Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Patient Umwelt

Text: Holger Pauler

Ein Pilotprojekt der Uni Witten/Herdecke will angehende Mediziner für Arzneimittelrückstände in Flüssen und Seen sensibilisieren

Wie Ärzte Kranke heilen können, ohne durch die Behandlung Umweltschäden anzurichten, darüber machen sich seit dem Herbstsemester 2013 erstmals angehende Mediziner Gedanken. Im Rahmen eines Pilotprojektes diskutieren 40 Studierende an der Universität Witten/Herdecke über die Umweltverträglichkeit von Medikamenten. Denn die Folgen medizinischer Behandlungen sind beträchtlich: 160 Wirkstoffe vor allem von Schmerz, Rheuma- und entzündungshemmenden Mitteln haben Forscher im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) in Flüssen und Seen bereits nachgewiesen. Die meisten Kläranlagen sind dagegen wirkungslos, denn sie beruhen auf Bakterien, die das Wasser in rein biologischen Prozessen reinigen. Eine vollständige Filtration der synthetischen Spurenstoffe ist so nicht möglich, dafür wären teure, energieaufwendige Verfahren notwendig.

Hormone beeinflussen die Fortpflanzung von Wasserlebewesen, Stoffe aus Schmerzmitteln und Betablockern verursachen Schäden an ihren Lebern, Nieren und Kiemen. Und Psychopharmaka machen Raubfische angriffslustiger. Außerdem hemmen bestimmte Antibiotika das Wachstum von Pflanzen wie etwa Algen, die dann weniger Phosphate und Stickstoffe aufnehmen können.

Bislang fühlen sich die wenigsten Ärzte für diese Auswirkungen verantwortlich. „Die Bereitschaft bei Studierenden ist höher“, sagt Konrad Götz vom Institut für sozialökologische Forschung (ISOE), „deshalb müssen wir in der Ausbildung ansetzen.“ Im Auftrag des UBA hat das ISOE das interdisziplinäre Pilotkonzept erarbeitet. In Kleingruppen erörtern die Studenten im 7. Fachsemester, wie Patienten davon abgehalten werden können, alte Pillen ins Klo zu spülen, welche Umweltlabel, hilfreiche Apps und vor allem welche um weltfreundlichen Behandlungsalternativen es gibt.

Beispiel Diclofenac: Knapp 90 Tonnen dieses besonders umweltschädlichen Entzündungshemmers werden pro Jahr in Deutschland verordnet, 70 Prozent scheidet der Körper direkt wieder aus – über den Wasserkreislauf vergiften diese Rückstände Tiere wie Forellen. „Die meisten Entzündungen könnten auch ohne chemische Stoffe behandelt werden, etwa durch Physiotherapie, Akupunktur oder Kühlung“, sagt die Medizinstudentin und Teilnehmerin des Pilotprojekts Anne-Marie Schnell. In Fällen, in denen sich Entzündungshemmer nicht vermeiden ließen, sei etwa Paracetamol die umweltschonendere Alternative.

Beispiel Antibiotika: 400 Tonnen werden jährlich in Deutschland verkauft, 75 Prozent davon gleich wieder ausgeschieden. Ärzte müssten schlicht weniger Antibiotika verschreiben, fordert Petra Thürmann, Lehrstuhlinhaberin für klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke. Schweden und die Niederlande zeigten, dass dies möglich sei. Dringende Zurückhaltung im Umgang mit Antibiotika mahnt seit Jahren auch die Weltgesundheitsorganisation an. Weltweit nimmt die Antibiotika-Resistenz bei Bakterien zu, Medikamente werden dadurch wirkungslos.

Doch die Belastung droht zu wachsen anstatt zu sinken: Eine UBA-Prognose aus dem Jahr 2012 geht davon aus, dass Spurenstoffe in Gewässern aufgrund des bis 2040 prognostizierten Medikamentenverbrauchs um mindestens 20 Prozent zunehmen werden. Weder in Deutschland noch in Europa gibt es für Arzneimittelwirkstoffe Normen für Umweltrisiken. Hersteller sind lediglich verpflichtet, auf dem Beipackzettel auf umweltschädliche Nebenwirkungen hinzuweisen.

Um die Trinkwasserbelastung zu senken, hat etwa die Emscher Genossenschaft als größtes Wasserwirtschaftsunternehmen im Ruhrgebiet am Gelsenkirchener Marienhospital eine Spezialanlage zur Filtration von Spurenstoffen gebaut. Die Belastung der täglich anfallen den 200 Kubikmeter Abwasser aus der Klinik konnte laut ersten Untersuchungen um bis zu 80 Prozent verringert werden. Der Preis dafür ist ein enorm gestiegener Energieaufwand. Vermeidung ist die bessere Alternative.

Zum Ende des Jahres plant nun auch die Landesärztekammer Württemberg, ein Umweltseminar für Ärzte und Studenten anzubieten. Dabei wollen die Verantwortlichen auf die in Witten gesammelten Erkenntnisse zurückgreifen.