die Ministerien, versuchen ressortübergreifende Politik zu initiieren, fördern zivilgesellschaftliche Initiativen und nachhaltiges Unternehmertum. Wie gesagt: Um komplexe Veränderungen anzustoßen muss man breit aufgestellt sein. Das macht es aber auch schwieriger, unsere Arbeit einfach auf einen Punkt zu bringen. Vieles von dem, was wir tun, vollzieht sich im Hintergrund – eine Herausforderung für die Öffentlichkeitsarbeit.

Was glauben Sie: Wie viele Menschen in Deutschland kennen die Nachhaltigkeitsstrategie und die Arbeit des Rates?

Ich denke, der Rat hat in den letzten 15 Jahren enorm viel zur Debatte über Energie- und Klimapolitik beigetragen. Die Notwendigkeit des Ressourcenschutzes, der Klimagerechtigkeit, der enkeltauglichen Zukunft – all diese Debatten hat der Rat für Nachhaltigkeit befeuert. Es geht im Kern ja darum zu verhindern, dass dies ein Jahrhundert wird, in dem wir die Erde derart zerstört haben, dass niemand mehr hier leben kann. Andererseits sind nicht mal Berufspolitiker wie Christian Lindner von der FDP über die Nachhaltigkeitsziele im Bilde. Lindner hatte im Wahlkampf eine Agenda 2030 gefordert – offensichtlich in Unkenntnis darüber, dass es die schon gibt. Da muss man sich schon fragen: Treten wir entschlossen genug auf? Und wissen Menschen in der Politik genug über die Agenda 2030?
Manche Rats-Kolleginnen und -Kollegen widmen sich der Forschung, andere dem Verbraucherschutz – für mich ist es das wichtigste Ziel, die Notwendigkeit für den sozial-ökologische Wandel in die Öffentlichkeit zu tragen. Für meinen Geschmack dürfte es dabei auch gerne mehr Konflikte geben. Zum Beispiel sind im aktuellen Haushalt der Bundesregierung für einige Nachhaltigkeitsziele etwa im Bereich internationaler Gesundheit viel zu wenig Mittel angesetzt. Da bin ich auch nicht Sprecherin meiner Partei, sondern Nachhaltigkeits-Verfechterin: Es muss einfach mehr von der Bundesregierung kommen.

In der Ankündigung der 18. Jahreskonferenz steht: „Viele und wesentliche Entwicklungen in Bezug auf Nachhaltigkeit laufen global und in unserem Land in die falsche Richtung.“ Was ist damit konkret gemeint?

Wir brauchen eine sozial-ökologische Transformation, das ist klar. Allerdings findet zeitgleich etwas statt, das ich „Gegentransformation“ nenne: Nationalistische Politik hat starken Zulauf, die internationale Solidarität wird geschwächt, die internationale Zusammenarbeit untergraben. Es gibt weltweit eine Tendenz, die Schotten dicht zu machen. Die Zeit drängt, um mit den Nachhaltigkeitszielen voranzukommen, aber gleichzeitig müssen wir auch das verteidigen, was die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten aufgebaut hat: eine internationale Politik der Zusammenarbeit und der Verständigung.
Ich bin mir sicher, dass es in der Umsetzung unserer Ziele nicht immer nur schiedlich-friedlich zugehen kann. Wir müssen für die Agenda einstehen und auch mal auf den Tisch hauen, wenn es nötig ist, um mit den weltweiten Entwicklungen – Klimawandel, Konflikte, Ressourcenknappheit – schritthalten zu können.

Wie kann man Nachhaltigkeit messen?

Nachhaltigkeit ist natürlich nur schwer in Zahlen zu fassen – das Problem kenne ich schon aus meiner Zeit im Entwicklungsministerium. Aber es werden keine Ziele entwickelt, für die nicht auch gleichzeitig Indikatoren festgesetzt werden – anhand dieser Indikatoren kann der Fortschritt bemessen werden. Ein Beispiel: Das Nachhaltigkeitsziel 5 der Agenda 2030 postuliert die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen. Die Indikatoren, die für Deutschland festgelegt wurden sind: Den Gender-Pay-Gap reduzieren, den Anteil von Frauen in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen steigern, die Zahl der Frauen in Entwicklungsländern, die von beruflicher Qualifizierung profitieren, um ein Drittel erhöhen. Wichtig ist bei der Festlegung von Indikatoren, dass man die Verschränkung der nationalen und der globalen Entwicklung im Blick hat. Das Prinzip der Nachhaltigkeit funktioniert nur grenzüberschreitend – das liegt doch auf der Hand. Deshalb sind internationale Institutionen auch so wichtig für die Nachhaltigkeitspolitik. Das „Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung“ (High-level Political Forum on Sustainable Development) der Vereinten Nationen ist das entscheidende Gremium zur Abstimmung der globalen Nachhaltigkeitspolitik. Das weiß aber fast keiner. Ich finde es jedenfalls sehr bedauerlich, dass sich etwa bei G20 die Journalisten in Hamburg stapeln, bei einem konstruktiven Gremium wie diesem aber kaum Berichterstattung stattfindet.

Sie sprechen von tiefgreifenden Veränderungen, die notwendig sind um eine nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen. Teile der Zivilgesellschaft ziehen in Zweifel, dass das Konzept Nachhaltigkeit überhaupt mit dem Wachstums-Diktat des Kapitalismus vereinbar ist. Wie sehen Sie das?

Ich bin keine Anhängerin dieser Degrowth- oder Postwachstums-Idee. Meiner Meinung nach ist die entscheidende Frage im 21. Jahrhundert nicht: ‚Kapitalismus: Ja oder nein?‘ sondern ‚Wie kann in der Globalisierung der Kapitalismus ökologisch und sozial gebändigt werden?‘. Das Wirtschaftssystem muss unzweifelhaft nachhaltig gestaltet werden – darauf zielt die Arbeit des Rates ab.

Wer sind die wichtigsten Verbündeten des Rates: Die Wirtschaft, die Politik oder die Zivilgesellschaft?

Es braucht mutige politische Entscheidungen, eine Zivilgesellschaft, die von unten Druck macht und Unternehmen, die ihre Verantwortung für die Gesellschaft ernst nehmen. Meiner Meinung nach ist das die Stärke des Rates für Nachhaltige Entwicklung: dass wir diese Player immer wieder an einen Tisch bringen und vernetzen und so die Türen für die Agenda 2030 aufstoßen. Wir haben noch zwölf Jährchen und es gibt noch sehr viel zu tun.

Interview: Julia Lauter

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Klimaschutz01.Jun 2018

Wie hundert Berliner Haushalte das Klima schützen

Berlin hat beschlossen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung testet in der Hauptstadt, was die Bürger dazu beitragen können. Nach 150 Tagen zeigt sich: es ist gar nicht so schwer, seine CO2-Bilanz zu verbessern – wenn man Flugreisen meidet.​

Alexander Obst, 52 Jahre alt, Projektmanager in einer Unternehmensberatung, verheiratet, ein Sohn, wohnhaft in einem 103 Quadratmeter großen Reihenhaus in Berlin, ist ganz zufrieden mit der Bilanz seiner Familie. Angefangen mit einem Haushaltsaufkommen von 27 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr hat die Familie nach den ersten 150 Tagen bereits mehr als ein Drittel der Emissionen eingespart. „Wir sind im Durchschnitt ganz gut“, sagt Obst, „wir sehen aber auch, wo unsere Achillesferse liegt.“ Hochgerechnet auf das ganze Jahr liege der Verbrauch momentan bei 16,7 Tonnen – wenn es nicht diesen einen ungeplanten Ausrutscher gegeben hätte, der die gesamte Bilanz verhagelt hat.

Im Energiewendegesetz von 2016 hat der Berliner Senat festgelegt, dass das Land Berlin bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden soll. Die energiebedingten Kohlendioxidemissionen sollen bis dahin um mindestens 85 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 reduziert werden. Wie kann das erreicht werden? Und wie kann die Bevölkerung ihren Beitrag leisten?

Letzteres herauszufinden ist das Anliegen einer Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Die Wissenschaftler wollen zeigen, dass es unter heutigen Lebens- und Marktbedingungen möglich ist, deutlich klimafreundlicher zu leben als bisher. Die durchschnittliche Last eines jeden Deutschen liegt derzeit bei rund elf Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Ziel des Experimentes ist es, die CO2-Emissionen von hundert teilnehmenden Haushalten innerhalb eines Jahres um vierzig Prozent zu senken.

Im Elektrobereich spart die Familie etwa eine Tonne CO2 ein 

Obst, seine Frau und sein siebzehnjähriger Sohn sind Probanden in diesem Experiment. Ein Jahr lang geben sie jede Woche Daten in eine Online-Maske ein: Welche Fahrten haben sie mit welchem Fortbewegungsmittel unternommen? Welche Lebensmittel haben sie gekauft – bio, regional oder konventionell erzeugte? Wieviel Fleisch haben sie gegessen, wieviel Strom von welchem Anbieter verbraucht? Und so weiter. Eine Stunde dauert das jedes Mal. Dann werden alle Daten in CO2-Emissionen umgerechnet.

Während des ganzen Jahres werden die Probanden, die sich alle freiwillig gemeldet haben, von Wissenschaftlern des PIK begleitet, bekommen kostenlose Beratungen und Möglichkeiten aufgezeigt, wie sich die Bilanz verbessern ließe. Zu Beginn kam ein Energieeinsparberater des BUND zu den Obsts nach Hause. Sie besorgten daraufhin neue Leuchtmittel, stellten die Heizung besser ein und kauften sogar einen neuen Kühlschrank. Im Elektrobereich sparte die Familie durch all die Maßnahmen 25 Prozent oder etwa eine Tonne CO2 ein. Alexander isst seit Beginn des Jahres weniger Fleisch, seine Frau ist schon Vegetarierin, nur der Sohn will nicht auf Fleisch verzichten. Auch das Auto bleibt öfter stehen. „Durch die ständige Selbstüberprüfung wird einem schnell bewusst, was eigentlich den größten Einfluss hat“, sagt Obst – und ist wieder bei der Achillesferse der Familie: den Reisen.

Obsts Sohn hat an einem Schüleraustausch teilgenommen. Ziel: Neuseeland. „Da können wir machen, was wir wollen, die vierzig Prozent Reduktion sind damit nicht mehr möglich“, sagt Obst. Mit 11,6 Tonnen tauchen Hin- und Rückflug in der Bilanz auf, etwa so viel also wie der Durchschnittsdeutsche im Jahr an Treibhausgasen verursacht. Auch im Sommer will die Familie in den Urlaub fliegen. Obst lässt sich dennoch nicht entmutigen. Er nimmt viel mit aus dem Experiment, und so viel fliegt die Familie ja nicht in jedem Jahr. „Wir haben uns für den Rest des Jahres vorgenommen, möglichst wenig Sünden zu begehen“, sagt er. Im Frühjahr reiste die Familie deshalb mit dem Zug in Schweiz statt zu fliegen, obwohl es teurer war und länger dauerte.

