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Nur draußen ist er mittendrin

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Nur draußen ist er mittendrin

Text: Andreas Weber Foto: Daniel Rosenthal

Michael Succow hat zwei politische Systeme erlebt. In beiden verteidigte er Auen, Moore und Wälder gegen Rationalisierung und Gier. Für das Nationalparkprogramm der Wendezeit-DDR erhielt der Ökologe den Alternativen Nobelpreis. Heute ist er 74 und steht mit seiner Stiftung noch immer im Dienst der Natur – weltweit. Der Zauber des Werdens und Vergehens schützt ihn vor Resignation.

Als Michael Succow noch keine zehn Jahre alt war, hatte er eine Leidenschaft, die seine Art beleuchtete, sich am Leben zu begeistern. Succow war jeden Nachmittag nach der Schule mit den Schafen des elterlichen Bauernhofs unterwegs, zog mit der hundertköpfigen Herde, für die er die Verantwortung trug, über das Land. Das Kind war für alle Eindrücke offen, die Sinne bereit für die scharfe Erstmaligkeit jeder Begegnung, für die warme Sonne auf der Haut, den schneidenden Wind, die Welt, neu und wunderbar. Alles erschien interessant, aber noch namenlos.

Oft setzte sich der kleine Michel an den Feldrain und bestimmte Wildkräuter. Das heißt: Er fragte sich, wie die Pflanzen heißen mochten. Niemand hatte es ihm ja erklärt. Keiner kannte all ihre Namen. So benannte der Knabe die Ackerkräuter selbst. Er orientiert sich an dem, was er kannte, an der Vielfalt der Nutzpflanzen auf dem Hof. Und so gab er den Kräutern Namen von Bäumen, denen sie ähnlich schienen. Da wuchsen kleine Quitten und Äpfel und Pflaumen und Birnen zwischen seinen Füßen am Ackerrand. Durch die Imagination des Kindes entstand eine neue botanische Systematik.

Der Hirtenjunge erzeugte Sinn mit dem, was da war. Die Welt wurde real, weil jemand sie benannte. Nicht viel anders haben es vor Jahrtausenden die ersten Menschen gemacht.

Heute ist Michael Succow Deutschlands wohl bekanntester Naturschützer. Der 1941 in Brandenburg geborene Ökologe, nach der Wende Professor in Greifswald, hat maßgeblich dafür gesorgt, dass die letzte Regierung der DDR drei Wochen vor der Wiedervereinigung viereinhalb Prozent ihres Staatsgebietes – 5000 Quadratkilometer – als Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks auswies. Mit dem Geld des Alternativen Nobelpreises, der Succow 1997 unter anderem für diesen Coup verliehen wurde, baut er seitdem eine Naturstiftung auf.

Die „SuccowStiftung“ macht keine Kampagnen. Sie arbeitet im Stillen, ist mit Spitzenbeamten in Ministerien vernetzt. Succow hilft den Regierungen ärmerer Länder, letzte wilde Gebiete in Biosphärenreservate umzuwandeln und so vor dem Zugriff der Agrar- und Tourismusindustrie zu retten. Er arbeitet in der Mongolei, in Äthiopien, in Myanmar. „Was erst einmal Schutzstatus hat, ist schwer wieder zu entwidmen“, sagt er.

Die Stiftung residiert in einem historischen Gebäude auf dem Campus der Universität Greifswald. Die Tischplatte im Sitzungssaal mit ihren schartigen Rändern ist aus einem einzigen gewaltigen Feldahorn gesägt. Succow selbst bewohnt einen Nachwende-Neubau im nahen Dorf Wackerow. Ein Garten um gibt das Rotklinkerhaus. Dahinter erstreckt sich eine Streuobst wiese. Apfel, Birne, Zwetschge – hier sind sie wieder, die Gesichter der kindlichen Wildnis, bis hinunter zum Ufer des Ryck, des Flüsschens, das Greifswald mit der Ostsee verbindet. Graugrünes Röhricht, schwerfällig ziehendes Wasser: ein Stück Welt, das nicht vom Menschen kommandiert wird.

