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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Nehmen sich die Deutschen genug Zeit für gutes Essen? Und wie sieht es im Ausland aus?

Text: Vito Avantario

fragt Suzanne Krenzer aus Frankfurt am Main 

Mein Onkel Franco, 89, sagt: „Das krisensicherste Geschäft in Italien ist das ‚gute Essen‘. Schwächelt die Wirtschaft, leidet die Politik, krankt die Kirche, krebst die Nationalmannschaft – kurz, wenn das gesamte Land am Abgrund steht, das ‚gute Essen‘ ist davon nicht betroffen.“ Es bestimmt den Alltag der oberen Zehntausend genauso wie den der einfachen Leute. Wie Francos und den seiner Ehefrau Grazia, 86, aus Andria.

Andria ist ein Städtchen im italienischen Apulien, das für nichts bekannt ist außer für gutes Olivenöl und das Castel del Monte, das sich Friedrich II. um 1250 als Jagdschloss vor den Toren der Stadt errichten ließ. Als Franco noch Winzer war, sammelte er jeden Tag nebenbei Wildgemüse und brachte es mit nach Hause. Heute schickt Grazia ihn mit einem Einkaufszettel zu Vincenzo, dem Gemüsemann ums Eck.

„Das wichtigste Gespräch des Tages führen wir am Morgen, nach dem Frühstück, um kurz nach sechs“, sagt sie. „Dann frage ich ihn: Franco, was essen wir heute Gutes zum Mittag?“ „Frisches Gemüse, etwas Brot, Süßes zum Nachtisch”, antwortet Franco dann meistens. Gegen acht Uhr geht er los und holt den Fang ein, mit dem Grazia ihn beauftragt. Sie sagt: „Sieben bis acht Stunden meiner Woche drehen sich ums Kochen.”

Grazia und Franco sind lebenskluge Leute einer Generation, die in Italien bald der Vergangenheit angehören wird. Zwar verwenden Italiener nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) noch immer im Schnitt rund sieben Stunden pro Woche auf das Kochen von Mahlzeiten. „Aber das Wissen von Müttern und Großmüttern erreicht in Italien wie auch in Deutschland die neuen Generationen nicht mehr“, sagt der Berliner Gastro-Philosoph Erwin Seitz („Die Verfeinerung der Deutschen“, Insel Verlag 2011). Die Tradition des guten Essens und Trinkens sei nicht mehr so stark im Familienleben verankert wie früher.

Bei den 22 von der GfK untersuchten Nationen belegt Deutschland einen Platz im unteren Drittel. Hierzulande verbringen die Menschen nur rund 5,4 Stunden pro Woche mit Kochen und Essen. Gleichzeitig aber gebe es einen gegensätzlichen Trend, sagt Seitz: viele Köche mit Michelinsternen. „Die deutsche Hochküche ist der italienischen inzwischen überlegen.“ Und: Immer mehr deutsche Verbraucher kaufen Produkte aus artgerechter Haltung und biologischer Landwirtschaft. Seitz rät zu etwas, das Franco und Grazia schon ein Leben lang machen: morgens kurz übers Essen nachdenken, einen Plan machen und nur für zwei bis vier Tage einkaufen.