Das Ziel, im Schnitt vierzig Prozent Emissionen einzusparen, wird wahrscheinlich verfehlt

„Die meisten der Probanden gehören schon zu den engagierteren Menschen, die sich bereits mit dem Klimawandel auseinandergesetzt haben“, sagt Fritz Reusswig, Projektkoordinator beim PIK. Deshalb lag der Emissionsdurchschnitt bei den Probanden schon zu Beginn deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. „Je niedriger die Pro-Kopf-Emissionen sind, desto schwieriger wird es, nochmal vierzig Prozent einzusparen“, sagt Reusswig. Das Ziel werde wahrscheinlich verfehlt. Das sei aber kein Problem, schließlich sei das Projekt in Berlin nur der Auftakt. Es soll auf andere Städte und auch auf ländliche Regionen ausgeweitet und übertragen werden. Das wäre wichtig, um repräsentativere Ergebnisse zu bekommen und um mehr darüber zu erfahren, wie die Bürger mithelfen können die Klimaziele einzuhalten – und was sie bereit sind zu tun. „Es zeichnet sich ab, dass die Probanden durchaus ihre Gewohnheiten ändern“, sagt Reusswig. „Basierend auf unseren Erkenntnissen wollen wir schließlich Politikempfehlungen ableiten, wie unser aller Leben klimafreundlicher werden kann“, sagt Reusswig.

Die Obsts wären gerne weiter dabei, sollte das Projekt in Berlin verlängert werden. Im nächsten Jahr, das überlegen sie gerade, schaffen sie vielleicht ihr Auto ab. „Jeder Einzelne hat Verantwortung“, sagt Alexander Obst, „jeder kann in vielen Bereichen etwas tun. Aber allein die Maßnahmen von Einzelnen reichen nicht aus.“

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: picture alliance/chromorange

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naturschutz29.Mai 2018

Der Bau von Staudämmen gefährdet die letzten ursprünglichen Flüsse Europas

Auf dem Balkan gibt es noch viele natürliche Flussläufe. In den nächsten Jahren sollen allerdings 3000 Staudämme und Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung gebaut werden, die Menschen, Tiere und die Umwelt bedrohen, aber nur wenig Nutzen haben. Die Dokumentation „Blue Heart“ zeigt, wie sich Menschen dagegen wehren.     

270 Kilometer lang, ungezähmt, wild, frei und ursprünglich: Die Vjosa schlängelt sich von Griechenland aus durch Albanien bis zur Adria, fließt durch enge Schluchten und weite Täler, verzweigt sich in seinem Unterlauf auf breiten Schotterbänken in zwei oder mehrere Arme, verschiebt nach jedem Hochwasser ihr Bett, bildet Mäander und trägt die Sedimente aus den Bergen über die Jahre mit sich ins Meer. Sie ist einer der letzten lebendigen Wildflüsse Europas und bildet mit ihren zahlreichen Nebenflüssen ein selten gewordenes, intaktes Ökosystem, das Fischen Laichplätze und Zugvögeln einen naturnahen Lebensraum bietet. Davon profitieren auch die Menschen, die an seinen Ufern leben.

Doch schon bald könnte die Vjosa ein ganz normaler europäischer Fluss sein. An ihr selbst und an ihren Zuflüssen ist der Bau von insgesamt 38 Staudämmen zur Stromerzeugung geplant. Schon einer allein hätte gravierende Auswirkungen: Jeder Eingriff in die natürliche Flussdynamik würde den ökologischen Wert der Vjosa vernichten, das hydrologische System komplett verändern und den natürlichen Sedimenttransport unterbinden. Der Lebensraum der Flussfische wäre eingeschränkt, fürchten Ökologen, viele andere Tier- und Pflanzenarten würden verschwinden und einige Bauern aus den umliegenden Dörfern verlören ihre Lebensgrundlage, weil ihre Weiden und Felder geflutet würden.

Die Vjosa ist längst nicht der einzige Fluss auf dem Balkan, der noch weitgehend unberührt und natürlich ist. Eine Untersuchung der Stiftung Euronatur von 35.000 Flusskilometern zwischen Slowenien und Griechenland belegte, dass sich dreißig Prozent der Fließgewässer in einem unberührten Zustand und fünfzig Prozent in einem sehr guten Zustand befinden. Das sind die besten Ergebnisse in ganz Europa.

Im Korruptionsindex von Transparency International liegt Albanien auf Rang 91, hinter Ländern wie Kuwait und Weißrussland

Doch die Vjosa ist auch längst nicht der einzige Fluss auf dem Balkan, dessen natürlicher Zustand durch den Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken gefährdet ist. Allein die albanische Regierung will 500 Dämme und Wasserkraftanlagen bauen lassen, im gesamten Balkangebiet sind über 3000 Wasserkraftprojekte geplant oder bereits im Bau, teilweise sogar in Naturschutzgebieten. Bei den meisten ist nicht einmal eine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig, da sie weniger als zehn Megawatt Strom erzeugen werden. Doch auch diese Kleinkraftwerke haben große Auswirkungen, selbst wenn keine Dämme geplant sind. Ein Großteil des Wassers wird umgeleitet, fließt durch Rohre mit starkem Gefälle, und im eigentlichen Flussbett kommt immer weniger an. Oft ist ein schleichendes Austrocknen die Folge.

Zeichen des Widerstands: Auf dem Idbar-Staudamm in Bosnien und Herzegowina haben sich Künstler verewigt. Foto: Andrew Burr

Viele Menschen, die an den Flüssen leben, wehren sich seit einiger Zeit dagegen. An der Vjosa in Albanien, aber auch an der Una in Bosnien und Herzegowina oder in Mazedonien. Für sie sind die Flüsse Kulturlandschaften. Oft hängt die Existenz der Anwohner von ihnen ab, da sie ihre Felder bewässern und Trinkwasser liefern. Über den Kampf der Menschen gibt es einen neuen Film: „Blue Heart“. Die Dokumentation, produziert von der Outdoor-Bekleidungsfirma Patagonia, erzählt drei Geschichten von Menschen, die sich erfolgreich gegen den Bau von Dämmen wehren. Mit dabei: Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer der österreichischen Naturschutzorganisation Riverwatch.

Er unterstützt die Menschen vor Ort und versucht, auf die Regierungen einzuwirken. Denn er hält den Bau der Wasserkraftwerke nicht nur für umweltschädlich, sondern auch für unsinnig. Albanien beziehe schon jetzt beinahe hundert Prozent seines Stroms aus Wasserkraftanlagen, sagt er, 98 Prozent davon würden von drei großen Anlagen geliefert. Der Beitrag der neuen Dämme und Anlagen wäre nur sehr gering. „Außerdem hat Albanien 320 Tage Sonne im Jahr, aber so gut wie gar keine Solaranlagen. Warum nicht?“, fragt Eichelmann, der seit 2012 auf dem Balkan aktiv ist, und gibt die Antwort selbst: „Das Anliegen der Befürworter der Wasserkraftwerke ist eindeutig: Geld verdienen.“ Im Bau von Dämmen stecke viel Geld und Korruptionspotenzial, da auch Straßen und Infrastruktur gebaut werden müssten. Im Korruptionsindex von Transparency International liegt Albanien auf Rang 91, hinter Ländern wie Kuwait, Benin oder Weißrussland.

Außerdem komme der Bau von Dämmen und die Nutzung des Wassers einer Privatisierung gleich, erklärt Eichelmann. „Vor dem Bau eines Dammes fließt das Wasser des Flusses für alle, die in seiner Nähe leben. Wenn das Wasserkraftwerk läuft, fließt das Wasser nur noch für die Investoren“, sagt er.

Ulrich Eichelmann von der NGO Riverwatch begutachtet den Bau eines Staudamms an der Vjosa. Das Projekt liegt derzeit auf Eis. Foto: Andrew Burr

Vordergründig handeln die Regierungen in den Balkanstaaten im Sinne des Klimaschutzes. Wasserkraft ist die älteste Art der Energieerzeugung und gilt als klimafreundlich, da keine Ressourcen verbraucht und keine klimaschädlichen Gase in die Luft geblasen werden. Doch die nötigen Eingriffe in die Umwelt sind gravierend, gerade wenn die Flüsse noch so unberührt und artenreich sind wie auf dem Balkan.

Stephan Naumann, Wasserkraftexperte beim deutschen Umweltbundesamt, ist der Meinung, dass vor allem bei kleinen Kraftwerken der geringe Beitrag zur sauberen Energieerzeugung die Nachteile für die Natur nicht ausgleicht. „Als Faustregel gilt: Je kleiner die Leistung der Anlage und je naturnäher das betroffene Gewässer ist, desto geringer sind der wirtschaftliche Nutzen und der Nutzen für den Klimaschutz, aber umso größer ist der ökologische Schaden für das Gewässer.“ Auf eine Förderung kleiner Anlagen solle deshalb besser verzichtet werden.

In Deutschland erzeugen vier Prozent der Anlagen neun Zehntel der Energie aus Wasserkraft

In Deutschland gibt es so gut wie keine natürlichen Flüsse mehr. Vielerorts gibt es kleine und große Wasserkraftanlagen, insgesamt beinahe 9000 Stück. Ihr Anteil an der Gesamtstromerzeugung ist mit knapp fünf Prozent eher klein. Die 400 größten Anlagen (über ein Megawatt Leistung) erzeugen neunzig Prozent der Energie aus Wasserkraft. Kleine Anlagen tragen demnach kaum etwas zur Gesamtstromerzeugung bei.

„Generell haben erneuerbare Energien natürlich Umweltvorteile, man darf aber nicht vergessen, dass es auch negative Effekte gibt“, sagt Naumann, der mit den Vorhaben auf dem Balkan vertraut ist. „Komplett neue Kleinanlagen zu bauen, das ist eigentlich nicht mehr vertretbar.“ Und wenn man große Wasserkraftprojekte vorantreibe, dann gehe das nur unter Einbeziehung der Bevölkerung. Es müsse umfassende Konzepte geben, und die sozioökonomischen Auswirkungen sollten so gering wie möglich gehalten werden.

Der Film „Blue Heart“ zeigt, wie sich die Menschen erfolgreich zur Wehr setzen. „Wir finden viel Gehör und Unterstützung in der Bevölkerung“, sagt Eichelmann, „bei den Entscheidungsträgern aber nur wenig.“ Doch er gibt sich zuversichtlich: „Wir haben schon einige Bauten gestoppt oder zumindest auf Eis gelegt. In Zukunft werden wir noch mehr Klagen anstrengen, im Land und auf EU-Ebene. Das hat sich bewährt.“

Bastian Henrichs

Das Aufmacherbild zeigt den Mratinje-Damm in Montenegro, der bereits 1975 fertig gestellt wurde und mit 220 Metern zu den höchsten Staudämmen in Europa gehört. Foto: Andrew Burr

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Klimaklagen24.Mai 2018

Unzureichende Klimaschutzmaßnahmen: Zehn Familien klagen gegen die EU

Der Klimawandel wirkt sich auf das Leben von Menschen aus, nicht erst in ferner Zukunft, sondern schon jetzt. Weil sie der Meinung sind, dass die EU nicht genug dagegen unternimmt und ihre Grundrechte nicht ausreichend schützt, ziehen zehn Familien aus sieben Ländern nun vor das Europäische Gericht. Auch eine Familie von einer deutschen Nordseeinsel ist dabei.

Das Datenpaket, das am Mittwoch beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg einging, dürfte die Empfänger vor eine große Herausforderung stellen. Es beinhaltet eine Klage mit mehr als 6000 Seiten Anhang, voll mit wissenschaftlichen Studien und neuesten Erkenntnissen über den Klimawandel. Die Daten und Belege über die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Planet dienen als Grundlage für eine Klage gegen die Europäische Union, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat: zehn Familien aus fünf EU-Staaten, Kenia und Fidschi sowie eine Jugendorganisation aus Schweden werfen der EU vor, dass ihre Klimaziele nicht ausreichen. Derzeit lautet das Ziel: die CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens vierzig Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Die Familien wollen erreichen, dass die EU dieses Ziel verbessert und die dafür notwendigen Maßnahmen verabschiedet.

