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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Orangene Hoffnung

Text: Aureliana Sorrento

Bauern in Süditalien versuchen, aus der modernen Sklaverei auszubrechen

Die Revolte kam aus heiterem Himmel und katapultierte Rosarno, eine Kleinstadt in der Nähe der Stiefelspitze, in die internationale Presse. Afrikanische Migranten, die als Erntehelfer in den Orangenplantagen von Rosarno arbeiteten, zogen Ende November 2010 randalierend durchs Zentrum. Auslöser ihres Zorns war die Nachricht, eine Gruppe kalabrischer Halbstarker hätte drei Migranten erschossen. Im Nachhinein erwies sich das als falsch, die drei hatten die Schießerei – mit Verletzungen – überlebt. Aber die Randale war für die Bevölkerung Rosarnos der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie reagierte mit einer regelrechten Jagd auf Schwarze. Mit Schlagstöcken, Steinen und Gewehren gingen Kalabreser auf Afrikaner los. 37 Migranten und Polizisten wurden verletzt. Obwohl die meisten Erntehelfer über Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen verfügten, wurden sie daraufhin en bloc in sogenannte „Aufnahmezentren“ deportiert.
 
„Man hätte eigentlich damit rechnen müssen, dass die Situation irgendwann eskaliert“, sagt Nico Quaranta, ein Landwirt und Menschenrechtsaktivist, der mit der Initiative S.O.S. Rosarno inzwischen das Leben der Flüchtlinge verbessern will. Seit Jahren kommen jeden November bis zu 2500 Wanderarbeiter zur Orangenernte in den knapp 15.000 Einwohner zählenden Ort. Sie arbeiten auf den umliegenden Plantagen für einen, maximal zwei Euro in der Stunde oder einen Euro pro Kiste gepflückter Orangen – das macht dreißig Euro am Tag. Kein Lohn, von dem man anständig leben, geschweige denn eine Miete bezahlen könnte. Den Erntehelfern hatte man die Ruinen stillgelegter Fabriken überlassen, in denen sie zusammengepfercht und unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen hausten.
 
Ohne die Migranten würde die ohnehin schwache Wirtschaft Rosarnos zusammenbrechen. Die Abnehmer der kalabrischen Früchte sind multinationale Konzerne und Handelsketten. Sie diktieren den Bauern Preise, die nicht einmal die Produktionskosten deckten, würden die Landwirte den Orangenpflückern Tariflöhne zahlen. Rund 70 Cent bekommen sie für einen Liter Orangensaft und haben deshalb nur zwei Möglichkeiten, sagt Quaranta: die Früchte auf den Bäumen verfaulen zu lassen oder ihrerseits die Tagelöhner auszubeuten.

Überall in Südeuropa malochen Migranten für Hungerlöhne auf Obst-und Gemüseplantagen. Die moderne Sklaverei ist eine Folge des globalen Wettbewerbs. Doch in Rosarno entsteht nun eine Keimzelle des Widerstands: Unmittelbar nach der Revolte der Migranten 2010 rief eine Gruppe von Aktivisten, Landwirten und Tagelöhnern den Verein „S.O.S. Rosarno“ ins Leben, darunter Nico Quaranta. Die Landwirte verpflichten sich, ihren Arbeitern Tariflöhne zu zahlen, sie mit regulären Arbeitsverträgen zu beschäftigen und ausschließlich Öko-Landbau zu betreiben. Der Verein wiederum organisiert den Vertrieb an kleine Bioläden und sogenannte „Gruppen solidarischen Konsums“. Solche Verbrauchergemeinschaften haben sich vor allem in Norditalien gebildet, sie wollen Biowaren direkt vom Produzenten kaufen und sind bereit, für fair produzierte Lebensmittel faire Preise zu zahlen.

Mit den Orangen liefert der Verein eine Aufschlüsselung der Kosten pro Kilo: „Verarbeitungskosten, Arbeitslöhne, Finanzierung von Sozialprojekten wie etwa eine Schule für Migranten, Gewinne der Landwirte, Werbekosten für das Projekt, das alles machen wir transparent“, sagt Quaranta. Er weiß, dass mit dieser Art des alternativen Wirtschaftens kein Reibach zu machen ist. Das ist aber auch gar nicht das Ziel der Initiatoren von S.O.S. Rosarno. Vielmehr wollen sie Arbeitern und Landwirten ein Auskommen sichern.

Momentan sind 16 Landwirte im Verein zusammengeschlossen, insgesamt können sie bislang nur acht Erntearbeiter beschäftigen. Die Initiatoren hoffen, nach und nach mehr Mitglieder zu gewinnen. „S.O.S. Rosarno hat vor allem eine symbolische Bedeutung“, betont Quaranta. Es gehe darum, eine Lanze zu brechen für eine andere Politik, eine andere Globalisierung. Sollte dieses Projekt Erfolg haben – und Schule machen – wäre es der Beweis, dass ein humaneres Wirtschaftsmodell möglich ist.

Mit den Orangen liefert der Verein eine Aufschlüsselung der Kosten pro Kilo: „Verarbeitungskosten, Arbeitslöhne, Finanzierung von Sozialprojekten wie etwa eine Schule für Migranten, Gewinne der Landwirte, Werbekosten für das Projekt, das alles machen wir transparent“, sagt Quaranta. Er weiß, dass mit dieser Art des alternativen Wirtschaftens kein Reibach zu machen ist. Das ist aber auch gar nicht das Ziel der Initiatoren von S.O.S. Rosarno. Vielmehr wollen sie Arbeitern und Landwirten ein Auskommen sichern.

Momentan sind 16 Landwirte im Verein zusammengeschlossen, insgesamt können sie bislang nur acht Erntearbeiter beschäftigen. Die Initiatoren hoffen, nach und nach mehr Mitglieder zu gewinnen. „S.O.S. Rosarno hat vor allem eine symbolische Bedeutung“, betont Quaranta. Es gehe darum, eine Lanze zu brechen für eine andere Politik, eine andere Globalisierung. Sollte dieses Projekt Erfolg haben – und Schule machen – wäre es der Beweis, dass ein humaneres Wirtschaftsmodell möglich ist.