Greenpeace Magazin Ausgabe 1.98

Öko-Landbau: Der Preis ist heiß

Osteuropäische Anbieter drängen mit billigem Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau auf den deutschen Markt. Von der Konkurrenz profitiert der Kunde im Bioladen.

Für die Umwelt ist es eine gute Nachricht, für Ökobauern in der Europäischen Union eher eine schlechte: Immer mehr Landwirte in Polen, Tschechien, Ungarn oder der Slowakischen Republik stellen ihre Betriebe auf organischen Anbau um und drängen mit ihren Produkten auf den europäischen Markt. Dabei liefern sie deutschen Bioläden exzellente Qualität zu Preisen, bei denen westliche Erzeuger nicht mithalten können. „Bei Getreide unterbieten die Ungarn uns fast um die Hälfte“, sagt Simon Ziegler, Geschäftsführer der „Demeter-Erzeugergenossenschaft Berlin-Brandenburg“.

Die neue Konkurrenz kam mit dem Ende der sowjetischen Planwirtschaft. Außerstande, beim kapitalintensiven Hochleistungsanbau westlicher Prägung mitzuhalten, besannen sich die Bauern Osteuropas auf ihre speziellen Ressourcen: riesige Anbaugebiete und billige Arbeitskräfte. Ermuntert durch europäische, vor allem deutsche Bio-Verbände wie „Demeter“ oder „Naturland“, stellte so mancher Landwirt seine Produktion um. Doch die Hoffnung auf eine wachsende Nachfrage für Biokost im eigenen Land erfüllte sich nicht. In Tschechien und Polen wird weniger als ein Drittel der Ernte im Inland abgesetzt. In der slowakischen Republik und Ungarn gehen mehr als 90 Prozent über die Grenze gen Westen.

Das Interesse der Erzeugerländer, den Binnenmarkt für Bioprodukte staatlich zu fördern, war bislang gering. „Export bringt schneller Profit“, sagt Ferenc Frühwald, Inhaber der ungarischen Handelsfirma „Ökoszerviz Ltd.“. Er erzielt das Gros seines Umsatzes im Ausland, hält dies aber auf Dauer für ungesund. „Es ist riskant, wenn wir so stark vom Export abhängen.“

Auch Laszlo Alexa vom ungarischen Anbauverband „Biokultura“ würde gerne mehr Produkte im Inland absetzen: „Aber wie denn, bei 22 Bioläden in ganz Ungarn?“ Im Westen gibt es davon Tausende, die meisten in Deutschland. Mehr als die Hälfte seiner letztjährigen Ernte aus Weizen, Ölkürbis, Äpfeln, Sonnenblumen und Himbeeren hat Biokultura nach Deutschland verkauft – Gesamtvolumen zehn Millionen Mark.

Simon Ziegler von der Demeter-Erzeugergenossenschaft Berlin-Brandenburg möchte das Problem niedriger hängen. Immerhin bewirtschaften Ungarns Biobauern derzeit nur 2000 Hektar – gerade mal ein halbes Promille der gesamten Anbaufläche. Aber die Ökowelle rollt: Mit Blick auf den baldigen EU-Beitritt hat die ungarische Regierung 1997 erstmals Fördermittel für die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft vergeben. In den nächsten drei Jahren, so plant Biokultura, soll sich die Anbaufläche verfünffachen – was den Preis für manches Ökoprodukt in Deutschland deutlich senken dürfte.

Simon Ziegler sieht dieser Entwicklung gelassen entgegen: „Bisher waren die Preise überhöht. Wenn sie sinken, werden auch Leute in Bioläden kaufen, denen das bisher zu teuer war.“

Von MANFRED PIETSCHMANN