Roda Verheyen, Rechtsanwältin aus Hamburg, hat die Klage samt Anhang eingereicht. Sie betreut auch die Klage des peruanischen Andenbauern Sául Luciano Lluyia gegen den Energiekonzern RWE. „Es handelt sich um eine menschenrechtsbasierte Klage“, sagt sie. Es klagen ausschließlich Familien, die direkt von Folgen des Klimawandels bedroht sind, die zum Beispiel an der Küste wohnen und den Anstieg des Meeresspiegels erleben oder in der Landwirtschaft arbeiten und mit Unwettern und Dürren zu kämpfen haben. „Die Kläger sind der Meinung, dass die EU nicht genug tue, um ihre Grundrechte zu wahren und zu schützen.“

Auszug aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Artikel 3 – Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit: Artikel 3 verpflichtet die Staaten, die Freiheit und Sicherheit aller Bewohner vor Beeinträchtigungen zu schützen, unabhängig davon, ob diese Beeinträchtigungen durch staatliche Organe oder durch Dritte erfolgen. Artikel 3 verpflichtet die Staaten daher auch dazu, Vorkehrungen zum Schutz seiner Bürger zu treffen und ihnen geeignete Instrumente zur Abwehr von Verletzungen zur Verfügung zu stellen.

Die Klage sei vergleichbar mit einer Klage in den USA, wo sich 21 Jugendliche zusammengetan haben, um auf ihr in der Verfassung festgeschriebenes Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum zu klagen. Dort sehen die Jugendlichen allerdings ihr Recht nicht durch unterlassenen Klimaschutz in Gefahr, sondern durch die klimaschädlichen Maßnahmen der Regierung. 

Die Schwierigkeit einer solchen Klage, die auf EU-Ebene bislang einzigartig ist, besteht vor allem darin, eine geschlossene Beweiskette vorzulegen, aus der eindeutig hervorgeht, dass die Kläger einen vom Klimawandel hervorgerufenen Schaden erlitten haben. Daher der umfangreiche wissenschaftliche Datensatz, den das klimawissenschaftliche Institut „Climate Analytics“ aus Berlin gemeinsam mit den Anwälten zusammengestellt hat. „Wir berufen uns unter anderem auf neueste Erkenntnisse aus der Attributionswissenschaft“, sagt Roda Verheyen.  

Durch den steigenden Meeresspiegel ist die einzige Trinkwasserquelle von Langeoog bedroht

Die Daten sollen belegen helfen, dass die Menschen tatsächlich vom Klimawandel betroffen sind – so wie eine Familie aus den rumänischen Karpaten, deren Lebensgrundlagen und traditionellen Berufe in der Landwirtschaft und Viehhaltung durch höhere Temperaturen und Wassermangel beeinträchtigt sind. So wie die Familien aus Südfrankreich und Portugal, die ihre Gesundheit, ihr Eigentum und ihre beruflichen Möglichkeiten durch Hitzewellen, Dürreperioden und Waldbrände verletzt sehen. Oder wie die dreiköpfige Familie Recktenwald, die seit vier Generationen auf der ostfriesischen Insel Langeoog lebt. Michael und Maike Recktenwald gehen davon aus, dass ihre Heimat durch den steigenden Meeresspiegel und Sturmfluten bedroht ist. „Der Klimawandel bringt die wahrscheinlich größten Veränderungen und Gefahren für uns“, sagt Michael Recktenwald. „Wir können das nicht ignorieren, denn wir sind schon jetzt von den ersten Auswirkungen betroffen.“

Das Ehepaar Recktenwald auf der ostfriesischen Insel Langeoog. Foto: Germanwatch

Die Recktenwalds haben die klimawandelbedingten Veränderungen seit Jahren beobachtet. Unter anderem sei die Trinkwasserversorgung der Insel bedroht, sagen sie, da Salzwasser durch den steigenden Meeresspiegel in die einzige Trinkwasserquelle der Insel eindringen könnte. Bei der Klage gehe es aber nicht nur die eigene Situation, sondern um die Zukunft aller, sagt Maike Recktenwald. „Was bei uns auf der Insel und in Norddeutschland passiert, ist ein globales Problem. Wir nehmen den Klimawandel besonders wahr, weil wir in und mit der Natur leben.“ Insbesondere ihr Kind möchte sie schützen. „Die kommenden Generationen haben ein Recht darauf, zumindest ähnlich gute Lebensgrundlagen vorzufinden, wie wir sie hatten“, sagt sie. 

Seit eineinhalb Jahren wird die Klage von den NGOs vorbereitet

Dazu könnte die EU, die für rund zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und damit hinter den USA und China der drittgrößte Emittent, beitragen. Die 2014 beschlossenen Emissionssenkungen liegen auf einem Niveau, das nicht mit den Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen von 2015 vereinbar ist. Eine aktuelle Studie des Öko-Instituts zeigt: Wenn die EU einen gerechten Beitrag zur Beschränkung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter zwei Grad leisten will, muss sie ihre CO2-Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent senken. Soll der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt werden, ist noch eine deutlich schnellere Emissionsminderung notwendig.

Unterstützt werden die Kläger von mehreren Nichtregierungsorganisationen, darunter Climate Action Network Europe, Protect the Planet und Germanwatch, die auch die Klage des peruanischen Andenbauers Lliuya bereits in die Wege geleitet hatten. Gemeinsam mit Gerd Winter von der Forschungsstelle für Europäisches Umweltrecht an der Universität Bremen bereiten die Non-Profit-Organisationen die Klage seit etwa eineinhalb Jahren vor. Die Kläger seien über persönliche Netzwerke zusammengekommen, erklärt Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch. Sie seien juristisch geprüft worden, da nicht jeder, der sich vom Klimawandel bedroht fühlt, automatisch in seinen Grundrechten eingeschränkt sei. Einige Familien seien dadurch wieder herausgefallen, es könnten in nächster Zeit aber noch weitere hinzukommen, sagte Bals dem Greenpeace Magazin.

„Wir unterstützen die Klage mit finanziellen und ideellen Mitteln, um Menschen eine Stimme zu geben, deren Lebensgrundlagen durch den Klimawandel auf dem Spiel stehen“, sagt Markus Gohr, Geschäftsführer von Protect the Planet. „Angesichts der Geschwindigkeit, mit der wir auf eine unbeherrschbare Situation zusteuern, ist es beschämend, wie unentschlossen und langsam die Politik agiert.“ Auch bei der Klage rechnen die Beteiligten damit, dass es nur langsam vorangeht. Das Gericht wird nun die Klage auf ihre Zulässigkeit prüfen. Das könne sechs bis zwölf Monate dauern, heißt es.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: Sturm vor Langeoog. dpa

In unserer Ausgabe 1/18 haben wir mit der deutschen Attributionswissenschaftlerin Friederike Otto vom Institute for Environmental Change in Oxford darüber gesprochen, wie sich Zusammenhänge zwischen Naturkatastrophen und dem Klimawandel nachweisen lassen. Das Interview lesen Sie hier.

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Rüstungsindustrie21.Mai 2018

Rennen gegen Rüstung

Panzer aus Deutschland rollen bei der türkischen Offensive in Nordsyrien ein, deutsche Sturmgewehre tauchen in mexikanischen Konfliktregionen auf und Mitarbeiter von Heckler & Koch müssen sich vor dem Stuttgarter Landgericht für illegale Waffen-Lieferungen rechtfertigen, der Verdacht der Bestechung steht im Raum. Rüstungsgegner begleiten diese Entwicklungen mit einer einmaligen Protestaktion.

Wo andere ein Heimatmuseum haben, hat das schwäbische Städtchen Oberndorf ein Waffenmuseum. Zwischen Schwarzwald und schwäbischer Alb am oberen Neckartal gelegen, hat der Ort 13.900 Einwohner, einen parteilosen Bürgermeister, eine lebhafte Narrenzunft  – und zwei der größten Waffenhersteller der Republik, die einen wesentlichen Anteil daran haben, dass Deutschland viertgrößter Waffenexporteur der Welt ist: Rheinmetall und Heckler & Koch.

Im Stadtteil Lindenhof befindet sich hinter einem gut zwei Meter hohen Zaun und einer sauber gemähten Rasenfläche eine Firma, die auf der ganzen Welt mit Kleinwaffen den Tod bringt. Von der Ruhe, mit der sonst bei Heckler & Koch Waffen produziert werden, ist an diesem Pfingstmontag allerdings nichts zu spüren: Rund 400 Menschen haben sich zu einer Kundgebung vor dem Firmengelände getroffen, denn von hier startet ein 13-tägiger Protest-Staffellauf quer durch die Republik.

Das Motto der groß angelegten Anti-Rüstungs-Aktion: Frieden geht. Die Veranstalter, ein Bündnis aus pazifistischen Organisationen, kirchlichen Vereinen, Sportclubs und politischen NGOs, wollen laufend und auf einer Route durch ganz Deutschland gegen Waffenexporte demonstrieren. Deutschland ist nach den neuesten Untersuchungen des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri der viertgrößte Rüstungs- und Waffenexporteur der Welt. Die Top drei Abnehmer sind derzeit nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums Algerien, Ägypten und Litauen. Die Kritik an diesen und anderen Waffen-Exporten nahm in den letzten Jahren zu: Weil von hier verschickte Waffen immer wieder in Konflikt- und Kriegsregionen auftauchen und mit deutschen Waffen Konflikte anderswo angeheizt und nichtdemokratische Herrschaftsstrukturen verteidigt werden. Für die Lieferung von Waffen in Konfliktregionen in Mexiko stehen derzeit ehemalige Angstellte des Kleinwaffenherstellers Heckler & Koch vor Gericht.

Rund um den Staffellauf gibt es Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen und Konzerte

Nach Informationen von „taz“ und „Report Mainz“ steht nun zusätzlich der Vorwurf im Raum, dass das Unternehmen gezielt Parteispenden an CDU und FDP getätigt hat, um damit Einfluß auf die Exportgenehmigung zu bekommen. Der Rüstungsdeal könnte sich damit zu einem politischen Skandal ausweiten. „Sollten die Berichte stimmen, wäre dies nicht nur eine Straftat sondern auch ein handfester Skandal“, sagte Marco Bülow, Lobbyismus-Experte der SPD-Bundestagsfraktion. „Ich fordere die Bundestagsfraktionen von Union und FDP auf, sich zu dieser Sache zu erklären. Sollten Bundestagsabgeordnete aus ihren Reihen tatsächlich Geld angenommen haben, um Rüstungsexporte zu beschleunigen, muss dies Konsequenzen haben.“ Auch Abgeordnete anderer Parteien äußerten sich zu den Vorwürfen. 

All das schwang mit, als gestern vor dem Start des Staffellaufs die versammelten Rüstungsgegner eine Schweigeminute abhielten: In Gedenken an die Menschen, die durch deutsche Rüstungsexporte zu Tode gekommen sind. Dann ging es los: die ersten 35 Etappenläufer starteten Richtung Südwesten, flankiert von hunderten aufsteigenden Luftballons in weiß und blau. „Wir wollen mit dieser Aktionsform Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen, Rüstungskritiker aus Kirchen, Sportvereinen und der Friedensbewegung“, sagt Max Weber, Co-Koordinator der Aktion. „Aus dem so geknüpften Netzwerk soll eine neue, starke Bewegung entstehen.“

Bisher haben sich 1000 Menschen für einzelne Etappen angemeldet, pro Wegstrecke gibt es mindestens einen Abschnitt, der gehend zurückgelegt wird. So soll der Staffellauf nicht nur Langstreckenläufer anziehen, sondern auch weniger sportliche oder fitte Waffen-Gegner. Noch mehr Menschen werden zu den Veranstaltungen erwartet, die rund um den den Staffellauf stattfinden: Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen, Konzerte und Friedensgebete.