Anderswo stecken Zierblumen in freigekratzten Beeten, in Succows Gemüsegarten ist noch das letzte Stück Krume mit Biomasse bedeckt: Erdbeerstauden plustern sich, Kartoffeln, Zwiebeln und Kohl. Nirgends ein freies Stück Scholle. Succows kleiner Garten ist die Antithese des totgespritzten Maisackers. Und sein Besitzer ist einer, der handelt, weil er liebt. Und der mit dieser Liebe Ernst macht.

Wie schafft er das, diese hundert Quadratmeter Gemüse, zusätzlich zu all den Vorträgen, den Reisen für die Stiftung, den strategischen Treffen, den Besuchen bei Spendern und Sponsoren? Succow richtet seinen kräftigen Körper auf. Seine Haare sind weiß, das Gesicht, das sich eine jugendliche Pausbäckigkeit bewahrt hat, von einem weißen Bart umrahmt, die Augen blau. Mit einer Mischung aus Verschmitztheit und Nachdruck sagt er: „Ich lasse mir von der Natur helfen. In unserem Klima setzt sie alles daran, keinen nackten Boden zuzulassen. Wenn man ihn aufhackt, kommt Unkraut, um die Wunde zu schließen. Wenn man immer etwas pflanzt und ringsherum mulcht, hat man fast keine Arbeit.“

In der DDR hat Succow früh verstanden, dass es so etwas wie eine Magie der Ehrlichkeit gibt, eine entwaffnende Authentizität, die nichts mit Rebellenromantik zu tun hat. Sein Schlüsselerlebnis kommt im ersten Semester. Weil der Hof seines Vaters kurz zuvor als letzter des Dorfes kollektiviert wurde, gilt Succow als Kind der den Arbeitern verbündeten Bauernklasse. Er darf studieren. Sein Traumfach Biologie, an der Uni Greifswald. Erstaunlich, wie glatt alles geht. Dann, eines Tages, wird er ins Rathaus gerufen. Zwei Stasi-Offiziere sitzen da und fordern ihn zum Bespitzeln seiner Mitstudenten auf. „Ich habe ihnen gesagt: Das mache ich nicht. Dann werde ich eben Schäfer.“

Keine Ironie überzieht sein Gesicht, während Succow sich der Episode entsinnt. Aber auch keine Entrüstung. Seine Züge zeigen ein Echo der Begeisterung, mit der er als Kind die Herde seiner Eltern hütete. Man nimmt es ihm ab, auch das hätte funktioniert. „Geschwätzig und blauäugig“ notieren die Männer nach dem Gespräch. Ungeeignet. Succow studiert weiter.

Das Ende kommt 1969, im Jahr nach dem Prager Frühling. Succow, damals schon Assistent an der Uni, hatte sich geweigert, eine Jubelerklärung seiner Wissenschaftlerkollegen zum Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zu unterzeichnen. Eine Universitätskarriere ist damit unmöglich. Der Ökologe wird in ein „Meliorisationskombinat“ gesteckt, als „Standorterkunder“.

In der zynischen Logik der Diktatur hat er nun die Aufgabe, Flussauen und vor allem Moore auszuwählen, die sich in Flächen für die industrielle Landwirtschaft verwandeln lassen. Die „Komplexmelioration“ (vom Lateinischen melior – besser) in der DDR ist nichts anderes als die „Flurbereinigung“ im Westen: die Zurichtung der Böden für die totale Maschinisierung.

Succow ist viel draußen und kann sein Wissen über Moore vertiefen: Heute ist er einer der weltweit angesehensten Spezialisten auf diesem Gebiet. Im Kombinat besteht seine Arbeit freilich darin, die Natur, die er von Herzen schützen möchte, zur Zerstörung vorzubereiten. Trotz seines Rufes als Querulant steigt er zum Brigadeleiter auf. Nach vier Jahren wird er Mitarbeiter der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften in Eberswalde. 1978 kommt er als Abgeordneter in die Volkskammer. Zuvor war er auf Rat eines Freundes rasch der liberaldemokratischen Blockpartei beigetreten. Der Freund hatte Succow gewarnt, der Staat würde ihn sonst zum Eintritt in die SED drängen.

So manövrierte sich der Ökologe durch das Minenfeld der DDR-Politik. Er war nicht wirklich systemfern. Gleichwohl nahm er kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Irrtümer und Schäbigkeiten beim Namen zu nennen. Der Referenzpunkt blieb seine innere Autonomie, die Option, Schäfer zu werden.

