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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Ohne Zwang zur Arbeit können wir lernen zu leben

Text: Ilija Trojanow

Wie Maschinen den Menschen von den Fesseln der Lohnarbeit befreien und damit ein neues Zeitalter einläuten.

Aller Wahrscheinlichkeit nach, liebe Leserin, lieber Leser, werden Sie bald überflüssig werden. Das klingt verheerend, ist aber eine gute Nachricht. Denn dann werden Sie Zeit im Überfluss haben und Muße ohne Maß. Was wie eine überdrehte Science-Fiction-Vision klingt, wird von einer Vielzahl von technologischen und sozialen Entwicklungen vorausskizziert. Die Fähigkeiten von Automaten und Computern, von einfachen Robotern bis hin zur künstlichen Intelligenz, werden von Jahr zu Jahr in einem atemberaubenden Tempo gesteigert. Seitens vieler Wissenschaftler und Techniker gibt es kaum noch Bedenken, dass in allen Bereichen der Produktion geschlossene Automationskreisläufe eingerichtet werden können, womit selbst die Herstellung der Maschinen von Maschinen übernommen wird.

Neulich ist es dem Computer AlphaGo gelungen, den besten Go-Spieler der Welt klar zu schlagen, und einem Roboter, gegen den besten Tischtennisspieler eine gute (wenn auch etwas steife) Figur abzugeben. Zwar gibt es weiterhin Alleinstellungsmerkmale des Homo sapiens – das kreative Denken eines nicht gleichgeschalteten Individuums dürfte noch eine Weile die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz übersteigen – doch in der real existierenden Arbeitswelt bestehen die meisten Jobs aus Routine, und in der Wiederholung des ewig Gleichen ist die Maschine dem Menschen weit überlegen. In manchen Branchen wird momentan noch das Lohnniveau der Tätigen niedrig gehalten oder immer weiter nach unten gedrückt, anstatt in automatisierte Fertigung zu investieren, aber das ist nur ein Aufschub des Unvermeidlichen. Selbst Berufe, die auf den ersten Blick eine Vielzahl kognitiver und analytischer Verknüpfungen erfordern – wie etwa die Medizin – vertrauen schon zu einem beachtlichen Teil auf maschinelle Unterstützung. Rod Brooks vom Massachusetts Institute of Technology erwartet, dass die Ärzte der nächsten Generation eine ähnliche Aufgabe erfüllen werden wie die Piloten von heute: den Patienten (Passagieren) Zuversicht zu vermitteln sowie im seltenen Fall kontrollierend einzugreifen.

Schon vor gut zwei Jahren haben die beiden Oxforder Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne eine umfassende Studie über die kommenden Folgen der Automatisierung auf dem Arbeitsmarkt (anhand des Beispiels der USA) veröffentlicht. Sie haben 702 Berufsgruppen untersucht und gelangten zu dem erstaunlichen Resultat, dass 47 Prozent der Arbeitsplätze in absehbarer Zeit gefährdet seien. Trotz des wissenschaftlichen Apparats enthält diese Zahl ein spekulatives Element, aber die Tendenz dürfte unstrittig sein. In manchen Bereichen kann sich die Entwicklung verzögern, aber die globalen Triebkräfte der Effizienzsteigerung und Profitmaximierung werden der massenhaften Lohnarbeit in vielen Branchen den Garaus machen. In der industriellen Landwirtschaft etwa ist der Prozess bereits stark vorangeschritten.

Erstaunlicherweise wird diese Entwicklung unter Wirtschaftswissenschaftlern kaum diskutiert. Die meisten Ökonomen ignorieren diesen Paradigmenwechsel, vielleicht weil sie sich der höchst dringlichen, ideologisch aber ebenso unangenehmen Frage verweigern wollen, was daraus für unser kapitalistisches System folgt. Laut der herrschenden Volkswirtschaftslehre ist Lohnarbeit eine unerschöpfliche Ressource, da technologischer Fortschritt im Zusammenspiel mit dem freien Markt angeblich für immer neue Arbeitsplätze sorgt. Bislang haben Innovationen tatsächlich neue Arbeitsgebiete hervorgebracht (wobei die meisten in den letzten Jahrzehnten geschaffenen Arbeitsplätze in der Dienstleistung vorzufinden sind und oft von den Bedürfnissen der noch existierenden Erwerbstätigen abhängen, zum Beispiel die zahlreichen „Verpflegungsstationen“ wie Imbisse und Kantinen). Aber nur weil etwas bislang so war, muss es keineswegs in Zukunft so weitergehen. Es gibt in der Geschichte revolutionäre Umbrüche (der Mathematiker Vernor Vingen benutzt den schlüssigen Begriff der Singularität), die scheinbar unverrückbare Realitäten oder systemimmanente Phänomene auf den Kopf gestellt haben. Gegenwärtig beten Politiker aller Couleur und Kontinente neue Arbeitsplätze herbei, mit quasireligiösen Beschwörungsformeln (Konjunkturlage, Wachstum etc.). Frey und Osborne weisen hingegen darauf hin, dass die freie Wirtschaft nach der letzten Krise in den USA erheblich mehr in Maschinen und Software als in Arbeitskraft investiert hat.