Vor acht Jahren stellte Rüstungskritiker Jürgen Grässlin Anzeige, jetzt beginnt der Protest

Der Protest der Friedensallianz richtet sich generell gegen den Export von deutschen Kriegswaffen und Rüstungsgütern, aber insbesondere gegen den Export in Kriegs- und Konfliktregionen. Zuletzt wurde das Problem bei der türkischen Offensive in Syrien sichtbar, als in Deutschland produzierte Panzer des Modells „Leopard 2 A4“ in Nordsyrien einrollten. Darüber hinaus fordern die Veranstalter aber auch ein Exportverbot von Kleinwaffen und Munition sowie einen Stopp der staatlichen Absicherung von Rüstungsexporten. Sie kritisieren das Waffengeschäft in Deutschland allgemein: „Es geht nicht, dass Deutschland vor dem Hintergrund seiner kriegerischen Geschichte Waffen in Länder exportiert, die Menschenrechte verletzen oder Kriege führen oder beides zusammen“, sagt Max Weber. Die Forderungen des Aktionsbündnisses sind nicht nur symbolisch, sondern auch physisch Teil des Staffellaufes: Der Stab enthält ein Papier, auf dem die Allianz ihr Anliegen niedergeschrieben hat.

Einer, der den Staffellauf mitinitiiert hat, ist der Rüstungskritiker Jürgen Grässlin, Sprecher der Deutsche Friedensgesellschaft und Mitarbeiter des Rüstungsinformationsbüros in Freiburg. Acht Jahre ist es her, dass er Strafanzeige gegen Heckler & Koch einreichte, weil das Unternehmen 2006 illegal Sturmgewehre des Typs HK G36 in die von Konflikten gezeichneten Provinzen Chiapas, Chihuahua, Guerrero und Jalisco geliefert haben soll. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart startete ein Ermittlungsverfahren und durchsuchte im Dezember 2010 die Geschäftsräume des Unternehmens: Verdacht auf Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und gegen das Außenwirtschaftsgesetz. 2015 wurde die Klage erhoben, den sechs angeklagten ehemaligen Heckler & Koch-Angestellten wird vorgeworfen, von 2006 bis 2009 an 16 illegalen Lieferungen von insgesamt etwa 4700 Gewehren und Zubehörteilen beteiligt gewesen zu sein, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Am 15. Mai hat der Prozess begonnen, bis Ende Oktober sind 25 Verhandlungstage geplant. Für den Friedensaktivisten, der die Klage ins Rollen gebracht hat, geht der Prozess aber nicht weit genug: „Meiner Meinung nach müssten viel mehr Verantwortliche der Kontrollbehörden vor Gericht stehen“, sagte Grässlin gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die Behörden hätten den illegalen Waffenhandel „geduldet, wenn nicht sogar ermöglicht.“ Er prophezeit schon jetzt Freisprüche und milde Urteile.

Die Exporte in Staaten außerhalb der EU sind seit 2015 um 47 Prozent gestiegen

Und auch die weitere Entwicklung der deutschen Waffenexporte lässt nichts gutes erahnen: Die große Koalition aus CDU und SPD hat in den vergangenen vier Jahren 21 Prozent mehr Rüstungsexporte genehmigt als die schwarz-gelbe Vorgängerregierung. Der Gesamtwert der Lieferungen lag von 2014 bis 2017 bei 25,1 Milliarden Euro, wie im Januar aus vorläufigen Zahlen des Wirtschaftsministeriums auf Anfrage der Linksfraktion hervorging. Die Exporte in Staaten außerhalb von Europäischer Union und Nato stiegen unter der Großen Koalition ab 2015 sogar um 47 Prozent. „Nachdem die Rüstungsexporte unter der letzten Bundesregierung, entgegen ihrer Ankündigung, ein Rekordhoch erreicht haben, braucht es jetzt eine Antwort der Zivilgesellschaft“, sagt Jürgen Grässlin. Ein erster Schritt in diese Richtung ist der Staffellauf gegen Rüstungsexporte.

Bis zum 2. Juni wird die Anti-Waffen-Demonstration quer durch die Republik fortgesetzt. Am 22. Mai geht es von Furtwangen nach Lahr, über Karlsruhe nach Heidelberg und Mannheim. Ab dem 25. Mai zieht der Staffellauf von Mannheim nach Frankfurt, dann über Fulda nach Kassel, Eisenach, Jena, Wittenberge, Potsdam, bis die Aktion nach 13 Tagen, über 1100 Kilometern und mehr als 80 Etappen in einer Abschlussdemonstration am Potsdamer Platz in Berlin mündet. „Das mit deutschen Waffen schwere Menschenrechtsverletzungen verübt und Millionen von Menschen in die Flucht getrieben oder getötet werden, das ist für mich und die anderen Aktivisten einfach unerträglich", sagt Koordinator Max Weber. „Das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Deshalb setzten wir uns in Bewegung und laufen los.“

Julia Lauter

Das Aufmacherbild zeigt eine Protestaktion vor dem Landgericht in Stuttgart: Dort wurden Waffenattrappen und Fotos von 43 Studenten ausgestellt, die 2014 in Mexiko entführt und mutmaßlich ermordet wurden. Foto: picture alliance/Sina Schuldt/dpa

Bereits vor vier Jahren waren wir in der Region um den Bodensee unterwegs. Dort schlägt das Herz der deutschen Rüstungsindustrie. Die Reportage können Sie hier lesen.

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Internationaler Weltbienentag18.Mai 2018

„Man müsste alle synthetischen Pflanzenschutzmittel ächten, so wie Landminen“

Sonntag ist der erste Weltbienentag der Vereinten Nationen – und viele Menschen sorgen sich um die fleißigen Tiere. Die Honigbiene ist zwar nicht bedroht, ihren wilden Verwandten und vielen anderen Insekten geht es aber an den Kragen. Deshalb ist es erforderlich, den Lebensraum der Bienen zu schützen, denn das hilft auch Libellen, Schmetterlingen und Heuschrecken.

Den Schluss ihrer viel beachteten knapp einstündigen Rede zur Haushaltsdebatte im Bundestag widmete Angela Merkel einem an dieser Stelle eher ungewöhnlichen Thema: den Bienen. „Bienen stehen Pars pro Toto für das, was wir unter Artenvielfalt verstehen“, sagte sie und hob die Bedeutung des Weltbienentags der Vereinten Nationen hervor, der am Sonntag auf Initiative von Slowenien, einem Land mit langer Imkertradition, zum ersten Mal begangen wird. Immerhin, könnte man sagen, hat die Bundeskanzlerin mal die Aufmerksamkeit auf die für das Leben so wichtigen Tiere gelenkt. Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, nutze allerdings die Gelegenheit, um auf die verfehlte Politik der letzten Jahre hinzuweisen, die wenig bis gar nichts dafür tut, dass es den Wildbienen – und mit ihnen vielen wild lebenden Insekten – wieder besser geht. „Wenn Angela Merkel den Bienenschutz glaubhaft zur Chefsache machen will, muss ihre Regierung viel mehr tun als einmal im Jahr an die Artenvielfalt denken“, sagte der Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik seiner Fraktion. „Ohne echten Kurswechsel in der Agrarpolitik werden wir den dramatischen Verlust von Vielfalt, Bienen und anderen Insekten nicht stoppen können.“

Die Biene ist zum Symbol des allgemeinen Insektensterbens geworden, nicht nur für die Bundeskanzlerin. Wie dramatisch die Situation wild lebender Insekten ist, hat die bekannte Langzeitstudie der Krefelder Entomologen aus dem vergangenen Jahr gezeigt: Seit Ende der achtziger Jahre gab in manchen Regionen Deutschlands einen Verlust von achtzig Prozent der Biomasse von Insekten. Indessen sind sich die meisten Imker und Wissenschaftler einig: Ein Aussterben der Honigbiene ist eher unwahrscheinlich, solange es Imker gibt. Lenkt sie also nur vom eigentlichen Problem ab oder hilft es vielleicht doch, die Biene als Sympathieträger zu nutzen, um auf die Bedrohung aller Insekten Aufmerksam zu machen: die intensive Landwirtschaft mit giftigen Pflanzenschutzmitteln? 

Aha-Effekt und bunte Wiesen

Selbst Discounter, deren Lebensmittel nicht gerade dafür bekannt sind, besonders umweltverträglich zu sein, schenken den Bienen Aufmerksamkeit. Letztlich handelt es sich zwar auch um PR-Aktionen, doch der Aha-Effekt für die Besucher der Penny-Filiale in Hannover-Langenhagen dürfte groß gewesen sein. Penny hatte in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) alle Produkte aus den Regalen geräumt, die direkt oder indirekt abhängig sind von der Bestäubung durch Bienen. In der Filiale gab es also fast kein Obst mehr (Bananen und Ananas zum Beispiel werden nicht von Bienen bestäubt), keinen Kakao und kaum mehr Kosmetikprodukte. Insgesamt räumten die Mitarbeiter über die Hälfte der 2.500 Artikel des Sortiments aus.

Biene weg, Regal leer. Verschwinden alle „Bienen-Produkte" aus dem Supermarkt, bleibt nicht mehr viel übrig. Foto: Penny/REWE Group

Und Aldi Süd hat sich einem Projekt angeschlossen, dem das Greenpeace Magazin schon seit Jahren verbunden ist: dem Netzwerk Blühende Landschaft, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Honig- und Wildbienen sowie allen anderen nektar- und pollensammelnden Insekten wieder mehr Nahrung zu verschaffen und eine Umwelt zu gestalten, in der Tiere sich wohlfühlen. Aldi Süd kündigte im April an, gemeinsam mit dem Netzwerk immerhin 500 mal 500 Meter Blühflächen anzulegen und Filialdächer zu bepflanzen.

Zurück in die Stadt

Die „ausgeräumten Landschaften“ auf dem Land gleichen grünen Wüsten, wo nach dem Raps nichts mehr blüht. Längst ist die Stadt mit ihren Parks und Kleingärten zum El Dorado der Imkerei geworden. Dabei warnen Experten bereits vor zu vielen Honigbienen in der Stadt. Denn während die Wildbienen immer weniger werden und es insgesamt viel zu wenig Imker und damit auch zu wenig Honig aus Deutschland gibt, nimmt die Anzahl der Imker in Großstädten immer weiter zu. Ob Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München, auf Dächern, Brachflächen oder im heimischen Garten – überall liegt es im Trend, Bienenvölker zu halten. In Köln und in der Hauptstadt soll die sich die Zahl der Imker in den letzten zehn Jahren jeweils verdreifacht haben. Das führt jedoch nicht dazu, dass es deutschlandweit mehr Bienenvölker gibt, teilte der Deutsche Imkerbund mit. Die neuen Imker in der Stadt halten tendenziell weniger Völker.

Diese Wiese haben Sie gepflanzt! Für jedes neu abgeschlossene Abo lassen wir 20 Quadratmeter Vielfalt pflanzen. Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Land­schaft“ und der Landwirt Hauke Hintz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe. Foto: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Trotzdem kann das innerstädtische Imkern zum Problem werden. Melanie von Orlow, Wildbienenexpertin beim Nabu Berlin und Vorsitzende des Imkervereins Reinickendorf, weist darauf hin, dass zu viele Bienenvölker pro Quadratmeter nicht gesund für die Stadtnatur sind. „Die Grenzen sind überschritten“, sagte sie im Deutschlandradio. Eine hohe Bienendichte kann dazu führen, dass sich Krankheiten der Bienen auf andere Insekten ausbreiten. In Berlin leben mittlerweile über sechs Völker auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind es beispielsweise nur 0,6 Völker pro Quadratkilometer.

