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Filmkritik17.Okt 2018

Winterwunder

Winterwunder

Im Kinodrama „Nanouk“ versucht sich ein einsames altes Paar in der Eiswüste Jakutiens vor der Moderne abzuschirmen – doch Klimawandel und Fortschritt rauben den beiden unaufhaltsam die Heimat.

Ein knarzendes Radio ­– das ist ist das Maximum dessen, was Nanouk an Fortschritt ins Zelt kommt. Hin und wieder etwas klassische Musik, viel mehr Müßiggang erlaubt er sich nicht neben dem Fallenstellen, dem Eisfischen, dem Überleben. Wenn etwas Zeit ist, legt er sich in den Schnee und schaut in den Himmel. Manchmal sieht er Raben, ein schlechtes Omen. Aber längst nicht so schlecht wie die Kondensstreifen der Flugzeuge, die sich immer häufiger in das endlose Blau schneiden.

Die weißen Streifen am Himmel sind lange Zeit die einzige Spur der modernen Welt in Milko Lazarovs traumwandlerisch schönem Film „Nanouk“, der diesen Donnerstag, am 18. Oktober, in die deutschen Kinos kommt. Für das alte Ehepaar Nanouk (Mikhail Aprosimov) und Sedna (Feodosia Ivanova) scheint die Zeit nicht nur stehen geblieben zu sein, sie hat für die beiden auch kaum eine Bedeutung.

Nanouk Pressefoto 6

Ein Leben wie vor Jahrhunderten: In ihrer Jurte reparieren Sedna (Feodosia Ivanova) und Nanouk (Mikhail Aprosimov) ihr Fischernetz. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Die zwei leben nicht viel anders als ihre Vorfahren vor hundert Jahren: in einer einfachen Jurte aus Fellen, irgendwo in der unwirtlichen Eiswelt Jakutiens, im nördlichsten Teil Sibiriens. Sie ernähren sich von dem, was die Natur hergibt, und das ist nicht viel: Fisch natürlich, gelegentlich ein Schneehase. Manchmal glaubt Nanouk am Horizont ein Rentier zu erkennen. Doch die Rentiere kommen schon lange nicht mehr.

„Es ist wärmer geworden“, sagt er seiner Frau. „Der Frühling kommt immer schneller.“ So sehr sie versuchen, sich vor Technik und vermeintlichem Fortschritt abzuschirmen, so wenig können sie dagegen tun, dass ihnen ihre Heimat langsam unter den Füßen wegschmilzt. Nanouk und Sedna kennen und wollen kein anderes Leben, Tradition und Familie sind für sie alles, obwohl sie die schon längst an die Moderne verloren haben. Die einzige Tochter Àga ist fort, sie arbeitet in einer Diamantenmine. Ihr Vater kann ihr das nicht verzeihen.

„Nanouk“ ist ein stiller, sehnsuchtsvoller Film, erzählt in epischen Bildern, für die keine Leinwand groß genug sein kann. Endlose Weiten von Schnee und Eis, wie ein fremder Planet, auf dem sich das Leben entgegen aller Wahrscheinlichkeit seinen Weg gebahnt hat. Man kann sich verlieren in diesen Bildern, in der Unendlichkeit, und versteht, warum sich Nanouk und Sedna kein anderes Leben vorstellen möchten. Aber spätestens als ein Sturm über das Eis fegt, und die beiden ihre dünnen, alt gewordenen Körper mit aller verbliebenen Kraft in die Halteseile des Zeltes hängen, damit es nicht davonfliegt, versteht man auch die Tochter.

Nanouk Pressefoto 5

Sedna (Feodosia Ivanova) hält Ausschau, ob Chena wieder mit Neuigkeiten aus der Stadt kommt. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Die beiden beschweren sich nicht, Glück ist für sie der jeweils andere. So lange sie einander haben, fühlen sie sich sicher. Doch die Furchen in ihren Gesichtern sind tief, Nanouk wird vergesslich, und an Sednas Bauch breitet sich ein schmerzhaftes, schwarzes Geschwür aus, wie ein Ölfleck, der sich immer tiefer in den Schnee ätzt. Die beiden wirken wie die letzten Menschen der Welt, ihrer Welt. Und die können sie nur gemeinsam beschützen.

Der Zuschauer braucht Geduld und Ruhe für diesen Film. Es dauert knapp zehn Minuten, bevor der erste Satz gesprochen wird („Deine Stiefel sind nass“), und es folgen nur wenige mehr. Wenn nach über einer halben Stunde das Rattern eines Motorschlittens in die Stille hineinbricht, wirkt es wie ein mittleres Erdbeben, dabei kommt nur ein Bekannter mit Feuerholz vorbei. Regisseur Lazarov erzählt diese Geschichte ohne große Wendungen, er sucht die kleinen, leisen Momente, aus denen sich Stück für Stück ein ganzes Leben formt; die zärtlichen Blicke zwischen zwei Menschen, die nichts mehr sagen müssen, um sich zu verstehen.

So viel Schönheit, so viel Charme und Poesie sind selten geworden in den Kinos, wo es heute oft nur noch darum geht, welche Superhelden den Planeten gerade wieder vor welchen Bösewichtern zu retten versuchen; wo ständig etwas passieren oder wenigstens explodieren muss.

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In den eisigen Weiten jenseits des Polarkreises erscheint der Mensch unendlich klein. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Natürlich sind auch Nanouk und Sedna auf ihre Weise Superhelden, aber sie bewachen ihre zerbrechliche Welt, ohne großes Aufheben darum zu machen. Auch Nanouk wird sich am Ende denen stellen müssen, die er für die Bösewichter hält. Wenn er sich auf die Suche nach seiner verlorenen Tochter begibt und irgendwann an der Diamantenmine steht, einem Krater im Eis, der aussieht als wäre ein Meteorit eingeschlagen.

Die Kamera zoomt langsam und meisterhaft hinaus, bis die gigantischen Ausmaße der Anlage greifbar werden. Ein letztes großes Bild des Fortschritts, wie ihn dieser Film sieht: von fast unwirklicher Schönheit, so verführerisch wie zerstörerisch.

Daniel Sander

Aufmacherbild: Neue Visionen Filmverleih

Nanouk. Regie: Milko Lazarov. Buch: Milko Lazarov, Simeon Ventsislavov. Mit Mikhail Aprosimov, Feodosia Ivanova, Sergey Egorov, Galina Tikhonova, Afanasiy Kylaev. Start: 18. Oktober 2018.

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