Fokus

Platz da!

Warum ist sich auf den Straßen
jede selbst die Nächste!
Ein Essay aus unserer Auto-Ausgabe

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Platz da!

Warum ist sich auf den Straßen
jede selbst die Nächste!
Ein Essay aus unserer Auto-Ausgabe

Text: Silke Burmeister
Illustrationen: Eugen Schulz

 

 

In der Ausgabe 3.20 des Greenpeace Magazins „Enthüllt“ wird die Autorin Silke Burmester emotional. Die Stadtbewohnerin schimpft auf Autos, findet Radfahrer selbstgerecht, hasst E-Scooter und fühlt sich von Fußgängern gegängelt – je nach Verkehrslage und eigenem Fortbewegungsmittel. Damit meint sie letztlich immer auch sich selbst: Autoaggression sozusagen – im knapper werdenden öffentlichen Raum. Ihren Essay lesen Sie hier.

Bis ich ein Kind bekam, hatte ich eine heimliche Freude: Spazierte jemand auf dem Radweg, statt hübsch auf dem Gehweg zu bleiben, fuhr ich mit dem Fahrrad sehr nah heran und klingelte dann heftig. Oder ich fuhr so eng an der Person vorbei, dass sie erschrak. Das Mutterwerden hat mich weich gemacht. Seit dem Moment, als die Mensch gewordene Hilflosigkeit in meinen Armen lag, habe ich nicht nur die Schwäche im Blick, es ist mir ein Bedürfnis, darauf Rücksicht zu nehmen. Zumindest, wenn ich Auto fahre. Dann liebe ich es, am Zebrastreifen anzuhalten, Tempo-30-Zonen im Tuckermodus zu passieren und Radfahrer nur dann zu überholen, wenn ausreichend Platz für sie bleibt. Bin ich aber mit dem Fahrrad unterwegs, sieht es anders aus.

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Dann habe ich keine Lust, an Schwung einzubüßen und lege Ampellichter auch mal großzügig aus. Doch mein „Gegner“ ist jetzt nicht mehr der Mensch auf dem Radweg, sondern der Autofahrer oder die Autofahrerin. Ich finde es ungemein anstrengend, für sie mitzudenken. Sich nicht darauf verlassen zu können, dass mein Radweg, so es ihn denn gibt, sicher ist. Also mit Rechtsabbiegern Blickkontakt aufzunehmen, bevor ich geradeaus weiterfahre. Stets darauf gefasst zu sein, dass eine Tür aufgehen könnte, wenn ich an einem stehenden Auto vorbeifahre. Immer damit zu rechnen, dass einer rückwärts aus einer Parklücke setzt und, und, und...

Es gilt nun mal das Recht des Stärkeren

Bin ich Fußgängerin, ist es kaum besser. Auch hier muss ich die Eventualitäten mitdenken – selbst wenn mein eigenes Verhalten oft auch alles andere als vorbildlich ist. Wobei ich wirklich NIE bei Rot gehe, wenn Kinder an der Ampel warten. Aber natürlich leise vor mich hin schimpfe, dass sie da stehen… 

Was früher die Person auf dem Radweg war, ist für mich heute der Mensch im Auto, den ich, so er mich akut gefährdet, mit Freude anbrülle. 

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Ich kann sehr laut brüllen. Man muss die Luft aus dem Bauch holen. Nicht aus der Kehle. 

Es ist erschreckend, für wie dehnbar, für wie interpretierbar wir Regeln oder auch Gesetze halten, je nachdem, in welcher Position wir uns gerade befinden. Und besonders erschreckend ist, dass ausgerechnet im Straßenverkehr das Gesetz des Stärkeren gilt. Ausgerechnet hier, wo Versehrtheit und Tod auf der Lauer liegen, ist akzeptiert, dass derjenige, der die meisten PS unter seinem Hintern versammelt, meint, das größte 
Recht zu haben, sich durchzusetzen. 

Die Jahre des Wirtschaftswunders wirken fort. Damals nutzten Stadtplaner das plötzliche Übermaß an Platz in den zerstörten Städten, um der Krönung des aus den Trümmern erschaffenen individuellen Wohlstandes zum Glanz zu verhelfen, dem Auto. Breite, mehrspurige Straßen, Stadtautobahnen und Ringstraßen, riesige Kreuzungen und Parkflächen wurden angelegt, denn das Auto bedeutete „Zukunft“. Und während die freie Fahrt für freie Bürger es gestattete, den Schatten der Vergangenheit davonzubrausen, entstand in Deutschland ein Autokult, der mit dem Waffenwahn der US-Amerikaner vergleichbar ist. 

Und jetzt, Millionen von Autos später, stehen wir da – statt zu fahren, denn unsere Städte sind dicht. Zu voll, um noch von der Stelle zu kommen, und alle schimpfen auf alle. Je enger die Städte, desto lauter das Gepöbel. Und desto größer die Aggression.