Was können wir also tun, was ist richtig, was vielleicht nicht so gut? Anruf bei Timm Koch. Koch ist Imker, baut sein eigenes Gemüse an, und er hat ein sehr persönliches, literarisches Buch über die Biene geschrieben („Herr Bien und seine Feinde“), das im März erschienen ist. Darin erzählt er die Geschichte der Imkerei, die Faszination des Menschen für die Biene und kommt am Ende auch auf die Feinde zu sprechen: die Pestizidhersteller.

Herr Koch, Sie sind selbst Imker. Sterben ihnen die Bienen unter den Handschuhen weg?

Nein, natürlich nicht. Ich habe vor 15 Jahren angefangen zu imkern und ich habe immer mal wieder Völker verloren. Das ist normal. Was mir aber aufgefallen ist: Ich habe zwei Standorte, einen im Rheintal, wo Landwirtschaft kaum stattfindet, und einen im Siebengebirge, wo durchaus Landwirtschaft betrieben und auch mit Pflanzenschutzmitteln gearbeitet wird. Wenn ich aus ungeklärten Gründen Völker verloren habe, dann dort oben. Es ist vorgekommen, dass ich noch 200 tote Bienen vorfand, es hätten aber eher 7000 sein müssen. Dieses unerklärliche Verschwinden der Bienen habe ich dort oben tatsächlich erlebt. Das ist aber nicht mehr oder weniger geworden in den letzten Jahren.

Was hat es mit diesem „unerklärlichen Verschwinden“ auf sich?

Ich hatte für die Recherchen zu meinem Buch Kontakt zu Professor Randolf Menzel, einem Neurowissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Dessen langjährige Forschung hat dazu beigetragen, dass kürzlich die drei Neonicotinoide verboten wurden. Er dressiert Bienen und setzt dann eine Vergleichsgruppe den Pflanzenschutzmitteln aus. Dabei hat er festgestellt, dass die Bienen danach wie auf Koks sind. Die schlafen nicht mehr und haben am nächsten Morgen vergessen, was sie am Abend zuvor gelernt haben. Deswegen finden sie nicht zurück in den Stock. Daran geht der Schwarm letztlich zugrunde: Die Tiere sind verwirrt und finden nicht zurück. Für mich ist diese Erklärung plausibel.

Bringt das Verbot der drei Neonicotinoide etwas?

Ich begrüße das natürlich, es ist aber kein Verbot, sondern nur eine Einschränkung, da die Mittel in Gewächshäusern weiterhin erlaubt sind. Genauso wie drei andere Neonics weiterhin erlaubt sind. Ich muss bei diesem Thema immer an den Satz eines Professors von Bayer denken, den ich in meinem Buch nicht drucken durfte. Der sagte: „Wenn die Neonics verboten werden, nehmen wir eben die synthetischen Pyrethroide.“ Fünfzig Gramm davon reichen aus, um auf einem Hektar Land alle Insekten zu töten. Und diese Mittel sind in Deutschland zugelassen. Eigentlich müsste man alle synthetischen Pflanzenschutzmittel in der Gesamtheit ächten, so wie Landminen geächtet werden.

Die Krefeld-Studie im vergangenen Jahr hat viel Aufmerksamkeit erregt. Ändert sich jetzt was?

Es würde sich nur etwas ändern, wenn man den Ökozid juristisch verfolgen und die für mich kriminellen Kartelle der Pestizidhersteller und Saatgutverwalter zerschlagen würde.

Bienen neuen Lebensraum zu verschaffen, das hilft auch anderen Insekten. Foto: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Viele Menschen sorgen sich um die Biene – und tun etwas, um sie zu schützen. Hilft das nicht?

Jeder kann es Bienen und anderen Insekten in seiner nächsten Umgebung so angenehm wie möglich machen. Urbane Zentren sind mittlerweile zu Rückzugszentren der Natur geworden. Man muss halt mal weg vom englischen Rasen und stattdessen Wiesen wachsen und blühen lassen. Man kann Wildbienenhotels aufstellen. Jeder kann seinen kleinen Beitrag leisten. Das ist wichtig, denn wir dürfen nicht auf diejenigen reinfallen, die sagen: die Honigbiene wird es immer geben, solange es Imker gibt. Da ist zwar etwas dran, es verkürzt aber das Problem. Wir können durch Imkerei die Verluste ausgleichen, aber es suggeriert den Menschen: ah, die Biene wird gerettet, dann ist ja alles gut. Dass wir aber seit Ende der achtziger Jahre fast 80 Prozent an Biomasse der Insekten verloren haben, wird dann oft unterschlagen.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: Enver Hirsch für Greenpeace Magazin

Schon in der Ausgabe 4/11 haben wir der Biene die Titelgeschichte gewidmet. Lesen sie hier den Text über die Gefahren für die Bienen und ihre Unentbehrlichkeit. Von unseren Autorinnen Kerstin Eitner und Katja Morgenthaler ist zudem 2015 ein Buch erschienen, das Katja Morgenthaler Ihnen persönlich vorstellt: „Die Biene - eine Liebeserklärung“ ist hier erhältlich.

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Atommülllager16.Mai 2018

„Viele wissen gar nicht, dass wir ein Endlager für Atommüll suchen“

Das „Nationales Begleitgremium“ aus Experten und Bürgern soll dafür sorgen, dass die Suche nach einem Endlager für Atommüll fair und transparent abläuft. In seinem ersten Tätigkeitsbericht empfiehlt das Gremium dem Bundestag mehr Bürgerbeteiligung und mahnt die Verabschiedung eines neuen Gesetzes an.

Bis 2031 soll in Deutschland ein Ort gefunden sein, ein Schacht vielmehr, tief unter der Erde und weit weg von jedweder vulkanischen Aktivität und Erdbebengefahr. Ein Ort, an dem etwa 30.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll lagern können. Trocken und sicher für die nächsten eine Million Jahre, so die Vorgabe. Diesen Ort zu finden ist keine leichte Aufgabe – und der Prozess ein konfliktreicher. 

Deshalb hat der Bundestag das „Nationale Begleitgremium“ eingesetzt, das die Bundesregierung neben der neu gegründeten Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) und des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) bei der Suche unterstützt. Es setzt sich zusammen aus sechs „anerkannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ wie dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer und der Klimawissenschaftlerin Miranda Schreurs, sowie drei zufällig ausgewählten Bürgern. Seine Aufgabe besteht darin, die Nähe und den Austausch mit der Öffentlichkeit zu suchen und Vertrauen aufzubauen, die Bevölkerung einzubinden und so das Konfliktpotenzial möglichst gering zu halten. Einmal im Monat trifft sich das Gremium zu öffentlichen Sitzungen in Berlin, es organisiert Informationsveranstaltungen, hat an der Überarbeitung des Standortauswahlgesetzes mitgearbeitet und Gutachten in Auftrag gegeben.

Am Dienstag hat das Gremium dem Bundestag seinen ersten Tätigkeitsbericht samt Empfehlungen vorgelegt. Darin mahnt es mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung beim Auswahlverfahren an – und fordert die zügige Verabschiedung des Geowissenschaftsdatengesetzes. Ein solches Gesetz sei „unerlässlich“, heißt es im Gremiumsbericht, um ein von Anfang an transparentes Standortauswahlverfahren überhaupt zu ermöglichen. Hintergrund: Die Endlagersuche findet im ersten Schritt „ergebnisoffen“ und nach dem Prinzip der „weißen Landkarte“ statt. Es gibt also kein Gebiet, das nicht als Standort in Erwägung gezogen wird. Geologische Daten werden gesammelt und nach und nach Regionen ausgeschlossen. Die Rechte an den geologischen Daten liegen jedoch teilweise bei Dritten und können nicht so einfach veröffentlicht werden. Das neue Gesetz soll dem Transparenzgebot Vorrang vor dem Interesse Dritter einräumen.

Das Geowissenschaftsdatengesetz ist bereist in Planung

Im Koalitionsvertrag hatten die Regierungsparteien bereits die „rasche Verabschiedung“ des Geowissenschaftsdatengesetzes vereinbart. Ursula Heinen-Esser, Vorsitzende der Geschäftsführung der BGE begrüßte den Dringlichkeitsappell des Nationalen Begleitgremiums. „Wir benötigen das Geowissenschaftsdatengesetz dringend, um unsere Arbeit transparent und öffentlich gestalten zu können“, sagte sie.

Jorina Suckow, 25, ist eine der drei zufällig ausgewählten Bürgervertreter im Nationalen Begleitgremium und Vertreterin der jungen Generation. „Die Zusammenarbeit mit den anderen beiden beteiligten Stellen, BfE und BGE, läuft gut. Es sind immer Vertreter von ihnen auf unseren Sitzungen dabei. Allerdings ist es ein schleppender Prozess und vieles ist sehr bürokratisch“, sagt sie. Insgesamt zieht sie aber eine positive Bilanz der ersten eineinhalb Jahre ihres Ehrenamts. „Rückblickend hätte ich gedacht, dass es deutlich weniger Arbeit sein würde. Aber ich halte es für eine sehr sinnvolle Aufgabe“, sagt sie und ist sich ihrer Verantwortung bewusst, denn schließlich ist es ihre Generation, die die meisten Folgen der Atomwirtschaft zu tragen hat.

Jorina Suckow ist das jüngste Mitglied im Gremium – und hofft in Zukunft auf weniger bürokratische Hürden. Foto: Inga Kjer/photothek.net

Suckow war zufällig ausgewählt und – nachdem sie sich bereit erklärt hatte – in einem Beteiligungsverfahren in das Gremium gewählt worden. Ganz nebenbei hat sie ihr Staatsexamen gemacht und in einer Kanzlei gearbeitet. In ihrer Freizeit las sie Studien zur Endlagerung, geologische Berichte und bereitete Veranstaltungen zur Bürgerbeteiligung vor. „Ich lerne ganz viel“, sagt die Juristin, „gleichzeitig will ich aber gar nicht Expertin für alles Mögliche sein. Ich versuche eher mir die Bürgersicht zu bewahren.“

Darin besteht die zentrale Aufgabe des Gremiums: Die Bürgersicht berücksichtigen und der Öffentlichkeit umfassende Einsicht in das laufende Auswahlverfahren gewähren. Daher nun auch die Empfehlungen an den Bundestag, bereits den ersten Arbeitsschritt, den Ausschluss von Gebieten, transparent zu vollziehen und schon die Zwischenergebnisse des Auswahlverfahrens zu veröffentlichen. In öffentlichen Dialogforen sollten die Ausschlusskriterien zur Diskussion gestellt werden.

Begleitgremium mahnt mehr Transparenz an, das Interesse der Bürger sei groß

Die Öffentlichkeitsarbeit könne durchaus intensiviert werden, findet Jorina Suckow: „Ich denke, dass die Bürger durchaus mehr Interesse hätten, wenn sie denn besser informiert würden.“ Zu den Veranstaltungen, die das Begleitgremium zum Beispiel im vergangenen Jahr an den Zwischenlagerstandorten organisiert hat, kamen regelmäßig um die zweihundert Leute. „Viele wissen aber auch noch gar nicht, dass wir überhaupt ein Endlager suchen“, sagt sie.

