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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Nicht versicherbar – wegen des Klimawandels

Text: Annica Joeres

Starkregen nimmt zu, mit katastrophalen Folgen für tausende Hausbesitzer. Nun wollen viele Versicherungen für deren Schäden nicht mehr aufkommen

Waldgrehweiler, Pfälzer Bergland, 20. September 2014: Gegen 15 Uhr verfinstert sich der Himmel. Kurz darauf stürzt sintflutartiger Regen herab, am Ende wird es rund eine Badewanne voll pro Quadratmeter sein.

Torsten Schlemmer, 37, hat einen Schaugarten mit über tausend Stauden und 32 historischen Rosensorten. Es scheint schon wieder die Sonne, als eine Sturzflut über sein Grundstück schwemmt. Der Keller läuft voll Wasser, in der Scheune sammelt sich Geröll, sein Auto wird fortgespült und kommt zerstört an einer Brücke zum Stehen. Der Blumengarten liegt unter einer öligen, 40 Zentimeter dicken Schlammschicht. Der Schaden: rund 60.000 Euro.

Schlemmer wendet sich an die Aachen-Münchener, bei der er seit 14 Jahren eine Hausratversicherung mit dem Zusatz „Elementarschaden“ hat. Doch die behauptet, er sei nach Renovierungsarbeiten unterversichert und erstattet ihm nur rund 8000 Euro. „Lächerlich“, sagt er, „ich fühlte mich betrogen.“ Doch damit nicht genug: Vier Wochen später kündigt ihm die Versicherung, verpackt in warme Worte, seine Police. „Gerne würden wir den Vertrag weiterführen“, heißt es in einem Zusatz, „wenn Sie sich mit dem Ausschluss der weiteren Elementargefahren einverstanden erklären.“ Gemeint sind etwa Hagel, Stürme oder eben Starkregen.

Schlemmer wäre beim nächsten Extremwetter gar nicht mehr versichert. „Als ich den Versicherer brauchte, machte er sich aus dem Staub“, sagt er. Der Verwaltungsangestellte schreibt 14 Konzerne an – und erhält 14 Absagen, wegen der „vergangenen Schadenereignisse“. Auch mehreren Nachbarn werden die Hausratversicherungen gekündigt, anderen die Raten radikal erhöht. Manche zahlen nun rund 2000 Euro jährlich, um beim nächsten Starkregen entschädigt zu werden – zehnmal mehr als normal. Für viele Hausbesitzer in Waldgrehweiler kommt ein hoher Selbstbehalt von 10.000 Euro im Falle eines erneuten Starkregenschadens hinzu.

Der Hintergrund: Extreme Unwetter werden infolge des Klimawandels wahrscheinlicher. Der Deutsche Wetterdienst erwartet, dass Starkregenereignisse in den nächsten Jahrzehnten um bis zu fünfzig Prozent zunehmen. Waldgrehweiler ist – potenziell – überall, und die Versicherungskonzerne bereiten sich auf die veränderte Gefahrenlage vor. Die unversicherbaren Gebiete wie in Waldgrehweiler werden immer größer.

Experten feilen derzeit an einer deutschlandweiten Risikokarte. Sie soll aufzeigen, welchen Weg sich die plötzlichen Fluten bahnen und wo sie sich stauen werden. „Zukünftig werden auch Gefahren und Risiken aus Starkregen und Sturzfluten in Karten dargestellt werden“, bestätigt Dirk Barion vom Verband für Wasserwirtschaft, DWA. Die Behörden wollen mit den Karten Hausbesitzer schützen und warnen.

Doch die Versicherer können die Karten nutzen, um gezielt ihre Prämien zu erhöhen. Bislang berechnen die meisten Konzerne diese anhand des Zonierungssystems für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS). Wer in Zone 4 wohnt, etwa an großen Flüssen, kann sich nicht oder nur zu sehr schlechten Konditionen versichern. Starkregen widersetzt sich jedoch dieser Einteilung. Torsten Schlemmers Haus liegt in der risikoarmen ZÜRS-Klasse 1.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherer behauptet, 99 Prozent der Häuser seien versicherbar. Verbraucherschützer widersprechen. „Für viele Menschen ist es nach einem Starkregenereignis unmöglich, sich zu versichern“, sagt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Die Autorin ist Redakteurin des gemeinnützigen Recherchezentrums „Correctiv“. Es wird allein durch Spenden von Stiftungen und Bürgern finanziert.