Während seiner Zeit als zunächst geduldeter, dann aber zunehmend gehörter Naturschützer gelang es Succow sogar, einigen Raubbau zu verhindern und eine Reihe von Schutzgebieten ausweisen zu lassen. Seiner Position half die Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU) im Kulturbund der DDR. Die GNU sollte den Unmut der DDR-Bürger über die allgegenwärtige Zerstörung einfangen und kontrollieren. Sie bildete, anders als die Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche, keine Opposition. Aber sie bot kleine Spielräume. Und Succow nutzte sie. Er hielt Vorträge zu Umweltfragen vor SED-Funktionären, die sich bedankten und weitermachten wie zuvor. Eine zwiespältige Rolle. Doch bei einem GNU-Treffen entstand im kleinen Kreis schon 1978 eine Liste besonders schützenswerter Landschaften. Diese Vorarbeit holt der Biologe ein Jahrzehnt später aus der Schublade, als die Zeit reif ist – zur Wende.

In der Regierung Modrow wird Michael Succow Anfang 1990 Stellvertreter von Umweltminister Hans Reichelt, der schon seit seinem Amtsantritt 1972 überfordert ist. „Kommen Sie und helfen Sie mir“, fleht Reichelt Succow an. „Sie kennen sich aus und Sie haben Unterstützer.“ Succow arbeitet mit Getreuen fieberhaft am Nationalparkprogramm. Mehr als dreißig Großschutzgebiete stehen auf seinem Wunschzettel, vor allem Grenzsicherungsareale und ehemalige Jagdreviere der SED-Bonzen. Doch die Zeit, in der ein Naturliebender Spitzenpolitiker sein darf, ist kurz. Reichelts Nachfolger Karl-Hermann Steinberg, der schon im DDR-Wissenschaftssystem Orden eingeheimst hatte, degradiert ihn im Mai 1990 zum Unterabteilungsleiter. „Sie lieben Frösche“, sagte Steinberg, „ich liebe Menschen.“ Succow geht.

Im Nachhinein erscheint es als Wunder, dass einer wie er nicht untergegangen ist, dass er nicht bis zur Zerstörung missbraucht wurde. Vielleicht, weil seine Empfindsamkeit sich nicht aus Empfindlichkeiten speist. Succow ist nicht persönlich getroffen, wenn etwas schiefgeht, sondern leidet mit der Welt. Dieses Leiden will kein Wehklagen. Im Gegenteil. Was das Handeln nicht voranbringt, blendet Succow aus.

Zur Geräuschkulisse seines Gartens etwa gehört die neue Schnellstraße, mit der niemand gerechnet hatte, als die Succows das Grundstück kauften. „Ja, das ist schade“, sagt Succow kurz und geht zu Themen über, die dringender sind.

Sein langjähriger Weggefährte Hannes Knapp, der eine zentrale Rolle beim Nationalpark-Geniestreich gespielt hat und lange die Naturschutzakademie auf der Insel Vilm leitete, schmunzelt, als er gefragt wird, worin seiner Meinung nach Succows Besonderheit liege. Er fragt es sich auch. Eine Mischung aus Bauernschläue und Naivität vielleicht? Aus Professionalität und Unbekümmertheit? Lange habe der Visionär nicht auf dem Computer schreiben können, keine E-Mails senden oder empfangen. Das erledigte alles seine Frau Ulla für ihn.

Sie ist ein Teil von Succows produktiver Magie, auch wenn es für sie nicht leicht gewesen sein kann, ebenfalls den Dingen zu dienen, denen er sich in kindlicher Besessenheit verschrieb. Denn das ist es: Anders als Egomanen, die ihre Mitmenschen bei der Verfolgung ihrer Bedürfnisse komplett ausblenden, sieht Succow nur die Sache und nicht sich selbst.