Die Zeit drängt, jetzt schon. Denn insbesondere in den Regionen, in denen sich atomare Zwischenlager befinden, ist die Sorge groß, dass diese faktisch zu Endlagern werden könnten. Auch hier mahnt das nationale Begleitgremium ein Konzept an, das die Bürger in die Entscheidung mit einbezieht und das ausreichend Zeit für die Auswahl des Endlagerstandortes einräumt. Zudem solle es „klären, welcher Weg bei einer notwendigen Verlängerung der Zwischenlagerung beschritten wird“, heißt es im Gremiumsbericht. Die Verzögerungen sind also bereits einkalkuliert, die Konflikte vorprogrammiert.

Bastian Henrichs

Aufmacherbild: dpa

In unserer Ausgabe 1/18 über „Einzelkämpfer“ haben wir einen Mann portraitiert, der seit über 40 Jahren gegen das Atommüll-Zwischenlager in seiner Stadt mobil macht. Lesen Sie die ganze Geschichte hier.

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New York 214014.Mai 2018

Wie der Kapitalismus New York unter Wasser setzt

Kim Stanley Robinson schildert in seinem neuen Roman New York 2140 eine überraschend heitere Zukunft, in der Kapitalismus und Klimawandel ihren Zenit erreicht haben. Die US-Metropole steht zu großen Teilen unter Wasser und der Mensch probt den Aufstand gegen das ökonomische System.

Wo sich vorher die tiefen, staubigen Straßenschluchten durch Manhattans Hochhäuser gruben, fließen nun reißende Wasserströme. Anstelle von U-Bahn oder Auto fahren die Großstadtbewohner mit Booten zur Arbeit. Ebbe und Flut der Gezeiten bestimmen den Alltag. Das alles sind Spätfolgen vom durch kapitalistische Profitorientierung angeheizten Klimawandel. Nach Ewigkeiten des Raubbaus an der Natur brachen irgendwann sämtliche Dämme: Die Polkappen schmolzen, der Meeresspiegel stieg und Wassermassen strömten unaufhaltsam in die Straßen von New York.

Hier beginnt die Geschichte von Kim Stanley Robinsons neustem Roman New York 2140, der diesen Montag in deutscher Übersetzung erscheint und von dem ein Vorabdruck im Greenpeace Magazin 6.17 zu lesen war. Wir befinden uns 122 Jahre in der Zukunft. Während die New Yorker Eliten sich in die höher liegenden Gebiete in Upper Manhattan verzogen haben, haust im südlicheren Teil der Insel die arme Bevölkerung. Sie hat sich in die oberen Etagen von halb im Wasser versunkenen Hochhäusern gerettet – oder lebt gleich auf Dächern. So heißt es im Buch über zwei Hacker, die ihr Zelt auf dem alten Met Life Tower in Midtown aufgeschlagen haben: „Wie ein Supervenedig liegt das überflutete Lower Manhattan zu ihren Füßen, ehrfurchtsgebietend, wasserglitzernd, großartig. Ihre Stadt.“

Die Chance, die jedem Chaos innewohnt

Das klingt so romantisch, wie es für die Beschreibung eines abgesoffenen Stadtteils eben möglich ist. Und das ist Programm bei Kim Stanley Robinson, dem mehrfach ausgezeichneten, humanistischen Science-Fiction-Profi. Denn trotz des Untergangsszenarios, das der Buchautor zeichnet, wehrt er sich gegen die Klassifikation als Dystopie. „Zwar hat eine Dystopie auch eine soziale Funktion, aber die Utopie ist wichtig für die Hoffnung. Und darauf kam es mir an“, so Robinson gegenüber dem Greenpeace Magazin. Beharrlich betont er das utopische Moment seiner antizipierten Zivil- und Öko-Katastrophe. Er will mit seiner Erzählung zeigen, wie Menschen es geschafft haben, sich einer radikal neuen Situation anzupassen – eine „comedy of coping“, wie er das nennt. Außerdem geht es ihm um die Chance, die jedem Chaos innewohnt.

Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern des Buchs: Kapitalismuskritik. Denn mit dem fängt das ganze Drama an. Wir leben, so lässt sich Robinson verstehen, in einem Wirtschaftssystem, in dem Umwelt- und Klimaschutz keinen zusätzlichen Profit bringen, ergo gemäß der Systemlogik keinen Sinn machen. Notwendige Veränderungen, die das Überleben der Menschheit gewährleisten würden, werden nicht umgesetzt – einfach nur, weil diese Veränderungen nicht kosteneffektiv sind. „Der Weltmarkt zeigt das Systemversagen: Alles wird zu niedrig bepreist, Umweltkosten nicht einberechnet“, sagt Robinson und fährt fort: „So überkonsumieren wir die Ressourcen unseres Planeten.“

Die Collage zeigt links das Buchcover von NY 2140 und rechts seinen Autor Kim Stanley Robinson. Foto: Stephan Martiniere / Sean Curtin

Seine Kritik richtet der Autor explizit gegen die Strukturen des kapitalistischen Systems. „Die Menschen sind okay, aber sie agieren innerhalb eines schlechten Systems. Sie werden zu Kapitalisten erzogen und sollen sich an die gesetzlichen Regeln eines Systems halten, das auf Ausbeutung angelegt ist“, sagt er. Diese Haltung zieht sich als roter Faden durch das Buch. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Profite fließen, das Kohlendioxid strömt, die Wälder sterben, das Wasser steigt uns bis zum Hals. Aber in der Krise kommen einem ja bekanntlich die besten Ideen.

Nachdem in 2100 die Wassermassen alles geflutet haben, Menschen starben, flüchteten und ertranken – gibt es in Robinsons Zukunftsvision 40 Jahre später eine neue Art der Gemeinschaftlichkeit. Zwar ist das Wirtschaftssystem immer noch von neoliberalem Denken dominiert, aber durch die Enge des Lebensraums haben sich die sozialen Beziehungen verändert. Das Zusammenleben der Menschen ist solidarischer, kollektiver, lokaler geworden. Robinson veranschaulicht das am Zusammenspiel seiner Protagonisten, die zusammen im Met Life Tower leben.

Die Dystopie, die im doppelten Sinn keine ist

Die Sprache, die Robinson dabei gebraucht, beschreibt Situationen und Settings präzise, schweift zu historischen, architektonischen Fakten über New York oder das Funktionieren der Finanzmärkte ab, um einen sogleich wieder in die Handlung zu werfen. Und zeichnet so ein gut nachvollziehbares Bild einer in giftig-glitzernden Wassermassen versunkenen und dennoch lebendigen Urbanität. Umso irritierender sind die Textstellen, die einen aus dem Lesefluss abrupt herausreißen. So gerät die einführende Beschreibung weiblicher Romanfiguren an manchen Stellen so sachlich detailliert, dass es wie eine Produktbeschreibung anmutet. Und bei der ersten Flirtszene des Finanzmarkt-Spekulanten Franklin gleitet die deutsche Übersetzung unnötigerweise in Vulgärsprache ab.

Doch bevor man sich’s versieht, trägt einen der Erzählstrang weiter – zurück zur Gruppendynamik der Met-Life-Tower-Bewohner. Und von dieser kommt der Autor zum eigentlich utopischen Moment der Geschichte. Alles läuft auf die Frage hinaus: Was passiert, wenn die Menschen in einen fiskalen Streik treten, sich der kapitalistischen Systemlogik verweigern? Die Antwort findet sich als Plot in Robinsons Roman. Und wir müssen uns fragen, ob wir auch warten wollen, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. Denn New York 2140 ist in doppelter Hinsicht keine Dystopie. Zum einen durch den utopischen Ausblick auf eine bessere Welt. Zum anderen ist das Setting eines überfluteten New York nicht so fiktional, wie man im ersten Moment denkt. Denn der Meeresspiegel steigt – und diese Bedrohung ist real.

Nora Kusche

Aufmacherbild: Ausschnitt des Covers, Foto: Stephan Martiniere

Mehr Geschichten, wie Mensch und Meer zusammenspielen, gibt es im aktuellen Greenpeace Magazin 3.18 „Wir Seeleute“. Einen Auszug des Romans können Sie in unserer Klimaausgabe 6.17 „Hitzefrei“ lesen, in der wir einen Vorabdruck der deutschen Übersetzung veröffentlicht hatten. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

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klimakonferenz11.Mai 2018

Verhandlungen über das Klima: Bloß keine Verpflichtungen

In Bonn ist gerade eine Zwischenverhandlung zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu Ende gegangen. Dabei wurde deutlich: Wenn es um die Finanzierung von globalen Klimaschutzmaßnahmen geht, schwinden die Ambitionen der Industrieländer. Auch Deutschland scheut sich vor klaren Bekenntnissen.  

Die Präsidentschaft der Fidschi-Inseln hallt noch nach. Im Dezember, wenn die 24. Klimaschutzkonferenz (COP24) im polnischen Kattowitz stattfindet, geht sie zwar zu Ende, doch der Pazifik-Staat hat der internationalen Klimadiplomatie seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt: die Emotionen. Die Delegierten, Abgesandte der Regierungen aus 193 Ländern, die hier in Bonn zusammenkommen, um die Umsetzung des Pariser Abkommens weiter zu verhandeln, lernen ein neues Format kennen, den Talanoa-Dialog. Es soll in diesen Runden lockerer zugehen, es wird mehr auf gegenseitigen Respekt und Verständnis gesetzt. Es werden Geschichten vom Klimawandel erzählt, von Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind, von Menschen, die hungern, weil die Dürren immer unausstehlicher werden oder von Menschen, die alles Hab und Gut verloren haben, weil es von einem Unwetter vernichtet wurde. Das funktioniert, aber nur bedingt. Denn wenn es in die Verhandlungen geht, wenn Geld und wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen, spielen Emotionen keine Rolle mehr.

Bei der Zwischenkonferenz zur Umsetzung des Pariser Abkommens, die am Donnerstag in Bonn nach zehn Tagen zu Ende gegangen ist, ging es zwar auch darum, sich über die Beiträge einzelner Länder zum Klimaschutz auszutauschen. Vor allem kamen die über 3000 Delegierten jedoch zusammen, um die Fertigstellung eines verbindlichen Regelbuchs voranzutreiben. Dabei stehen Fragen im Mittelpunkt, wie Klimaschutzziele berechnet und transparent dargestellt werden können, welche weiteren Maßnahmen zum Klimaschutz nötig sind und wie diese umgesetzt und finanziert werden können. Nach der Konferenz ist klar: Insbesondere beim letzten Punkt gibt es weiterhin deutliche Differenzen zwischen den Entwicklungsländern und den Industriestaaten, der Prozess, verbindliche Regeln zu entwickeln, geht nicht schnell genug voran und es mangelt an Bereitschaft, finanzielle Verpflichtungen einzugehen.

Im September gibt es eine weitere Zwischenkonferenz in Bangkok

Anke Herold, Geschäftsführerin des Öko-Instituts, nimmt seit über zwanzig Jahren an den Klimakonferenzen teil und ist EU-Verhandlungsführerin für die Bereiche Transparenz und Anrechnungsregeln. „Vergangenes Jahr waren die Verhandlungen extrem kontrovers und aggressiv“, sagt sie, „das ist jetzt besser geworden. Es war konstruktiv, aber insgesamt haben wir zu wenig geschafft. Wir sind noch sehr weit davon entfernt, das Regelwerk soweit entwickelt zu haben, dass auf Regierungsebene darüber entschieden werden kann.“

Weil die Delegierten nur langsam vorankommen, haben sie vereinbart, sich im September in Bangkok zu einer weiteren Zwischenkonferenz zu treffen. „Es wäre absolut notwendig bis Ende des Jahre Beschlüsse hinzukriegen“, sagt Herold. Die Erstellung des verbindlichen Regelbuches ist von so großer Bedeutung, weil nach aktuellen Erkenntnissen die bisherigen Klimaschutzanstrengungen nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Um die Klimaziele der Situation anzupassen, sollen bis 2020 neue Ziele formuliert und eingereicht werden. Dafür müssen die Länder aber spätestens nächstes Jahr die Regeln kennen.