Wir dehnen Gesetze, wie wir es brauchen

Die wächst bei mir vor allem in der Rolle der zu Fuß Gehenden und als Bewohnerin eines kleinen innerstädtischen Viertels. Hier parken die Wagen mittlerweile so dicht, dass es mitunter nicht mehr möglich ist, die Straßenseite zu wechseln, weil keine einzige Lücke bleibt. Und je mehr ich mich von den Autos bedrängt fühle, je deutlicher wird, in welchem Missverhältnis von Auto und Mensch wir leben, desto mehr steigt die Bereitschaft, Schäden an anderer Leute Eigentum in Kauf zu nehmen. Nicht im Sinne von: „Ich hau da jetzt mal drauf!“, sondern im Sinne von:  „Hups, das passiert nun mal, wenn Sie Ihr Auto so abstellen, dass ich drübergehen muss.“ Die Leute können nur froh sein, dass ich keine Kinderkarre mehr schiebe. Ich würde die wahrscheinlich mit zur Schau getragener mütterlicher Vertäumtheit sehr, sehr nah an den Autoblechen vorbeibewegen.

Wir brauchen andere Orte für den Abbau von Aggressionen 

Aber die Aggression wächst nicht nur gegenüber denen, die anders unterwegs sind als man selbst. Nein, in Berlin etwa machen sich die Radfahrerinnen und Radfahrer gegenseitig fertig. Schneiden, ausbremsen, zu nah überholen – sich in Vietnam mit dem Rad in einen Kreisverkehr einzufädeln, fand ich weniger anstrengend, als in Berlin Rad zu fahren. 

Seit letztem Sommer kommen auch noch die E-Scooter hinzu, die sich wie invasive Krebse in den Städten breitmachen und das urbane Ökosystem belasten. 
Sie sind zu viele, liegen im Weg rum und verknappen unser aller Bewegungsraum. Hatte man sich als Rad- oder Autofahrerin oder auch als Fußgängerin einigermaßen eingerichtet, kommen nun ständig von allen Seiten die lautlosen Roller angezischt und fallen vor allem dadurch auf, dass ihre Fahrer zu glauben scheinen, Verkehrsregeln und Promillegrenze gälten für sie nicht. 

Außerdem gleiten – zumindest bei mir in Hamburg – auch zuhauf Elektro-Kleinbusse als neues Mobilitätsangebot eines Autokonzerns durch die Straßen. Mit der Gefahr, von etwas Geräuscharmem niedergemangelt zu werden, bin ich zu Fuß ebenso wie auf dem Rad also längst ausreichend bedient. 

Das war ja auch wieder so eine schlaue Idee: um Verkehr zu reduzieren, mehr Autos auf die Straße zu bringen. Irgendwie denken die falschen Leute über das Problem nach. 

Das Thema scheint mir am Ende ein ganz anderes als die Frage des Antriebs. Es ist die Frage unseres Selbstverständnisses, im wahrsten Sinne des Wortes: des Verständnisses von uns selbst. Ist es uns ein Anliegen, unseren sozialen Status zu zeigen? Brauchen wir dafür Blech? Und, Frage an die rasenden Männer in ihren dicken Autos: Wäre es vorstellbar, an dem Verständnis von Männlichkeit als einem von Draufgängertum und Durchsetzungskraft zu schrauben? Bekommen Sie das hin? Sich ein Beispiel zu nehmen an den vielen neuen Vätern, die Empathie und Übernahme von Verantwortung für Kinder nicht als Mangel an Männlichkeit, sondern als Gewinn an Menschlichkeit ausmachen? 

Interessanterweise ist es gerade diese Generation, die das bis dahin in Deutschland Undenkbare formuliert: kein Auto mehr besitzen zu wollen.

Vielleicht müssen wir Ausgleichsflächen schaffen. Orte, die anstelle der Straßen dem Aggressionsabbau dienen. Das sollte unbedingt ein geschlechtsunabhängiges Angebot sein. Zentral gelegene Plätze, an denen man für wenig Geld Autos zertrümmern kann, fände ich zum Beispiel toll. Eine lukrative Kundin wäre ich auch bei schallgedämpften Fahrkabinensimulationsgeräten, in denen ich voll Inbrunst fluchen kann. Schallschutz wäre allerdings elementar. Denn einen Vorteil hat das Fluchen im Auto – und auf den würde ich ungern verzichten: Anders als zu Fuß oder auf dem Rad muss man hier nicht politisch korrekt sein.

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Mehr Geschichten über das Autoland Deutschland finden Sie in unserem Greenpeace Magazin 3.20 „Enthüllt“ – ein Heft über die Macht auf vier Rädern und neue Wege für den Verkehr von morgen.