Das führt dann zu Szenen wie dieser: dass ihn auf dem ersten Treffen der Ost- und West-Umweltverbände die Spitzen von WWF und Euronatur fragen, was er für die Umsetzung der Nationalparkidee brauche. Ein Auto, sagt er. Einen Lada. Etwas, das sich in der DDR schnell reparieren lässt. Die Verbandsvorsitzenden sind baff. Einen Lada? Nichts leichter als das. Der Wagen ist essenziell: Hannes Knapp erinnert sich, dass er damit in wenigen Monaten zehntausende Kilometer fuhr, zu Besprechungen, Kartierungen, Anhörungen, um das Schutzprogramm wasserdicht zu machen. Ohne Lada keine Nationalparks.

Succow gehört nicht zu jenen pädagogisch veranlagten Zeitgenossen, die inbrünstig an das Gute im Menschen glauben und verbittert sind, wenn es sich als im Kern faul erweist. Beim Gedanken an Weggefährten, die ihn für den Geheimdienst bespitzelt haben, fühlt Succow heute Schmerz, nicht Zorn.

Succow spielte in der DDR eine Rolle, wie sie sich für Westdeutschland nur mit Horst Stern vergleichen lässt, dem legendären Fernsehjournalisten und Herausgeber des Umweltmagazins „natur“ in den Achtzigerjahren. Wie Succow wagte es auch Stern, sich mit dem Establishment anzulegen – etwa mit den Jägern, als er im Heiligabendprogramm 1971 bissige „Bemerkungen über den Rothirsch“ als Waldzerstörer machte.

Nur waren die Mittel ganz andere: Während sein Gesinnungsgenosse in der DDR mit vorsichtigem Taktieren und geschützt vom kleinen Freiraum des Kulturbundes Naturbewahrung von unten gegen ein Unrechtsregime durchzusetzen versuchte, nahm Stern es mit den Mitteln der Mediendemokratie gegen Kapitalinteressen und Wirtschaftslobbys auf.

Beide Männer setzten Maßstäbe, der eine meist im Verborgenen wirkend, der andere provokant und exponiert. Der lange unerhört populäre Stern resignierte freilich angesichts der Übermacht von Zynismus und Desinteresse und lebt heute zurückgezogen und verbittert in Passau. Succow konnte sich davor bewahren. Das heißt nicht, dass er sich die Not der Natur schönreden würde. Im Gegenteil. Auf kaum jemanden trifft der Satz stärker zu, den der US-Forstwissenschaftler und Philosoph Aldo Leopold schon in den Fünfzigerjahren prägte: Wer einen ökologischen Blick hat, läuft durch eine Welt voller Wunden.

Auch Succow ist verzweifelt über das, was schwindet. Er kennt, anders als jüngere Kollegen, die Fülle, wie sie früher selbst in der Kulturlandschaft existierte. Er war als Kind mittendrin. Er hörte Gartenammern aus den Lindenalleen singen. Er beobachtete von seinem Zimmer aus Großtrappen bei der Balz „in der Maiensaat“, er sah Schwärme von Ohrenlerchen und Grauammern auf den Stoppelfeldern.

All dieses Glück ist einer durchrationalisierten Agrarsteppe gewichen. Fort die Freude, die sich in der Landschaft mit der Leichtigkeit eines Flügelschlags einstellt. „Ich erkenne mein Dorf, in dem ich groß geworden bin, nicht wieder“, sagt Succow. Er vermeidet es hinzufahren. Dass die Zerstörung, gegen die er in der DDR kämpfte, nun erst recht um sich greift, ist der große Schmerz in seinem Leben.

Er hat nicht damit gerechnet, dass er sich so irren würde. Dass die Freiheit, die er so ersehnte, nur gelten lässt, was Rendite abwirft. Dass den Geldinteressen die Natur, ihre Schönheit und
all ihre Bewohner nichts wert sind und geopfert werden, wo immer die Gier danach greift. Succow gehörte einst, anders als viele Dissidenten und Mitglieder der Runden Tische, zu denen, die den Kapitalismus begrüßten. Heute meint er: „Wieder lebe ich in einem System, das so nicht fortdauern wird, weil es das Leben und damit sich selbst zerstört.“

Aber dieser Schmerz ist keine persönliche Niederlage. Eher so etwas wie eine spirituelle Erfahrung. Es gilt zu akzeptieren, dass die Welt derzeit so beschaffen ist. Aber dann nicht Rückzug auf die Altersweide, Wundenlecken im bürgerlichen Landidyll, sondern erst recht: Handeln.