Auch die Bundesregierung muss dann zeigen, wie wichtig ihr der Klimaschutz eigentlich noch ist. Zuletzt lagen die Prioritäten der Großen Koalition eher in anderen Bereichen. Das Ziel, bis 2020 vierzig Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, ist bereits beerdigt, der Ausbau der erneuerbaren Energien geht derzeit zurück und ein schneller Ausstieg aus der Kohleverstromung ist seit Donnerstag dieser Woche noch unwahrscheinlicher geworden. Da wurde bekannt, dass die Kohlekommission, die den Ausstieg vorbereiten und bis Ende des Jahres Ergebnisse liefern soll, von den ehemaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) aus Brandenburg und Stanislaw Tillich (CDU) aus Sachsen geleitet wird. Diese Bundesländer sind von einem Kohleausstieg strukturell besonders betroffen. Als dritte Vorsitzende hat die Bundesregierung die ehemalige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Ursula Heinen-Esser (CDU) bestimmt. Auch sie stammt aus einem Kohle-Gebiet, nämlich Nordrhein-Westfalen.

Deutschlands Ansehen als Vorreiter im Klimaschutz ist trotz eigener Versäumnisse ungebrochen

Umweltschutzverbände fordern von Deutschland deutlichere Zeichen im Kampf gegen den Klimawandel. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse dafür sorgen, dass endlich auch in Deutschland die Emissionen wieder sinken und Klimaziele eingehalten werden, sagt Rixa Schwarz, Teamleiterin für internationale Klimapolitik bei der NGO Germanwatch.

Deutschlands Rolle im internationalen Klimaschutz stehe jedoch nicht in Frage, betont Anke Herold. „Auf internationaler Ebene hat sich an der Ansicht, dass Deutschland ein Vorreiter im Klimaschutz ist, nichts geändert“, sagt sie. Es sei jedoch auch noch nicht durchgesickert, dass Deutschland seine Ziele für 2020 verfehle. Möglicherweise ändert das dann die Ansicht.

Denn die Leidtragenden sind die Entwicklungsländer, in denen der Klimawandel schon heute sichtbare Schäden anrichtet. Sie sind bei der Anpassung an den Klimawandel auf finanzielle Hilfe angewiesen. Sie fordern von den Geberländern, die den Klimawandel zu großen Teilen durch hohe CO2-Emissionen vorantreiben, verbindliche Zusagen über die Höhe der künftigen Mittel in den nächsten Jahren. Das lehnen die Industrienationen ab.

Durch den angekündigten Ausstieg der USA sorgen sich die Entwicklungsländer um eingeplante Finanzmittel

Verbindliche Zusagen sind auch deshalb schwierig, weil der Finanzhaushalt in fast allen Ländern der Parlamentshoheit unterliegt. Deutschland, das bereits zugesagt hat, das Volumen für den internationalen Klimaschutz von zwei auf vier Milliarden Euro zu verdoppeln, kann demnach zwar Zusagen machen, letztlich ist die Regierung aber auf die Entscheidung des Parlaments angewiesen.

Auch der angekündigte Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen sorgt noch immer für Unsicherheit in den Entwicklungsländern, denen bereits 2009 bei der Klimakonferenz in Kopenhagen ab 2020 jedes Jahr einhundert Milliarden Dollar von der internationalen Gemeinschaft zugesagt wurden. Deutschland und die EU werden ihren Teil der Abmachung erfüllen, heißt es aus Regierungskreisen. Ob und wie der amerikanische Ausfall kompensiert werden kann, bleibt unklar. Wie so vieles andere auch.

Bastian Henrichs

In der Ausgabe 6/17 des Greenpeace Magazin haben wir ein Interview mit der Verhandlungsführerin der Fidschi-Inseln Nazhat Shameem Khan geführt. Sie können es hier nachlesen. 

Aufmacherbild: picture alliance/Photoshot

 

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Meeresverschmutzung09.Mai 2018

Die undurchsichtigen Wege des Mikroplastiks

Mikroplastik gelangt über Flüsse ins Meer, wird von Fischen, Muscheln und Salz aufgenommen und landet so wieder auf unseren Tellern. Wie schädlich das eigentlich für die Menschen ist, darüber wissen wir bisher noch zu wenig.

Die EU plant eine Steuer auf Plastikmüll, diskutiert ein Verbot für Plastikgeschirr und Kunden lassen demonstrativ die Plastikverpackungen ihrer Einkäufe im Supermarkt zurück. Zurzeit ist Plastik in aller Munde – aber nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Denn Plastikpartikel landen auf unterschiedlichen Wegen in Flüssen, gelangen von dort ins Meer und werden von Fischen, Muscheln und Salz aufgenommen. So landet das Mikroplastik wieder auf unseren Tellern. Ob das dem menschlichen Organismus schadet, ist unklar. Und auch sonst sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Verteilungswege und Auswirkungen von Mikroplastik überraschend dünn.

Jörg Oehlmann forscht an der Universität in Frankfurt zu aquatischer Ökotoxikologie und kennt den aktuellen Stand der Mikroplastik-Forschung. „Inzwischen wissen wir, dass der dominante Eintrag über Fließgewässer passiert, also aus Süßwasser-Quellen stammt“, sagt er. Das meiste Mikroplastik – damit sind Partikel gemeint, die kürzer als fünf Millimeter sind – treibt also über Flüsse ins Meer. Darüber hinaus lässt sich mit Sicherheit lediglich sagen, dass die Meere und auch das Eis an den beiden Polen mit Mikroplastik verschmutzt sind und dass die Meeresbewohner die Partikel bereits aufgenommen haben. Und zwar nicht nur Fische, sondern auch Muscheln und Krebse – sogar in Speisesalz finden sich Ablagerungen. Wie genau die Plastik-Partikel ins Meer gelangen und wie stark die Ozeane belastet sind, darüber gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Mikroplastik in Weltmeeren ist das drängendste Problem unserer Zeit

Zuletzt hatte eine aktuelle Studie der Universität Manchester für Aufsehen gesorgt, die im Fachblatt „Nature Geoscience“ erschienen ist. „Die Kontamination der Weltmeere mit Mikroplastik ist das drängendste Problem unserer Zeit“, schreiben die Autoren zu Beginn ihres Papers. Nach aktuellen Schätzungen sollen knapp fünf Billionen Mikroplastikpartikel in unseren Meeren umherschwimmen.

In ihrer Studie fragten die Wissenschaftler, wie Hochwasser sich auf die Wege des Mikroplastiks auswirkt. Dafür untersuchten sie verschiedene britische Flüsse an insgesamt 40 Messpunkten und kamen auf 517.000 Mikroplastik-Teilchen pro Quadratmeter. Das Ergebnis einer erneuten Messung nach einem mehrmonatigen Hochwasser-Ereignis fiel sehr viel geringer aus. Das zeigt, so die Schlussfolgerung, dass ein Großteil der Schmutzpartikel aus den Sedimenten im Flussbett herausgelöst und ins Meer gespült wurde – und zwar in erheblich größerem Ausmaß als bislang angenommen.

Die gezeigte Fotoarbeit ist Teil der Serie „We'll Sea“ des Fotografen Wolf Silveri, der hier auf eine neue Strategie setzt: mit Ästhetik das Grauen von Millionen von Tonnen an Plastikmüll, der in den Weltmeeren treibt, greifbar zu machen. Weitere Arbeiten zeigen wir als Bildstrecke in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.18 „Wir Seeleute“. Foto: Wolf Silveri

Dass die Mikroplastikmenge in den Ozeanen bisher unterschätzt wird, erscheint dem Biologen Martin Wagner von der norwegischen Uni Trondheim plausibel. „Die aktuellen Hochrechnungen der globalen Plastikmengen beruhen auf Daten von der Meeresoberfläche. Wir wissen allerdings, dass vermutlich nur ein Prozent des Plastiks an der Oberfläche schwimmt“, so Wagner, der sich mit den Auswirkungen des Plastiks auf Ökosysteme und den Menschen beschäftigt. Die bisher vermutete Kontamination der Weltmeere wäre dann nur die Spitze des Müllbergs.

Jörg Oehlmann hat allerdings Zweifel an der Methodik der viel diskutierten Studie aus Manchester: „Die Identifikation der Mikroplastik-Partikel beruht überwiegend auf einer optischen Beurteilung unter dem Mikroskop. Diese Methode ist nicht sehr zuverlässig“, sagt der Ökotoxikologe gegenüber dem Greenpeace Magazin. Diese Kritik verweist auf ein Grundproblem des Forschungsgebiets. „Die größte Herausforderung ist es, Mikroplastik als solches zu identifizieren“, so Oehlmann.

Nicht alles, was nach Mikroplastik aussieht, ist wirklich Mikroplastik

So basieren die meisten Studien zum Thema ausschließlich auf optischen Methoden. Nachträgliche Stichproben solcher Studien ergaben, dass bis zu 90 Prozent der unter dem Mikroskop als Mikroplastik identifizierten Teilchen gar keine waren. In Wirklichkeit handelte es sich um Partikel aus natürlichen Fasern von Pflanzen oder Mineralien. Oelmann und seine Fachkollegen haben deshalb vor etwa sechs Jahren begonnen, vereinzelt neue Methoden anzuwenden. Dabei untersuchen sie meist spektroskopisch, also durch Lichtbestrahlung der Proben deren innere Beschaffenheit und Zusammensetzung. Dadurch lasse sich zweifelsfrei feststellen, ob es sich wirklich um Plastikpartikel oder doch eher um natürliche Fasern handele.

Seit zwei Jahren seien diese neuen Verfahren allerdings erst Standard. So hat auch das Forscherteam der Uni Manchester zunächst die optische Methode genutzt, diese dann aber nachträglich mit der sogenannten Raman-Spektroskopie überprüft. Dabei kam heraus, dass die Forscher die meisten Partikel richtigerweise als Mikroplastik identifiziert hatten. Jörg Oehlmann warnt dennoch davor, voreilige Schlüsse aus den Ergebnissen zu ziehen. Eine konkrete Zahl für die Mikroplastik-Belastung der Weltmeere gäben die Ergebnisse der Studie nicht her. Dafür seien die ausgewählten Messpunkte zu wenig repräsentativ.

Bei Erkenntnissen zu toxischen Effekten von Mikroplastik hinkt die Forschung hinterher

Auch bei den Auswirkungen der winzigen Kunststoffpartikel auf den Menschen, stößt die Wissenschaft an ihre Grenzen. Was passiert, wenn Menschen Mikroplastik zu sich nehmen? Scheiden sie es aus? Oder dringen die Partikel ins Gewebe vor?  Bisher gibt es keine wissenschaftlich verifizierten Erkenntnisse, inwieweit die aufgenommenen Plastikpartikel den Organismus schädigen können, nachdem sie im Verdauungstrakt gelandet sind. Auf viele Fragen gibt es demnach noch keine endgültigen Antworten – und die Wissenschaft hinkt der öffentlichen Wahrnehmung hinterher.

Normalerweise sei es die Wissenschaft, die Risiken erkenne und sich dann bemühen müsse, um ihren Warnungen Gehör zu verschaffen, sagt Jörg Oehlmann. Bei Mikroplastik sei das Gegenteil der Fall: „Sowohl in Politik wie auch in der Gesellschaft – alle sind überzeugt, dass Mikroplastik gefährlich ist", so der Ökotoxikologe von der Uni Frankfurt. „Aber die Forschung hinkt mit Belegen dafür hinterher.“ Mit den bisherigen Befunden ließe sich nicht seriös sagen, ob negative toxische Effekte für den Menschen auftreten, also ob Mikroplastik Organismen direkt schädigt. Hierfür sei noch erheblich mehr Forschungsvorlauf notwendig.