Die Einzigartigkeit dieser Entwicklung liegt darin, dass Lohnarbeit das Rückgrat des kapitalistischen Systems ist. Ohne Löhne keine Kaufkraft, ohne Kaufkraft keine Nachfrage, ohne Nachfrage keine Massenmärkte, ergo kein Wachstum, ergo eine Abnahme der Produktion. Das Fundamentunseres Wirtschaftssystems wird durch eine scheinbar unaufhaltsame Entwicklung untergraben, für die das orthodoxe volkswirtschaftliche Denken keine Lösungen parat hält und auf die unsere Gesellschaft wenig vorbereitet ist.

Das mag manchen als dystopische Bedrohung erscheinen, ist aber eine unserer größten Chancen, eine lebenswertete Zukunft zu gestalten. Es ist erstaunlich, wie viele vermeintlich progressive Menschen die Befreiung des Menschen von den Fesseln einer repetitiven und stupiden Arbeit als problematisch erachten. So als sei der Mensch nur dazu geschaffen, eine limitierte, fremdbestimmte Funktion zu erfüllen. Die Befreiung von der Lohnsklaverei könnte ein weiterer entscheidender Schritt in der Emanzipationsgeschichte sein. Die langfristigen Folgen: Wir könnten unsere Erziehung und Ausbildung völlig ändern, um den Menschen nicht mehr abzurichten, sondern seine kreativen und lebenserfüllenden Talente zu fördern. Wir würden Eigentum – zumindest teilweise – neu definieren, denn mit dem Tod des Lohnarbeiters stirbt auch der Unternehmer, und ein Maschinenpark kann und sollte der gesamten Gemeinschaft „gehören“. Wir könnten eine Grundversorgung aller leicht organisieren. Und nicht zuletzt würde der Wegfall des Wachstumszwangs viele ökologische Probleme zwar nicht tilgen, aber ihre Lösung erleichtern.

Doch die Folgen dieser Revolution werden nicht nur die ökonomischen, sondern auch die herrschenden administrativen und politischen Strukturen in ihren Grundfesten erschüttern. Bürokratien (zum großen Teil parasitäre Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) werden geschwächt und in Frage gestellt werden, zum einen, weil der tatsächlich notwendige Teil ihrer Arbeit automatisiert werden kann, zum anderen aber, weil der gesamte Prozess zu radikalen Veränderungen in der Mentalität der Bürgerinnen und Bürger führen wird.

Autorität und Hierarchie als bestimmende Ordnungskräfte unserer Gesellschaft setzen geradezu eine existentielle Abhängigkeit des Individuums voraus, die bislang oft über den Arbeitsplatz erfolgt. Die gewohnten Beziehungen zwischen dem Einzelnen und dem Staat werden sich in dem Maße ändern, in dem das Machtverhältnis zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten untergraben wird. Zumal die neuen Technologien horizontale Formen der Koordination und Kommunikation nicht nur ermöglichen, sondern in vielen Fällen im Sinne einer gesteigerten Effizienz sogar erfordern. Die oft beschworene Netzwerkstruktur, mit anderen Worten all die basisdemokratischen Formen der gesellschaftlichen Organisation, wird leichter herzustellen sein, wenn die Menschen viel mehr freie Zeit dafür haben, sowohl den Zugang zu Information als auch die Mitbestimmung bei wichtigen Entscheidungsprozessen zu verwirklichen.

Umfassende Automatisierung kann zu weitreichender Dezentralisierung führen. Dann wird die Ideologie des allein seligmachenden Konkurrenzkampfes hoffentlich untergehen und einer Gesellschaft den Weg freigeben, in der interagierende Mitglieder und Netzwerke kooperativ und nicht antagonistisch miteinander verkehren. Um Zuschauer in Handelnde und Herrschaftssubjekte in freie Bürger zu verwandeln, wird es eines langen und komplizierten Prozesses bedürfen. Aber die technologische Entwicklung wird diesen Prozess erleichtern.

Trojanow, 50, hat zum Thema auch dieses Buch geschrieben: „Der überflüssige Mensch“, Residenz Verlag 2013