Erst im Juni hat Äthiopien, geleitet von der Succow-Stiftung, ein Biosphärenreservat ins Leben gerufen, am Tana-See im nördlichen Hochland. „Hier sorgen die Fischer und Kleinbauern dafür, dass ihre schonende Nutzung ein Ökosystem am Leben erhält“, sagt Succow mit der ihm eigenen sachlichen Seligkeit. „Wenn im Morgenrot die Fischer hinausfahren, durch riesige Schwärme von Pelikanen, das ist das Bild einer Landschaft, die ihren Frieden bewahrt hat.“

Darum geht es ihm. Um diesen Frieden. Nicht um die Rettung der Natur vor den Menschen. Sondern um die Förderung beider in gegenseitigem Respekt. Im äthiopischen Christentum gelten Wälder und Kuppen als Orte Gottes. Im neuen Biosphärenreservat erhielten nach eingehender Beratung mit den Dorfältesten die Hütejungs mit ihren Ziegen daher das Gebot auferlegt: Jeder Hügel ist ein heiliger Berg. Succow lächelt verschmitzt. „Sobald dort nicht mehr gegrast wird, bildet sich im Waldklima sofort ein Bestand von Schirmakazien.“

Dann springt er vom Kaffeetisch auf der Terrasse hoch, weil ein Star im Kirschbaum nach Früchten pickt. Es ist nicht der erste. „Lass ihn, es sind doch fast keine mehr da“, ruft seine Frau.

„Doch, es sind noch ein paar da“, sagt der Biologe, klatscht in die Hände und bellt wie ein Hofhund. Der Vogel entschwirrt. Succow setzt sich und redet weiter, als wäre nichts. Später wird er ein Netz über den Baum werfen, um die letzten Kirschen zu bewahren, für einen Mundvoll Sommergeschmack.

Auch seine Stiftung ist ein Netz, gedacht, sich schützend über jene letzten Landschaften zu legen, in denen Hirten noch nomadisch leben wie vor zehntausend Jahren. Oder vor hunderttausend. In denen es keine Parzellen gibt, die gegen die Wildnis verteidigt werden, sondern nur diese eine große Weite. „Wo der Kapitalismus hinkommt, zieht er Zäune“, sagt Succow.

Im Mai war er im Iran. Eindringlich berichtet er von den letzten Eichenwäldern der Region, die anders als die Baumbestände Griechenlands und Italiens seit der Antike unversehrt in den höheren Lagen des Zagros-Gebirges überlebt haben. Von den Almen oberhalb, auf denen die Hirten im Sommer ihre Tiere weiden lassen, um sie dann im Herbst auf dem Rückweg durch die Wälder mit Eicheln zu mästen. Seine Augen fixieren den Gesprächspartner, schweifen aber zugleich in die Ferne, als sähe er die Bergwälder wogen.

Am Ende darf Succow in Teheran an der Universität sprechen. „Natürlich sah ich die Schergen da sitzen“, sagt er. Er kennt das Bild ja. Und wie in der DDR verstellt er sich nicht, spricht aus, wie auch die Islamische Republik die Natur zerstört. Der Dekan, der lange in Deutschland studiert hat, übersetzt. Er wird blass, aber er lässt nichts aus. Es sind mehr Frauen als Männer da, Studentinnen, mit Kopftüchern. „Die Zukunft ist weiblich“, ruft Succow ihnen zu, als er endet.

Die wichtigsten Sätze für solche Vorträge hat er auf einem Zettel notiert. Mehrmals gefaltet, eng mit Bleistift beschrieben, sichtlich oft benutzt. Er zieht ihn aus der Tasche. Die ihm liebsten Worte stammen von Václav Havel, dem tschechischen Künstler und Dissidenten, der 1989 Staatspräsident wurde.

Angesichts der Übermacht technologischer Zukunftsentwürfe, die eine bessere Welt versprachen und ihn, der anderer Meinung war, seiner Freiheit beraubten, notierte Havel: „Hoffnung ist etwas anderes als Optimismus. Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ganz egal, wie es endet.“ Das ist es, wovon Michael Succow lebt und woraus er Lebendigkeit stiftet.