Nora Kusche

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Große Koalition28.Feb 2018

„Sachlich und leidenschaftlich“ – wie die SPD über Umwelt und Macht diskutiert

Mit einem „Ja“ oder „Nein“ der SPD-Mitglieder steht oder fällt die Neuauflage der Großen Koalition. Matthias Miersch zieht als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion für die Bereiche Umwelt und Landwirtschaft ein Resümee der Koalitionsverhandlungen und gibt einen Ausblick auf das Wochenende – wenn die SPD das Ergebnis ihres Mitgliederentscheids bekannt geben wird.

Was hat die SPD für Umwelt und Klimaschutz in den Verhandlungen mit der Union herausgeholt? Wie weit bleiben die Ergebnisse hinter dem zurück, was die Grünen für Jamaika ausgehandelt hatten? Wie ist die Stimmung bei den Sozialdemokraten? Was diskutieren die SPD-Mitglieder gerade hinsichtlich einer erneuten Regierungsbeteiligung ihrer Partei – und wie? Matthias Miersch zieht im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin Bilanz.

Wie beurteilen Sie das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen aus umweltpolitischer Sicht?

Wir haben für den Umwelt- und Naturschutz viel herausgeholt: Beim nationalen Naturerbe, dem Wildnisfond, der Moorschutzstrategie, aber auch beim Insektenschutz. Auch im Bereich der Landwirtschaft haben wir eigene Akzente gesetzt. Wir konnten uns bei grüner Gentechnik mit der Union darauf verständigen, eine bundeseinheitliche Verbotsregelung zu erarbeiten. Darüber hinaus haben wir grundsätzlich den Glyphosat-Ausstieg beschlossen. Das sind erste Ansätze zu einem Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft. Jetzt geht es um die Umsetzung.

Und wie sieht das beim Klima aus? Da gab es ja schon während der Sondierungsgespräche viel Protest, weil SPD und Union die Klimaziele 2020 als unrealistisch bezeichnet hatten.

Beim Thema Klimaschutz – wenn auch hoch umstritten – war es richtig, sich ehrlich zu machen. Mit den bisherigen Maßnahmen hätten wir das Klimaziel 2020 nicht mehr erreichen können. Umso wichtiger ist mir, dass wir das Klimaschutzgesetz vereinbart haben, um damit das völkerrechtlich verbindliche Ziel 2030 sicher zu erreichen. Damit schaffen wir eine national verbindliche Regelung, einschließlich eines Kohleausstiegspfads und des Ausbaus von erneuerbaren Energien auf 65 Prozent. Das sind Schritte, mit denen wir in den nächsten Jahren sehr viel bewirken können.  

War es überhaupt entscheidend für die SPD, bei Umwelt und Klima das Beste herauszuholen? Haben für Ihre Partei soziale Themen wie Pflege, Arbeitsbedingungen und Gesundheit nicht Vorrang vor der Umwelt?

Ich werbe immer dafür, dass ökologische Themen von sozialen Fragen nie getrennt werden. Willy Brandt hat schon im Bundeswahlkampf 1961 vom blauen Himmel über der Ruhr gesprochen und damit die Luftverschmutzung im Ruhrgebiet angeprangert. Insofern glaube ich: Das, was die SPD auszeichnet und was ein Markenkern sein muss, ist, dass wir Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit zusammen denken.

Und wie steht die SPD zu den gerade von Ihnen angesprochenen Klimazielen 2020? Die haben SPD und Unionsparteien jetzt geknickt?

Wir haben an keiner Stelle die Klimaschutzziele aufgegeben, auch das 2020-Ziel nicht. Wir haben im Koalitionsvertrag festgehalten, dass wir die bereits beschlossenen Maßnahmen ergänzen werden, um die Handlungslücke zur Erreichung der 2020-Ziele schnellstmöglich zu schließen. Es ist natürlich interpretationsfähig, was „so schnell wie möglich“ heißt. Aber wir haben gesagt, dass die Ziele mit den bisher beschlossenen Maßnahmen nicht mehr zu erreichen sind. Übrigens auch nicht mit den Maßnahmen, die Grüne, FDP und Union in ihren Jamaika-Verhandlungen diskutiert hatten. Auch der Kompromissvorschlag, die Kohleverstromung um sieben Gigawatt zu reduzieren, hätte nicht zum Erreichen der Klimaziele 2020 geführt.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Politik schiebe die Verantwortung in Kommissionen ab, anstatt selbst ein Datum für den Kohleausstieg zu setzen?

Ein Diskurs, der alle gesellschaftlichen Gruppen in die Entscheidung miteinbezieht, dauert vielleicht länger, ist dafür aber am Ende nachhaltiger. Hätten wir ein Ausstiegsdatum ohne Diskussion von oben benannt, wäre dieses Datum von allen möglichen Akteuren immer wieder in Frage gestellt worden und am Ende womöglich nicht durchsetzbar gewesen.

Sie waren ja bei den Koalitionsgesprächen dabei. Wie hat die SPD die ganzen prestigeträchtigen Ministerposten ergattert? Durch Abstriche bei Inhalten wie Umwelt- und Klimaschutz?

Ich habe zusammen mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im Bereich Energie, Umwelt und Klima verhandelt. Wie die SPD an die drei begehrten Ministerposten für Arbeit und Soziales, Finanzen und Außenpolitik gekommen ist, habe ich nur am Rand mitbekommen. Aber das geschah in der letzten Nacht. Da waren die Inhalte bereits fixiert. Wir haben auf den letzten Metern einfach besser verhandelt und CDU und CSU haben erkannt, dass sie uns etwas anbieten mussten. Mit einem SPD-geführten Finanzministerium können wir endlich auch solche Ziele durchsetzen, die an Schäuble als Finanzminister bisher gescheitert sind. Ich denke da an mehr Solidarität in der europäischen Union und mehr Investitionen beispielsweise in die Bekämpfung von Fluchtursachen.

Matthias Miersch

Matthias Miersch, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Umwelt und Landwirtschaft. Foto: Dirk Bleicker

Und was sagen Sie zu dem Vorwurf von Umweltverbänden, Deutschland gebe seine Vorreiterrolle im Klimawandel nun ganz bewusst auf?

Der Atomausstieg und der Ausbau der Erneuerbaren auf 65 Prozent, der Kohleausstiegsplan und das geplante, rechtsverbindliche Klimaschutzgesetz – das sind Elemente, die in dieser Form in anderen Staaten mit einer vergleichbaren Industriestruktur nicht vorkommen. Ich stimme der Forderung der Umweltverbände aber zu, dass das, was wir jetzt beschlossen haben, auch umgesetzt werden muss. Bisher steht das alles noch als Absichtserklärung im Koalitionsvertrag. Nur wenn wir das auch wirklich umsetzen, können wir unserer Vorbildfunktion im internationalen Bereich gerecht werden. 

Was halten Sie von den aktuellen Entwicklungen bei Diesel-Fahrverboten? Die Bundesregierung will nun doch eine Rechtsgrundlage für Fahrverbote schaffen und das Bundesverwaltungsgericht hat den Weg für Fahrverbote von Kommunen freigemacht.

Die Luftreinhaltung und der Gesundheitsschutz haben oberste Priorität. Die technische Nachrüstung von Euro 5- und Euro 6-Fahrzeugen kann hierzu einen substanziellen Beitrag leisten. Politik und Hersteller sind gemeinsam aufgerufen, zu handeln. Wir dürfen die Automobilindustrie hier nicht aus der Verantwortung lassen. Es muss jetzt schnell das Gespräch mit den Kommunen gesucht werden, um diese von Bundesebene aus bei der Umsetzung effizienter Maßnahmen, wie sie das Gericht skizziert hat, zu unterstützen.

Wie realistisch ist der aktuelle Vorstoß der Bundesregierung, kostenlosen Nahverkehr einzuführen? Das wurde ja vielfach als nicht bezahlbar kritisiert.

Ich finde generell, dass man mal in großen Entwürfen denken sollte, das ist in der Politik notwendig. Aber ein kostenloser ÖPNV ist für mich auch nur ein Mosaikstein. Das Gleiche wünsche ich mir für den Personenfernverkehr insgesamt. Das alles müssen wir nun in den nächsten Jahre angehen, und das wird wahrscheinlich eine ganz spannende Debatte auslösen – denn gerade der Verkehrssektor hat bis jetzt für die Stickoxid-Minderung und den Klimaschutz fast nichts geliefert.

Wie ist die Stimmung in der SPD bezüglich des Mitgliederentscheids? Was ist ihre Prognose für das Ergebnis?

In der SPD wird gerade sachlich, aber auch leidenschaftlich diskutiert. Und viele Mitglieder sehen die Alternativen realistisch. Die Bürgerinnen und Bürger mit Neuwahlen zu konfrontieren, nur weil sich im Parlament keine Mehrheit zusammenraufen kann, das finden wir nicht richtig. Es gibt auch Bedenken vor einer Minderheitsregierung: Wir haben eine konservative Mehrheit in diesem Parlament. Gerade was den Klimaschutz und Umweltfragen angeht, würde ich jedenfalls einer Merkel-geführten Minderheitsregierung nicht viel zutrauen. Ich denke, dass die SPD-Mitglieder das genau abwägen werden und es zu einer Großen Koalition kommt.

Können Sie Kritiker einer Neuauflage der Großen Koalition wie den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert verstehen?

Ich selbst habe ja eine Kooperation als Alternative vorgeschlagen – konnte mich damit aber nicht durchsetzen. Ich habe Kevin Kühnert und andere Jusos bei Diskussionen als sehr sachlich erlebt. Und ich finde, dieser innerparteiliche Diskurs belebt die Demokratie. Wir diskutieren ja gerade nicht nur, ob es Sinn macht, sich an einer Regierung zu beteiligen, sondern auch, wie die SPD sich personell, organisatorisch und vor allem inhaltlich erneuern kann. Das ist wichtig und darf mit dem Mitgliederentscheid nicht einfach zu Ende sein. Die SPD ist gerade der lebendigste Ort für ganz grundsätzliche politische Debatten.

Sollte die neue Groko kommen, was werden die zentralen Themen und Ziele des Bundesumweltministeriums sein?

Eine der Herkulesaufgaben wird es sein, die Erreichung des Klimaschutzziel 2030 zu gewährleisten. Hierzu muss schnell die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ eingesetzt und das Klimaschutzgesetz erarbeitet werden. Ein weniger bekannter, aber sehr wichtiger Punkt wird auch sein, dass wir uns gegen alle Beteiligungen staatlicher Fonds an AKWs im Ausland ausgesprochen haben, auch auf EU-Ebene. Und es gibt den Gesetzentwurf gegen Grüne Gentechnik, der möglichst schnell mit dem Landwirtschaftsministerium umgesetzt werden muss. Andere Aufgaben sind der Wildnisfond und der Ausbau des Blauen Bandes – das kann nicht mehr warten. Ich bin dafür, dass wir diese Maßnahmen in den nächsten eineinhalb Jahren schnell abarbeiten.

Presseberichten zufolge werden Sie ja für den Posten des Bundesumweltministers gehandelt. Wie konkret ist das?

Das ist überhaupt nicht konkret, das ist ein Gerücht. Und ich finde, Barbara Hendricks macht sehr gute Arbeit.

Interview: Nora Kusche

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