Musik22.Mär 2019

Tanz mit Walen

Tanz mit Walen

Umweltwissenschaften und Club-Musik klingen erstmal wie ein Gegensatzpaar. Dass sie sich wunderbar vereinen lassen, beweist die Musikerin Jayda G mit ihrem Debütalbum „Significant Changes“, das am Freitag erschienen ist.

Schon ein Blick auf die Trackliste macht klar, dass man es hier mit keinem gewöhnlichen Album zu tun hat. Denn die Liste beginnt mit „Abstract“ (Zusammenfassung) und endet mit „Conclusion“ (Schlussfolgerung), zwei Begriffen, die einem eher aus wissenschaftlichen Arbeiten bekannt sind, denn aus der Szene der elektronischen Musik. Aber da Jayda G beides ist, Wissenschaftlerin und Musikerin, beschloss sie, dass ihr Album auch beides sein solle.

„Es ist ein Tanz-Album“, sagt Jayda G über ihr Debütwerk, das heute bei dem Londoner Independent-Label Ninja Tune erscheint. Darauf zu hören ist eine Mischung aus Chicago House, Funk, Disco, Soul und Trap; leicht und fröhlich, daran ändert auch der wissenschaftliche Überbau nichts. Der Albumname „Significant Changes“ zählt auch dazu. Zum einen habe sie während der Arbeit an dem Album große Veränderungen durchlebt, erzählt Jayda G. Zum anderen ist es auch der Ausdruck, den sie in ihrer Masterarbeit am häufigsten verwendet hat. „Das sind so nerdige Sachen, die es für mich einfach spaßiger gemacht haben“, sagt die Künstlerin und lacht. Ihre Musik soll keine Biologie-Lehrstunde sein, sondern ein Anstoß. Und für sie selbst ist es die logische Verknüpfung ihrer zwei Leidenschaften.

 
Die Kanadierin kommt ursprünglich aus Grand Forks, einer Kleinstadt in British Columbia, ungefähr sechs Fahrtstunden von Vancouver entfernt. Sie wuchs inmitten von Bergen, Wäldern, Flüssen und Seen auf und entdeckte früh ihre Leidenschaft für die sie umgebende Natur. Während sie Umwelt- und Ressourcenmanagement an der Simon Fraser Universität in Vancouver studierte, nahm ihre DJ-Karriere an Fahrt auf. „Ich dachte nie, dass das mein Beruf werden könnte“, erinnert sich die 30-Jährige. „Auflegen war immer ein Hobby.“ Doch dann wurde sie mehr und mehr in Europa gebucht, bis sie entschied nach Berlin zu ziehen, um nicht für jeden Gig hin- und herfliegen zu müssen. 
 
Sie legte auf vielen namhaften Festivals auf wie dem Field Day, Melt! und Night+Day Bilbao, gründete ihr eigenes Label – und schrieb zur selben Zeit ihre Masterarbeit: eine Risikoanalyse mehrerer Chemikalien und ihrer Effekte auf die Gesundheit der Orcas in der Salish Sea, dem Meeresgebiet zwischen Vancouver Island und dem US-Bundesstaat Washington. Gleichzeitig in Europa als Djane und in Kanada als Wissenschaftlerin zu arbeiten, habe ihr Leben schwerer gemacht als es hätte sein müssen, räumt Jayda G ein. „Significant Changes“ ist gewissermaßen eine Reflexion dieser Gleichzeitigkeiten.

Die andere Seite der Künstlerin Jayda G: Für das Vancouver Aquarium arbeitete sie vor einigen Jahren mit geretteten Seelöwen, zur selben Zeit startete sie ihre DJ-Karriere. Foto: privat

In den Track „Orca's Reprise“ wob sie Aufnahmen von Walgesängen ein. Es ist das ruhigste, traurigste Stück des Albums und an fünfter Stelle der klassische Moment zum Innehalten. Im darauffolgenden Track „Missy Knows What's Up“ ist die Stimme von Misty MacDuffee von der Raincoast Conservation Foundation zu hören. Die Nichtregierungsorganisation hatte das kanadische Ministerium für Fischerei und Meere 2010 gemeinsam mit acht weiteren Organisationen – darunter auch Greenpeace – verklagt, weil es die Orcas und ihren Lebensraum nicht angemessen schützte. Die Umweltschützer bekamen Recht und das Ministerium versprach eine Reihe von Schutzmaßnahmen, unter anderem gab sie eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag. „Und das war meine Masterarbeit“, sagt Jayda G.

Diese nun in ein Disco-Album zu verweben, ist für die Kanadierin kein Widerspruch. „Ich sehe Tanzmusik als einen Weg, Menschen miteinander zu verbinden“, sagt sie. „Während meiner wissenschaftlichen Karriere habe ich eine Diskrepanz zwischen der unzugänglichen wissenschaftlichen Sprache und der öffentlichen Welt wahrgenommen.“ Das will sie ändern. 

In der Elektro-Szene ist das (noch) eine Seltenheit. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt etwa der deutsche DJ Dominik Eulberg, der in seinem Haus im Westerwald gewissermaßen akustische Naturbilder malt. Das Greenpeace Magazin widmete ihm in der Ausgabe 1.18 ein langes Porträt. Darin sagt er so schöne Sätze wie „Unsere Liebe wird von der Natur nicht erwidert. Vielleicht ist gerade das das Schönste.“

Zusammenbringen was sich entfremdet hat – aus eben jener Motivation rief Jayda G im Februar die Vortragsreihe „JMG Talks“ in London ins Leben. Damit gibt sie jungen Wissenschaftlern eine Bühne, um ihre Forschung einem breiten Publikum vorzustellen. Und so webt sie alles Stück für Stück ineinander, den Spaß und den Ernst.

Svenja Beller

Aufmacherbild: Jayda G/ Facebook

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